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Piranha II – Fliegende Killer (1981)

„I can honestly say that PIRANHA II is the best flying piranha movie ever made“, sagt James Cameron über sein Regiedebüt. Natürlich hat er Recht, obwohl man darauf hinweisen muß, daß mittlerweile im Remake von REISE ZUM MITTELPUNKT DER ERDE auch fliegende Killerfische aufgetaucht sind, die ihm vielleicht diese ruhmreiche Position streitig machen wollen. Noch ein schönes Zitat: „Super-Action und brodelnde Spannung, die sich festbeißt. […] Ein Muss für Genre-Fans!“ So steht’s hinten auf der DVD drauf, die mit kessem Wortwitz und Camerons Namen sicherstellen will, daß niemand diesen weltbesten Flugfischfilm in der Grabbelkiste liegenläßt.

Sagen wir es einmal so: Cameron kann nichts für den Film. Der gute Mann fing als Effektbastler an, der bei einigen Roger-Corman-Produktionen für ganz geringes Geld Erstaunliches leistete und dafür vom italienischen Produzenten Ovidio G. Assonitis als Regisseur für PIRANHA II angeheuert wurde, der freilich mit Joe Dantes PIRANHA rein gar nichts zu tun hat. Cameron nutzte die Chance, einen ersten Spielfilm machen zu können, in vollem Bewußtsein, daß der Film billiger Blödsinn werden würde – Hauptsache, der Schritt zum Regisseur wäre mal getan. Er reiste nach Jamaika und mußte dort feststellen, daß die italienische Crew mit der Vorproduktion schon angefangen und hunderte von Storyboards und Produktionsskizzen angefertigt hatte, die mindestens ebenso schlimm waren wie das Drehbuch selbst. Cameron bemühte sich also, das Skript in kürzester Zeit umzuschreiben, um ein wenig Kohärenz in die Geschichte zu bringen, und machte sich an den Dreh – von dem er nach nur 12 Tagen gefeuert wurde, weil Assonitis behauptete, daß das von ihm gedrehte Material nicht geschnitten werden konnte, sich aber gleichzeitig weigerte, ihn das Material überhaupt ansehen zu lassen, um gegebenenfalls Einstellungen nachdrehen zu können. Später stellte sich heraus, daß Assonitis offenbar Cameron nur aus vertraglicher Verpflichtung angeheuert hatte und fest geplant hatte, den Regisseur zu feuern.

Nicht gar so tragisch, wenn nicht der fertige Film trotzdem Camerons Namen tragen sollte! Cameron bot Assonitis an, ihm beim Schnitt zu helfen, was dieser ablehnte – woraufhin Cameron eine Zeitlang nachts in den Schneideraum einbrach, um dort den Film halbwegs zu retten. Assonitis kam ihm allerdings auf die Schliche und machte die Änderungen wieder rückgängig. Letztlich schaffte es Cameron, einen Deal mit dem US-Verleiher einzugehen, der es ihm erlaubte, das Material nochmal nach seinen Vorstellungen zu bearbeiten: Somit mag das Resultat zwar nur zum Teil von ihm stammen, aber immerhin konnte er eine nachvollziehbare Story aus dem trashigen Spektakel schustern.

Da tauchen also plötzlich vor der Küste eines jamaikanischen Touristenidylls gemeine Piranhas auf, die unschuldige Taucher wegknabbern und sogar mit Flügeln ausgestattet sind, mit denen sie über das Land fliegen und auch Nichtschwimmer verputzen können. Schuld daran, wie sich herausstellt, ist das Militär, das dort im Meer vier Kanister mit irgendeiner Gen-Soße (vermutlich Flugpiranhas aus dem YPS-Heft) verloren hat, aber nur drei davon wieder bergen konnte. Während also die hübsche Tauchlehrerin Anne mit dem feschen Kerl vom Militärexperiment anbandelt und vergeblich versucht, den Strand sperren zu lassen (natürlich sitzt in solchen Filmen immer ein geldgieriger Kapitalist, der alle Warnungen in den Wind schlägt und den normalen Ferienbetrieb aufrechterhält), versucht ihr Ex-Ehemann Steve, Polizist des Ortes, herauszufinden, woher auf einmal die vielen angebissenen Leichen kommen. Weil Steve von Lance Henriksen gespielt wird, lacht der auch nie, sobald jemand von den fliegenden Piranhas erzählt.

