"Ein paar Penner brechen in Ihr Lagerhaus ein und vertrinken 8% Ihres Weinbestandes", werde ich informiert. Gar nicht ohne, was da vernichtet wird: Ich hatte 6845 Flaschen Wein, also müssen die Einbrecher mir 547,6 Liter weggesoffen haben. Entweder waren es sehr viele Penner, oder ihre Leberkapazitäten verdienen Respekt.

Zum Glück handelt es sich nur um ein Zufallsereignis in einem Spiel: In der Wirtschaftssimulation WINZER aus dem Jahr 1991 schlüpft man in die Rolle eines Weingutleiters und darf sich um Herstellung und Vertrieb von möglichst hochqualitativen Weinen kümmern. Insgesamt vier Spieler treten an – und wer nicht genug Mittrinker findet, darf gegen namenlose Computergegner kämpfen.

Malerisch ist's in der Rheinpfalz. In Württemberg, Franken und Hessen sieht es übrigens genauso aus.

Das Spiel beginnt im Januar 1970, jeden Monat dürfen sich die Spieler rundenweise um ihren Betrieb kümmern. Das fängt damit an, daß man Anfang des Jahres seine zehn Hektar Land mit den entsprechenden Reben bepflanzt oder eingegangene nachkauft, den Weinberg düngt, Erntemaschinen besorgt oder wartet, genug Mitarbeiter einstellt, Lagerplatz bereitstellt und genug leere Flaschen besorgt, um den Spitzenwein später auch abfüllen zu können.

Dann heißt es abwarten: Wie die Reben gedeihen, bestimmen Wetter und Glück. Manche Weinsorten wachsen in bestimmten Anbaugebieten besser als anderswo: Der Riesling fühlt sich in Württemberg wohl, der Burgunder dagegen in Franken. Bange darf man beobachten, wie die Trauben reifen und welche Oechslewerte sie erreichen – das ist der Zuckergehalt der Trauben. Heißes, trockenes Klima sorgt für höhere Oechslewerte, und die wiederum sorgen für höhere Qualität beim Wein.

Ab dem Herbst werden die Trauben gelesen und gekeltert, später müssen die Weine angemeldet und können dann in Flaschen abgefüllt werden. Die Weine können auf regionalen und internationalen Märkten angeboten werden, wobei man für letztere Option kostspielige Handelsverträge abschließen muß. Die Preise schwanken gewaltig, weshalb es sinnvoll sein kann, einen Wein eine ganze Zeitlang zu behalten. Wer in Geldnot gerät, kann auch bei der Bank einen Kredit aufnehmen - aber wer die Raten nicht zurückzahlen kann, wird irgendwann enteignet.

Die Übersicht zum Weinberg: Der Burgunder verspricht dank hohen Oechslewerts eine Auslese zu werden.

Ganz so routiniert, wie das klingt, läuft das Spiel vor allem zu Beginn nicht. Zunächst mal gilt es, die verschiedenen Qualitätsstufen der Weine zu durchschauen: Bei niedrigem Oechslewert wird es ein Tafel- oder Qualitätswein, darüber gibt es einen Kabinettwein, eine Spätlese, eine Auslese, eine Beerenauslese oder sogar eine Trockenbeerenauslese – die aber teils nur mit den reifen, teils nur mit den überreifen Trauben hergestellt werden können und mitunter auch der Edelfäulnis bedürfen. Im Zweifelsfall kann man den Traubenmost panschen, also für einen höheren Oechslegrad anzuckern – aber nachdem regelmäßig ein Prüfer ins Haus schaut, kann das kostspielig werden. Ganz mutige Winzer können auf Nachtfröste im November und Dezember hoffen, um einen Eiswein herstellen zu können – aber meistens spielt das Wetter nicht mit und die Trauben verderben.

Je besser die Qualität, desto bessere Preise kann man erzielen – aber manche der vornehmen Weine müssen erst eine Zeitlang lagern, bevor sie verkauft werden können. Eine Silvaner-Auslese muß ein halbes Jahr im Keller liegen, der Trollinger-Eiswein braucht ganze drei Jahre. Weil der Betrieb jeden Monat Geld frißt, muß man also auch Weine für den schnellen Verkauf produzieren, und den am besten in rauen Mengen. Dafür eignet sich ein Federweißer gut, aber der darf nicht länger als zwei Monate lagern. Im Zweifelsfall kann man aus einem Wein auch noch einen Sekt herstellen.

Beim Keltern: Hoffentlich reichen 17470 Liter Speicherplatz für den ganzen Wein.

