Februar 2018
Wütende Haie in RAGING SHARKS

In den modernen Haifischfilmen passieren ja stets höchst abstruse Unfälle, weswegen die Killerflossen noch gemeiner werden, als sie es im Kino eh schon immer waren: Wirbelstürme, Genmanipulationen, Geister, Zombies, Gastauftritte von Lorenzo Lamas. Da ist es doch schön, daß die Problematik in RAGING SHARKS ganz bodenständiger Natur ist: Beim Kampf zweier Raumschiffe über einem weit entfernten Planeten wird ein Kanister mit einer Art Kristallsubstanz quer durchs All geschleudert - und landet ausgerechnet bei uns im Bermuda-Dreieck! Das durch die Substanz produzierte magnetische Feld läßt fünf Jahre später die Haie der Umgebung zu mörderischen Bestien mutieren - und das wiederum bringt das Team des nahegelegenen Unterwasser-Forschungslabors Oshana arg in Bedrängnis. Ehrlich: Greenpeace würde für solche Banalitäten nicht einmal die Praktikanten mit der Sammelbüchse auf die Straße schicken.

Die Unterwasserstation wird von Dr. Mike Olsen geleitet, der von "Parker Lewis" Corin Nemec gespielt wird und trotzdem nie mit irgendeiner anderen Figur die Uhr abgleicht. An Bord sind außerdem Olsens Frau Linda, gespielt von Ex-Model Vanessa Angel, und zwei weitere schicke Damen - eine Blonde mit Zöpfchen (Elise Muller) und eine Schwarzhaarige mit in Stein gemeißelten Gesichtszügen (Simona Williams). Die übrigen Crewmitglieder heißen alle mit Nachnamen "Fischfutter".

Olsen verläßt aber schon zu Beginn des Films die Station mit einem Mini-U-Boot und fährt wenig später die Straßen von Boston entlang. Dann erreicht ihn ein Anruf, daß sein Labor einem Haiangriff zum Opfer gefallen ist, bei dem zwei Besatzungsmitglieder ums Leben kamen und sowohl die Strom- als auch die Sauerstoffversorgungsschläuche durchgebissen wurden. Nur einen Schnitt später befindet sich Olsen schon an Bord des U-Boots USS Roosevelt, um zu Hilfe zu eilen. In einem weniger glaubwürdigen Film wäre Olsen nicht in Boston, sondern in Salt Lake City zum Hafen gefahren.

Dr. Mike Olsen und seine Frau Linda
"Schatz, hast du die Station auch gegen Angriffe von durch außerirdische Materie wildgewordenen Haien gesichert?"

An Bord der Oshana herrscht derweil so große Aufregung, daß sogar die Schwarzhaarige ein paar Sorgenfalten ins Lifting quetschen muß. Immerhin ist kaum mehr Sauerstoff vorhanden, und um den irgendwo untergebrachten zusätzlichen Bonus-Sauerstoff in die Station zu leiten, muß ein Ventil geöffnet werden - von außen. Ohne mich in die sicherlich hochkomplizierte Arbeit von Unterwasserlaborarchitekten einmischen zu wollen: Innen wäre das Ventil wirklich praktischer.

Die wütenden Haifische sind derweil so zahlreich, daß sie nicht nur unsere Station bedrohen können, sondern auch nebenher ein paar Touristen am Strand von Bermuda und einige Menschen auf einem Boot wegfuttern können. Die Nachrichten stimmen die Crew der Oshana recht betrübt: Bei solch fiesen Fischen wäre es aussichtslos, an die Oberfläche schwimmen zu wollen. Von Waffen oder Ablenkungsmanövern halten die Leute offenbar nichts - zumindest wird nie davon geredet, womöglich wurden beim ständig sinkenden Forschungsbudget des Staates als erstes die Harpunen wegrationalisiert. Für zukünftig geplante Unterwasserlabore sei noch der Hinweis gestattet, daß es ein gewisses Sicherheitsrisiko darstellt, wenn der plausibelste Weg an die Wasseroberfläche der ist, dorthin zu schwimmen.

Zum Glück naht ja aber schon Dr. Olsen auf der USS Roosevelt. Leider wird der gute Doc bei der Ankunft vom Kapitän des U-Boots informiert, daß die Roosevelt für solche Rettungsmanöver gar nicht ausgerüstet ist und ergo gar keine Unterwassershuttles für die Evakuierung bietet. "Schade", möchte man da fast rufen, und auch Corin Nemec sieht einen Moment lang so aus, als würde er sich in einen ganz anderen Film wünschen.

