Schon der Beginn des dritten Teils war ja ein wenig großspurig. Part 4 poltert noch lauter los: Ein Sprecher steht vor einer riesigen Wand, die mit Plakaten der Vorgänger tapeziert ist, und lächelt uns an. "Tja, meine Damen und Herren, da sind wir wieder. Sie werden sich sicher an uns erinnern, wenn Sie zu den 30 Millionen gehören, die die ersten drei Schulmädchen-Report-Filme in 28 Ländern zu einem Welterfolg machten." In der Tat hatte sich Produzent Wolf C. Hartwig schon mit den Vorgängern dumm und dämlich verdient (die Adjektive erscheinen mir im Hinblick auf die Filme richtig gewählt); díe Auszeichnung der deutschen Kinobranche, die Goldene Leinwand (die für einen Film mit mindestens 3 Millionen Zusehern verliehen wird), wollte man Hartwig zunächst verweigern - vielleicht, weil man sich schämte, daß der größte Geldregen im deutschen Kino ausgerechnet von Sexfilmen herrührte. Hartwig setzte seinen Anspruch dann durch und kassierte in einem Aufwasch gleich drei der Auszeichnungen - für jeden Teil der Serie.

Weil ja nicht nur aus heutiger Sicht der aufklärerische Gestus der Filme hinterfragt werden darf und die einzelnen Aussagen der wiedergegebenen Geschichten mitunter ja höchst problematisch sind - die ganze Reihe ist von schamloser Anbiederung und heuchlerischer Doppelmoral durchsetzt - versucht Teil 4 mit dem eher willkürlich gewählten Untertitel WAS ELTERN OFT VERZWEIFELN LÄSST(Kinostart nur 7 Monate nach Teil 3) gleich zu Beginn, den Kritikern vorzugreifen: "Kaum ein Film wurde je so angegriffen wie jeder einzelne dieser Serie. Dabei sind fast alle gezeigten Szenen authentischen Unterlagen entnommen. Das Leben schreibt nunmal die interessantesten Drehbücher". Jaja, nickt da jeder 60jährige Herr wissend und legt die Bild-Zeitung beiseite. Und dann wird sogar eingeräumt: "Natürlich wollen wir nicht behaupten, daß sich alle Schulmädchen so verhalten, wie wir es Ihnen zeigen. Aber es wäre auch unsinnig, vor Tatsachen die Augen zu verschließen." Nun denn, auf in die vierte authentische Runde rund um die jungen Luder und die armen älteren Herren, die gar nicht wissen, wie ihnen da geschieht.


Gleich zum Einstieg sehen wir eine herzerwärmende Geschichte über die Schülerin Elfi, die kurz vor dem Abitur steht und aber in ihren Mathematikleistungen zu wünschen übrig läßt. Wir sehen Elfi zunächst im Klassenzimmer, wie sie über die Warnungen des Lehrers nur witzelt, danach beobachten wir sie dann in einem Boot liegend, wie sie gerade von ihrem Freund bestiegen wird. "Elfi gibt sich sehr selbstsicher. Woher hat sie diese Selbstsicherheit?", fragt der Sprecher, aber die Beantwortung können wir uns wohl nur aus dem maritimen Beischlaf herausholen. Elfi jedenfalls macht am nächsten Tag ihrem Lehrer den Vorschlag, daß er ihr die Fragen für die Abiturprüfung vorab zukommen läßt, und sie ihn dafür auch im Geiste der Serie belohnt. "Sie sind ja wahnsinnig", spricht der Pädagoge, aber sie ist ihm argumentativ überlegen: "Sie sind feige. Sie sind kein Mann".

