Wieder einmal darf ich mir einen schönen Verdienst auf den Lebenslauf schreiben: Ich habe nicht nur mein Land im Alleingang vor zahlenstark hereinbrechenden Feindformationen beschützt, sondern es dabei auch noch zum Präsidenten geschafft. Und das von einem kleinen Kahn aus, der den Hundertscharen von angreifenden Flugzeugen und Helikoptern kaum gewachsen zu sein scheint!

Die Rede ist natürlich (!) von WAVY NAVY, einem C64-Spiel aus dem Jahre 1983, das ich vor ein paar Tagen wieder hervorgekramt und endlich gemeistert habe. Im Kern stellt das kleine Programm aus dem Hause Sirius Software einfach eine Variation des Klassikers GALAGA bzw. natürlich SPACE INVADERS dar: oben greifen viele Gegner in Formation an, unten steuert man ein einsames bewaffnetes Transportmittel und versucht, möglichst lange zu überleben.



WAVY NAVY kann dem Spielprinzip aber ein paar schöne Eigenheiten abgewinnen: Hier steuert man nämlich kein Raumschiff und schießt auf Aliens, sondern ein Kriegsschiff im Kampf gegen Fliegerformationen. Das Schiff schwimmt auf übertrieben hohen Wellen auf und ab, was das Bewegen nach links und rechts einerseits erschweren kann - weil man zum Beispiel gegen den Strom schwimmt - andererseits aber auch zum Vorteil genutzt werden kann, wenn man sich vor einer gegnerischen Attacke hinter einem Wellenberg verschanzt.

Die Gegner sind zunächst einmal sehr zahlreich und gleich im Anschluß auch hundsgemein im Angriff. Am stärksten vertreten sind gewöhnliche Flugzeuge, die sich aus der Formation lösen, mit Bomben nach dem Schiff werfen oder gleich heldenhaft den Kamikazetod suchen wollen. Wenn die Flieger dabei das Schiff verfehlen und ins Wasser knallen, schaffen sie es übrigens, nur wenige Momente danach unbeschadet wieder am oberen Bildschirmrand aufzutauchen. Mitunter fliegt auch ein Bomber horizontal über den Schirm, der die gesamte Spielfläche mit einem Bombenteppich beglückt, und dann gibt es außerdem noch eine Rakete, die sich zuerst am oberen Rand mit Alarm ankündigt und dann so dicht über das Wasser fegt, so daß man nur in einem Wellental Deckung suchen kann. Dort schwimmen leider mitunter Wasserminen, die das Schiff empfindlich verbeulen können - und weil das noch nicht genug Streß ist, fliegen auch noch Helikopter herum, die einen mit dem Maschinengewehr beharken.



Das ist ein paar Level lang natürlich ganz simpel und einfach - und nur wenige Momente später wird das Geschehen so dichtgepackt, daß man sich stets so ziemlich allen Angriffen gleichzeitig ausgesetzt sieht. Nach jedem abgefrühstückten Schirm spendiert das Programm großzügig ein Extraleben - was man in den späteren Levels aber auch dringend benötigt, wenn zwei Hubschrauber, vier Kamikazeflieger und ein Bomber gleichzeitig das Schiff bedrängen.

Jede abgeräumte Formation resultiert übrigens auch in einer Beförderung, die in den Rängen vom gemeinen Schiffskoch über den Kanonier bis hin zum Kapitän, Admiral, Verteidigungsminister und Präsidenten reicht. Oh ja, in dieser Hinsicht ist das Spiel uramerikanisch: Wer mit kühlem Kopf oder viel Glück genug Demokratiefeinde bezwingt, ist auch sicherlich dazu befähigt, ein ganzes Land zu regieren. Warum das Spiel in den Vorwahlen nicht als Eignungstest für hoffnungsfrohe Präsidentschaftskandidaten verwendet wird, ist mir daher auch völlig schleierhaft.



WAVY NAVY ist technisch eher schlicht und funktional gehalten: Es gibt keine aufregenden Grafiken - nicht mal für 1983 - und geräuschmäßig gibt es nur diverse Schüsse und Explosionen, Helikopterknattern und ein wehmütiges Piepsen beim Sinken des Schiffes. Immerhin wird bei jeder Beförderung ein kurzes Lied angestimmt - von "What Shall We Do with the Drunken Sailor" über den Popeye-Song hin zu "Row Row Row Your Boat". Zwei technische Aspekte trüben den Spielspaß ein klein wenig: Einerseits ist die Kollisionsabfrage bei den horizontal fliegenden Gegnern nicht wahnsinnig präzise, so daß ein eigener Schuß schon gerne mal sichtbar durch einen Bomber oder eine Rakete hindurchfliegt (das trifft zum Glück nicht auf die übrigen Gegner zu). Und andererseits gerät der arme Brotkasten bei viel Gewusel auf dem Schirm doch schon mal ins Schwitzen, wodurch sich das Spiel verlangsamt und ein wenig ruckelig wird. Das ist natürlich schade, bremst aber die Freude am Spiel nicht allzusehr aus.

Es gibt drei Schwierigkeitsstufen, und nur auf "Expert" kann man es bis zum Präsidenten schaffen. Was ich natürlich heute früh machen konnte. Ab dann läuft das Spiel quasi in Endlosschleife weiter - man spielt nur noch weiter um Punkte, und weil es ja weiterhin pro geschaffter Formation ein Bonusleben gibt, kann man das als geübter Spieler trotz übermotivierter Kamikazeattacken doch eine ganze Zeitlang durchhalten.In meinem Fall: bis zu einem Punktestand von 22760.



Oh ja, WAVY NAVY ist ein schönes, spannendes Spiel für Zwischendurch. Immer mal wieder. Aber darf man sich als Präsident eigentlich noch den bereits abgehakten Aufgaben widmen? Muß man sich da nicht neue Herausforderungen suchen - wie zum Beispiel endlich einmal alle vier Schwierigkeitsgrade von AZTEC CHALLENGE durchzuspielen?


Der Coverscan und das animierte GIF stammen aus dem C64-Wiki. Die beiden anderen Screenshots stammen von der Seite Lemon64. Der Highscore-Screenshot stammt, wie man unschwer an meiner präsidentschaftlichen Reflektion ersehen kann, von mir selbst.

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Christian Genzel

Christian Genzel arbeitet als freier Autor und Filmschaffender. Sein erster Spielfilm DIE MUSE, ein Psychothriller mit Thomas Limpinsel und Henriette Müller, handelte von einem Schriftsteller, der eine junge Frau entführt, weil er sie als Inspiration für sein Buch braucht. Außerdem drehte Genzel mehrere Kurzfilme, darunter SCHLAFLOS, eine 40-minütige Liebeserklärung an die Musik mit Maximilian Simonischek und Stefan Murr. Derzeit entwickelt er seinen zweiten Spielfilm BROT UND SPIELE, eine Komödie mit Thomas Limpinsel, Götz Otto und Steffen Wink über alte Kindsköpfe und noch ältere Computerspiele.

Christian Genzel schreibt außerdem in den Bereichen Film, TV und Musik, unter anderem für GMX und den All-Music Guide. Außerdem hält er Vorträge zu Filmthemen und kuratierte 2014 an der Universität Salzburg eine Filmreihe zum Thema "Erster Weltkrieg".

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