Simona Williams mit einem entbehrlichen Crewmitglied
"Hey, dich kenn ich doch aus SUMURU - PLANET DER FRAUEN!"

Bleibt Olsen also nur, vom U-Boot in die Forschungsstation zu schwimmen. Warum? Ganz klar: Um sich dort mit den anderen Crewmitgliedern, mit denen übrigens Funkkontakt besteht, Gedanken darüber machen zu können, wie sie von dort verschwinden können. Ich persönlich würde ja annehmen, daß es umgekehrt marginal sinnvoller wäre - wenn also die Crewleute der Oshana zum U-Boot schwimmen würden. Aber zugegebenermaßen beruht meine Unterwassererfahrung auch nur auf aufwendig produzierten Kinospektakeln wie SIRENE I.

Begleitet wird Olsen beim Tauchgang von einem gewissen Ben Stiles, der Unfälle in tiefen Gewässern in Namen der Regierung untersucht und Olsen schon mit Gerichtsverfahren und anderweitigem Liebesentzug gedroht hat. Überraschenderweise werden die beiden, während sie zur Oshana schwimmen, von Haien angegriffen. Zum Glück können sie sich gerade noch rechtzeitig in die Unterwasserluke der Forschungsstation retten - vermutlich, weil Linda Olsen bei den panischen Funksprüchen ihres Mannes sofort reagiert und flugs von der Brücke rennt, um besagte Luke zu öffnen.

Bevor alles gut wird, müssen aber leider noch die Gebrüder Fischfutter die Handlung verlassen. Einer stirbt, weil er Olsen in einem Mini-U-Boot begleitet, damit der das erwähnte Ventil öffnen kann - aber leider wird das Gefährt samt Insasse von Haien gefressen. Olsen befand sich glücklicherweise nicht im Boot, wird aber nun leider von finsteren Flossen umringt. Er schafft per Funk dem Captain der Roosevelt an, einen Torpedo in die Haifischversammlung zu schießen, und wischt alle Bedenken beiseite, daß das Geschoß womöglich zu viel Schlagkraft haben wird. So ist es dann leider auch, weshalb die Oshana etwas Schaden nimmt und den restlichen Film über nach und nach zusammenkrachen wird. Die gute Nachricht: Die Insassen haben dank des geöffneten Ventils ein paar Minuten mehr Luft.

Corin Nemec vs. fiese Fische
"Essen. Jetzt."

Innen hält einer der Mechaniker dem psychischen Druck nicht mehr stand und flüchtet in einem etwas größeren Mini-U-Boot. Angesichts der Menge an Mini-U-Booten, die hier plötzlich ins Spiel kommen, möchte man noch fragen, warum nicht eines davon zur Evakuation verwendet hätte werden können - aber da kommt auch schon der nächste Hai und futtert das Boot mitsamt dem panischen Mechaniker. Einmal mehr wäre ein "Schade" angebracht.

Als wären die bisherigen Geschehnisse noch nicht Streß genug, zeigt nun auch Ben Stiles sein wahres Gesicht: Er arbeitet in einer verdeckten Operation für einen wirklich, wirklich klandestinen Geheimdienst und ist eigentlich hinter der außerirdischen Substanz her, die zu Beginn des Films ins Wasser gefallen ist. Er mußte mit zur Oshana, weil sein Verein bislang nicht wußte, wo der Kanister mit den Kristallen zu finden sei, und zum Glück fragt niemand nach, woher sie denn dann überhaupt über die Existenz besagter Kristalle Bescheid wissen. Seine Tarnung fliegt übrigens auf, als der Kapitän der Roosevelt auf Anregung von Dr. Olsen bei der Behörde anruft, der Stiles angeblich angehörte. Woodward und Bernstein hatten es da noch schwerer, die Lügen der Regierung aufzudecken.

Ein Crewmitglied der Oshana: Elise Muller
"Hallo, Hauptquartier, kennt ihr den schon? Alle Kinder spielen im Wasser, nur nicht Schröder, der ist Köder."

Stiles bringt also der Reihe nach alle restlichen Crewmitglieder um, nachdem die ja nun über die Kristalle informiert sind - zugegebenermaßen direkt durch ihn, aber das muß er ja nicht später in seinem Bericht erwähnen. Nur Linda und Dr. Olsen halten seinen Attacken stand, selbst, als Stiles im tödlichen Zweikampf plötzlich eine scharfe Axt von der Wand nimmt. Ich stelle mir vor, daß so eine Axt in der Unterwasserstation durchaus praktisch sein kann: Wenn es brennt, muß man ja nur ein Fenster damit einschlagen, damit alles gelöscht wird.

