Zwei Figuren aus seiner Filmographie fühlt sich Sylvester Stallone besonders verbunden: Rocky und Rambo. Im Falle von Rocky Balboa ist der Grund klar: Rockys Geschichte ist auch seine eigene. Wie Rocky ist auch Stallone der ewig unterschätzte Underdog, der sich stets und immer wieder aufs Neue seinen Weg nach oben kämpfen muss – selbst nach allen Erfolgen bleibt dies die wesentliche Situation der Figur und ihres Schöpfers: Rocky muss sich, quasi wie Stallone, selbst als Weltmeister neu beweisen, weil ein Newcomer mehr Biss hat als er (ROCKY III) und muss im vorgerückten Alter zeigen, dass er noch nicht zum alten Eisen gehört (ROCKY BALBOA). Rambo dagegen ist keine Figur, die er selber geschaffen hat (sie stammt aus einem Roman von David Morrell, der als Grundlage für den ersten Film diente), aber sie repräsentiert mehr noch als Rocky den Kampfgeist, der zu Stallones Selbstverständnis gehört: Er ist ein Außenseiter, der sich jeder Übermacht stellt, der einfach nicht anders kann, als immer weiterzumachen. Rambo ist das Stehaufmännchen in Stallone, der – das sieht man dem hochtrainierten Körper des mittlerweile 73-Jährigen an – gar nicht ans Aufhören und Nachgeben denken kann.

Und so wird nach der Weiterführung der Rocky-Figur in den beiden CREED-Filmen (Stallone geht außerdem momentan mit einer Idee für einen siebten Film hausieren!) auch John Rambo wieder in den ewigen Kampf geschickt, 37 Jahre nach seinem ersten Auftritt. Zuletzt wütete er 2008 über die Leinwand und protestierte in JOHN RAMBO gegen die blutige Militärdiktatur in Burma mit einem nicht minder blutigen Over-the-Top-Actionirrsinn. Elf Jahre später zieht er in RAMBO – LAST BLOOD (der Titel soll den Kreis zum ersten Film schließen, der im Original FIRST BLOOD heißt) mit kaum weniger Vehemenz gegen ein mexikanisches Kartell in den Krieg.

Dabei lebt der alte John Rambo mittlerweile eigentlich ein beschauliches Leben auf seiner Ranch in Arizona, wo er seine Zeit mit der Pferdezucht verbringt – und sich gelegentlich für Rettungseinsätze meldet, wie wir im Prolog erfahren, in dem er eine junge Frau in der Wildnis während eines Sturms vor den Wasserfluten eines gebrochenen Damms rettet. Nebenbei bastelt er in seiner Freizeit an einem komplexen Tunnelsystem unterhalb seines Wohnsitzes – was Vietnamveteranen eben so machen, wenn sie nicht gerade das Pech haben, in New York zu leben.

Er kümmert sich außerdem um seine Ziehtochter Gabrielle, die aber leider entgegen seiner Warnung Richtung Mexiko abdüst, um ihren tatsächlichen Vater aufzuspüren. Noch am selben Tag wird Gabrielle gekidnappt, unter Drogen gesetzt und als Zwangsprostituierte verkauft – und so sehr kann sich Rambo gar nicht im Ruhestand fühlen, als dass er da nicht flugs ins Auto springen und einer ganzen Legebatterie an bösen Buben die Leviten lesen würde. Dass er beim ersten Anlauf halbtot geprügelt wird, ist dabei freilich nur ein kurzer Rückschlag, auf den Rambo nach rascher Rekonvaleszenz umso deutlicher antwortet. Man möchte sich ja gar nicht vorstellen, wie misanthrop unser Krieger werden könnte, wenn seiner Gabrielle etwas zustoßen würde – aber das muss man auch gar nicht, weil der Film das für einen übernimmt.

Gegen die Dauer-Action auf Anschlag, die der vierte Teil bot, ist LAST BLOOD über weite Strecken fast kontemplativ. Der Film verbringt viel Zeit mit "Onkel Rambo", der im schlichten, geordneten Leben auf der Ranch seine Zuflucht gefunden hat, und operiert auch in der Mexiko-Geschichte zunächst einmal mehr wie eine düstere Mischung aus Schmuddel-Westerndrama und Rape-and-Revenge-Thriller. Wenn Rambo dann aber mal mit dem Kartell aufräumt, kennen weder er noch der Film Erbarmen: Einem Schurken reißt er mit bloßen Händen das Schlüsselbein aus dem Körper, der nächste wird flugs geköpft, einem anderen wird der Fuß abgehackt, die Kollegen werden aufgespießt (und sicherheitshalber danach noch erschossen). Wenn Rambo im Finale die mexikanischen Killer durch seine mit zahlreichen tödlichen Fallen präparierten Untergrundtunnel hetzt, mutet das wie ein bizarres Crossover an: Rambo allein zu Haus. Die Gewalt ist so überzeichnet drastisch und gleichzeitig mitunter so absurd, dass der Film wie ein blutiger Cartoon daherkommt – quasi wie eine Fun-Splatter-Version einer TOM-UND-JERRY-Folge. Nachdem Rambo eine nicht enden wollende Anzahl von Gegnern mit Messern, Pfeil und Bogen, Minen, Gewehren, Drähten und anderem Arsenal verhackstückt hat, schneidet er dem Oberschuft – freilich wie vor der Konfrontation angekündigt – das Herz aus der Brust. Dann setzt er sich dezent angeschossen in seinen Schaukelstuhl und sinniert über den Mangel an Frieden in dieser dunklen Welt.

