"Wait a minute", schraubt John Shaft an einer Stelle von SHAFT IN AFRIKA die Erwartungen seines Gegenübers herunter. "Now, I'm not James Bond. Simply Sam Spade." Man muß diese Tiefstapelei als Ironie werten: Im dritten SHAFT-Film ist von dem Privatdetektiv Spade in der Hauptfigur nichts mehr übrig, stattdessen wird ein vollwertiges Bond-Abenteuer geboten – komplett mit Oberschurke, exotischer Kulisse, ausgefallenen Nebenfiguren und aufregender Cartoon-Gewalt.

Schon der zweite SHAFT-Film ließ den Realismus des ersten hinter sich, spielte aber immer noch vor einer Kulisse heimischer Gangstermachenschaften: Drogen, Glücksspiel, Geld. In SHAFT IN AFRIKA, diesmal nicht mehr von Photograph Gordon Parks, sondern vom britischen Regisseur John Guillermin inszeniert, begnügt sich Shaft aber nicht damit, zwischen rivalisierenden Banden einen kühlen Kopf zu bewahren – nein, er darf gleich einen internationalen Ring von Sklavenhändlern ausheben, der Schwarze von Afrika nach Paris bringt und sie dort zu Niedrigstlöhnen schuften läßt. Shaft wird von einer Bande in New York entführt, die ihm eröffnet, daß er in Afrika als Undercover-Agent eingeschleust werden und dabei helfen soll, die Drahtzieher hinter dem menschenverachtenden Geschäft zur Strecke zu bringen. Damit stellt sich Shaft einer Mission, in der alles überlebensgroß ist – inklusive einem turmgroßen Handlanger des Auftragsgebers, der mit Vorliebe die Türen so eintritt, daß sie komplett aus den Angeln fliegen.

Überhaupt ist hier alles so auffällig und übertrieben, daß man immer wieder an die bunten Seiten einer atemlosen Comic-Erzählung denken muß. Schon zu Beginn wird Shaft mit Betäubungspfeilen außer Gefecht gesetzt und wacht nackt in einem mit Sand gefüllten Raum auf, der durch Lampen unmenschlich erhitzt wird. Per Sprechanlage wird ihm angekündigt, daß er hier acht Stunden lang marschieren soll – aber der clevere Shaft deckt sich stattdessen mit dem Sand zu, damit er keinen Hitzeschlag erleidet. Der Sprecher lobt ihn für seinen Einfallsreichtum – und erklärt ihm daraufhin, daß es nur ein Test gewesen sei, um herauszufinden, ob er für die schwierige Aufgabe, für die er vorgesehen ist, überhaupt geeignet ist.

Drahtzieher Amafi (Frank Finlay) und seine Gespielin Jazar (Neda Arneric).

In diesem Tonfall geht es weiter: Shaft kriegt als einzige Waffe einen Stecken – der aber innen eine kleine Kamera versteckt hat. Am Flughafen von Paris wird er von einem als Putzfrau verkleideten Attentäter angegriffen. Sein Kontaktmann in Afrika ist ein Mann, bei dem man sich auf offener Straße mit einem lebendigen Löwen photographieren lassen kann. Und ganz zum Schluß darf das Hauptquartier des Schurken Amafi gesprengt werden.

Der ist, ganz nach Bond-Tradition, ein hochkultivierter Mann – und gleichzeitig dezent pervers bzw. sexuell beeinträchtigt. Seine Gespielin ist eine blonde junge Frau, die sich beim Anblick der arbeitenden schwarzen Sklaven erregt über den Körper streicht, was ihn fasziniert. Später sagt er über sie: "I don't love this young lady. I don't even particularly like her. But she's the only person in the world I've ever found who can get it up for me." Dem steht der männlich-virile Held Shaft gegenüber, der die Frauen mit seiner Liebeskraft sogar von törichten Vorhaben abbringen kann.

Shaft (Richard Roundtree) hat Zeit für ein paar schöne Stunden mit seiner Assistentin (Vonetta McGee) ...

Vom Kollegen Bond stammt auch der flapsige Witz. In den vorigen Teilen gab Shaft schon gerne seinem Gegenüber dumme Antworten, die aber mehr Provokation und Machtkampf waren als tatsächliche Pointen. Diesmal darf er dem Geschehen von vorne bis hinten mit Schnodderschnauze begegnen: Auf die Frage seines Auftraggebers, wo er gelernt hat, mit dem Stock zu kämpfen, antwortet Shaft: "Conducting the New York Philharmonic." Als ihm eine Frau eröffnet, daß er ihr erster richtig guter Liebhaber war, meint er: "Fantastic, baby. Write my Congressman later." Und als ihm in Afrika eine Prostituierte ihre Brüste unter die Nase hält, kommentiert Shaft: "No wonder they call Africa the mother country."