Das kann der Herr natürlich kaum auf sich sitzen lassen! Beim kleiderlosen Herumturnen auf dem Bürofußboden zeigt sich sofort, wie sehr für diesen Lehrer die Arbeit eine Herzensangelegenheit ist: "Du mußt immer bei mir bleiben", bittet er Elfi und versichert ihr: "Es gibt viele Lehrer, die ihre Schülerinnen geheiratet haben". Schade nur, daß Elfi nach dem bestandenen Abitur wieder mit ihrem Freund von dannen zieht und der arme Lehrer nun seine Zukunftspläne zerstört sieht. Jaja, da verhält man sich höchst anständig und bietet eine Heirat an, und dann brechen einem die Frauen das Herz. Zum Glück dürfte es nächstes Jahr wieder ja wieder eine neue Abiturklasse mit schwächelnden Schülerinnen geben. (Es soll übrigens nicht verschwiegen werden, daß dieselbe Schauspielerin - Karin Götz - schon im zweiten Teil als eine damals noch dunkelhaarige Schülerin Elfie einen armen Pädagogen verführte und in den Selbstmord trieb. Hoffentlich ist Elfie nicht nach dem Abitur auch noch auf die Uni gegangen. Karin Götz spielte außerdem in Teil 3 die liebe Renate, die sich ihrem Vater an den Hals warf, um seine Ehe zu retten.)


Kommen wir flugs zur zweiten Episode: Der alte Trick älterer Herren, sich als Schularzt auszugeben und von Tür zu Tür zu wandern, um die Mädels eingehender Untersuchungen zu unterziehen. (Eine Rahmenhandlung gibt es diesmal nicht, und die Straßeninterviews wurden mitsamt Friedrich von Thun ausgemustert - vielleicht, weil man sich auf das Wesentliche beschränken wollte.) Da stellt sich also so ein netter Mann an der Haustür als Doktor vor, und das liebe Mädchen wundert sich auch nur ganz kurz, bevor es sich für die Examination freimacht. "Der Luftdruck stimmt", freut sich der Arzt beim Befühlen der Brust. Die Frau darf sich nun nackt auf das Sofa legen, mit dem Bauch nach unten, und fragt dann, nachdem der Herr Doktor auf sie draufgeklettert ist: "Herr Doktor, ist das Ihr Thermometer?" Da sieht man einmal mehr, wie dringend doch hier Aufklärungsfilme benötigt werden. Diese Geschichte begeistert ein junges Paar derart, daß der Freund sich kurzerhand ebenso als Schularzt ausgibt, um mit seiner Freundin trotz der strengen Eltern alleine sein zu können. Während die beiden also oben im Haus tätig sind, brüllt unten der Papa das Fußballspiel im Fernsehen an ("Na Mensch, jetzt donner doch rein!"). Dann hat der Patriarch allerdings einen Bandscheibenvorfall, und die Mutter holt den vermeintlichen Schularzt nach unten. "Was empfehlen Sie, Herr Doktor?", fragt sie. "Ich empfehle, einen Arzt zu holen", sagt der. "Gute Idee, Herr Doktor!"

Aber so ein Schulmädchen-Report wäre ja kein Schulmädchen-Report, wenn nicht auch wieder die ganz üblen Hämmer mit heuchlerischster Betroffenheit präsentiert werden würden: In der nächsten Episode dreht sich die Handlung um Caroline, eine schwarze Schülerin (adoptiert und mit viel Liebe von den Eltern aufgezogen, oh ja), die von den anderen Mädels an der Schule gehaßt und mit rassistischen Kommentaren eingedeckt wird. Die Jungs würden zwar gerne mal bei ihr landen, aber freilich will keiner mit ihr gesehen werden - bis auf den aufrechten Sascha Hehn natürlich, ihren sensiblen Freund, der sie auch ganz doll liebhat und sich in Wald und Wiesen mit ihr vergnügt. Dann wird Caroline aber von den Mitschülerinnen zu einer vermeintlichen Party eingeladen, wo sie von diversen Schulkameraden vergewaltigt wird. "Wir halten es für außerordentlich wichtig, Ihnen diese Szene in aller Deutlichkeit zu zeigen", wird uns im Off-Text erklärt, denn: "Sie steht symbolisch für die Vielfalt der Probleme zwischen Rassen und Völkern, mit denen selbst die klügsten Politiker bisher nicht fertig geworden sind". Ganz genau, wir sind ja hier, um etwas zu lernen. Aber was nur? Der Sprecher schwingt noch die psychologische Keule hinterher: "Den weißen Mädchen paßt es nicht, daß die Jungens der Schwarzen mehr sexuelle Aufmerksamkeit widmen als ihnen. Sie müssen die vermeintlichen Vorzüge der Fremden zerstören, erst dann ist ihre Welt wieder in Ordnung." Bevor der Kommentator noch mehr Unfug von sich geben kann, kommt aber schon Sascha Hehn und rettet seine Freundin. "Du kommst schon drüber hinweg", tröstet er sie unglaublich einfühlsam. Und dann wird uns noch das traurige Ende der Beziehung verraten: Irgendwann hatte auch Sascha Hehn genug von den ständigen Hänseleien, und dann hat er Caroline einsam zurückgelassen und keine behämmerten Sexfilme mehr gedreht.


