INTERZONE: Noch ’ne Apokalypse

Film / Wühlkiste / 14. Juni 2020

„Lust auf Trash?“, schreibt mich mein VHS-Weggefährte Don Arrigone mal wieder an. Klar doch: Wie wäre es mit INTERZONE, einem von Joe D’Amato produzierten italienischen Endzeit-Spektakel? „Heller als tausend Sonnen – stärker als tausend Tode“, steht da auf der Box des Films, und darunter wird ein „Science-Fiction-Thriller der Extraklasse“ angepriesen. Der gute Don darf als Gastautor berichten:


Zwei leichtbekleidete Damen und ein Mann mit Flinte im Vordergrund, im Hintergrund Wüste, ein schwer improvisiert wirkendes, gepanzertes Auto und eine Menge halbstarker Rocker: Eindeutiger könnte INTERZONE wohl kaum auf die Gruppe der MAD-MAX-Fans abzielen. Hinzu kommt die glückliche Fügung, dass postapokalyptischer Trash auch schön billig zu produzieren ist. Billiger ist nur noch postapokalyptischer Trash ohne Apokalypse.

Was das heißen soll? In INTERZONE wird uns versichert, dass nach der nuklearen Katastrophe die gesamte Welt ein radioaktiv verstrahltes Ödland ist – bis auf eine Fläche von ungefähr 500m², der sogenannten Interzone. Die hat vom Weltuntergang nichts abgekriegt. Rein gar nichts. Nada. Und da der Film nordwestlich von Rom gedreht wurde, handelt es sich um ein äußerst lauschiges Plätzchen, bei dem man Lust auf den nächsten Italien-Urlaub bekommt. An einen gewaltigen Weltenbrand denkt man nicht, das würde ja die Ferienlaune vermiesen. Und hätte mehr Geld gekostet.

In der Mitte der Interzone steht ein kleines Kloster, das von übernatürlich begabten Mönchen bewohnt wird. Die Schurken Balzakan und Mantis – letztere eine dominante Amazone in Lack und Leder, die aussieht, als hätte Sue Price eine Gabel in die Steckdose gesteckt – wollen das Kloster erobern, um den Schatz darunter zu klauen. Dafür rücken sie mit ihrer Armee umgebauter Karren und homoerotischer Lederafficionados an, scheitern aber an dem mentalen Schutzschild der fleißigen Kleriker. Vielleicht scheitern sie auch, da sie innerhalb weniger Sekunden aufgeben und wieder abziehen, aber das sei dahingestellt. Anzumerken ist auch, dass grimmige Krieger in schwarzen Lederkutten in malerischen Wäldchen und auf sanften Hügeln so deplatziert wirken wie auf einem Hippie-Festival, und dass die fruchtbare und liebliche Interzone ohnehin nicht der natürliche Nährboden für Anarchie zu sein scheint.

„General Electric“ (ja, im Verlaufe des Filmes macht das sogar irgendwie Sinn. Mit viel gutem Willen), der Anführer der Mönche, ahnt Schlimmes, schickt seinen Adepten „Panasonic“ auf den Weg, den Auserwählten zu finden, und scheidet dann möglichst flott aus dem Leben, ohne sich den letzten Atem für brauchbare Hinweise zu sparen.

Böse und richtig böse: Mantis (Arnold Schwarzenegger, links) und Balzakan (John Armstead).

Panasonic sucht den prophezeiten Helden dann in vollkommen menschenleerer Gegend, wird aber von einer Schlange aus angekauftem Dokumentarfilm-Material gebissen und legt sich zum Sterben hin. Für den Zuschauer vollkommen unerwartet wird er vom Möchtegern Han-Solo-Verschnitt Swann gerettet, der wohl gerade auf der Suche nach der verlorenen Zeit war. Mit der aufgelegten Proust-Anspielung im letzten Satz habe ich währenddessen den Bildungsauftrag von Herrn Genzel erfüllt und kann nun wieder ungestört über die Brüste der Darstellerinnen schreiben. Apropos Brüste: In einer Rückblende erfahren wir, dass Balzakan Panasonics Bruder und Schwägerin getötet hat; letztere wird von „Black Emmanuelle“ Laura Gemser gemimt.