Zum Glück kann der unsympathische Stiles aber zur Strecke gebracht werden. Während Olsen und seine Frau in der zusammenbrechenden Station schon glauben, daß nun ihr letztes Stündlein geschlagen hat, tauchen plötzlich Außerirdische zum Kanister und holen sich die hell leuchtenden Kristalle ab. Das beruhigt offenbar die Haie, weshalb die Olsens ungestört zur Roosevelt herüberschwimmen können - die beinahe schon wegfahren wollte! Zum Glück kann Olsen die Luke des U-Boots von außen öffnen und sich und seine Frau hineinretten. Ich dachte ja immer, daß man die Luke während des Tauchgangs gar nicht öffnen darf, weil dann Wasser auf die kostbare Elektronik tröpfeln könnte, aber offenbar gibt es da eigene physikalische Gesetze mit Luftdruck und Schwerkraft und Außerirdischen und so. Coole Sache, Parker!




Raging Sharks (USA/Bulgarien 2004)
Regie: Danny Lerner
Buch: Les Weldon
Musik: Steve Edwards
Kamera: Emil Topuzov
Darsteller: Corin Nemec, Vanessa Angel, Corbin Bernsen, Todd Jensen, Elise Muller, Bernard van Bilderbeek, Simona Williams, Jonas Talkington

Die Screenshots stammen von der DVD (C) 2006 Warner Bros. Entertainment Inc.

Einer der Filme, über die wir in unserer letzten Folge über die Outlaws von New Hollywood gesprochen haben, war PAPER MOON von Peter Bogdanovich. Diesmal beschäftigen wir uns ausführlicher mit dem Werk dieses Regisseurs - zumindest mit den sieben Filmen der ersten Hälfte seiner Karriere: BEWEGLICHE ZIELE, DIE LETZTE VORSTELLUNG, IS' WAS, DOC?, PAPER MOON, DAISY MILLER, AT LONG LAST LOVE und NICKELODEON. Wir sprechen über Bogdanovichs Themen und Ideen, seine erzählerischen Ansätze und seine Inszenierungstechniken - und vor allem über seine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit.

Viel Spaß!



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Musik: Clark Kent

Mehr Peter Bogdanovich auf Wilsons Dachboden:
NOISES OFF
ICH BIN DU, UND DU BIST ICH

BLACK PANTHER: Nicht der erste schwarze Superheld, aber einer, der derzeit wirklich Aufsehen erregt. Gastautor Dr. Wily, unser Spezialist im Marvel Cinematic Universe, berichtet:



Keine Infinity Stones. Keine Gastauftritte anderer Superhelden. Kaum Verbindungen zu den vorangegangenen Geschichten des Marvel Cinematic Universe. Dafür präsentiert uns BLACK PANTHER eine schöne Phantasie.

T'Challa (Chadwick Boseman) ist König von Wakanda und auch der Black Panther, der Beschützer dieses afrikanischen Staates. Die Einwohner Wakandas sitzen auf einem mächtigen Schatz, einem Bodenschatz, nämlich dem außerirdischen Metall Vibranium, das vor langer Zeit mit einem Meteoriten auf die Erde kam. Vibranium ist das härteste Metall der Welt, aber nicht nur das: Es versorgt Wakanda mit Energie, verschafft ihnen extrem hochentwickelte Technologie, unsichtbare Flugschiffe, bessere Waffen, und hat Auswirkungen auf Heilpflanzen. Aus diesen Pflanzen wird auch das Gebräu gemacht, das T'Challa trinken muß, um die Superkräfte des Black Panther zu erlangen (es gibt auch ein Getränk, das ihm die Kräfte nimmt – eine Variation des Miraculix'schen Zaubertrankes quasi), während sein Anzug ebenfalls aus Vibranium gefertigt ist (genauso wie der Schild von Captain America).