Der Film ist aber noch lang nicht fertig. Da wird uns eine Schulklasse vorgestellt, wo die Schüler und Schülerinnen nicht den literaturwissenschaftlichen Ausführungen ihrer Lehrerin folgen wollen, sondern unaufmerksam sind, Zettel mit aufgezeichneten Penissen herumreichen und sich mitunter unter dem Tisch befummeln. "Ist diese Schulklasse verdorben?", fragt uns der Sprecher, der sich höchstwahrscheinlich noch nie in einer tatsächlichen Klasse mit pubertierenden Schülern befand, beruhigt uns bzw. die leidgeplagten Erziehungsberechtigten dann aber sofort: "Man muß sich hüten, von Auswüchsen auf die Allgemeinheit zu schließen". Na, Gott sei Dank. Nach dem Unterricht folgt eine unglaublich realistische Diskussion der Schüler, in der die Jungs einen grandiosen Plan aushecken, um für alle ordentlich Geld zu besorgen: Die Mädels schaffen an, die Jungs kümmern sich um das Organisatorische drumherum. Der Wortführer ist dabei sehr überzeugend: "Ein Mädchen hat doch von Natur aus ein prima Kapital, zwischen den Beinen und auch oben. Und Kapital soll man doch arbeiten lassen, oder?" Was kann man da noch sagen? "Das Vergnügen habt ihr doch auch noch", fügt der Zuhälterlehrling noch hinzu. Das überzeugt! Wenig später begutachten die Jungs die zu veräußernde Ware: "Ist doch alles dufte. Das ist schönstes Kalbfleisch", lobt einer. Zu üppigen Montagen hören wir nun, wie der Sprecher die kapitalistische Gesellschaft anprangert, in der ständig Konsum angepriesen wird und die Schülerinnen deshalb natürlich glauben, Geld haben zu müssen. Und weil die Montage gar nicht enden mag, wird noch eingeräumt: "Wir mußten Ihnen diese Szenen zeigen, weil unser Bericht über die Gefahren, denen Schulmädchen ausgesetzt sind, sonst nicht vollständig gewesen wäre". Alles klar, das sehe ich dann natürlich ein.


Es wird flott eine heitere Episode dazwischengeschoben, in der vier Mädels im Schwimmbad einen Italiener aufreißen, der von Rinaldo Talamonti gespielt wird (dem Hauptdarsteller der Graf-Porno-Reihe von Alois Brummer). Der muß sich ständig unter den Wasserfall stellen, um sich abzukühlen und den Verlockungen der Damen zu widerstehen. Im Wald gibt er dem Drängen der Schülerinnen dann endlich nach, und es zeigt sich, daß er so standhaft ist, daß die Vier irgendwann vor Erschöpfung das Weite suchen. Danach bekommen wir eine lange Geschichte serviert, in der die 16jährige Barbara in ihren 18jährigen Bruder Wolfgang verliebt ist, mit dem sie sich übrigens ein Zimmer teilt - Anlaß für den Sprecher, die schlechten Wohnsituationen in Deutschland zu monieren. Barbara träumt einen langen psychedelischen Trip, in dem sie zu Hammond-Orgel-Gesumme und funky Getrommle mit ihrem Vater schläft, eine Eroberung ihres Bruders im Nonnenkostüm sieht (das dann freudig abgestreift wird), und schließlich in der Wüste von einem Erschießungskommando exekutiert wird. Am nächsten Morgen verführt sie dann ihren Bruder. Und doch geht die Geschichte gut aus: Sie lernt kurze Zeit später einen anständigen jungen Mann kennen, und alle werden glücklich.