RAMBO – LAST BLOOD ist der erste RAMBO-Streifen, der seine Figur in keinen konkreten politischen Konflikt platziert. Der erste Film zeichnete das (gegenüber den Comic-Nachfolgern durchaus ernste und kritische) Bild eines Vietnam-Heimkehrers, der (wie viele Soldaten) von der Gesellschaft nicht mehr akzeptiert wurde. Im zweiten Teil zog Rambo noch einmal nach Vietnam, um Kriegsgefangene zu befreien (und dabei quasi den Krieg nachträglich für die Amerikaner zu gewinnen), im dritten ging er nach Afghanistan, um mit den Amerikanern gegen eine russische Invasion zu kämpfen (und dabei, leider, die Entstehung der Taliban zu begünstigen), der vierte Teil zieht, siehe oben, die Zustände in Burma heran. Aber freilich ist Rambos Rachefeldzug gegen die mexikanischen Mädchenhändler in einer Zeit, in der ein US-Präsident das Bild vom kriminellen Landesnachbarn propagiert und eine Mauer zur Abschottung bauen lassen will, keinesfalls frei von politischem Kontext: Ralf Blau nennt RAMBO – LAST BLOOD in seiner Cinema-Kritik dank der Mexikaner-Stereotypen einen "Film zur Trump-Ära", während Peter Debruge im Variety sarkastisch anmerkt: "Suddenly, the infamous wall along the U.S.-Mexico border seems inadequate — less in containing the cartels than in protecting them from Rambo’s brand of vigilante justice."

Das Reaktionäre ist freilich ein steter Begleiter des Actiongenres, vor allem jener Spielart, die – wie RAMBO – ihre Wurzeln in den konservativen Achtzigern hat: Immer wieder poltern da "Aufräumphantasien" gegen Verbrecher über die Leinwand, die mit den gezeigten Missetaten ihr grausames Schicksal quasi mehr als verdient haben (und noch dazu meistens die Stirn haben, Ausländer zu sein). Die RAMBO-Reihe ist vor allem in ihrem zweiten und dritten Teil ein Paradebeispiel dieser Wir-gegen-die-, Gut-gegen-Böse-Narrative, und damit scheint es müßig, sich beim fünften Teil der Reihe noch groß Gedanken darüber zu machen – obwohl die Frage erlaubt sein darf, ob problematische Inhalte in ihrer Wiederholung irgendwann weniger problematisch werden. Wohlwollend kann man das in der Reihe dargestellte Weltbild als naiven Eskapismus werten – oder, wenn man ehrlich im Hinblick auf die unbestreitbaren archaischen Reize der Actionerzählungen sein mag, als unkorrektes Vergnügen, das trotz aller Zeitgeist-Verortung nichts mit der Wirklichkeit zu tun hat.

Unter dem blutigen Krawall liegt dann noch ein anderes Thema, das die RAMBO-Reihe begleitet: das Bedürfnis nach einem Zuhause. Was genau dieses Zuhause für John Rambo ist, bleibt auf spannende Weise ambivalent: Sein Heimatland will ihn nicht mehr (Teil 1), oder nur dann, wenn er nützlich sein kann (Teil 2). Der Krieg – das einzige, zu dem er Talent hat – holt ihn immer wieder ein, das Töten bietet ihm damit auch immer wieder ein ungewolltes Zuhause. Am Ende von Teil 4 kehrt er zur heimatlichen Ranch zurück, aber auch dieser Ort ist letztlich nur eine Zuflucht wie das Kloster, in dem er in RAMBO III seine Ruhe finden wollte. "I tried to come home, but I never really arrived", heißt es am Ende von LAST BLOOD. Vielleicht ist auch das eine Verbindung zwischen Rambo und Stallone selber, der für seinen (vorläufigen) Abgesang auf die Figur einfach einen neuerlichen Konflikt geschürt hat: Er sucht einen Ruhepol, ein Ziel – aber er weiß halt nur, wie man weitermacht.

Bild: (C) Universal Film GmbH.
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Christian Genzel

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