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DAS TURBOGEILE FERIENCAMP: Eine Wundertüte an Albernheiten

Es gibt ja Menschen (so wie mich), denen muß man einen Film mit dem deutschen Titel DAS TURBOGEILE FERIENCAMP gar nicht groß ans Herz legen: Achtziger-Komödie, Feriencamp, betreut von SCREWBALLS-Produzent Maurice Smith, her damit. Aber es gibt ja auch Leute mit gutem Geschmack, die da eventuell nicht gleich anspringen. Ob die an ODDBALLS (so der Originaltitel, um die Verwandschaft mit SCREWBALLS zu verdeutlichen) interessiert wären, kann man schnell prüfen: Wenn da ein zugekokster Aerobic-Lehrer im Village-People-Look mit Herzattacke zu Boden fällt und der lallende Campleiter die Kinder fragt: „Would somebody call me an ambulance?“ – wäre es dann lustig, wenn die Kinder unisono „You’re an ambulance!“ zurückrufen?

Richtig: ODDBALLS ist herz- und hirnerweichender Klamauk, eine knallbunte Wundertüte an Absurditäten und chaotischem Witz. Hier werden die Aktionen und Gesichtsausdrücke der Schauspieler beständig von Comic-Soundeffekten begleitet, ein Ausrutschen auf der Bananenschale darf ebenso als Witzfutter herhalten wie ein alkoholisierter Campdirektor, der mit dem Maschinengewehr versehentlich Mary Poppins vom Himmel ballert. Ob herzhaft dämliche Wortwitze oder ein mies synchronisierter Bruce-Lee-Imitator, ob ein bizarr untertitelter Dialog (für „art film fans“) oder ein plötzlich hereinschneiender Möchtegern-Groucho-Marx: Hier herrscht komplette Humoranarchie.

Der finstre J. Frothingham Skinner (Donnie Bowes) und seine treu ergebene Sekretärin, Miss Renoir (Terrea Foster).

Es gibt sogar eine Mini-Handlung, die den ungestümen Unfug zusammenhält: Der sinistre J. Frothingham Skinner will das heruntergekommene Camp Bottomout (jaja) kaufen, um dort ein Einkaufszentrum zu errichten. Dazu kommandiert er seinen Sohnemann Chadwick ab, Jennifer, die hübsche Enkelin des Eigentümers Hardy Bassett, zu verführen und zu heiraten – aber die hat freilich kein Interesse an dem schnöseligen Trottel (der ein lebendiges Mini-Krokodil auf seinem Poloshirt trägt). Während der Kampf ums Camp vorangeht, wollen drei der jungen Burschen im Ferienlager endlich mal nackte Tatsachen sehen und schmieden dazu einen hanebüchenen Plan nach dem anderen. Einer der drei, Christopher, verliebt sich Hals über Kopf in Jennifer – nur ist er 12 und sie 18 …

Und mehr Plot braucht es ja nun wirklich nicht, um skurrile Albernheiten über die Leinwand flimmern zu lassen. Was immer den Filmemachern eingefallen ist, sie haben es irgendwie in den Film gequetscht: Einmal öffnet ein Bursche die Tür zum WC, auf der „Men“ steht – und sieht sich einer stramm aufgereihten Gruppe Kerle gegenüber. Er schließt die Tür und schreibt schnell ein „Wo“ vor das „Men“ – und schon warten drinnen nur noch fesche Frauen auf ihn. Anderswo greift eine grüne Alienhand zum Telefonhörer, aber der arme Außerirdische wird vom Campleiter unsanft vor die Tür gesetzt: „From the looks of you, this wasn’t going to be a local call“.

Skinners Sohn Chadwick (Milan Cheylov) macht sich erfolglos an Jennifer (Konnie Krome) heran –
ihr fröhlicher Blick rührt nur daher, daß gerade Chadwicks Auto im See untergeht …

Und sonst? Ein Betreuer will den pubertierenden Kindern beibringen, wie man Frauen aufreißt, und nimmt ein paar von ihnen dafür mit gefälschten Ausweisen und angeklebten Schnurrbärten in eine Bar namens „The Meat Rack“. Ein Indiana Jones für Arme läuft durch die Gegend und klebt plötzlich an der Windschutzscheibe des Busses, der die Kinder ins Camp bringt. Der Betreuer wünscht sich für einen Filmabend „stag films“ (also Pornos) – und kriegt dann Naturfilme mit einem Hirschen zu sehen („stag“ ist der Hirsch). Christopher knallt einmal mit dem Kopf gegen die Kamera und zerbricht die Linse. Und in einer völlig abgefahrenen Rückblende streiten sich die Figuren darum, wessen Flashback es nun eigentlich ist, bevor dann – warum auch nicht? – eine Mumie zur Tür hereinkommt.

Auch wenn die Jungs sich eifrig bemühen, an das weibliche Geschlecht heranzukommen, und sich sogar gegenseitig in die Weichteile treten, um bei der vollbusigen Krankenschwester des Camps behandelt zu werden, bleibt ODDBALLS in dieser Hinsicht allerdings ganz brav: Mehr als ein paar Bikinischönheiten und tiefe Ausschnitte gibt es hier nicht zu bestaunen. Der Film wirkt, als hätte man aus SCREWBALLS den ganzen Sex herausgenommen und durch noch mehr Klamauk ersetzt.

Eine Szene für „art film fans“, die merkwürdige Untertitel mögen.

Trotzdem ist die Verwandschaft mit SCREWBALLS unübersehbar: Auch dort gab es überdrehten Slapstick mit Comic-Soundeffekten, beknackte Wortwitze und ein generelles Gefühl hemmungsloser Anarchie. Immerhin war Miklos Lente, der Regisseur dieses kleinen Bruders im Geiste, zuvor Kameramann bei SCREWBALLS, und auch einige der Schauspieler tauchen wieder auf. Man darf anmerken, daß Lentes Rhythmus und Timing eher holprig ausfallen – aber in gewissem Sinne trägt selbst die undisziplinierte Machart des Films zu seinem zwanglosen Charme bei.



Das turbogeile Feriencamp (Kanada 1984)
Originaltitel: Oddballs / Odd Balls
Regie: Miklos Lente
Buch: Ed Naha
Kamera: Fred Guthe (= Manfred Guthe)
Musik: Ron & Dave Harrison
Produzent: Maurice Smith
Darsteller: Foster Brooks, Mike MacDonald, Konnie Krome, Milan Cheylov, Donnie Bowes, Terrea Foster, Wally Wodchis, Jason Sorokin, Ruddy Hall, Kimberly Brooks

Christian Genzel
Christian Genzel arbeitet als freier Autor und Filmschaffender. Sein erster Spielfilm DIE MUSE, ein Psychothriller mit Thomas Limpinsel und Henriette Müller, erschien 2011. Außerdem drehte Genzel mehrere Kurzfilme, darunter SCHLAFLOS, eine 40-minütige Liebeserklärung an die Musik mit Maximilian Simonischek und Stefan Murr, und den 2017 für den Shocking Short Award nominierten CINEMA DELL' OSCURITÀ. Derzeit arbeitet er an einer Dokumentation über den Filmemacher Howard Ziehm und produziert Bonusmaterial für Film-Neuveröffentlichungen. Christian Genzel schreibt außerdem in den Bereichen Film, TV und Musik, u.a. für die Salzburger Nachrichten, Film & TV Kamera, Ray, Celluloid, GMX, Neon Zombie und den All-Music Guide. Er leitet die Film-Podcasts Lichtspielplatz, Talking Pictures und Pixelkino und hält Vorträge zu verschiedenen Filmthemen.

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