August 2018
Roberto Benigni als Clouseau-Sohn Jacques Gambrelli

"The real curse of the Pink Panther series", schrieb Roger Ebert 1983 in seiner Kritik zu DER FLUCH DES ROSAROTEN PANTHERS, "seems to be Blake Edwards's compulsion to continue the series long after any real occasion for it." Nachdem Peter Sellers 1980 gestorben war, ließ Edwards gleich zwei Fortsetzungen folgen, DER ROSAROTE PANTHER WIRD GEJAGT und besagter FLUCH – und beide wurden sowohl von der Kritik als auch vom Publikum abgelehnt. Das ließ Edwards' Interesse an der Filmreihe aber keinesfalls abflauen: Er verklagte das Studio, die Veröffentlichung von DER FLUCH DES ROSAROTEN PANTHERS falsch gehandhabt zu haben, die antworteten mit einer Gegenklage wegen Budgetüberziehungen bei beiden Filmen. Edwards wiederum klagte wegen übler Nachrede.

Kein Wunder eigentlich, daß das Studio MGM zunächst nichts von seinem geplanten Projekt DER SOHN DES ROSAROTEN PANTHERS wissen wollte – sie gaben lieber einen TV-Film in Auftrag, THE NEW PINK PANTHER, in dem ein TV-Journalist im Stil von ROGER RABBIT zusammen mit dem aus den Filmvorspännen bekannten Cartoon-Panther ermitteln sollte, aber der von Gary Nelson inszenierte Streifen mit Charlie Schlatter in der Hauptrolle wurde nie ausgestrahlt. Edwards hielt derweil an seinem SON OF THE PINK PANTHER fest, zunächst mit Kevin Kline als Protagonist – der aber dann nach Studium des Drehbuchs befand, daß die Sache einfach nicht funktionieren würde (diese weise Voraussicht verließ ihn leider 2006, als er als Inspektor Dreyfus im Remake von DER ROSAROTE PANTHER auftauchte). Dann wurde Rowan Atkinson gefragt, den Edwards schon für den FLUCH haben wollte – damals war der Brite zu unbekannt, diesmal urteilte er (ebenso korrekt), daß niemand Peter Sellers ersetzen könne. Nachdem eine Zeitlang noch Gérard Depardieu im Gespräch war, erhielt letztlich der Italiener Roberto Benigni die Hauptrolle, der 1991 in Italien mit ZAHNSTOCHER JOHNNY einen Hit gelandet hatte.1993 kam also DER SOHN DES ROSAROTEN PANTHERS - 30 Jahre nach dem ersten Film.

Der Titel läßt auch schon ahnen, in welche Richtung die Geschichte weitergehen wird: Statt des verschwundenen Inspektors Clouseau steht nun sein Sohn im Mittelpunkt. Der entstand aus einer kurzen Liaison zwischen Clouseau und der Tatverdächtigen Maria Gambrelli (siehe EIN SCHUSS IM DUNKELN) – aber der Sohnemann Jacques weiß gar nicht, wer sein Vater ist, weil seine Mutter es vor ihm geheim hält. Jacques arbeitet als einfacher Streifenpolizist in einer kleinen französischen Stadt – und wird in die Entführung der Prinzessin Yasmin aus Lugash hineingezogen, die von Söldnern geschnappt wurde, damit ihr Vater abdankt. In den Ermittlungen ist auch der alte Chefinspektor Dreyfus tätig, der von der Ungeschicktheit von Jacques Gambrelli nervlich fast ebenso in Mitleidenschaft gezogen wird wie seinerzeit von der von Clouseau …

Burt Kwouk als Cato
Burt Kwouk noch einmal als Cato - eine Rolle, die er 29 Jahre vorher
in EIN SCHUSS IM DUNKELN zum ersten Mal gespielt hat.