Es ist gerade beim Einstieg ins Spiel nicht unüblich, komplette Ernten versehentlich zu vernichten. Wer die geernteten Trauben nicht im selben Monat keltert, dürfte in der nächsten Runde ein langes Gesicht machen – aber manchmal stellt sich auch heraus, daß man gar nicht genug Lagerplatz für die vielen Liter Wein hat, weswegen das edle Gesöff recht unelegant im Ausguß verschwindet. Und natürlich ist Lagerplatz genau dann am teuersten, wenn man ihn braucht.

Eine Reihe von Zufallsereignissen macht die Angelegenheit nicht einfacher. Die oben angesprochenen Einbrecher können einem schon mal eine ganze Menge Wein stehlen, teilweise ruinieren einem Unwetter die Trauben, oder die Erntemaschinen landen im Graben und müssen für teures Geld wiederhergestellt werden. Manche Geschehnisse sind dabei allerdings auch höchst amüsant: Offenbar zieht sich jeder Winzer früher oder später den Zorn des Nachbarn zu, der einem dann mit dem Traktor das Auto rammt – wofür man eine Versicherungsprämie kassiert. Das ist nicht nur herzig, weil das Ereignis immer wieder auftritt und man meinen könnte, dem lieben Herr Nachbar würde irgendwann einmal der Führerschein entzogen werden, sondern auch, weil man das Versicherungsgeld quasi geschenkt kriegt – und das neue Auto offenbar gleich dazu.

Im Laufe der Zeit bekommen die Spieler Punkte, und wer als erstes die 1000 erreicht, hat gewonnen. Am ertragreichsten sind dafür die jährlichen Weinwettbewerbe, bei denen man seinen schönsten Qualitätswein vorstellen kann – sofern das nicht gepanschte Plempe ist oder man aus Geldnot schon die noble Auslese verscherbeln musste. Wer dem Niedergang des Gegners etwas nachhelfen möchte, kann sich für teures Geld in die Unterwelt begeben – das ist offenbar wie ein Club mit ganz vornehmen Eintrittspreisen – und dort eine Sabotage anstiften. Gemein ist dabei vor allem eine Fälschung der Kellerbücher, da das Opfer seine korrekt eingetragenen Weine nicht von den verpfuschten unterscheiden kann und vor der nächsten Inspektion sicherheitshalber alles schnell verkaufen sollte.

Mit steigender Punktzahl wird man befördert: Ministerialrat macht sich sicher gut auf dem Lebenslauf.

Die Grafik von WINZER ist sparsam und wenig abwechslungsreich – offenbar lässt sich jeder Winzer sein Haus und sein Weingut nach strengen EU-Normen einrichten. Gleiches gilt für die Musik: In Dauerschleife dudelt eine Melodie vor sich hin, die es irgendwie schafft, selbst nach Stunden keine Aggressionen zu fördern, aber eben auch nie auf einzelne Spielsituationen eingeht. Oft wünscht man sich die eine oder andere Komfortfunktion in den Menüs, aber als Wirtschaftssimulationsveteran gehört es ja beinahe zum guten Ton, sich die Materie auch in dieser Hinsicht etwas erarbeiten zu müssen.

Einzelspieler dürfte WINZER nur so lange bei Laune halten, bis sie die Spielmechanik gemeistert haben – sobald der Betrieb halbwegs läuft, bleiben größere Überraschungen irgendwann aus. Ab zwei Personen ist das Spiel gegeneinander aber ein Vergnügen – vor allem, wenn der andere mal wieder vergisst, seine Ernte zu keltern, und mit wehmütigem Blick an viele tausend Trauben denkt. Außerdem kann man gemeinsam rätseln, wie viele Penner es braucht, um 547,6 Liter Wein wegzusaufen. In diesem Sinne: Prost!


Vielen Dank an Erhard Furtner für die Screenshots.
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Christian Genzel

Christian Genzel arbeitet als freier Autor und Filmschaffender. Sein erster Spielfilm DIE MUSE, ein Psychothriller mit Thomas Limpinsel und Henriette Müller, handelte von einem Schriftsteller, der eine junge Frau entführt, weil er sie als Inspiration für sein Buch braucht. Außerdem drehte Genzel mehrere Kurzfilme, darunter SCHLAFLOS, eine 40-minütige Liebeserklärung an die Musik mit Maximilian Simonischek und Stefan Murr. Derzeit entwickelt er seinen zweiten Spielfilm BROT UND SPIELE, eine Komödie mit Thomas Limpinsel, Götz Otto und Steffen Wink über alte Kindsköpfe und noch ältere Computerspiele.

Christian Genzel schreibt außerdem in den Bereichen Film, TV und Musik, unter anderem für GMX und den All-Music Guide. Außerdem hält er Vorträge zu Filmthemen und kuratierte 2014 an der Universität Salzburg eine Filmreihe zum Thema "Erster Weltkrieg".

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