In Bezug auf das politische System hält Wakanda zwar weiterhin an der Monarchie fest, in der die Königswürde über die Blutlinie weitergegeben wird, aber immerhin kann der König herausgefordert werden. Sollte er im Schwert- und Faustwatschenkampf unterliegen, würde der Sieger statt ihm König werden. Theoretisch kann jeder den König fordern, in BLACK PANTHER kloppen sich aber nur die Jungs um den Thron. Es darf also regieren, wer körperlich am stärksten ist. Dafür sind die besten und tapfersten Kämpfer und klügsten Techniker Wakandas Frauen. Allesamt – Agentin und Freundin Nakia (Lupita Nyong'o), Prinzessin und Technikgenie Shuri (Letitia Wright) und Soldatin Okoye (Danai Gurira) – sind sie eindrücklichere und griffigere Charaktere als der humorbefreite und aus Drehbuchanforderungen stets noble König selbst. Shuri führt Wakandas Techniklabor und ist T'Challas Q, wenn er auf Bond-ähnliche Missionen geht. Okoye ist Chefin der königlichen, rein weiblichen, Leibgarde, der sich am Ende die Armee der Männer unterwerfen muß.

Wakanda ist also ein reiches und sehr fortschrittliches Land – doch davon weiß niemand. Es verbirgt sich und schützt seinen Schatz hinter einem unsichtbaren Hologrammschild. Nach außen wirkt Wakanda wie alle Länder Afrikas: ein armes Dritte-Welt-Land. Die Bewohner befürchten, daß die Kolonisatoren auch Wakanda überfallen und ausbeuten, wenn sie von dem Vibranium erfahren würden. Sie haben im Rest Afrikas gesehen, was passiert, wenn die Eroberer kommen, um sich die (Boden-)Schätze des Landes einzuverleiben. Also war es immer Wakandas Politik, sich zurückzuhalten und zu verstecken. Eine Haltung, die Nakia in Frage stellt, nachdem sie das Elend in der Welt um Wakanda herum gesehen hat. Sie ist damit nicht die erste und auch nicht die einzige.

Nakia und Shuri, die Frauen von Wakanda
Die Frauen von Wakanda: Agentin Nakia (Lupita Nyong'o, links) und Technik-Profi Shuri (Letitia Wright).


Im Gegensatz zu anderen Marvelgeschichten wie IRON MAN oder CAPTAIN AMERICA bleibt hier der politische Kontext aber nicht einfach Textur oder wird in dem Moment beiseite gelegt, wo sich Superhelden effektvoll auf die Nase hauen können. Die Held- und Königswerdung T'Challas und sämtliche Konflikte im Film hängen mit dieser Ausgangsposition und den daraus resultierenden Fragen zusammen.

Black Panther wird mit zwei Antagonisten konfrontiert. Zum einen Ulysses Klaue (Andy Serkis), ein Waffenhändler, den wir schon aus AVENGERS: AGE OF ULTRON kennen. Er ist der klassische Kolonisator: Er will das Vibranium Wakandas für seine Zwecke ausbeuten. Der andere ist Erik Stevens (Michael B. Jordan), der sich auch "Killmonger" nennt. Er ist T'Challas Cousin, das weggelegte Kind der königlichen Familie, vergessen in einem armen Viertel in Oakland, Kalifornien. Niemand durfte von ihm wissen, um die Sünden von T'Challas Vater zu verdecken. (Das Element, daß die Vergangenheit der Väter die Söhne einholt, hatten wir in IRON MAN 2 schon.) Erik hat also erbtechnisch Anspruch auf den Thron, und er fordert nicht nur T'Challa zur Rauferei, sondern auch die bisherige Politik Wakandas heraus. Er ist der Meinung, daß die Überlegenheit Wakandas dazu genutzt werden soll, Unterdrückung in der Welt zu beenden. Dabei denkt er wie ein wahrer Revolutionär: Er will sich nicht nur gegen die Unterdrücker erheben, um Ungerechtigkeit zu beenden, sondern vor allem, um am Ende selber an die Macht zu gelangen und Rache üben zu können. "Better dead than in bondage" ist einer seiner Leitsätze. Er ist getrieben von Haß und Zorn und trägt seinen Spitznamen nicht zufällig.

Dieser Konflikt entzweit im Laufe des Films nicht nur Wakandas Bürger, sondern auch den Black Panther. Seine Charakterentwicklung ist es, einen eigenen Weg zu finden, zwischen dem Erbe seiner Vorfahren, der Enttäuschung über die Fehler seines Vaters, die das Monster Killmonger hervorgebracht haben (auch hier ein Echo aus AVENGERS: AGE OF ULTRON: die Helden, die die Bösewichte selbst erschaffen) und der Frage nach der Verantwortung, die er in seiner einflussreichen Position für die Welt um sich herum hat. Der Kampf zwischen T'Challa und Erik ist also ein Kampf der Weltanschauungen. Im Marveluniversum, aber nicht im Marvel Cinematic Universe, gibt es mit Professor X und Magneto ein sehr ähnliches Gegensatzpaar. In unserer Wirklichkeit erinnern wir uns dabei schnell an Martin Luther King und Malcolm X.