Ich habe eine gewisse Faszination für solch späte Fortsetzungen, bei denen eigentlich jeglicher narrativer Impuls schon längst abhandengekommen ist: Man sieht den liebgewonnenen Schauspielern in ihren Rollen beim Altern zu, was sie sehr menschlich macht, und kann gleichzeitig den Bemühungen folgen, wie wider jeder Vernunft einfach weitergemacht wird – im marktorientierten Filmschaffen sind es dann ausgerechnet diese dem Erfolg der früheren Werke geschuldeten Fortführungen, die sich irgendwie querstellen.

Man merkt es schon an der Zusammenfassung, daß der Geist von Peter Sellers wie schon bei den vorigen beiden Filmen auch schwer über DER SOHN DES ROSAROTEN PANTHERS hängt. Nach Clifton Sleigh aus DER FLUCH DES ROSAROTEN PANTHERS ist Jacques Gambrelli der nächste Clouseau-Klon: ein tolpatschiger Polizist, der seine Mission nur durch Zufall und Glück schafft. Auch er darf durch die altbekannten Stationen des Pink-Panther-Kosmos stapfen: Die Auseinandersetzungen mit Chefinspektor Dreyfus, der von Jacques' Unglück immer wieder in Mitleidenschaft gezogen wird; die Begegnung mit Clouseaus altem Diener Cato, der noch einmal als Gehilfe mitreisen darf; der Besuch bei Verkleidungskünstler Auguste Balls, der wieder absolut haarsträubende Kostüme beisteuert (und ein tatsächliches Clouseau-Outfit!). Maria Gambrelli wird nicht wie in EIN SCHUSS IM DUNKELN von Elke Sommer, sondern von Claudia Cardinale gespielt, die im allerersten Panther-Film als Prinzessin von Lugash dabei war – die Kombination aus Figur und Schauspielerin verweist also gleich auf zwei alte Filme.

Clouseau-Sohn Jacques Gambrelli als Frauenschwarm
Wie Papa Clouseau ist auch Jacques Gambrelli (Roberto Benigni) ein Frauenschwarm -
zumindest für Prinzessin Yasmin (Debrah Farentino).

Es wäre halb so tragisch, wenn der Film wenigstens Vergnügen bereiten würde. Aber Edwards' Einfälle sind mittlerweile verbraucht, seine Slapstick-Szenen haben – von zwei, drei kurzen Sequenzen abgesehen – wenig Inspiration und keinen Biß mehr. Der Plot um die Palastrevolte zieht meilenweit am Zuseher vorüber, die Verstrickungen bleiben uninteressant. Und auch das wäre noch zu verkraften, wenn nicht Benigni in der Hauptrolle völlig fehlbesetzt wäre: Er ist ein Clown, der wenig Ähnlichkeit mit einem tatsächlichen Menschen hat. Benigni hampelt wie ein Alien durch die Szenerie und bittet förmlich um jeden Lacher, und er hält den Zuseher damit auf allerhöchster Distanz. Sellers' Witz entstand unter anderem dadurch, daß er so unscheinbar wirkte – so solide und bodenständig, wenn man ihn nur ansah, und auf gewisse Weise vertrauenswürdig; dazu kam die Gelassenheit, die er selbst angesichts größter (und meist von ihm selbst ausgelöster) Katastrophen an den Tag legte. Benigni ist ein Nervenbündel mit aufgesetzten Ticks und Manierismen, und seine Figur ist nicht mehr als eine Idee.

Die Traurigkeit, die über dem Sellers-Tribut DER ROSAROTE PANTHER WIRD GEJAGT hing, ist hier wieder allzu greifbar: Jede Sekunde des Films macht klar, warum einem Peter Sellers fehlt. DER SOHN DES ROSAROTEN PANTHERS mag als "Reboot" intendiert gewesen sein, als dieser Begriff noch nicht in Mode war, aber stattdessen sieht man zu, wie der alte Blake Edwards die Erfolge seiner früheren Tage nochmal zu fassen versucht und kläglich scheitert. Es war sein letzter Kinofilm – und ebenso der letzte Kinofilm von Panther-Stammkomponist Henry Mancini, der 1994 starb.

Dreyfus verliebt sich in Maria Gambrelli
Für seine ganzen Qualen darf sich Chefinspektor Dreyfus (Herbert Lom)
im achten und letzten Panther-Film in Claudia Cardinale verlieben.

