Der tapfere Don Arrigone durfte unlängst im Genzel HQ den schönen Film BIRDEMIC: SHOCK AND TERROR sehen - über den ich selbst hier auch schon berichtet habe. In seinem Gastbeitrag berichtet Don, welch emotionales Erlebnis dieser Abend für ihn war:



Wenn ein Film mit PLAN 9 FROM OUTER SPACE und TROLL 2 verglichen wird, macht das neugierig. Umso mehr, wenn es heißt, er wäre noch schlechter. Aber wenn die genannten Referenzen insofern lustig sind, als daß sie schlecht sind, kann man daraus leider nicht logisch ableiten, daß ein noch schlechterer Film noch lustiger ist. Denn trotz all der Verbrechen wider den guten Geschmack und letztlich die Menschheit selbst, die sich in BIRDEMIC finden (angeblich wird der Streifen inzwischen vom US-Militär zur Folter eingesetzt), ist der Film vor allem eines: stinklangweilig.

Es reicht alleine schon die Eingangssequenz: Ewig lang kurvt Hauptcharakter Rod durch die Pampa, während die Credits eingeblendet werden. Ähnlich langweilig geschah dies in MANOS, doch war, wenn ich mich recht erinnere, die technische Umsetzung dort sogar minimal besser (nie dachte ich, so etwas sagen zu können). Für BIRDEMIC wurde die Kamera, die das aufregende Geschehen einer Fahrt mit 60 km/h filmt, nämlich schlichtweg irgendwie am Beifahrersitz montiert. Daß das Armaturenbrett das untere Drittel des Bildes einnimmt und die Kamera ständig verrutscht, soll da nicht stören.


Ein solches Opening ist, wie so vieles in BIRDEMIC, sogar kurz lustig, aber für fünf Minuten kann mich schlechte Kameraführung dann doch nicht unterhalten. Eher beginne ich darüber nachzudenken, ob ich dieses Jahr schon meine Steuererklärung gemacht habe, und daß wieder einmal ein Gespräch mit dem netten Herren von der Rentenversicherung notwendig wäre.

Als meine Fantasien über meine Geldbelange gerade ihren dramatischen Höhepunkt erreichen – ich erwerbe Anteile an einem sehr konservativen, aber sicheren Aktienportfolio, das sich mit großer Sicherheit positiv auf meine Pensionszahlungen auswirken wird – reißt mich BIRDEMIC aus meinen Träumen: Rod ist in einem kleinen Dorf angekommen. Er steigt aus und geht, so gezwungen man nur ungezwungen gehen kann, in ein Restaurant. Dort merken wir, daß am Ende der Dialoge stets die Tonspur kurz aussetzt, was anfangs unterhaltsam, aber dann nur noch nervig ist. Er bestellt Essen und sieht eine halbwegs attraktive Frau, der er dann nachrennt. Praktischerweise ging die junge Schöne, Nathalie, auf dieselbe Schule, Rod ist ihr aber nie aufgefallen – kein Wunder, ist er doch ein gelecktes BWL-Frettchen, deren Legion vermutlich nicht einer Universität, sondern geheimen Klonfabriken entspringen. Womit ich nicht sagen will, daß sie sich in irgendeiner Form über das Klischee des blonden Dummchens erhebt. Sie tauschen Karten aus, dann ist es Zeit für einen der zahlreichen Ortswechsel.


Und, oh mein Gott, wenn die Fortbewegung von Punkt A nach B nicht einen der grausamen Tiefpunkte des Filmes darstellt. Die meisten Sequenzen sind in BIRDEMIC so aufgebaut, daß ein Charakter ins Auto steigt und losfährt. Dann sehen wir zwei bis drei Einstellungen lang, wie er irgendwo die Straße entlangfährt. Es folgt Einparken, Aussteigen, Gehen, und letztlich das Betreten von Punkt B. Und das bei jedem Ortswechsel. Ich gleite kurz wieder in meine Fantasie ab, doch raten mir die Stimmen nun, in Waffen zu investieren, das sei ähnlich sicher und voraussichtlich profitabler.

Es kommt, wie es kommen muß: Rod und Nathalie verlieben sich, überschneiden sich ihre Ideale doch praktischerweise mit dem Klischee, das sie jeweils verkörpern. Sie ist schön und sexy, er ist schön und schlau (bzw. wird er zumindest im Film als erfolgreich und fachlich kompetent dargestellt, letztlich ist er natürlich immer noch als schmieriges BWL-Frettchen tätig). Auch meint Nathalie, daß er ein Gentleman sei, da er sie nicht von Anfang an versucht habe flachzulegen, wobei sie natürlich übersieht, daß er sich beim ersten Date gleich bei ihr in der Wohnung auf eine Tasse heißen Kaffee einladen wollte – seit GTA sollte eigentlich jede/r wissen, was das heißt.


Dabei versucht der Film sogar, Rod etwas Persönlichkeit und Tiefe zu geben: Er setzt sich aktiv für alternative Energiegewinnung ein und verweist gelegentlich auf die Schädlichkeit der Nutzung fossiler Energieträger. Diese Sequenzen sind zwar nicht subtil, aber zumindest nur eingestreut; wie auch die gegen Ende der ersten Hälfte auftauchenden toten Vögel sind sie allerdings nur Vorahnung eines größeren Grauens.

