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LARRY CROWNE: Inspiration als Behauptung

Es steckt ein Vakuum in der Mitte von LARRY CROWNE, der zweiten Regiearbeit von Tom Hanks, und dieses Loch wird immer sichtbarer, je länger der prinzipiell durchaus liebenswerte Film läuft. Da verliert der titelgebende Held, ein Mann Mitte 40 (Tom Hanks), plötzlich seinen Job im Supermarkt, weil er nie eine Universitätsausbildung genossen hat, und weil er anderswo auf dem Arbeitsmarkt keine Chancen hat, geht er auf ein Community College – eine Art Berufskolleg. Dort belegt er unter anderem den Kurs „Freies Sprechen“ bei Mrs. Tainot (Julia Roberts), einer frustrierten Lehrerin, die in einer freudlosen Ehe festsitzt und ihre Perspektivenlosigkeit mit starkem Alkohol betäubt. Es ist wohl kaum zuviel verraten, daß beide einander helfen können und sich dabei auch ineinander verlieben. „Ihr Kurs hat mein Leben verändert“, sagt Larry Crowne gegen Ende. Das Problem: Wir haben das nicht gesehen.

Tainots Kurs besteht daraus, daß die nicht sehr zahlreich vorhandenen Studenten kurze Präsentationen über zumeist banale Themen halten müssen. Unklar bleibt bis zum Filmende, was ihre Studenten eigentlich lernen: Tainot sitzt hinten im Raum und verbirgt ihren Kater gerne mal hinter einer großen Sonnenbrille, die Studenten plappern vorne merkwürdigen Flausch und ernten dafür genervte Reaktionen von ihr. Später, nachdem sie einen gewissen Ehrgeiz wiederentdeckt hat, sehen wir sie einmal mit den Studenten eine Sprechübung machen wie beim Theater – Zungenbrecher zur Auflockerung – aber der restliche Kurs läuft wie gehabt ab. Irgendwie will uns der Film aber gegen Ende vermitteln, daß Mrs. Tainot in der Reihe inspirierender Lehrerfiguren gleich neben John Keating aus dem CLUB DER TOTEN DICHTER stehen kann – dabei wäre ihr Kurs bestenfalls dazu geeignet, Gedanken über einen Studienwechsel zu inspirieren.

Auch der Rest der Geschichte verdammt die Aussage, der Kurs sei lebensverändernd, zur bloßen Behauptung: Larrys Leben wurde durch vieles verändert, nur nicht durch Tainots Kurs. Er schreibt sich an der Uni ein, tauscht sein teures Auto gegen einen benzinsparenden Motorroller ein, entdeckt durch einen Wirtschaftskurs verborgene Talente, um sein Schicksal wieder selber in die Hand nehmen zu können, erhält durch einen Freund die Gelegenheit, als Koch arbeiten zu können, und lernt am College die junge Studentin Talia kennen, die ihn ins Herz schließt und ihm wie in einem privaten Weltverbesserungsprojekt Kleidung, Frisur, Wohnungseinrichtung und Sozialleben aufmotzt. Tainots Kurs gibt seinem Leben nichts – wir sehen nie, wie er etwas aus dem Kurs zur Veränderung seines Lebens anwenden kann. Eigentlich ist es Larry, der Tainots Leben verändert: Sie will wieder mit Energie unterrichten, entsagt dem Alkohol und setzt ihren Loser von Ehemann vor die Tür. Vielleicht gibt sie ihm deswegen eine Eins Plus auf den Schlußtest.