Eine Prise Herz bringt ausgerechnet Herbert Lom in den Film, dessen Dreyfus hier gewissermaßen altersmilde geworden ist. Er wird von Clouseau Junior nicht mehr in den Irrsinn getrieben, sondern muß nur noch diverse Unfälle über sich ergehen lassen, für die er einem irgendwie leidtut. Dann verliebt er sich in Maria Gambrelli und muss damit klarkommen, vielleicht der Stiefvater dieses Clouseau-Nachwuchses zu werden. Der 75-jährige Lom hat sichtliche Freude daran, einmal eine herzliche Seite ausspielen zu können. Vielleicht muß man es also so sehen: Wenn DER SOHN DES ROSAROTEN PANTHERS sonst schon nichts war, dann wenigstens ein kleines Geschenk an Lom. Es ist wohl der Gedanke, der zählt.


Mehr aus der DER-ROSAROTE-PANTHER-Reihe auf Wilsons Dachboden:
DER ROSAROTE PANTHER WIRD GEJAGT: Ein Flickwerk-Tribut an Peter Sellers
DER FLUCH DES ROSAROTEN PANTHERS: Ein neuer Inspektor auf alten Pfaden

In den Texten auf Wilsons Dachboden und in unserem Lichtspielplatz-Podcast stecken nicht nur viel Herzblut, sondern auch eine Menge an Arbeitszeit. Wenn dir die Seite gefällt, bitten wir dich um deine Unterstützung. Du kannst entweder über unsere Amazon-Links einkaufen - oder uns direkt über PayPal eine kleine Spende zustecken. Vielen Dank!




Der Sohn des rosaroten Panthers (USA/Italien 1993)
Originaltitel: Son of the Pink Panther
Regie: Blake Edwards
Buch: Blake Edwards, Madeline Sunshine, Steven Sunshine
Kamera: Dick Bush
Musik: Henry Mancini
Darsteller: Roberto Benigni, Herbert Lom, Claudia Cardinale, Burt Kwouk, Debrah Farantino, Jennifer Edwards, Robert Davi, Graham Stark
Ted Wass als Clouseau-Ersatz Clifton Sleigh

Nach Peter Sellers' Tod wollte Blake Edwards die Figur von Inspektor Clouseau nicht neu besetzen, obwohl eine kurze Zeitlang Dudley Moore im Gespräch für den geplanten ROMANCE OF THE PINK PANTHER war. Stattdessen wollte Edwards eine neue Figur einführen, um die PINK-PANTHER-Reihe fortzuführen. Mit DER ROSAROTE PANTHER WIRD GEJAGT sollte ein Übergangsfilm als Abschied von Peter Sellers geschaffen werden, der den Clouseau in fünf vorigen Filmen spielte. Der zeitgleich gedrehte und ein Jahr später veröffentlichte DER FLUCH DES ROSAROTEN PANTHERS stellte dann die neue Hauptfigur vor: einen New Yorker Polizisten namens Clifton Sleigh, gespielt von Ted Wass, der zuvor in vier Staffeln der Sitcom SOAP – TRAUTES HEIM zu sehen war. (Tatsächlich wurde Dudley Moore auch für die Rolle angefragt – aber der hatte mittlerweile mit ARTHUR – KEIN KIND VON TRAURIGKEIT einen immensen Hit landen können und wollte sich für keine Filmreihe verpflichten.)

Die Handlung von DER FLUCH DES ROSAROTEN PANTHERS (im Original entsprechend CURSE OF THE PINK PANTHER) knüpft direkt an den "Übergangsfilm" DER ROSAROTE PANTHER WIRD GEJAGT an: Chefinspektor Clouseau bleibt verschwunden, der titelgebende gestohlene Diamant ebenso. Per Computer soll ein brillanter Detektiv ermittelt werden, der Clouseau aufspüren soll – und weil Chefinspektor Dreyfus (Herbert Lom) sehr glücklich über Clouseaus Abwesenheit ist, manipuliert er den Computer, so daß der den ungeeignetsten Polzisten der Welt ausspuckt: besagten Sgt. Sleigh.