Während die Stimmen und ich überlegen, daß man mit dem durch Investition in Waffen erwirtschafteten Überschuß Benzin kaufen könnte, um Kaufhäuser in Brand zu setzen, haben Rod und Nathalie endlich Sex, der allerdings nur in Unterwäsche stattfindet, obwohl ohnehin nur die Beine gezeigt werden. Dafür ist die Sequenz angenehm kurz. Aber besser ein vorzeitiger Höhepunkt als gar keiner – was, BIRDEMIC?


Und damit entwickelt sich der Film plötzlich in eine ganz andere Richtung: Während die beiden den kleinen Tod sterben, kümmern sich in der Stadt urplötzlich Adler und Falken um eine weniger metaphorische Form des Ablebens. Wobei ich, wenn ich Adler und Falken sage, natürlich billigste Computereffekte meine, die jeglicher Realität entbehren, können die Viecher doch im Stand fliegen. Und explodieren. Todesmutig wirft sich Adler um Adler in ein Gebäude oder Fahrzeug, um sich zusammen mit diesem in die Luft zu jagen – Tora! Tora! Tora! Auf jeden Fall befindet sich die Stadt im Chaos, und ein wahnsinniger Flammenteufel vor einem apokalyptischen Weltenbrand würde da auch nicht mehr auffallen.

Rod und Nathalie fliehen zu ihren Nachbarn und entkommen zusammen mit diesen, indem sie sich mit Kleiderbügeln gegen die Vögel wehren und sich so zum Auto durchschlagen. Der Kampf hat dabei die statische Dynamik eines EGA-Rollenspiels: Nach genügend Rumfuchteln mit dem Bügel ist plötzlich ein Vogel weniger im Bild. Rods Nachbar hat seinen schwarzen Van glücklicherweise mit Waffen gefüllt – wieso nicht mit Benzinkanistern? – und so können sie sich eine Zeit lang erfolgreich der Vögel erwehren. Des Nachbarn Freundin stirbt leider, als sie beim Kacken von einem Vogel erwischt wird – der Film ist halt auf Realismus bedacht – den Nachbarn selbst bringen die Federviecher dann mit Säurekacke um die Ecke. Und andere Leute regen sich über Scheiße auf der Windschutzscheibe auf.


Die folgende Reise hat kein Ziel, was an sich schon schlimm genug wäre, aber sie wird auch noch durch mehrere Treffen mit unnötigen Nebencharakteren unterbrochen. Dabei erfüllen sowohl der Ornithologe, dessen große Stunde eigentlich gerade geschlagen hätte, als auch der Hippie im Wald dieselbe Funktion: Sie sollen darauf hinweisen, daß Global Warming der Auslöser der Vogelattacke sei. Vorbild war eben nicht nur DIE VÖGEL, sondern auch EINE UNBEQUEME WAHRHEIT – wobei die unbequemste Wahrheit natürlich noch immer die ist, daß Filme wie BIRDEMIC auf BluRay erscheinen. Beziehungsweise, daß Gott überhaupt zulässt, daß solcher Schund gedreht wird. Gut, daß es irgendwann dann doch vorbei ist – natürlich ohne irgendeine sinnvolle Auflösung.

BIRDEMIC ist gerade dabei, sich durch seine Machart Kultstatus zu erarbeiten. Und tatsächlich: Wer einmal sehen will, was in einem Film alles schiefgehen kann, sollte ihn sich tatsächlich ansehen. Den Unterhaltungswert von "good bad movies" wie TROLL 2 erreicht dieser Schund allerdings bei weitem nicht – dafür ist er viel zu langsam und uninspiriert. Die Fehler in BIRDEMIC variieren kaum, wiederholen sich dafür bis ins Unendliche. Was beim ersten Mal lustig ist, hat sich innerhalb von Minuten abgenutzt – Fans des Films kann ich insofern nicht verstehen. Ich zumindest kann mir viel Besseres vorstellen, als sich BIRDEMIC anzusehen. Viel davon hat mit Feuer zu tun.

Don Arrigone bedankt sich gerade bei Herrn Genzel für die Vorführung von BIRDEMIC.



Birdemic: Shock and Terror (USA 2008)
Regie: James Nguyen
Buch: James Nguyen
Produktion: James Nguyen
Kamera: Daniel Mai
Musik: Andrew Seger
Darsteller: Alan Bagh, Whitney Moore, Rick Camp, Patsy vanEttinger, Colton Osborne, Damien Carter

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Christian Genzel

Christian Genzel arbeitet als freier Autor und Filmschaffender. Sein erster Spielfilm DIE MUSE, ein Psychothriller mit Thomas Limpinsel und Henriette Müller, handelte von einem Schriftsteller, der eine junge Frau entführt, weil er sie als Inspiration für sein Buch braucht. Außerdem drehte Genzel mehrere Kurzfilme, darunter SCHLAFLOS, eine 40-minütige Liebeserklärung an die Musik mit Maximilian Simonischek und Stefan Murr. Derzeit entwickelt er seinen zweiten Spielfilm BROT UND SPIELE, eine Komödie mit Thomas Limpinsel, Götz Otto und Steffen Wink über alte Kindsköpfe und noch ältere Computerspiele.

Christian Genzel schreibt außerdem in den Bereichen Film, TV und Musik, unter anderem für GMX und den All-Music Guide. Außerdem hält er Vorträge zu Filmthemen und kuratierte 2014 an der Universität Salzburg eine Filmreihe zum Thema "Erster Weltkrieg".

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