Im nächsten Dorf retten Panasonic und Swann die junge Blondine Tera vor dem fetten, ekligen Menschenhändler Rat. Getrübt wird die gute Tat nur dadurch, dass sie die anderen Damen zurücklassen. Swanns Heldenmut ist wohl nicht ganz uneigennützig. Eine wilde, von flotten, aber nur mäßig witzigen Sprüchen begleitete Verfolgungsjagd später ist unser Heldentrio komplett.

Nun macht man sich auf zu den Bösewichten. Dabei fassen unsere Helden den Plan, Balzakan und Mantis gegeneinander auszuspielen. Das funktioniert … irgendwie. Swann bandelt mit Mantis an und muss sich im Liebesspiel beweisen. Zuerst tanzt sie lasziv hinter einem weißen Leintuch, dann wird Swann mit einer Kirsche, einem Ei – komplett mit Schale –, einem stinkigen Fisch und einer Banane gefüttert. Ich denke mir das nicht aus. Es könnte natürlich eine Metapher für irgendetwas sein, aber zu genau möchte ich mir die entsprechende Sexualpraktik, die wohl noch einem Meister des Kamasutra die Schamesröte ins Gesicht treiben würde, nicht ausmalen. Am nächsten Morgen wird Swann in ein Loch geschmissen, das im Film mehrmals als „das Loch“ bezeichnet wird, und schießt dort locker-lässig ein Monster mit einer Schrotflinte über den Haufen. Tera verführt inzwischen Balzakan – das geht wesentlich leichter von der Hand, Männer sind halt simpler gestrickt. Schließlich und endlich bekriegen sich die beiden Banden und unsere Helden machen sich aus dem Staub. Und ja, dieser Plan wirkt konstruiert, und nein, ich verstehe nicht, wieso er funktioniert.

Oh ja, die Frau hat Eier.

Kaum eine Minute später kehren sie dann zurück in das Lager, da Swann noch das Munitionslager in die Luft jagen will und wohl eine Ausrede sucht, Teras geilen Avancen zu entkommen. Der Kampf hat inzwischen geendet. Irgendwo muss sich wieder so ein verdammter Mediator gefunden haben, der die Situation in Sekunden entschärft hat („Warum kämpfen wir eigentlich?“ – „Keine Ahnung“). Kurzerhand werden Swann und Tera gefangen genommen.

Böse wie die Bösewichte nunmal sind, machen sie sich gleich daran, eine sadistische Todesfalle zu basteln: Swann muss sich an Ketten über einem Schalter halten und wird ausgepeitscht, Tera wird in einen Käfig gesperrt. Als Swann nach mehreren Hieben dann tatsächlich fällt, löst der Schalter eine Spannungsentladung im Käfig aus und die gute Tera wird durch den Elektroschock gebrutzelt. Swann wird halbtot zurückgelassen und kann nur von Panasonic gerettet werden, der ihm seine Lebenskraft spendet und an seiner Stelle stirbt. Irgendwie musste man ja die Wiedergeburt aus der Heldenreise einbringen, ohne sich über Details wie Charakterentwicklung und Handlungsbogen Gedanken zu machen.

Inzwischen sind die Bösewichte wieder zum Kloster gezogen und entdecken die geheime Schwäche des Schutzschildes: Dauerbeschuss. Bevor die Leder-Rocker über das Gotteshaus herfallen wie eine Horde Wikinger anno 793, ziehen sich die Mönche allerdings in eine geheime Kammer zurück. Gerade rechtzeitig, bevor auch diese letzte Zuflucht gestürmt wird, trifft Swann am Kloster ein und schlägt den Großteil der Bösewichte durch seine Präsenz in die Flucht, nur Balzakan und Mantis schickt er durch seine Schläge in den Tod. Die Choreographie der Kämpfe wirkt mehr als nur bemüht und lässt sich in ähnlicher Eleganz wohl bei einer Andreas-Gabalier-Autogrammstunde beobachten.

Soviel Zeit muss sein: Lagebesprechung mit der rettenswerten Tera (Beatrice Ring).