Clifton Sleigh sucht Familie Litton auf
Zwanzig Jahre nach DER ROSAROTE PANTHER schlüpfen Robert Wagner (links),
Capucine und David Niven (rechts) noch einmal in ihre bekannten Rollen.

Und so begibt sich der Film wie schon sein Vorgänger auf eine Tour durch Clouseaus Vergangenheit (und die der Filmreihe). Sleigh besucht Clouseaus Apartment, das mittlerweile von dessen Diener Kato (Burt Kwouk) zu einem Wachsfigurenkabinett umgewandelt wurde. Er sucht den Verkleidungskünstler Prof. Balls (Harvey Korman) auf, bei dem sich Clouseau seine absurden Kostüme beschafft hat. Und er besucht den Juwelendieb Sir Charles Litton (David Niven) und dessen Frau Simone (Capucine), die ja einst mit Clouseau verheiratet war – und trifft dort auch Littons Neffen George (Robert Wagner), der ebenfalls im allerersten PINK-PANTHER-Film eine Rolle spielte. Und Dreyfus? Der leidet unter Sleighs Ungeschicktheit ebenso wie seinerzeit unter der von Clouseau, weswegen sein Nervenkostüm ihn auch diesmal wieder in mörderische Rage bringt.

Edwards' Wunsch, eine neue Figur zu etablieren, mutet angesichts des abgeschrittenen Terrains fast bizarr an. Sleigh ist wahrlich ein Clouseau-Klon: ein ungeschickter und inkompetenter Ermittler, bei dem jedes Mißgeschick zur heillosen Katastrophe heranwächst und der seinen Vorgesetzten in den Wahnsinn treibt. Nur die hoffnungslose Selbstüberschätzung Clouseaus und seine sprachlichen Verunstaltungen wurden nicht übernommen. Hauptdarsteller Ted Wass stürzt sich mit Hingabe in die Slapstick-Szenen und hat auch das Talent für Comedy-Timing – aber er gibt seiner Figur keinen Zentimeter Persönlichkeit. Wie könnte er auch, wenn der Figur schon im Skript nichts Eigenes mitgegeben wurde?

Herbert Lom als Chefinspektor Dreyfus
Und wieder wird er wahnsinnig: Chefinspektor Dreyfus (Herbert Lom).

Auch sonst hängt der Geist von Peter Sellers über dem Film wie der titelgebende Fluch – beziehungsweise: Die Abwesenheit von Sellers ist ständig spürbar. Sleigh darf ja gar kein eigenes Abenteuer erleben, sondern muß auf den Spuren von Clouseau wandeln, und als wäre das Abgrasen der bekannten Orte und Personen noch nicht genug, dreht sich auch die Handlung selber immer noch um den verschwundenen Clouseau. Zum Schluß taucht Clouseau sogar nochmal auf – jetzt, nach einer Operation, in Gestalt von Roger Moore, der bei allem Bemühen zeigt, dass man Peter Sellers schlichtweg nicht imitieren kann. Blake Edwards beweist hier gewissermaßen, warum er sich an seine eigene Weigerung, die Figur neu zu besetzen, hätte halten sollen. (Moore, der seine Szenen während einer OCTUPUSSY-Drehpause spielte, taucht übrigens nur unter dem Pseudonym "Turk Thrust II" auf – in Anlehnung an Moores Freund Bryan Forbes, der in EIN SCHUSS IM DUNKELN als "Turk Thrust" auftauchte.)

Allem Unverständnis über das Konzept zum Trotz muß aber doch festgehalten werden, daß DER FLUCH DES ROSAROTEN PANTHERS seinen schlechten Ruf nicht vollständig verdient hat: Von allen PINK-PANTHER-Filmen nach Sellers' Tod ist er bei weitem der witzigste. Es gibt eine ganze Reihe von Szenen, die wirklich vergnüglich sind – zum Beispiel der ausgedehnte Kampf, den Sleigh mit einer aufblasbaren Gummipuppe vollzieht, die er als Pseudo-Begleiterin mit sich zerrt, oder die Kraftdemonstration des Ninjas Mr. Chong (der schon in DER IRRE FLIC MIT HEISSEM BLICK auftauchte und wieder von Karatemeister Ed Parker gespielt wird), oder eine Auseinandersetzung mit Wind, Regenschirm und Gepäck am Flughafen. Aller Vertrautheit des Schemas zum Trotz: DER FLUCH DES ROSAROTEN PANTHERS ist amüsant.