Weil wir das Weltbewegende am Kurs also nie sehen und Tainot auch privat wenig Interessantes beizusteuern hat, ist es nicht ganz nachvollziehbar, wieso sich Larry in sie verliebt – vielleicht, weil sie aussieht wie Julia Roberts. An einem Abend nimmt er die schwer alkoholisierte Frau auf dem Motorroller mit nach Hause, nachdem sie sich mit ihrem Mann gezofft hat, und sie küsst ihn – aber warum diese doch eigentlich eher nach Verzweiflung wirkende Zuneigung der Grundbaustein für eine zukunftsträchtige Beziehung sein soll, der Larry zum Jubilieren bringt, bleibt in eben jenem Vakuum verborgen, das wie ein blinder Fleck im Herzen des Films existiert und irgendwann so auffällig groß wird, daß man es nicht mehr ignorieren kann.

Das ist schade, weil der Film drumherum eine durchaus charmante Angelegenheit ist. Die eigentlich ernste Realität des Arbeitsplatzverlustes wird hier ganz optimistisch aufgegriffen – es geht nicht darum, wie unfair das Leben sein kann, sondern darum, daß es nie zu spät für Änderungen ist und man sich durchaus auf neue Möglichkeiten einlassen soll. Zu diesem Ausblick paßt die Tatsache, daß LARRY CROWNE in einer freundlicheren Alternativversion unserer Welt zu spielen scheint: Hier darf der kauzige Nachbar jeden Tag einen gigantischen Flohmarkt mit exorbitanten Preisen vor seinem Haus abhalten, eine attraktive Studentin darf eine sofortige Freundschaft mit unserem etwas schlurfigen Helden eingehen, und eine Gruppe von jungen Motorroller-Enthusiasten darf den Protagonisten herzlich aufnehmen und ihre Zeit mit dem Abklappern von Second-Hand-Geschäften verbringen.

Gerade den Nebenfiguren tritt die Geschichte mit einer gewissen Herzlichkeit entgegen, und so bleibt LARRY CROWNE ein amüsanter Film mit fröhlicher Gesinnung. Es ist nur schade, daß alles an der einen Sache aufgehängt wird, die schlichtweg unausgefüllt bleibt: Mit einer Überarbeitung des merwürdigen Kurses und einer Ausarbeitung der Figur der Lehrerin hätte die angeblich inspirierende Lehrveranstaltung womöglich sogar aus LARRY CROWNE einen inspirierenden Film gemacht.

Mehr Tom Hanks auf Wilsons Dachboden:
Tragische Heiterkeit: PUNCHLINE – DER KNALLEFFEKT (1988)

 

Larry Crowne (USA 2011)
Regie: Tom Hanks
Buch: Tom Hanks, Nia Vardalos
Kamera: Philippe Rousselot
Musik: James Newton Howard
Darsteller: Tom Hanks, Julia Roberts, Gugu Mbatha-Raw, Bryan Cranston, Cedric the Entertainer, Taraji P. Henson, Rita Wilson, George Takei, Holmes Osborne, Pam Grier

Christian Genzel
Christian Genzel arbeitet als freier Autor und Filmschaffender. Sein erster Spielfilm DIE MUSE, ein Psychothriller mit Thomas Limpinsel und Henriette Müller, erschien 2011. Außerdem drehte Genzel mehrere Kurzfilme, darunter SCHLAFLOS, eine 40-minütige Liebeserklärung an die Musik mit Maximilian Simonischek und Stefan Murr, und den 2017 für den Shocking Short Award nominierten CINEMA DELL' OSCURITÀ. Derzeit arbeitet er an einer Dokumentation über den Filmemacher Howard Ziehm und produziert Bonusmaterial für Film-Neuveröffentlichungen. Christian Genzel schreibt außerdem in den Bereichen Film, TV und Musik, u.a. für die Salzburger Nachrichten, Film & TV Kamera, Ray, Celluloid, GMX, Neon Zombie und den All-Music Guide. Er leitet die Film-Podcasts Lichtspielplatz, Talking Pictures und Pixelkino und hält Vorträge zu verschiedenen Filmthemen.

    1 Comment

    1. ich vermute Du kannst dieses Erzählen "gerade aus dem Herzen". LG Kasja

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