Wie viele Science-Fiction Filme hat also auch BLACK PANTHER viel mit unserer Welt im Hier und Jetzt zu tun. Nebst der Erinnerung an die Ausbeutung Afrikas, der Versklavung seiner Einwohner und den Auswirkungen, daß Afroamerikaner dadurch bis heute als Unterdrückte leben, ist es eine Auseinandersetzung mit Führungsverhalten, den Aufgaben eines Anführers, Königs, Präsidenten. "The enemy sits on the throne", sagt T'Challa in einer Szene, während zeitgleich Okoye und Nakia darüber diskutieren, ob man dem Thron, dem Amt dient, egal, wer es innehat, oder den Menschen eines Landes. Am Ende darf Okoye dem kurzfristigen König Erik ins Gesicht sagen, daß er nicht zum Regieren geeignet ist und ihn vom Thron stoßen. Die Parallelen zum Amerika dieser Tage sind unübersehbar.

T'Challa und Erik Stevens: Kampf der Weltanschauungen
Ein Kampf unterschiedlicher Weltanschauungen:
T'Challa (Chadwick Boseman, links) und Erik Stevens (Michael B. Jordan).

BLACK PANTHER ist eine schöne Phantasie und Wakanda eine Utopie. Eine Vorstellung, wie sich Afrika vielleicht hätte entwickeln können, wenn die Europäer nicht dort eingefallen wären und diesen an Bodenschätzen so reichen Kontinent und seine Bewohner ausgebeutet hätten. Regisseur Ryan Coogler und den Marvel Studios ist ihre Botschaft hier ein ehrlich wirkendes Anliegen. Passend zu seinem Land Wakanda kann man auch den Film BLACK PANTHER als kleine Utopie sehen: Ein Film wie eine verkehrte Welt, in der weiße Schauspieler nur Nebenrollen spielen und Stichwortgeber sind, während die Geschichte auf den Schultern von schwarzen Schauspielern ruht. Meist ist es – vor allem, aber nicht nur – in Blockbustern ja umgekehrt. Unter diesem Gesichtspunkt macht es auch Sinn, BLACK PANTHER mehr oder weniger als Standalone-Geschichte zu erzählen, die die anderen Helden und Marvel-Versatzstücke nicht braucht.

Ein großer Teil der Marketing-Kampagne von BLACK PANTHER fokussiert sich auf den Repräsentationsaspekt, die Sichtbarmachung von sonst marginalisierten Gruppen im Kino. Damit verbunden ist die Identifikation mit Figuren einer Geschichte und ihrem Beitrag zur Identitätsbildung. Ein schwarzer Superheld, eine fast ausschließlich schwarze Cast, der erste schwarze Regisseur bei Marvel. Ich fand es beim Ansehen des Films gar nicht ungewöhnlich, hier schwarze Schauspieler zu sehen. Ich habe diese Tatsache zu keiner Sekunde als etwas Besonderes empfunden. Andererseits erinnere ich mich an meine Reaktion auf WONDER WOMAN und speziell an die Szene, als eine Frau im Kugelhagel zwischen den Fronten steht. Ich fand dieses Bild sehr ausdrucksstark – vor allem für Fragen, die mit dem Film wenig, aber dem Erleben vieler Menschen sehr viel zu tun haben. Wann immer es um Repräsentation im Kino geht, hat das mehr mit der Welt und den Menschen außerhalb des Films zu tun als mit dem Film selbst. Ich erinnere mich auch, bei WONDER WOMAN gedacht zu haben, daß ich so etwas noch nicht oft gesehen habe.

