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[Film] Immer Ärger mit 40 (2012)

Irgendwie ist Judd Apatow ein Phänomen: Er ist ein Filmemacher, dem ich theoretisch positiv gegenüberstehe – und der es aber mit jedem neuen Film schafft, sich wieder einen Schritt unbeliebter zu machen. Ich schätze Apatow hauptsächlich wegen seines sehr herzigen Regiedebüts JUNGFRAU (40), MÄNNLICH, SUCHT …, aber auch als Produzent wunderbarer Komödien wie CABLE GUY, ANCHORMAN, THE TV SET oder BRAUTALARM. Aber mit jedem neuen selber inszenierten Film blättert Apatows Lack: Der an sich sympathische BEIM ERSTEN MAL litt an einer gewaltigen Schlagseite, die nur den männlichen Protagonisten wirklich ausfleischte und die weibliche Hauptfigur primär als zickigen, freudlosen Krisenherd nutzte; danach folgte WIE DAS LEBEN SO SPIELT, dessen an sich interessante Grundgedanken von einer monumentalen Überlänge erdrückt wurden. Jetzt folgt IMMER ÄRGER MIT 40 – ein unerquickliches Beziehungsporträt, das länger dauert als die meisten Beziehungen.

THIS IS 40, wie der Streifen im Original heißt, greift für seine Midlife-Crisis-Geschichte zwei Charaktere aus BEIM ERSTEN MAL auf und macht sie zu den Hauptfiguren dieses „Sort-of-Sequels“. Natürlich ist die Bezeichnung hauptsächlich Marketinggewäsch: Die Verbindung ist höchst tangentiell, und wenn das Ehepaar Pete und Debbie (Paul Rudd, Leslie Mann) mit ihren beiden Kindern (Maude und Iris Apatow) hier plötzlich Paul und Mary geheißen hätte, hätte es kein Mensch gemerkt. Beide Eheleute werden jedenfalls gerade 40 und stehen all den Problemen gegenüber, die so eine Krise des Älterwerdens und der generelle Familienalltag mit sich bringen: Die Tochter kommt in die Pubertät und hängt den ganzen Tag an ihrem iPad herum! Der Sex hat keine Leidenschaft mehr! Die Hypothekenzahlung macht Schwierigkeiten! Die eigenen Eltern machen Probleme! Die Ernährung ist nicht gesund genug! Es fehlt eigentlich nur der Familienhamster, dessen Tod die kleine Tochter in die Verzweiflung stürzt.

Es ist eine Parade an Luxusproblemen, die hier aufgefahren wird: Eine Menge Zeit wird auf die finanziellen Sorgen der Eheleute verwendet – aber wir sehen einer Designerfamily zu, die zwei Autos besitzt und ihr großes Haus mit Apple-Produkten füllt, und bei der der Mann ein Plattenlabel mit riesigem Büroraum und mehreren Angestellten besitzt und die Frau einen schicken Klamottenladen leitet. Sagen wir mal so: Ich glaube durchaus, daß diese arme gutsituierte Mittelstandsfamilie mal in einen finanziellen Engpaß geraten kann – aber erwartet bitte angesichts der gezeigten Lebensausstattung nicht, daß ich das jetzt als unlösbares Problem werte.

Aber eigentlich sitzen die Probleme von Pete und Debbie ja viel tiefer: Die beiden führen nämlich eine von diesen Beziehungen, die man selber nie haben wollen würde. Da ist viel Raum für handelsübliche Männer-sind-und-Frauen-auch-Klischées: Debbie drängt Pete dazu, weniger ungesunde Sachen zu essen (Kalorienkontrolle ist ja auch immens wichtig, wenn man aussieht wie Paul Rudd und Leslie Mann); sie darf sich permanent über mangelnde Aufmerksamkeit oder fehlende Leidenschaft beschweren; und im Streit erinnert sie ihren Mann daran, daß sie sich so äußern sollen, wie es der Beziehungstherapeut empfohlen hat. Pete dagegen darf im Bett furzen und sich verständnislos zeigen, warum Debbie das nicht mag; er mag nicht ständig über die Beziehung reden und zieht sich deswegen lieber stundenlang aufs Klo zurück (dessen Tür übrigens nicht verschließbar ist, weshalb Debbie ihn dort aufsucht und ihn zur Rede stellt); er traut sich nicht, seiner überreagierenden Frau zu gestehen, daß er seinem Vater regelmäßig Geld gibt; und er quält seine Familie mit düsteren Alice-in-Chains-Songs, die diese Musik als „unhappy“ empfindet.

