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BRUCE LEE – SEINE ERBEN NEHMEN RACHE: Vier Bruce-Lee-Klone räumen auf

Wo manche Leute Probleme sehen, sehen andere Lösungen. Der tragische Tod von Bruce Lee im Jahr 1973 war so ein Problem – immerhin hatte sich der Martial-Arts-Star mit nur einer Handvoll an Filmen, viel Kampfkunst und etwas Lebensphilosophie zur höchst erfolgreichen Marke entwickelt. Wie verkauft man den Fans also nun die ganzen Kung-Fu-Filme, wenn das größte Zugpferd weg ist? Ganz einfach: Man heuert Leute an, die auch kämpfen können, und verkauft sie dem Publikum als Original. Über 100 Filme entstanden in den Jahren nach Lees Tod mit Darstellern, die Bruce Le, Bruce Li, Bruce Lai, Bruce Ly oder – Bonuspunkte für Cleverness – Lee Bruce hießen und dem Vorbild nicht unähnlich sahen – vor allem für westliche Zuseher, die einen Asiaten nicht vom anderen unterscheiden können. Bei uns nahm man das wie so oft auch mit der Namensgebung nicht so ganz genau und pappte ganz einfach den Namen „Bruce Lee“ darauf. Problem gelöst, die Geldzirkulation geht weiter.

Ein besonders heiteres Exponat aus der unendlichen Menge an sogenannten Bruceploitation-Filmen trägt bei uns den eher unscheinbaren Titel BRUCE LEE – SEINE ERBEN NEHMEN RACHE. Der englische Titel deutet den Wahnwitz schon eher an, der sich da rüpelhaft auf der Leinwand breit macht: THE CLONES OF BRUCE LEE. Oh ja, hier ist nicht etwa ein einzelner Bruce-Lee-Imitator zu Werke. Es sind auch nicht zwei. Es sind nicht mal drei. Gleich vier Lee-Kopien purzeln durch diesen Streifen: Dragon Lee, Bruce Le, Bruce Lai und Bruce Thai. Wer die alle auseinanderhalten kann und mir ihre einzelnen Filme inklusive deutschem Verleihtitel auswendig aufzusagen vermag, darf mir demnächst ein Schnitzel spendieren.

Dieser Angriff der Klonkrieger wird freilich streng wissenschaftlich erläutert: Gleich zu Beginn des Films wird der echte Bruce Lee mit Herzanfall ins Krankenhaus gebracht. Während die Ärzte um sein Leben kämpfen, grast der Kameramann die Szenerie ab und bleibt an einer Art Gasdruckanzeige hängen, die uns bestätigt, was wir schon befürchten: Lee ist tot. Zum Glück steht schon ein Geheimdienstler vom SBI parat (Special Branch of Investigations, klarerweise), der einen Professor Lucas angeheuert hat, um eine Gewebeprobe von Lee sicherzustellen, aus der er drei Klone schaffen kann. Wir sehen Lucas‘ hochmodernes Labor: Ein Kasten mit blinkenden Lichtern, nervenaufreibendes Fiepen im Hintergrund, und wenn der Prof nicht gerade dezent irre lacht, spricht er in ein Karaoke-Mikrophon, um den Bruce-Klonen Instruktionen zu geben, die sie über eine Art Aluminiumhelm empfangen. Bei solchen Wundern der Wissenschaft wird einem ganz wonnig ums Herz.

Ganze 100% Bruce sind die drei Retortenkämpfer aber dann offenbar doch nicht: Sie sehen ein bißchen aus wie Bruce Lee – zumindest würde eine alte Frau aus Neu-Anif bei einer polizeilichen Gegenüberstellung auf mindestens einen von ihnen mit dem Finger zeigen – aber dennoch benötigen sie Kampftraining. Das erhalten sie von einem Chinesen im blauen Kittel, den ich schon mal in einem anderen Film gesehen zu haben glaube, in dem ein Mann gegen einen anderen Mann gekämpft hat. Weitere Unterweisung erhalten sie von Bolo Yeung, der 1973 in DER MANN MIT DER TODESKRALLE gegen den echten Bruce Lee antrat (und unterlag) und 1988 Jean-Claude Van Damme in BLOODSPORT schief ansah (und unterlag). Zum Glück hallt ein wenig das ROCKY-Theme über die Trainingssequenzen, sonst würden wir uns womöglich um die Qualität der Ausbildung Sorgen machen.