Ich habe mich gefragt, was diese unterschiedlichen Reaktionen zu bedeuten haben, zumal ja auch WONDER WOMAN stark mit dem Repräsentationsaspekt geworben und funktioniert hat. Dann ist mir etwas eingefallen: Ich habe als Kind viel Basketball gespielt und wollte immer Magic Johnson und Michael Jordan, Tim Hardaway und Kenny Anderson sein. Das waren Vorbilder und Identifikationsfiguren für mich, ich wollte sein wie sie. Ich habe nie darüber nachgedacht, daß diese Männer eine andere Hautfarbe haben als ich. Vielleicht funktioniert ja Identifikation innerhalb des gleichen Geschlechts leichter, egal, welche Hautfarbe oder Herkunft die Personen haben, und fällt über den Geschlechterunterschied schwerer. Ich weiß es nicht genau. Ich bin zu dem Entschluß gekommen, daß ich wohl nicht der Richtige bin, um diesen Aspekt zu behandeln. Ich denke, dass man die Kraft von (Kino-)Bildern nicht unterschätzen darf. Die große Bühne des Blockbusters bringt diese Bilder an ein großes, breit gestreutes Publikum. Ich bin ein weißer Mann, in Europa mit Privilegien aufgewachsen. Allein diese Eigenschaften haben es mir nie schwer gemacht, Identifikationsfiguren im Kino zu finden. Ich bin vielleicht nicht der Richtige, um darüber zu schreiben, aber ich kann zuhören, was andere dazu zu sagen haben. Was ihnen diese Sichtbarmachung bedeutet. Unter dem Hashtag #WhatBlackPantherMeansToMe berichten auf Twitter Menschen darüber. Eine davon schreibt: "I am seen. We are seen."

Zuri, Vaterfigur für den Black Panther
Der Obi-Wan Kenobi des Black Panther: Vaterfigur Zuri (Forest Whitaker).

Am Ende von BLACK PANTHER öffnet sich Wakanda der Welt, um seine Schätze zu teilen. Zuerst geht T'Challa dorthin, wo Erik aufgewachsen ist, das verarmte Viertel in Oakland, um dort ein Gemeindezentrum zu errichten und Wakandas Wissen zur Verfügung zu stellen. Er macht also Sozialarbeit, kümmert sich um die Community, will konkrete Projekte umsetzen, tut, was in seinem Einflußbereich liegt. Erst dann stellt er sich vor die UNO, um die Öffnung Wakandas zu verkünden. Gerade noch rechtzeitg vor dem Angriff der Außerirdischen um Thanos in AVENGERS: INFINITY WAR im April erinnert er die Menschen daran, daß die Weisen Brücken und nur die Narren Mauern bauen.

Post-Credits: Der Einfluß von Computerspielen macht natürlich auch vor Wakanda nicht halt. Shiri hat eine Technologie entwickelt, bei der man in ihrem Labor in einem Hologramm eines Autos oder Flugschiffs sitzt und dabei ein echtes Gerät fernsteuert. Eine coole visuelle Idee, die den Actionsequenzen einen gewissen Reiz gibt und mir Spaß gemacht hat. Alle Freunde der Virtual-Reality-Games werden sich wohl auch darüber freuen.


Dr. Wilys weitere Betrachtungen zum Marvel Cinematic Universe auf Wilsons Dachboden:
IRON MAN: Der gemachte Superheld
DER UNGLAUBLICHE HULK: Lustfeindlichkeit und schiefgegangene Experimente
IRON MAN 2: Größer, höher, weiter und mit Nachdruck




Black Panther (USA 2018)
Regie: Ryan Coogler
Buch: Ryan Coogler, Joe Robert Cole
Musik: Ludwig Göransson
Kamera: Rachel Morrison
Darsteller: Chadwick Boseman, Michael B. Jordan, Lupita Nyong'o, Danai Gurira, Martin Freeman, Letitia Wright, Angela Bassett, Forest Whitaker, Andy Serkis

Und weiter geht es mit dem Marvel Cinematic Universe: Nach seinen Betrachtungen zu IRON MAN und DER UNGLAUBLICHE HULK rüstet sich unser Gastautor Dr. Wily nun für IRON MAN 2.



"I've successfully privatized world peace!", tönt Tony Stark (Robert Downey Jr.) ziemlich zu Beginn und schiebt ein Peacezeichen in die Kamera. Nicht nur einer der witzigsten Momente im Film, sondern auch einer der Brüche, in denen IRON MAN 2 thematisiert, daß Tony Stark Waffenproduzent ist und die ganze Zeit vom Frieden redet. Weltfrieden als narzisstische Größenphantasie, vielleicht sogar sublimierte Welteroberung, wird uns als Thema auch später noch beschäftigen. Inwieweit dem Film dieses Thema klar ist und wie der Film mit all seinen anderen Themen umgeht, ist ein Problem, mit dem ich an dem eigentlich sehr unterhaltsamen und witzigen IRON MAN 2 zu kämpfen habe.