Nun darf Swann auch zum geheimen Schatz der Mönche und zum Zentrum der Interzone vordringen: einer gewaltigen Kunstsammlung von Skulpturen, Gemälden und literarischen Werken, die an die Glanzzeiten der Menschheit erinnern soll und die die radioaktive Verstrahlung gemeinsam mit dem niedrigen Budget aufgehalten hat. Mitten in der Sammlung findet sich ein Video der Marke „Panasonic“ (aha!) und eine einzelne Kassette. Herr Genzel und ich haben gemutmaßt, dass es sich dabei um HEART BEAT handeln muss – den einen Film, den wir sofort in einer Zeitkapsel für die Nachwelt aufbewahren würden (immer eingedenk dessen, dass wir beim Fund schon lange tot sind und uns nicht mehr für diesen grausamen Scherz rechtfertigen müssen).

Swann erledigt, was noch zu erledigen ist: Er verbuddelt Panasonic und legt sich mit der Leiche von Tera – da sie seit mehreren Stunden tot ist, rechne ich bereits mit rigor mortis und daher wenig Kuscheligkeit – in die Wiese, um ihr zärtlich die ersten Maden aus dem Haar zu streichen. Da wacht Tera plötzlich auf, der Stromschlag hat ihr offensichtlich nur vorübergehend das Herz stehen lassen und sie in todesähnlichen Schlaf versetzt. Gemeinsam brechen die Liebenden auf zu neuen Abenteuern. Und wir hoffen, dass Panasonic nicht auch nur bewusstlos war und nun tief unter der Erde in einem Sarg zu sich kommt und vor seinem endgültigen Ableben einen Poeschen Albtraum durchleben muss.

Guck mal, im Fernsehen läuft die Apokalypse!

Wie man liest, wird einem zumindest nicht langweilig: Ständig passiert etwas. Die Abwechslung ergibt sich auch dadurch, dass INTERZONE eben nicht nur MAD MAX kopiert, sondern sich auch ordentlich an STAR WARS, INDIANA JONES, A CANTICLE FOR LEIBOWITZ und CONAN DER BARBAR bedient. Dass sich durch die zahlreichen Bezugspunkte ein ordentliches Spannungsfeld auftut, ignoriert der Film aber schlichtweg und punktet einfach in keinerlei Hinsicht. Die Handlung krankt an den flachen, statischen Charakteren, die „witzigen“ Sprüche können sich nicht mit den schlechtesten Bud-Spencer- und Terence Hill-Filmen messen, und die Action ist so rasant wie ein toter Hamster im Rad. Aber zumindest vermeidet Interzone die Todsünde des Stillstandes und bietet angemessen Abwechslung. Die Hoffnungen, die der Name Claudio Fragasso weckt – immerhin auch Autor und Regisseur des legendären TROLL 2 – wurden nicht erfüllt: Dafür ergab das Ganze schon zuviel Sinn, und gerade das Ende war sogar eine ganz nette Idee. Und auch Produzent Joe D‘Amato war brav, der Sex-and-Violence-Faktor bewegt sich nur knapp über WINNIE THE POOH. Dennoch: Ich habe längere 88 Minuten durchlebt, und wer von filmischen Plagiarismus nicht genug kriegen kann, wird auch an INTERZONE seine Freude haben.

Interzone (I 1987)
Regie: Deran Serafian
Buch: „Clyde Anderson“ (= Claudio Fragasso) & Deran Serafian
Produktion: „David Hills“ (= Aristide Massaccesi)
Musik: Stefano Mainetti
Kamera: Lorenzo Battaglia
Darsteller: Bruce Abbott, Beatrice Ring, Teagan Clive, John Armstead, Kiro Wehara, Laura Gemser

<i>Coverphoto: Christian Genzel.</i>






Don Arrigone
Als Kind ausgesetzt und im Kloster zum Heiligen Massacesi aufgezogen. Zeigte schon in jungen Jahren Interesse an jeglicher Art von Film, insbesondere aber an den Genres Horror und Thriller. Studium der Theologie, Magisterarbeit zur Darstellung der Nonne im italienischen Film des 20. Jahrhunderts. Priesterweihe, und Beitritt zum Geheimorden der Fratri Rossi. Tod während einer nächtlichen Orgie, aufgrund seines sündigen Lebenswandels hinabgefahren in die Hölle. Gefangen im 9. Zirkel der Unterwelt und somit gezwungen, bis zum jüngsten Tag Videothekenfutter zu rezensieren.





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