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[Buch] Craig Mills: King’s Quest 1 – Das schwebende Schloss (1995)

Mit der Veröffentlichung des Disney-haften siebten Teils war die KING’S-QUEST-Reihe zu einer veritablen Marke herangereift: Die Adventures verkauften sich nicht nur hervorragend, sondern hatten mittlerweile einen Bekanntheitsgrad erreicht, der über die Fangemeinde hinausging. Und weil Sierra Mitte der Neunziger immens florierte und schon als großes Studio fungierte, wurde eine Reihe von Fantasy-Büchern kommissioniert, die die Stories der Spiele weiterspinnen sollten. Der erste Band erschien 1995, zwei weitere folgten ein Jahr später.

DAS SCHWEBENDE SCHLOSS (Originaltitel: THE FLOATING CASTLE) ist zeitlich irgendwo zwischen den Ereignissen von KING’S QUEST IV und KING’S QUEST V angesiedelt und erzählt ein Abenteuer von Prinz Alexander, der Daventry vor dem Zauberer Telgrin retten muß. Der fällt nämlich eines Tages mit einer durch die Luft schwebenden Festung in das Land ein und verwüstet es mit einer Armee von schwarzen Rittern und Monstern. Telgrin will die Herrschaft über Daventry erlangen und stiehlt dafür die Seele von König Graham, die er in seiner Burg gefangenhält. Alexander macht sich zusammen mit dem Zauberlehrling Cyril auf, Graham zurückzuholen und Telgrin unschädlich zu machen.

Kennern der KING’S-QUEST-Saga wird sicherlich schnell auffallen, daß die Geschichte von DAS SCHWEBENDE SCHLOSS einige Parallelen zu der von KING’S QUEST V aufweist. Hier taucht der Magier auf und stiehlt Grahams Seele, die von Alexander zurückgeholt werden muß, dort klaut der Magier Mordack die Familie von Graham. Hier muß Alexander in die Festung von Telgrin eindringen und unter anderem seinen Zauberstab entwenden, dort muß Graham in die Burg von Mordack kommen und sich dessen Zauberstab aneignen. Ein gewisses Déjà-Vu-Erlebnis ist also ein gelegentlicher Begleiter beim Lesen.

Dennoch schafft es Autor Craig Mills, ein spannendes Fantasy-Abenteuer zu entspinnen. Unbedingte Originalität mag nicht seine Stärke sein – das Buch variiert verschiedene Motive, die aus anderen phantastischen Geschichten bekannt sind; insofern paßt seine Story aber auch zur KING’S-QUEST-Reihe an sich, in der stets Themen und Elemente von Märchen und Sagen aufgegriffen und neu zusammengefügt wurden. Aber dafür ist Mills ein geschickter Erzähler, der den Leser schnell in seine Geschichte hineinzieht und mit der Zeit eine nicht zu verachtende Spannung aufbaut, durch die man flugs durch die Geschehnisse getrieben wird.

Ein witziges Element des Buches ist die Tatsache, daß immer wieder das Adventure-Prinzip der Computerspiele aufgegriffen wird: Gegenstände werden mitgenommen und an späterer Stelle eingesetzt, um voranzukommen. Das macht Mills so geschickt, daß die jeweiligen Momente nicht arg konstruiert erscheinen (auch wenn sich gerne mal Probleme zu sauber mit einem wenige Seiten vorher eingeführten Objekt lösen lassen), aber Adventure-Fans durchaus auffallen. Schön auch, daß die Erzählung hier und da an die Spielereihe angebunden wird: Der magische Spiegel aus dem ersten KING’S QUEST wird ebenso erwähnt wie Alexanders Gefangenschaft beim Magier Manannan in KING’S QUEST III.

Das (mittlerweile vergriffene, aber günstig gebraucht erhältliche) Buch ist der einzige Roman von Craig Mills, der ins Deutsche übersetzt wurde. Mills, der 1955 im kalifornischen Alameda geboren wurde, hatte vor THE FLOATING CASTLE schon eine Handvoll anderer Fantasy-Romane veröffentlicht: THE BANE OF LORD CALADON (1982), DREAMER IN DISCORD (1988) und SHADOW OF THE CROWN (1992). Auch wenn seine Bücher als spannende, wenn auch nicht hochgradig originelle Fantasy-Abenteuer gelten, blieb er relativ unbekannt. 2002 starb er an einem Herzinfarkt.

Die beiden anderen Romane in der KING’S-QUEST-Reihe übernahm Mills übrigens nicht: Die Bände KÖNIGREICH IN GEFAHR und VERHÄNGNIS ÜBER DAVENTRY wurden von Mark Sumner und Marella Sands unter dem Pseudonym „Kenyon Morr“ verfaßt. Durchaus schade: Es hätte Spaß gemacht, sich wieder mit Mills nach Daventry zu begeben.



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Christian Genzel
Christian Genzel arbeitet als freier Autor und Filmschaffender. Sein erster Spielfilm DIE MUSE, ein Psychothriller mit Thomas Limpinsel und Henriette Müller, erschien 2011. Außerdem drehte Genzel mehrere Kurzfilme, darunter SCHLAFLOS, eine 40-minütige Liebeserklärung an die Musik mit Maximilian Simonischek und Stefan Murr, und den 2017 für den Shocking Short Award nominierten CINEMA DELL' OSCURITÀ. Derzeit arbeitet er an einer Dokumentation über den Filmemacher Howard Ziehm und produziert Bonusmaterial für Film-Neuveröffentlichungen. Christian Genzel schreibt außerdem in den Bereichen Film, TV und Musik, u.a. für die Salzburger Nachrichten, Film & TV Kamera, Ray, Celluloid, GMX, Neon Zombie und den All-Music Guide. Er leitet die Film-Podcasts Lichtspielplatz, Talking Pictures und Pixelkino und hält Vorträge zu verschiedenen Filmthemen.

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