Sgt. Sleigh und seine "Instant-Begleitung"
Clifton Sleigh (Ted Wass, l.) und seine "Instant-Begleitung" - der leider die Luft ausgeht ...

Ted Wass wurde seinerzeit für sechs PINK-PANTHER-Filme unter Vertrag genommen. In den nächsten Filmen wäre die Handlung dann nach New York verlagert worden, die Clouseau-Entourage mit Kato, Dreyfus und allen anderen wäre nicht weiter aufgetaucht. Terry Marcel (HAWK – HÜTER DES MAGISCHEN SCHWERTES) wäre als Regisseur des nächsten Films geplant gewesen, der von Edwards' Sohn Geoffrey und Sam Bernard geschrieben worden wäre. Die Verrisse von DER FLUCH DES ROSAROTEN PANTHERS und sein schlechtes Abschneiden an den Kinokassen machten jedoch alle diese Pläne zunichte, und Edwards verbrachte mehrere Jahre damit, im Rechtsstreit gegen das Studio vorzugehen, das seiner Ansicht nach die Veröffentlichung des Films vergeigt hatte. Auch die Kinokarriere von Ted Wass ging zu Ende, bevor sie überhaupt angefangen hatte – aber immerhin konnte er sich ab den Neunzigern als gefragter Sitcom-Regisseur etablieren, der bei zahlreichen Folgen von Serien wie BLOSSOM, CHAOS CITY, RULES OF ENGAGEMENT und 2 BROKE GIRLS die Spielleitung übernahm.

Rückblickend betrachtet ist eigentlich klar, warum das Konzept nicht aufging: Gleich zwei Übergangsfilme zur Verabschiedung eines Schauspielers, ohne den sich niemand die Reihe weiter vorstellen konnte, und zur Einführung einer Figur, die einfach zu sehr an die vorige erinnerte, vermitteln selbst den größten Fans nicht gerade Zuversicht, dass der Serie eine große Zukunft bevorsteht. Bei aller Zuneigung, die ich diesem ungeliebten Film gegenüber habe: Es ist wohl doch besser, dass Edwards seine Talente danach wieder in eigenständige Geschichten steckte.


Mehr DER ROSAROTE PANTHER auf Wilsons Dachboden:
DER ROSAROTE PANTHER WIRD GEJAGT: Ein Flickwerk-Tribut an Peter Sellers
DER SOHN DES ROSAROTEN PANTHERS: Das traurige Ende der alten Pink-Panther-Reihe


In den Texten auf Wilsons Dachboden und in unserem Lichtspielplatz-Podcast stecken nicht nur viel Herzblut, sondern auch eine Menge an Arbeitszeit. Wenn dir die Seite gefällt, bitten wir dich um deine Unterstützung. Du kannst entweder über unsere Amazon-Links einkaufen - oder uns direkt über PayPal eine kleine Spende zustecken. Vielen Dank!





Der Fluch des rosaroten Panthers (England 1983)
Originaltitel: Curse of the Pink Panther
Regie: Blake Edwards
Buch: Blake Edwards, Geoffrey Edwards
Kamera: Dick Bush
Musik: Henry Mancini
Darsteller: Ted Wass, David Niven, Robert Wagner, Capucine, Herbert Lom, Joanna Lumley, Robert Loggia, Harvey Korman, Burt Kwouk, Roger Moore, Graham Stark, André Maranne, William Hootkins, Joe Morton, Bill Nighy
Peter Sellers als Inspektor Clouseau

