FilmRetrospektive

DIE UNSICHTBARE FALLE: Eine perfide psychologische Manipulation

„You never know who anybody is“, sagt die Sekretärin Susan mehrmals. Der reiche Industrielle Jimmy Dell sieht das anders: „Good people, bad people, they generally look like what they are.“ Die beiden Aussagen sind miteinander verknüpft: Paradoxerweise glauben wir beides, mal das eine, mal das andere, oder wir glauben das eine und handeln nach dem anderen. Es ist ebensowenig möglich, jedem zu mißtrauen, wie man jedem trauen kann.

David Mamets DIE UNSICHTBARE FALLE handelt von einem Betrug, und der Originaltitel weist vage in diese Richtung: THE SPANISH PRISONER ist die Bezeichnung für eine Täuschung, die bis ins 16. Jahrhundert zurückgeht und selbst heute noch in Variationen anzutreffen ist. Da wird einer Zielperson Reichtum und Glück in Aussicht gestellt (gerne auch verbunden mit der Möglichkeit einer romantischen Liaison) – aber weil beides derzeit in der Ferne festgehalten wird, muß die Zielperson erst etwas als Ablöse leisten. Um also gemäß des Namens, den dieser Betrug trägt, die schöne, reiche Gefangene aus Spanien zu befreien, muß das Opfer beispielsweise erst ein vergleichsweise geringes Lösegeld zahlen. Der Trick funktioniert, wenn die Zielperson das versprochene Resultat stark genug will, und genau das bereitet der Trickbetrüger in sorgfältiger psychologischer Manipulation vor.

Mamets Geschichte dreht sich um den jungen Erfinder Joe Ross (Campbell Scott), der für seine Firma ein nicht näher erläutertes Verfahren entwickelt hat, das immensen Reichtum verspricht. In einer Präsentation schreibt er den projizierten Gewinn auf eine Tafel, die wir nicht sehen, und es wird sehr still im Raum. Aber kann Joe seiner Firma trauen, daß sie ihn nach Aushändigung des Verfahrens auch entsprechend kompensiert? Versuchen bestimmte Leute vielleicht, das Verfahren zu stehlen? Und hat der Geschäftsmann Jimmy Dell (Steve Martin), mit dem sich Joe anfreundet, unlautere Absichten, oder kann ihm Dell helfen, sich gegen die Firma abzusichern?

DIE UNSICHTBARE FALLE ist ein Film, über den man beinahe nichts verraten darf, weil das Vergnügen darin besteht, sich langsam mit Joe in das Netz aus Argwohn und Täuschung zu begeben, das Mamet hier spinnt. Daß sich ein Betrug abzeichnet, merken wir schon bald, aber es bleibt diffus, wie genau der ablaufen soll – und wer in welcher Form involviert ist. Immer wieder werden Hinweise gestreut, die dann doch ins Leere führen, oder es fallen Sätze, die erst später an Bedeutung gewinnen. Irgendwann ist die „unsichtbare Falle“ perfekt eingefädelt, und wir verlieren ebenso den Boden unter den Füßen wie Joe Ross.

Rückblickend betrachtet – beziehungsweise beim zweiten Ansehen des Films ganz offensichtlich – ist es faszinierend, wie perfide die Manipulation hier abläuft, sowohl für uns Zuseher als auch für Joe (da wir die Geschichte fast vollständig aus seinem Blickwinkel sehen, decken sich diese Täuschungen). Hier ist ganz raffinierte Psychologie am Werk: Zum Beispiel in der Art, wie Informationen beiläufig und indirekt gegeben werden, wie bei der Zielperson Gedanken gesät werden, wie Ablenkungen eingesetzt werden, wie menschlichen Schwächen ausgenutzt werden, und wie man das Opfer doch immer vermeintlich von sich aus agieren läßt.

Interessant ist vor allem die Besetzung von Jimmy Dell mit Steve Martin: Eins von Martins größten Talenten ist es, sympathische Betrüger zu spielen. Ob in ZWEI HINREISSEND VERDORBENE SCHURKEN, MY BLUE HEAVEN oder BOWFINGER: Martin lügt in zahlreichen Filmen seinen Mitmenschen das Blaue vom Himmel herunter. Auch eine seiner ernsteren Rollen, der Wanderprediger in DER SCHEIN-HEILIGE, spielte mit dieser Schlitzohrigkeit. In DIE UNSICHTBARE FALLE ist Martin völlig ernst – ein angenehmer, etwas reserviert wirkender wohlhabender Mann, der kein Geheimnis zu haben scheint und doch rätselhaft wirkt. Aber hat er Recht, wenn er sagt, daß die Leute üblicherweise nach dem aussehen, was sie sind, oder spielt er doch ein Spiel mit Joe? Und wenn ja, welches?

Ob der Schluß des Films ganz plausibel ist, sei einmal dahingestellt. Vielleicht ist er auch nur eine weitere Stufe im Betrug, und vielleicht ist er nur die Versinnbildlichung des Problems, das sich mit den zwei einleitenden Zitaten abzeichnet: Wir wissen nie wirklich, wer jemand ist, und glauben schon aus Notwendigkeit dennoch, es zu tun. So gesehen ist THE SPANISH PRISONER ein hinterhältiger Albtraum, dessen Ungewißheit nach und nach alles durchdringt. Vor allem aber ist der Film ein ausgefuchstes Spiel mit den Mechanismen psychologischer Beeinflussung – die wir erst verstehen, wenn wir von ihnen hinters Licht geführt wurden. Im Kino können wir das wenigstens tun, ohne dabei alles zu verlieren.

 

Die unsichtbare Falle (USA 1997)
Originaltitel: The Spanish Prisoner
Regie: David Mamet
Buch: David Mamet
Musik: Carter Burwell
Kamera: Gabriel Beristain
Darsteller: Campbell Scott, Steve Martin, Rebecca Pidgeon, Ben Gazzara, Ricky Jay, Felicity Huffman, Ed O’Neill, Clark Gregg

Christian Genzel
Christian Genzel arbeitet als freier Autor und Filmschaffender. Sein erster Spielfilm DIE MUSE, ein Psychothriller mit Thomas Limpinsel und Henriette Müller, erschien 2011. Außerdem drehte Genzel mehrere Kurzfilme, darunter SCHLAFLOS, eine 40-minütige Liebeserklärung an die Musik mit Maximilian Simonischek und Stefan Murr, und den 2017 für den Shocking Short Award nominierten CINEMA DELL' OSCURITÀ. Derzeit arbeitet er an einer Dokumentation über den Filmemacher Howard Ziehm und produziert Bonusmaterial für Film-Neuveröffentlichungen. Christian Genzel schreibt außerdem in den Bereichen Film, TV und Musik, u.a. für die Salzburger Nachrichten, Film & TV Kamera, Ray, Celluloid, GMX, Neon Zombie und den All-Music Guide. Er leitet die Film-Podcasts Lichtspielplatz, Talking Pictures und Pixelkino und hält Vorträge zu verschiedenen Filmthemen.

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