Wir finden Tony Stark, nachdem er im ersten Teil nicht nur eine, sondern gleich zwei Superheldenrüstungen zusammengeschweißt und sich am Ende vor der ganzen Welt als Iron Man geoutet hat, zu Beginn von Teil 2 in der ihm sehr angenehmen Situation, daß er sich die längste Friedensperiode der Geschichte zuschreiben kann, weil sich niemand mit Iron Man anlegen will. Dennoch sind nicht alle Iron Man Fans. Da gibt es das Pentagon und das Militär, die beide gerne Zugriff auf die Iron-Man-Technologie hätten, die Tony Stark aber nicht hergeben will. Stattdessen erwartet er allgemeines Vertrauen in seine Fähigkeiten – geistige, moralische und superheldische. Und es gibt Konkurrenten wie Justin Hammer (Sam Rockwell), der natürlich mehr Neider als Konkurrent ist, und der sehr gerne mit dem Pentagon zusammenarbeiten würde, aber leider die Technologie nicht hat, die die haben wollen.

Gwyneth Paltrow als Pepper Potts
Anzug ja, aber keine Krawatte?

Einige spannende Themen also, die sich hier ankündigen. Wieviel Macht soll sich in einer Hand konzentrieren? Wer kontrolliert Massenvernichtungswaffen, und wie werden sie kontrolliert? Wie steht es mit der Verknüpfung zwischen der Politik und dem industriell-militärischen Komplex in den USA?

Der Film nimmt sich so viel Raum dafür, diese Themen darzulegen, daß man davon ausgehen kann, daß es Absicht ist. Leider ergibt sich daraus keine interessante Fragestellung, kein spannender Konflikt (tiefergehende Auseinandersetzung ist bei einem Superheldenfilm eh nicht unbedingt auf der Erwartungsliste), sondern all diese Szenen sind nur dazu da, um Tony Stark ein Bühne für präpotene Sprüche und coole Witze sowie dem Iron Man Raum für krachende Action zu geben. Es ist, als würde der Film seiner Hauptfigur, dem Blender Tony Stark, selber auf den Leim gehen. Grant Morrison, selbst Autor erfolgreicher Graphic Novels wie ARKHAM ASYLUM, sieht sogar eine Verbindung zu unserer Gesellschaft. In seinem Buch SUPERHELDEN - WAS WIR MENSCHEN VON SUPERMAN, BATMAN, WONDER WOMAN UND CO LERNEN KÖNNEN erklärt er: "In einer Welt, in der Reichtum und Berühmtheit die Maßstäbe für Leistung darstellen, ist es nicht weiter überraschend, daß die beiden angesagtesten Superhelden – Batman und Iron Man – gutaussehende Tycoone sind."

In diesem Tonfall geht der Film dann auch mit allen weiteren Themen um, die er aufgreift und die als Ideen ganz tolle Geschichten und Dramen hätten abgeben können. Es läßt sich gleich vorausschicken: THE AVENGERS bringt in zwei Szenen mehr Charakterentwicklung für Iron Man (an denen sich dann auch der gesamte dritte Teil der Reihe aufhängt) als der komplette Teil 2.

Robert Downey Jr. als Tony Stark
Tony Stark (Robert Downey Jr.) forscht nach dem verlorenen neuen Element.

So ist Tony von dem Metall in seinem Körper lebensgefährlich bedroht, und die in Teil 1 entwicḱelte Technologie kann ihm hier nicht mehr helfen. Tonys Unfähigkeit, sich Schwäche einzugestehen und Hilfe zu holen, mündet in einem heiteren Selbstzerstörungstrip, der so viel Hedonismus und so wenig Depression enthält, daß ich erst beim zweiten Ansehen verstanden habe, was man uns hier eigentlich erzählen will. Wieder identifiziert sich der Film völlig mit seiner Hauptfigur: So wie Tony Stark sich keine Schwäche zugesteht, gesteht ihm auch der Film keine zu und ist ständig darauf aus, ihn als coolen und lässigen Hund darzustellen, der ständig Oberwasser hat – auch weil ihm ohnehin alles wurscht ist.

Um zur Lösung des Problems zu kommen – die sich dergestalt präsentiert, daß Tony einfach mal schnell ein neues Element entdecken beziehungsweise wiederentdecken muß, weil es Papa Howard Stark schon in den 1970ern oder so entdeckt hatte, aber aufgrund der technologischen Beschränkungen seiner Zeit nicht herstellen konnte, es aber theoretisch in ein Stadtmodell eingebaut hat (wer die Actionsequenzen hier teilweise für abstrus hält, soll sich das mal auf der Zunge zergehen lassen) – muß sich Tony mit seiner Vergangenheit, eben mit seinem ungeliebten Vater auseinandersetzen. Hier liefert der Film zwei weitere Beispiele, wie er mit Problemen seiner Hauptfigur umgeht: In einer Szene erfahren wir zum ersten Mal, daß Tony "daddy issues" hat, weil sich sein Vater nie um ihn gekümmert hat. In der Szene darauf entdeckt Tony ein altes Video, in dem sein Vater ihn aus der Vergangenheit heraus lobt. Problem gelöst, wird auch nicht mehr thematisiert.