Überhaupt wird zum Schluß alles gut: In der letzten Episode weigert sich Ingrid Steeger (mit der wir den großen Report-Report mühelos an unsere Steeger-Retrospektive von 2007 anknüpfen können), mit ihrem Freund zu schlafen, weil sie noch nicht soweit ist. Der wird prompt im Café von der 16jährigen Anne aufgerissen (Carmen Jäckel, die in Teil 3 die "Lolita" spielte), die ebenfalls noch Jungfrau ist und diesem Zustand endlich ein Ende bereiten will. Der nette Mann hilft also aus und kehrt dann zu Ingrid zurück, der er nun Geduld und Rücksichtnahme verspricht. Wenig später will dann auch Ingrid, und die beiden leben fort als glückliches Paar. Anne dagegen grübelt im Gespräch mit den Freunden: "Das ewige Durch-die-Gegend-Bumsen, wenn da nicht noch was dabei ist, das ist auch nicht abendfüllend". Und das, obwohl ihr Gesprächspartner ihr vorher noch erklärt hat: "Bumsen hat Zukunft". Anlaß für abschließende Worte des Sprechers: In ein paar Jahren wird auch Anne die Abenteuerlust verlieren, denn "dann kommt die Sehnsucht nach dem Partner für alle Bereiche des Lebens, und dann ist die Sexualität allein wirklich nicht abendfüllend". Ich sag's ja immer: Zum Schluß wird geheiratet. Und ohne Kerl weiß so ein armes Mädchen ja gar nicht, was sie mit dem Leben anstellen soll.

Was uns wohl die restlichen 9 Teile der Serie beibringen werden?



 

Schulmädchen-Report, 4. Teil - Was Eltern oft verzweifeln läßt (Deutschland 1972)
Regie: Ernst Hofbauer
Drehbuch: Günther Heller
Kamera: Klaus Werner
Musik: Gert Wilden
Darsteller: Christina Lindberg, Ingrid Steeger, Ulrike Butz, Sascha Hehn, Gunther Möhner, Karin Götz, Carmen Jäckel
Länge: 84 Minuten
FSK: Keine Abgabe an Kinder oder Jugendliche

Hinweis: Die bei Amazon angebotene FSK18-Fassung ist mit 61 Minuten Laufzeit um ca. 23 Minuten (!) geschnitten. Die ungeprüfte Fassung, die als einzelne DVD oder in der ungeprüften Box erhältlich ist (siehe OFDB-Shop), ist ungeschnitten.


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Christian Genzel

Christian Genzel arbeitet als freier Autor und Filmschaffender. Sein erster Spielfilm DIE MUSE, ein Psychothriller mit Thomas Limpinsel und Henriette Müller, handelte von einem Schriftsteller, der eine junge Frau entführt, weil er sie als Inspiration für sein Buch braucht. Außerdem drehte Genzel mehrere Kurzfilme, darunter SCHLAFLOS, eine 40-minütige Liebeserklärung an die Musik mit Maximilian Simonischek und Stefan Murr. Derzeit entwickelt er seinen zweiten Spielfilm BROT UND SPIELE, eine Komödie mit Thomas Limpinsel, Götz Otto und Steffen Wink über alte Kindsköpfe und noch ältere Computerspiele.

Christian Genzel schreibt außerdem in den Bereichen Film, TV und Musik, unter anderem für GMX und den All-Music Guide. Außerdem hält er Vorträge zu Filmthemen und kuratierte 2014 an der Universität Salzburg eine Filmreihe zum Thema "Erster Weltkrieg".

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