Der Versuch einer Neuverfilmung der Rühmannschen Schulposse DIE FEUERZANGENBOWLE - eine der beliebtesten und meistzitierten Komödien aus dem deutschsprachigen Raum - ist im Prinzip nicht so frevelhaft, wie man meinen könnte: Immerhin wurde der zugrundeliegende gleichnamige Roman von Heinrich Spoerl schon 1934 unter dem Titel SO EIN FLEGEL einmal verfilmt - recht lose an der Vorlage orientiert und durchaus mit eigenen Reizen. Und weil die nostalgische Geschichte um Schülerstreiche und kauzige Lehrerfiguren völlig zeitlos ist, ist der Gedanke nicht abwegig, sie für eine neue Generation frisch aufzubereiten.

Soweit die Theorie. In der Praxis ist das, was Regisseur Helmut Käutner und Produzent Horst Wendlandt mit ihrem Neuanlauf von 1970 abliefern, nur eine kraftlose Erinnerung an den so lebhaften Originalstoff. "Nach dem alten Rezept von Heinrich Spoerl, neu angerichtet von Helmut Käutner", heißt es noch ganz charmant im Vorspann - und daß sich die erneute Zubereitung über weite Strecken sehr deutlich am Vorgängerfilm und damit auch an Spoerls Roman orientiert, muß ja zunächst nichts Schlechtes sein. Auch in dieser Version kehrt der Schriftsteller Dr. Pfeiffer auf die Schulbank zurück, nachdem er im Kreise seiner Freunde den wehmütigen Erinnerungen an die Gymnasialzeit gelauscht hat: Den Schnurrbart ab, die Schulmütze auf, Bücher unter den Arm, und schon geht der junge Herr als Abiturient durch.

Walter Giller als ältester Jugendlicher der Welt.

Da kommen wir auch schon zum ersten Problem der neuen FEUERZANGENBOWLE: Walter Giller, zum Zeitpunkt des Drehs 42, wirkt in keiner Sekunde wie ein Jungspund. Selbst mit Nickelbrille und Mütze schaut Giller wie ein Mittdreißiger aus. Auch Rühmann war in der alten Version schon 41, aber vom Typ her gewissermaßen Berufsjugendlicher: Das Spitzbübische, das so viele seiner Rollen auszeichnete, kam der Behauptung immens entgegen, daß der Mann als Schüler durchgeht - wogegen der dezent biedere Giller so erwachsen wirkt, daß er hier nicht einmal Freude an seinen eigenen Schelmereien zu haben scheint.

Weil es in der FEUERZANGENBOWLE unterschwellig um verklärte Erinnerungen geht, war die Geschichte schon in der Version von 1944 in eine unbestimmte Zeit um die Jahrhundertwende verlegt. Die Fassung von 1970 modernisiert sie in dieser Hinsicht nur dezent: Die Handlung ist jetzt in den Zwanziger Jahren angesiedelt, was die Rahmenbedingungen der Story erhält - zum Beispiel die Tatsache, daß die Schulen noch nach Geschlechtern getrennt sind. Die zeitliche Verschiebung schlägt sich nur in ein paar Randelementen nieder, allen voran in der Figur von Pfeiffers Verlobter Marion, die hier als Stummfilmstar im Stile von Louise Brooks auftritt (Marions aktueller Film "Tochter der Sünde" erinnert an Pabsts DIE BÜCHSE DER PANDORA).

Nadja Tiller als Louise-Brooks-Verschnitt.

So wie die Fassung von 1944 aber auch ihren eigenen Zeitgeist widerspiegelte - vor allem in der Figur eines Lehrers, der erklärt, daß die Jugend Disziplin zu "schönem, geraden Wachstum" braucht - merkt man auch der Neuverfilmung an, wann sie gedreht wurde. Weil seit den späten Sechzigern der Aufklärungsfilm das deutsche Kino an sich riß - im selben Jahr wie diese FEUERZANGENBOWLE erschien auch der erste SCHULMÄDCHEN-REPORT - wird in einer Szene eine Änderung im Lehrplan diskutiert: "Die Fortpflanzung soll eingeführt werden!". Der alte Professor Bömmel resigniert: "Was können wir denen noch beibringen auf dem Gebiet?"