Posthum veröffentlichten Filmen haftet stets eine gewisse morbide Faszination an. Dabei gibt es gar nicht so viele Streifen, bei denen ein Darsteller die Premiere oder gar das Drehende nicht mehr erlebte – und noch seltener ist es, dass ein Hauptdarsteller schon zu Produktionsbeginn gar nicht mehr unter den Lebenden weilt. Einige Bruce-Lee-Filme gäbe es da, oder Ed Woods PLAN 9 FROM OUTER SPACE – und der sechste Film der PINK-PANTHER-Reihe, DER ROSAROTE PANTHER WIRD GEJAGT, dessen Hauptdarsteller Peter Sellers schon anderthalb Jahre vor Produktionsbeginn starb. Ein Tribut an Sellers sollte es werden, entsprechend wird der Film ihm schon ihm Vorspann gewidmet: "To Peter … the One and Only Inspector Clouseau". Sellers' Witwe reagierte entsetzt: Sie verklagte die Produzenten und das Studio, weil der Film das Ansehen ihres Mannes schädigen würde. Ihr wurden über eine Million Dollar zugesprochen.

Die vorigen drei PANTHER-Filme waren große Kassenerfolge gewesen, aber die Beziehung zwischen Clouseau-Darsteller Sellers und Serien-Regisseur Blake Edwards war schwer angeschlagen. Schon den dritten Film, DER ROSAROTE PANTHER KEHRT ZURÜCK, drehten beide nur, weil sie endlich wieder einen Hit brauchten; bei DER "BESTE" MANN BEI INTERPOL und DER IRRE FLIC MIT DEM HEISSEN BLICK trieben Sellers' gesundheitlichen und psychischen Probleme tiefe Risse in die kreative Zusammenarbeit. Sein Auftreten wurde als unprofessionell eingestuft, United-Artists-Mitarbeiter Steven Bach nannte ihn "seriously unbalanced". Sellers selber sagte nur: "I've honestly had enough of Clouseau – I've nothing more to give". Bezeichnenderweise aber entwickelte er ein weiteres Clouseau-Skript, ROMANCE OF THE PINK PANTHER, das er ohne Blake Edwards umsetzen wollte.

Nach Sellers' Tod im Jahr 1980 wurde eine Zeitlang Dudley Moore als nächster Inspektor Clouseau gehandelt, aber Edwards wollte lieber eine neue Figur einführen – immerhin gab es 1968 schon einmal einen Anlauf, Clouseau mit einem neuen Darsteller zu besetzen, aber der schlicht INSPEKTOR CLOUSEAU betitelte Film mit Alan Arkin stieß auf wenig Gegenliebe (Regie führte hier auch nicht Edwards, sondern Bud Yorkin). Edwards kam zu folgendem Deal: Es würde einen Übergangsfilm geben, mit dem man Peter Sellers Tribut zollen würde, und kurz darauf einen gleich im selben Aufwasch gedrehten Folgefilm, der einen neuen Inspektor vorstellen sollte. DER ROSAROTE PANTHER WIRD GEJAGT (im Original: THE TRAIL OF THE PINK PANTHER) ist also der Übergang.

David Niven und Capucine nehmen ihre Rollen aus dem ersten Film wieder auf.
Ein Wiedersehen mit Sir Charles Litton (David Niven) und seiner Frau Simone (Capucine).

Schon von der ersten Szene an ist der Film ein einziges Déja-Vu-Erlebnis. Wieder wird der Rosarote Panther gestohlen, jener Diamant, der schon im ersten Film DER ROSAROTE PANTHER und im dritten Teil DER ROSAROTE PANTHER KEHRT ZURÜCK Diebesgut wurde. Und wieder soll Chefinspektor Clouseau die Ermittlungen leiten, weil er das Juwel ja schon zuvor erfolgreich wiederbeschaffen konnte. Ganz im Sinne der comichaften Serie sind natürlich auch die anderen Figuren wieder dabei – allen voran Chefinspektor Dreyfus, den Clouseaus Inkompetenz immer noch zuverlässig in den Wahnsinn treibt.