Und schon wird der erste Klon, der auf den originellen Namen „Bruce Lee 1“ getauft wurde, auf eine Mission geschickt: Er soll sich undercover bei Dreharbeiten einschleusen, um einen finsteren Schurken dingfest zu machen – der ist nämlich nicht nur Goldschmuggler, sondern schändlicherweise auch noch Filmproduzent. Oder war das umgekehrt? Egal: Der grenzgeniale Plan, den Doppelgänger eines Weltstars unerkannt bei einem Filmdreh mitwirken zu lassen, geht auf, aber weil der Herr Produzent sich über die Herkunft dieses neuen Kampfgenies nicht ganz klar ist, will er ihn sicherheitshalber umbringen lassen. Und als das schiefgeht und Bruce seine Knallchargen verkloppt, will er ihn sicherheitshalber so richtig umbringen lassen. Und weil das auch nicht hinhaut, soll Bruce beim nächsten Drehtag vor laufender Kamera erschossen werden. Bevor noch jemand auf die finstere Ironie des Schicksals hinweisen und „Brandon Lee“ rufen kann, tauchen am Set auch schon diverse Rabauken auf – die aber ihre Pistolen vergessen haben und stattdessen Messer verwenden. Vielleicht mußte der goldschmuggelnde Filmproduzent mit Budgetkürzungen seitens des Studios kämpfen.

Während Bruce da also diversen Lümmeln eine Lektion erteilt, buddelt der Produzent in der Erde und gräbt seine zu schmuggelnden Goldbarren aus. Wie schön, daß der Chef hier noch selber Hand anlegt! Aber dann verfolgt Bruce ihn und seine Gang auf ein Boot, wo er sie alle niederprügelt. Während ich mich natürlich freue, daß diesem produzierenden, goldschmuggelnden Schuft das Handwerk gelegt wurde, stimmt mich der Gedanke an das Filmkunstwerk doch ein wenig traurig, das jetzt aufgrund seiner ausbleibenden Finanzierung unvollendet bleiben muß.

Zeit für einen neuen Auftrag, den diesmal „Bruce Lee 2“ und „Bruce Lee 3“ erledigen dürfen. Der mutet vergleichsweise harmlos an: Es ist kein ruchloser Produzent, den sie dingfest machen sollen, sondern nur ein wahnsinniger Drogendealer mit Weltherrschaftsanspruch, Dr. Ngai. Dazu treffen sich die beiden Bruces (Brucen?) mit einem Kontaktmann namens Chuck, der von Bruce-Lee-Doppelgänger Bruce Thai gespielt wird – und kaum als Doppelgänger für einen der Doppelgänger herhalten dürfte, weswegen er wohl nicht als Klon in die Handlung eingesponnen wurde. Schon zu Beginn des Auftrags werden sich die ganzen Brucen und Chucks am sonnigen Strand der knallharten sozialen Realitäten bewußt: Da laufen nackte Frauen durchs Wasser, plantschen und lachen, reiben sich ihre Brüste mit Sonnencreme ein und spazieren durch unzählige Nahaufnahmen. Die Burschen gucken eine Zeitlang hin, aber dann dämmert ihnen wohl, daß die Sequenz nichts mit der Handlung zu tun haben wird, und ziehen sozusagen unverrichteter Dinge weiter.

Zur Abwechslung wird jetzt ein wenig gekämpft, weil Bruce Zwei, Drei und Thai auf Handlanger von Dr. Ngai stoßen und das schöne Chemielabor des Doktors inklusive aller zehn Reagenzgläser vernichten. Erst dann zeigt sich der wahrlich abscheuliche und vermutlich sogar rechtswidrige Plan des Doktors: Er verwandelt seine Schergen in beinahe unbesiegbare Bronzekämpfer, mit denen er die Welt unterjochen will (könnte es sich hierbei um die ominösen Gesellen handeln, die wir noch in DIE RACHE DER BRONZEKÄMPFER vergeblich suchten?). Also prügeln sich Tick, Trick und Track, äh, Bruce Zwei, Drei und Thai erstmal eine Zeitlang vergeblich mit den etwas untersetzten goldfarbenen Männern in Unterhosen, bevor sie ins Grübeln kommen. Aber wie wir schon eingangs erwähnten: Wo manche Probleme sehen, sehen andere Lösungen. Die Lösung zum Problem der unbesiegbaren Bronzejungs liegt gleich in Nachbars Garten, wo ein hochgiftiges Kraut wächst, das wohl als Düngemittel fungieren soll. Hält man einem Bronzemensch dieses Kraut vor den Mund, knabbert er sofort wie ein Suchtler daran und segnet nur wenige Sekunden später das Zeitliche. Daraus kann man eigentlich eine ganz generelle Lebensphilosophie ableiten: Wenn Schwierigkeiten unüberwindbar erscheinen, hat man einfach das richtige Kraut noch nicht gefunden.

