Ich darf einen neuen Gastautoren auf Wilsons Dachboden begrüßen: Bastian G., mit dem ich über die Jahre schon viele spannende Filmdiskussionen geführt habe und der sonst unter anderem für die Seite filmfutter.com schreibt. Seinen Einstand gibt Bastian mit einer Kritik des neuen STAR-WARS-Films ROGUE ONE. Danke für den Gastbeitrag und herzlich willkommen auf dem Dachboden!



Mit DAS ERWACHEN DER MACHT hat Regisseur J.J. Abrams im vergangenen Jahr erfolgreich den Milleniumfalken erneut in die Höhe gebracht und der STAR WARS-Saga nach der verpönten Prequel-Reihe – und vor allem den digitalen Verschlimmbesserungen an der Originaltrilogie durch ihren Schöpfer George Lucas höchtspersönlich – zu neuem Glanz verholfen. Die meisten Zuschauer waren von der stilistischen Rückkehr zu den Wurzeln vollauf begeistert, auch wenn kritische Stimmen, durchaus zu Recht, einen Hang zum inhaltlichen Recycling angemerkt haben. Ja, ein Teil von DAS ERWACHEN DER MACHT war auch ein wenig ein Remake von EINE NEUE HOFFNUNG. Man wollte die eingefleischten Fans wieder mit an Bord bekommen, das Feuer von damals noch einmal entfachen. Und deshalb war eine Wiederholung der Erfolgsformel für die Weiterführung des legendären Leinwandabenteuers auch goldrichtig. Es sollte ein perfekter Appetizer werden, gespickt mit Zitaten, Andeutungen und verheißungsvollen Neuansätzen. Jetzt muss Rian Johnsons Fortsetzung im nächsten Jahr die begonnene Storyline nur erfolgreich ausbauen. Bis es soweit ist, spendiert uns das inzwischen an den Disney-Konzern verkaufte Lucasfilm mit ROGUE ONE ein interessantes Spin-off, das inhaltlich zwischen DIE RACHE DER SITH und EINE NEUE HOFFNUNG zu verorten ist.

Der Film beginnt mit der Entführung des Ingenieurs Galen Erso (Mads Mikkelsen), der sich inzwischen als Farmer niedergelassenen hat, durch den grausamen imperialen Befehlshaber Krennic (Ben Mendelsohn). Galen gelingt es noch, seine kleine Tochter Jyn in Sicherheit zu bringen, bevor die Truppen seine Frau vor seinen Augen niederschießen. Jahre später ist Jyn (Felicity Jones) erwachsen und in krimineller Hinsicht kein unbeschriebenes Blatt mehr. Eine von Cassian Andor (Diego Luna) geführte Rebellengruppe befreit die junge Frau aus der Haft – die dringende Mission der Aufständischen besteht darin, den inzwischen offenbar von der bösen Seite manipulierten Galen ausfindig zu machen und die Pläne zu der von ihm entwickelten Megawaffe, dem Todesstern, zu beschaffen, bevor es zu spät ist …

Neue Helden.

Bei ROGUE ONE hat man mit Gareth Edwards einen aus dem Indie-Sektor (MONSTERS) stammenden Newcomer auf den Regiestuhl gesetzt, der aber zuvor zumindest einmal mit seinem GODZILLA-Reboot Blockbuster-Erfahrung sammeln durfte. Auch seine Arbeit steht ganz klar in der Tradition der Ursprungsfilme, ist aber zugleich düsterer, grimmiger und martialischer ausgefallen. Wer die Anschlussfilme kennt, weiss freilich bereits, in welche Richtung sich die Story entwickeln wird. Aber es ist diese Lücke, die Edwards zusammen mit dem Autorenduo Chris Weitz (DER GOLDENE KOMPASS) und Tony Gilroy (die BOURNE-Reihe) spektakulär mit Leben zu füllen versteht. Dafür sorgen neben den erwartungsgemäß beeindruckenden Spezialeffekten eine ganze Reihe neuer Charaktere, deren Schicksal man sich zumindest nicht aus den Sequels ableiten kann. Da gibt es die zu Beginn bereits angelegte tragische Beziehung zwischen Galen und seiner Tochter, und mit K-2SO (Alan Tudyk) treffen wir einen verbal schlagfertigen Androiden, der für diverse amüsante Momente in dem ansonsten eher adrenalingetränkten Sci-Fi-Abenteuer sorgt. Und natürlich gilt es, die Frage zu beantworten, wie letztlich der Bauplan des Todessterns in den hier nur sehr kurz präsenten R2D2 gerät. Überhaupt, "alte Bekannte": Wer sich wie ich als glühender Anhänger des finsteren Darth Vader versteht, kommt in einigen kleinen, aber feinen Szenen voll auf seine Kosten.