Weil Sellers selber ja gar keine neuen Szenen mehr drehen konnte, wird auf Archivmaterial zurückgegriffen: Die ersten 45 Minuten des Films bestehen zum großen Teil aus Szenen, die ursprünglich für DER "BESTE" MANN BEI INTERPOL gedreht wurden (der Berichten zufolge in seiner Urfassung an die drei Stunden hätte dauern sollen!). Schon für DER IRRE FLIC MIT DEM HEISSEN BLICK wollte Edwards diese Sequenzen verwenden, hier kommen sie also nun zum Einsatz – und verstärken das Gefühl noch mehr, das alles doch schon irgendwie gesehen zu haben: Wenn Clouseau sich bei dem wie in einer burlesken Zirkusshow auftretenden Verkleidungsspezialisten Auguste Balls (Harvey Korman) unter anderem mit einem Quasimodo-Kostüm mit aufblasbarem Buckel ausrüsten lässt, weiß man, wie die Sequenz in DER "BESTE" MANN BEI INTERPOL gepasst hätte, wo die Verkleidung dann zum vollen Einsatz kommt.

Clouseaus Vater (Richard Mulligan) spricht mit Reporterin Marie Jouvet (Joanna Lumley)
Reporterin Marie Jouvet (Joanna Lumley) im Interview mit Clouseaus Vater (Richard Mulligan).

Für einen vollständigen Film reichen diese "Deleted Scenes" aber nicht, weshalb Clouseau nach der Hälfte des Films aus der "Handlung" verschwindet: Er wird irgendwann als vermißt gemeldet, eine Reporterin begibt sich auf Spurensuche. Hier mutiert DER ROSAROTE PANTHER WIRD GEJAGT zu einer Art Best-of-Compilation: Sie sucht unter anderem Clouseaus Hausdiener Kato (Burt Kwouk), den Gauner Sir Charles Litton und seine Frau (David Niven und Capucine greifen ihre Rollen aus dem allerersten Film wieder auf) sowie Clouseaus Assistenten Hercule Lajoy (Graham Stark) auf, um sie nach Clouseau zu befragen – und während dieser Interviews sehen wir verschiedene Szenen aus den vorangegangenen Filmen: Die wahnwitzige Verfolgungsjagd mit Gorilla- und Zebrakostümen aus DER ROSAROTE PANTHER, Clouseaus hirnverbannte Polizeiarbeit aus EIN SCHUSS IM DUNKELN, ein Trainingskampf mit Kato aus DER "BESTE" MANN BEI INTERPOL, und so weiter. Was immer der Film in seinem anfänglichen Stückwerk noch an narrativer Bahn hatte, entgleist hier endgültig.

Gegen Ende hin werden uns noch neue Rückblicke spendiert: Die Reporterin sucht Clouseaus Vater auf, der ein paar Geschichten aus dessen Jugend erzählt – zum Beispiel, wie Clouseau als Kämpfer für die französische Resistance daran scheiterte, eine Brücke zu sprengen, um die deutsche Armee aufzuhalten. Die Szenen sind ganz witzig, aber freilich sehr beliebig – und eingerahmt von einer hemmungslos absurden Interviewsituation, in der Richard Mulligan als Papa Clouseau gnadenlos chargiert, während ein Hund das uralte und senile Stubenmädchen durch das Zimmer dirigiert, indem er an ihrem Rock zerrt. Zum Schluß des Films bleibt Clouseau verschwunden, und damit wird die Brücke zum nächsten Film DER FLUCH DES ROSAROTEN PANTHERS geschlagen.

Daniel Peacock als junger Clouseau
Der junge Clouseau (Daniel Peacock) als unfähiger Resistance-Kämpfer.