Nachdem Dr. Ngai nun also auch seine Unternehmungen aufgrund seines plötzlichen Dahinscheidens abblasen mußte, bedankt sich der eingangs eingeführte SBI-Chef bei Professor Lucas für die Unterstützung. Daraufhin wird der gute Professor wahnsinnig und will ebenfalls die Weltherrschaft an sich reißen (oder wenigstens mal ein ruhiges Forschungssemester einlegen dürfen). Man könnte freilich die Theorie aufstellen, daß er schon von Anfang an wahnsinnig war, aber derartige Detailanalysen überlasse ich erfahreneren Filmwissenschaftlern. Jedenfalls schmiedet der gute Prof sogleich einen herzerweichend hinterhältigen Plan: Er läßt alle drei Bruces gegeneinander kämpfen, weil der, der dann übrig bleibt, der beste Kämpfer sein muß und man mit dem dann sicherlich die Welt beherrschen kann. Bevor noch jemand darauf hinweisen kann, daß drei gute Kämpfer die Chancen vielleicht steigern, weil der beste ja automatisch dabei wäre, kloppen sich die drei Klonkrieger auch schon die Raupen aus der Nuß.

Zum Glück gibt es noch die beiden hübschen Assistentinnen des Professors, die sich sogleich daran machen, die „Magnetatoren“ des Wissenschaftlers auszuschalten, mit denen er die drei Bruces steuert. Was sind Magnetatoren? Gut, daß gefragt wird: Das sind im Gebüsch versteckte Lautsprecher, deren Kabel man durchschneiden kann. Und sobald die Bruces von den Assistentinnen darüber informiert werden, daß sie jetzt nicht mehr ferngesteuert werden, hören sie auch schon wieder auf zu kämpfen – beziehungsweise: Sie wenden sich lohnenswerteren Kämpfen zu, nämlich solchen gegen plötzlich auftauchende Tagelöhner des Professors sowie die beiden Trainingsmeister.

Da wird dem Prof dann doch mulmig, und er lockt einen der Bruces in eine Todeslaserfalle (liebe erfahrenere Filmwissenschaftler, die ihr vielleicht jetzt knobelt: Vielleicht ist die Tatsache, daß Professor Lucas in seinem Labor Todeslaser hat installieren lassen, schon ein Hinweis auf meinen Verdacht, daß er von vornherein nicht ganz entspannt im Oberstübchen war). Der nächste Bruce haut aber einfach ein Loch in die Wand, durch das er ins Labor kommt, und kämpft noch gegen einen zombifiziert aussehenden Bodyguard, mit dem er die seinerzeit so üblichen Kampftechniken von der Schlange über den Leoparden bis hin zum Murmeltier durchspielt. Professor Lucas flieht und wird vor seinem Gebäude schon vom SBI in Gewahrsam genommen.

Und schon ist der Film aus. Für das profunde Schlußwort muß ich mir aber erst noch mindestens einen eigenen coolen Doppelgänger suchen.



Bruce Lee – Seine Erben nehmen Rache (Hongkong/Philippinen 1981)
Originaltitel: The Clones of Bruce Lee
Regie: Joseph Kong
Martial Arts Director: Wong Kei Lung
Produzent: Dick Randall, Chang Tsung Lung
Darsteller: Dragon Lee, Bruce Le, Bruce Lai, Bruce Thai, Jon Benn, „Yang Tze“ (= Bolo Yeung)

Christian Genzel
Christian Genzel arbeitet als freier Autor und Filmschaffender. Sein erster Spielfilm DIE MUSE, ein Psychothriller mit Thomas Limpinsel und Henriette Müller, erschien 2011. Außerdem drehte Genzel mehrere Kurzfilme, darunter SCHLAFLOS, eine 40-minütige Liebeserklärung an die Musik mit Maximilian Simonischek und Stefan Murr, und den 2017 für den Shocking Short Award nominierten CINEMA DELL' OSCURITÀ. Derzeit arbeitet er an einer Dokumentation über den Filmemacher Howard Ziehm und produziert Bonusmaterial für Film-Neuveröffentlichungen. Christian Genzel schreibt außerdem in den Bereichen Film, TV und Musik, u.a. für die Salzburger Nachrichten, Film & TV Kamera, Ray, Celluloid, GMX, Neon Zombie und den All-Music Guide. Er leitet die Film-Podcasts Lichtspielplatz, Talking Pictures und Pixelkino und hält Vorträge zu verschiedenen Filmthemen.

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