Wenn hier nicht gerade Triviales breitgewalzt wird, ergeht sich THIS IS 40 in ganz niedrigem Humor: Da darf sich Paul Rudd mit Spiegel und Handykamera bewaffnet nackt aufs Bett legen, um seinen Popo zu untersuchen, und bittet dann die ins Zimmer kommende Debbie darum, mal nachzusehen, ob er vielleicht Hämorrhoiden hat oder Verstopfung. An anderer Stelle verlangt Debbie vom wieder einmal endlos auf dem Klo sitzenden Pete, daß sie sein „Geschäft“ sehen will – weil sie ihm nicht glaubt, daß er tatsächlich aufs Klo muß. Daß im Kino (ja, auch dank Apatow) mittlerweile ausführlichst über Körperfunktionen debattiert wird, ist ja schon fast Usus geworden – aber applaudieren muß man deswegen ja auch nicht.

Mit all diesen Problemen behaftet könnte der Streifen noch als zwar belangloser, aber gelegentlich amüsanter Zeitvertreib durchgehen – wenn Apatow endlich einmal lernen würde, daß nicht jeder Huster seiner geliebten Schauspieler und nicht jedes Wort aus seinem geschätzten Drehbuch für die Nachwelt erhalten bleiben muß. THIS IS 40 listet im Abspann gleich drei Cutter, und das mutet fast wie ein Witz an bei einem Film, der eine so banale Ansammlung von Nebensächlichkeiten auf sagenhafte 2 Stunden und 15 Minuten auswalzt. Die Figuren reden sich hier um den ohnehin nicht üppig vorhandenen Verstand, jede Szene wird breitgetreten, jede Regung ausdebattiert, und wenn das mal gerade nicht der Fall ist, werden Popsongs in ausufernden Mengen über den Soundtrack ausgekippt, noch und nöcher. Selbst eine Til-Schweiger-Regiearbeit wirkt im Vergleich schnörkellos.

Überhaupt ist Schweigers KEINOHRHASEN bzw. ZWEIOHRKÜKEN ein sehr treffendes Gegenstück zu THIS IS 40: Ein paar witzige Momente ertrinken in einem Meer aus Langatmigkeit, Geschwätzigkeit, Geschlechterklischées, Bad-Taste-Humor und Dauerberieselung durch gefühlige Lieder. Nicht mal nach TRANSFORMERS 3 fühlt man sich so ausgelaugt von einem Film.



Immer Ärger mit 40 (USA 2012)
Originaltitel: This Is 40
Regie: Judd Apatow
Buch: Judd Apatow
Darsteller: Paul Rudd, Leslie Mann, Maude Apatow, Iris Apatow, Jason Segel, Megan Fox, Graham Parker, Chris O’Dowd, Albert Brooks, John Lithgow, Billie Joe Armstrong, Melissa McCarthy, Ryan Adams

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Christian Genzel
Christian Genzel arbeitet als freier Autor und Filmschaffender. Sein erster Spielfilm DIE MUSE, ein Psychothriller mit Thomas Limpinsel und Henriette Müller, erschien 2011. Außerdem drehte Genzel mehrere Kurzfilme, darunter SCHLAFLOS, eine 40-minütige Liebeserklärung an die Musik mit Maximilian Simonischek und Stefan Murr, und den 2017 für den Shocking Short Award nominierten CINEMA DELL' OSCURITÀ. Derzeit arbeitet er an einer Dokumentation über den Filmemacher Howard Ziehm und produziert Bonusmaterial für Film-Neuveröffentlichungen. Christian Genzel schreibt außerdem in den Bereichen Film, TV und Musik, u.a. für die Salzburger Nachrichten, Film & TV Kamera, Ray, Celluloid, GMX, Neon Zombie und den All-Music Guide. Er leitet die Film-Podcasts Lichtspielplatz, Talking Pictures und Pixelkino und hält Vorträge zu verschiedenen Filmthemen.

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