Es zieht eine Traurigkeit durch DER ROSAROTE PANTHER WIRD GEJAGT, bei der man eher wehmütig wird als lacht. Wir sehen den großen Peter Sellers einmal mehr in einer seiner Paraderollen – aber wissen gleichzeitig, dass es sich nur um zusammenhanglose Schnipsel aus dem Archiv handelt. Wir sehen einer Nummernrevue zu, deren Szenen in ihren ursprünglichen Filmen so viel besser funktioniert haben. Wir begegnen David Niven wieder – der zu diesem Zeitpunkt schon an ALS (dem Lou-Gehrig-Syndrom) erkrankt war und deshalb von einem Imitator nachsynchronisiert werden musste. Natürlich sind viele der Szenen komisch – zum Beispiel, wie Clouseau in seinem unmöglichen Französisch-Englisch im Hotel nach einer Nachricht fragt, aber "message" so wie "massage" ausspricht, oder wenn er bei einem Telefonat mehrfach aus dem Hotelfenster fliegt. Und doch: Eine Dokumentation mit dem Archivmaterial wäre wohl ein trefflicheres Tribut an Sellers und seinen Clouseau gewesen als dieses Flickwerk.


Mehr DER ROSAROTE PANTHER auf Wilsons Dachboden:
DER FLUCH DES ROSAROTEN PANTHERS: Ein neuer Inspektor auf alten Pfaden
DER SOHN DES ROSAROTEN PANTHERS: Das traurige Ende der alten Pink-Panther-Reihe



In den Texten auf Wilsons Dachboden und in unserem Lichtspielplatz-Podcast stecken nicht nur viel Herzblut, sondern auch eine Menge an Arbeitszeit. Wenn dir die Seite gefällt, bitten wir dich um deine Unterstützung. Du kannst entweder über unsere Amazon-Links einkaufen - oder uns direkt über PayPal eine kleine Spende zustecken. Vielen Dank!



Der rosarote Panther wird gejagt (USA 1982)
Originaltitel: Trail of the Pink Panther
Regie: Blake Edwards
Drehbuch: Frank Waldman, Tom Waldman, Blake Edwards, Geoffrey Edwards
Kamera: Dick Bush
Musik: Henry Mancini
Darsteller: Peter Sellers, Herbert Lom, David Niven, Capucine, Burt Kwouk, Joanna Lumley, Richard Mulligan, Robert Loggia, Harvey Korman, Graham Stark, André Maranne, Denise Crosby, William Hootkins

Über Michael Ciminos epischen Spätwestern HEAVEN'S GATE, mit dem die New-Hollywood-Ära zu Ende ging, habe ich hier auf Wilsons Dachboden schon geschrieben. Er gilt als einer der größten Flops der Filmgeschichte, der ein ganzes Studio in den Ruin trieb - und fand dann unter anderem bei den Filmfestspielen von Venedig, wo Regisseur Michael Cimino 2012 den Ehrenlöwen erhielt, seine späte Anerkennung als bemerkenswertes Kunstwerk. Zusammen mit Dr. Wily spreche ich über die Themen und Besonderheiten des Films - ebenso wie über seine Entstehungsgeschichte und Hintergründe. Das führt uns auch zu einigen Überlegungen zum Filmschaffen an sich: Was bedeutet es, wenn ein Regisseur carte blanche erhält? Wie hat sich die Filmlandschaft seitdem verändert?

Viel Spaß!



Das mp3 kann HIER heruntergeladen werden.

HIER kann der Lichtspielplatz-Podcast auf iTunes abonniert werden.

Musik: Clark Kent
 
Mehr Cimino auf Wilsons Dachboden:
DEN LETZTEN BEISSEN DIE HUNDE: Ein Raubzug der Ernüchterung
DIE DURCH DIE HÖLLE GEHEN: Gefühlte Bedeutungen und das Trauma des Krieges
HEAVEN'S GATE - DAS TOR ZUM HIMMEL: Von Klassenkämpfen, Idealen und Wirklichkeit
24 STUNDEN IN SEINER GEWALT: Ein Kammerspiel in weiten Räumen
Lichtspielplatz #24 - Die Outlaws von New Hollywood/ (Podcast)
 
In den Texten auf Wilsons Dachboden und in unserem Lichtspielplatz-Podcast stecken nicht nur viel Herzblut, sondern auch eine Menge an Arbeitszeit. Wenn dir die Seite gefällt, bitten wir dich um deine Unterstützung. Du kannst entweder über unsere Amazon-Links einkaufen - oder uns direkt über PayPal eine kleine Spende zustecken. Vielen Dank!