Hauptsächlich ist das Entstehungsjahr allerdings weniger als gesellschaftlicher oder politischer Zeitgeist wahrnehmbar, sondern als kommerzielles Kalkül: Weil die 1968 gestartete Reihe um DIE LÜMMEL VON DER ERSTEN BANK eine höchst erfolgreiche Paukerfilmwelle um Schülerstreiche und überforderte Pädagogen lostrat, ist auch die neue FEUERZANGENBOWLE als Film in diesem Fahrwasser designt. Unter den Lehrern agieren die aus der LÜMMEL-Reihe bekannten Darsteller Theo Lingen und Rudolf Schündler; auch Uschi Glas, die neben drei LÜMMEL-Filmen auch in den zuvor erschienenen Schulkomödien KLASSENKEILE und IMMER ÄRGER MIT DEN PAUKERN zu sehen war, ist als Pfeiffers junge Liebschaft Eva mit von der Partie. Weil in diesen Streifen die Streiche gerne mal ins Absurde abdriften, dürfen die Burschen auch hier mal eben die Lehrer im Besprechungszimmer einmauern.

Theo Lingen als Professor Crey (links), Fritz Tillmann als Direktor Knauer.

Kurios ist vor allem, wie lieb- und einfallslos die Neuverfilmung heruntergekurbelt wurde. Obwohl mit Käutner ein gediegener Veteran die Spielleitung übernommen hat, agieren die Darsteller fahrig, das Timing hat keinen Biß, der Dialogwitz verpufft. Die Bildgestaltung ist mitunter auffallend egal: Da werden ohne rechten Rhythmus Einstellungen aneinandergeschnitten, die einfach nicht miteinander harmonieren wollen oder schlichtweg nachlässig ausgewählt sind. Ständig sind Szenen in merkwürdig distanzierenden Aufsichten abgefilmt. Selbst wenn der Film den Vorgänger ganz offensichtlich kopiert, ist das minderwertig umgesetzt: Man denke an die Überblendung von der strengen Büste zum nicht minder strengen Gesicht des Direktors, die 1944 in Frontalansicht die maximale Wirkung hatte - hier wird das als Schwenk von schräg links nach unten umgesetzt und verliert damit den Witz, der ja auch in der Formstrenge lag. Nur sehr selten blitzt durch, daß Käutner einst zu den einflußreichsten Regisseuren Deutschlands gehörte - zum Beispiel in einer Szene im Kino, wo er ein gewisses Vergnügen an der Nachstellung eines Stummfilms zeigt. Oder mit einem Satz von Theo Lingen, der über die Frauenfiguren in deutschen Literaturklassikern redet, die Marion aus Georg Büchners DANTONS TOD aber ablehnt: Büchner sei ein "Revolutionär, und somit kein Klassiker".

Solche Momente sind aber viel zu selten. Die Neuverfilmung der FEUERZANGENBOWLE schafft es damit nicht, die Spoerlsche Sehnsucht nach einer sehr selektiv erinnerten unbekümmerten Jugend, die Nostalgie um eine derart nie existierende sorglose Schulzeit heraufzubeschwören. Stattdessen weckt sie nur Nostalgie nach der mittlerweile 70 Jahre alten Verfilmung mit Rühmann.



Die Feuerzangenbowle (Deutschland 1970)
Regie: Helmut Käutner
Buch: Helmut Käutner, nach dem Roman von Heinrich Spörl
Musik: Bernhard Eichhorn
Kamera: Igor Oberberg
Darsteller: Walter Giller, Uschi Glas, Theo Lingen, Willy Reichert, Fritz Tillmann, Hans Richter, Wolfgang Condrus, Rudolf Schündler, Helen Vita, Nadja Tiller, Gerd Lohmeyer, Ivan Desny
FSK: 6

Die Screenshots stammen von der 2006 erschienenen DVD (C) Universum Film GmbH.
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Christian Genzel

Christian Genzel arbeitet als freier Autor und Filmschaffender. Sein erster Spielfilm DIE MUSE, ein Psychothriller mit Thomas Limpinsel und Henriette Müller, handelte von einem Schriftsteller, der eine junge Frau entführt, weil er sie als Inspiration für sein Buch braucht. Außerdem drehte Genzel mehrere Kurzfilme, darunter SCHLAFLOS, eine 40-minütige Liebeserklärung an die Musik mit Maximilian Simonischek und Stefan Murr. Derzeit entwickelt er seinen zweiten Spielfilm BROT UND SPIELE, eine Komödie mit Thomas Limpinsel, Götz Otto und Steffen Wink über alte Kindsköpfe und noch ältere Computerspiele.

Christian Genzel schreibt außerdem in den Bereichen Film, TV und Musik, unter anderem für GMX und den All-Music Guide. Außerdem hält er Vorträge zu Filmthemen und kuratierte 2014 an der Universität Salzburg eine Filmreihe zum Thema "Erster Weltkrieg".

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