Anders als alle anderen STAR-WARS-Filme beginnt ROGUE ONE übrigens nicht mit der altbekannten, einführenden Laufschrift, die sich in die Ferne des Alls bewegt. Außerdem übernimmt erstmals  als Komponist Oscarpreisträger Michael Giacchino (OBEN) das Zepter, der aber durchaus bewährte Motive in seinem Originalscore verarbeitet und sich somit als John Williams' legitimer Nachfolger empfehlen würde. Im Abspann ist dann übrigens doch nochmal der Altmeister selbst zu vernehmen – das nur als Anmerkung für die Puristen.

Der Kampf gegen die Todeswaffe beginnt.

Wer befürchtet hat, dass ROGUE ONE ein halbgarer Snack für die Wartezeit bis zur EPISODE VIII werden könnte, darf sich positiv getäuscht sehen: Ich muss sogar zugeben, dass der vermeintliche Platzhalter bei mir nach der ersten Sichtung einen spielfreudigeren und packenderen Eindruck hinterlassen hat als das ohnehin schon famose ERWACHEN DER MACHT.

Wenn ich mir übrigens abschließend zwei Kritikpunkte aus dem straff inszenierten Werk herauspicken soll: Da wäre zum einen die Figur des blinden Kriegers Chirrut Îmwe (Donnie Yen), der zwar tolle Martial-Arts-Tricks kann, aber sonst mit seinem vehementen Die-Macht-ist-mit-mir-Gemurmel eher negativ auffällt. Zum anderen ist (wie aber auch schon bei Abrams' Film) die Änderung der realen Sicherheitslage ein mögliches Problem für Zuschauer: Während man in den Siebzigern und Achtzigern noch beifällig das Thema "Rebellen gegen Regierung" verfolgt haben mag, könnte nicht zuletzt die aktuelle Lage in Syrien Bauchschmerzen verursachen, wenn hier die scheinbar immer guten Rebellen Sprengsätze unter Fahrzeuge werfen. Ein treffenderes Bild darf differenzierter ausfallen – aber da wir uns eh in entfernten Galaxien befinden, wiegt dieser kleine Wermutstropfen nicht wirklich schwer.



Rogue One: A Star Wars Story (USA 2016)
Regie: Gareth Edwards
Buch: John Knoll (Idee & Story), Gary Whitta (Story), Chris Weitz & Tony Gilroy (Drehbuch)
Kamera: Greig Fraser
Musik: Michael Giacchino
Darsteller: Felicity Jones, Diego Luna, Ben Mendelsohn, Donnie Yen, Mads Mikkelsen, Alan Tudyk, Jiang Wen, Forest Whitaker, Riz Ahmed, Warwick Davis

Alle Bilder stammen von der offiziellen Star-Wars-Seite, (C) Disney/Lucasfilm.


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Bastian G.

Bastian, Jahrgang 1981, ist mit dem Kino der 70er und 80er aufgewachsen, wobei vor allem große Actionreißer und fiese Horrorperlen zu seiner cineastischen Sozialisation beigetragen haben. Namen wie Stanley Kubrick, Martin Scorsese, Ridley Scott, Dario Argento oder John Carpenter (und natürlich viele mehr) gehören zu seinen absoluten Lieblingen unter den Filmschaffenden. Mit dem Blick gleichsam nach vorn und nach hinten gerichtet, kämpft er sich weiterhin durch den undurchsichtigen Filmdschungel und macht (absichtlich?) auch um groben Unfug keinen Umweg.

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