Es ist bemerkenswert, wie sehr Shaft hier nach allen Regeln des Bond-Films inszeniert wird – vor allem, nachdem Bond im selben Jahr mit LEBEN UND STERBEN LASSEN auf das Terrain kam, das SHAFT mitbegründet hatte: Das schwarze Kino war mittlerweile ein so erfolgreicher Trend, daß sich eine Mainstream-Filmreihe daran orientierte. Umgekehrt war Shafts Bond-ähnliche Qualität schon im ersten SHAFT vorhanden – definitiv im Hinblick auf seine Männlichkeit und sein Selbstbewußtsein.

... und für die durchtriebene Jazar (Neda Arneric).

SHAFT IN AFRIKA ist wie schon sein Vorgänger hauptsächlich als abwechslungsreiches Vergnügen zu sehen, das mit dem sozialen Realismus des ersten Films nicht mehr viel am Hut hat. Dennoch gibt sich der Film in manchen Momenten tatsächlich wieder etwas politischer als LIEBESGRÜSSE AUS PISTOLEN: Daß Shaft ins "Ursprungsland" Afrika reist, um dort sinnbildlich die Sklaverei zu beenden, hat durchaus etwas mit dem Auftrag dieser schwarzen Kinobewegung zu tun. In einer eindringlichen Szene stellt Shaft einen französischen Polizisten wütend zur Rede, daß die Bequemlichkeit der Gesellschaft solche Ausbeutung mit ermöglicht: "Why don't you really clamp down on the slave trade? I'll tell you why. Because the black ghettos of Paris is as far away from the Champs Elysees as 125th Street is from Park Avenue! You need a bunch of poor bastards to work on your roads and your god damn kitchens!" Und zum Schluß wird SHAFT IN AFRIKA zur symbolischen Rachephantasie, als die befreiten Sklaven über den skrupellosen Amafi herfallen und ihn in einem Brunnen ertränken. Es ist wie auf den Kopf gestellte Lynchjustiz.

Bemerkenswert ist vor allem die Tatsache, daß der Film die in Afrika weit verbreitete Praxis der weiblichen Genitalbeschneidung kritisiert: Die Shaft zur Seite gestellte Assistentin kündigt an, daß ihr diese Prozedur bald bevorsteht – und sie sieht dem durchaus positiv entgegen, weil es eben ein altes Ritual sei. Erst, nachdem Shaft sie verführt hat, kommt sie von dem Vorhaben ab. Daß es einen potenten Mann braucht, um diesen Sinneswandel einzuläuten, ist natürlich ebenso ganz im Sinne des Bond-Musters und sollte daher nicht überbewertet werden – interessant ist, daß hier überhaupt davon gesprochen und damit Bewußtsein geschaffen wird, nachdem die Praxis meist unter den Teppich gekehrt wird.

Leider konnte SHAFT IN AFRIKA seine Produktionskosten im Gegensatz zu den Vorgängern nicht wieder einstellen, weshalb die Figur ins günstigere Fernsehen geschickt wurde: Von Oktober 1973 bis Februar 1974 löste John Shaft in einer TV-Reihe sieben 90-Minuten-Fälle, die aber viel handzahmer als die Kino-Trilogie gestaltet war. Erst im Jahr 2000 tauchte er wieder auf, um das Heldenzepter an seinen von Samuel L. Jackson gespielten Neffen zu übergeben – und angesichts der Wandlungen, die die Reihe bis dahin durchgemacht hatte, ist es wohl keine Überraschung, daß man sich schon in den Vorbereitungen über Tonfall und Inhalt uneinig war …


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Shaft in Afrika (USA 1973)
Originaltitel: Shaft in Africa
Regie: John Guillermin
Buch: Stirling Silliphant
Kamera: Marcel Grignon
Musik: Johnny Pate
Darsteller: Richard Roundtree, Frank Finlay, Vonetta McGee, Neda Arneric, Jacques Herlin
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Christian Genzel

Christian Genzel arbeitet als freier Autor und Filmschaffender. Sein erster Spielfilm DIE MUSE, ein Psychothriller mit Thomas Limpinsel und Henriette Müller, handelte von einem Schriftsteller, der eine junge Frau entführt, weil er sie als Inspiration für sein Buch braucht. Außerdem drehte Genzel mehrere Kurzfilme, darunter SCHLAFLOS, eine 40-minütige Liebeserklärung an die Musik mit Maximilian Simonischek und Stefan Murr. Derzeit entwickelt er seinen zweiten Spielfilm BROT UND SPIELE, eine Komödie mit Thomas Limpinsel, Götz Otto und Steffen Wink über alte Kindsköpfe und noch ältere Computerspiele.

Christian Genzel schreibt außerdem in den Bereichen Film, TV und Musik, unter anderem für GMX und den All-Music Guide. Außerdem hält er Vorträge zu Filmthemen und kuratierte 2014 an der Universität Salzburg eine Filmreihe zum Thema "Erster Weltkrieg".

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