Thematisch fühlt man sich also doch gleich wie in einem richtigen Cameron-Film: Große Teile spielen auf dem Wasser, es gibt Tauchgänge zu einem versunkenen Schiffswrack, und es gibt Hauptfiguren mit Eheproblemen wie in THE ABYSS oder TRUE LIES. Qualitativ fügt sich der Film dann doch eher in das Gros der italienischen Rip-Off-Streifen ein: Da rödelt ein Synthesizer bei jedem Fischangriff, alle Szenen sind sehr holprig aneinandergestöpselt, und die meisten Schauspieler – nun, „they couldn’t act their way out of a paper bag“, würde der Amerikaner da sagen, und ich frage mich dann immer, was diese Schauspieler überhaupt in der Papiertüte tun und wie die da hineingekommen sind.

Cameron bemüht sich, die blöden Fische einfach möglichst wenig zu zeigen, aber das ist natürlich nicht so einfach, wenn die Handlung einfach sonst nichts hergibt als Fischattacken. Ein wenig Blut gibt es auch, und hier und dort sind auch nackte Frauen zu sehen, die von Assonitis abgefilmt wurden – der sich wohl gedacht hat: Das einzige, was besser ist als ein Film mit fliegenden Piranhas, ist ein Film mit fliegenden Piranhas und nackten Frauen. Von Corman hat Assonitis dann wohl auch gelernt, daß sich jeder Film mit einer Hubschrauberexplosion verbessern läßt (die Corman dann, wenn der Film gar keine Hubschrauber aufwies, zumindest in den Trailer schnitt), und wertet die fliegenden Fischstäbchen dann mit einer Hubschrauberexplosion *und* einer Schiffswrackexplosion auf. Hoppla, haben wir jetzt das Ende verraten?

Aber hat nicht jeder Cinephile insgeheim eine kleine Schwäche für Filme, in denen sich Menschen Gummitiere an den Hals halten und dann wild herumzappeln müssen, um zu zeigen, wie sehr sie gegen die mordlüsternen Biester ankämpfen?

Piranha II – Fliegende Killer (Italien/USA 1981)
Originaltitel: Piranha II: The Spawning
Regie: James Cameron
Drehbuch: H.A. Milton
Kamera: Roberto D’Ettorre Piazzoli
Musik: Steve Powder (=Stelvio Cipriani)
Darsteller: Tricia O’Neil, Steve Marachuk, Lance Henriksen, Ted Richert, Ricky G. Paull, Leslie Graves
Länge: 91 Minuten
FSK: 16

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Christian Genzel
Christian Genzel arbeitet als freier Autor und Filmschaffender. Sein erster Spielfilm DIE MUSE, ein Psychothriller mit Thomas Limpinsel und Henriette Müller, erschien 2011. Außerdem drehte Genzel mehrere Kurzfilme, darunter SCHLAFLOS, eine 40-minütige Liebeserklärung an die Musik mit Maximilian Simonischek und Stefan Murr, und den 2017 für den Shocking Short Award nominierten CINEMA DELL' OSCURITÀ. Derzeit arbeitet er an einer Dokumentation über den Filmemacher Howard Ziehm und produziert Bonusmaterial für Film-Neuveröffentlichungen. Christian Genzel schreibt außerdem in den Bereichen Film, TV und Musik, u.a. für die Salzburger Nachrichten, Film & TV Kamera, Ray, Celluloid, GMX, Neon Zombie und den All-Music Guide. Er leitet die Film-Podcasts Lichtspielplatz, Talking Pictures und Pixelkino und hält Vorträge zu verschiedenen Filmthemen.

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