Mickey Rourke als Whiplash
Der Spiegel zu Tony Stark: Whiplash (Mickey Rourke).

Die Suche nach dem rettenden Element für Tonys Metallproblem geht zumindest den ganzen Film lang dahin. Nach Ansehen von Papas Video erledigt Tony die Entdeckung dieses Elements dann allerdings in einem Nachmittag (zumindest vermittelt die Montage das so). Problem gelöst, rechtzeitig zum 30-minütigen Showdown. Es gibt einfach nichts, was Tony Stark nicht problemlos im Griff hätte.

Beim Stöbern in der Vergangenheit stößt er auch auf die Verbindung zu seinem anderen Gegenspieler in IRON MAN 2, nämlich Whiplash (Mickey Rourke), den eine vergangene Familiengeschichte zum Feind von Tony Stark gemacht hat. Whiplash funktionert als Spiegel zu Tony: ein ebenso brilliantes Wunderkind und Sohn eines früheren Kollegen von Howard Stark. Die Sünden der Väter holen also die Söhne ein. Beide Väter haben als Waffenproduzenten vom Frieden geträumt, den sie alleine durch Superwaffen, die nur sie herstellen können, schaffen wollen. Beide haben an kriegsführende Nationen ihre Produkte oder ihr KnowHow verkauft. Beide habe geniale Söhne, die sich geistig ebenbürtig sind. Einer wurde zum Playboymillionär, der andere zum armen Schlucker. Da hätte sich ein tolles und dramatisches Duell daraus machen lassen. Warum ihnen der Film nur drei kurze Treffen gönnt und nur eines davon eine Unterhaltung ist (in den anderen beiden hauen sie sich fest auf die Rübe), bleibt ein Rätsel.

Scarlett Johansson als Black Widow
Coming Attractions: Scarlett Johansson als Black Widow.

Mit IRON MAN 2 erweitert Marvel seine Erzählwelt und stellt immer deutlichere Verbindungen zu anderen Filmen dieses Universums her. Captain Americas unfertiges Schild wird in Szene gesetzt, Howard Stark taucht auf, damit wir, wenn wir ihn später in CAPTAIN AMERICA – THE FIRST AVENGER als jungen Mann wiedertreffen, auch Bescheid wissen, Nick Fury (Samuel L. Jackson) wird ein bedeutender Teil der Handlung, S.H.I.E.L.D.-Agent Phil Coulson (Clark Gregg) wird explizit nach New Mexico geschickt, um dort, wie in der Post-Credits-Szene zu sehen, Thors Hammer zu finden, und Black Widow hat ihren ersten Auftritt. Daß sie mit Scarlett Johansson besetzt wurde, zeigte schon damals, daß man mehr mit dieser Figur vorhatte.

Als kurzweilige, bunte, knallige und spaßige Actionkomödie funktioniert IRON MAN 2 ganz hervorragend, und es ist offensichtlich, daß hierauf auch der Fokus liegt. Die angesprochenen Themen bleiben unausgearbeitet und brach liegen, was sich auch daran zeigt, daß Iron Man zu keinem Zeitpunkt ernsthaft bedroht ist und wir als Zuschauer um ihn bangen müßten. Der Film ist sicher – mit einer Ausnahme: In seiner zweiten Hälfte schickt die enttäuschte und wütende Pepper Potts (Gwyneth Paltrow) Tony aus ihrem Büro, weil er es wieder nicht schafft, sich zu entschuldigen und ihr zu erzählen, wie es um ihn steht. Hier hat man das einzige Mal das Gefühl, unsere Hauptfigur könnte etwas unwiederbringlich verlieren, das sie ganz notwendig braucht und liebt. Es ist eine Szene, in der zwei Menschen in einem Raum sitzen und miteinander reden.

Robert Downey Jr. als Tony Stark, Gwyneth Paltrow als Pepper Potts
Tony Stark (Robert Downey Jr.) und Pepper Potts (Gwyneth Paltrow).

Post-Credits: Die durchaus diskutierbare und vom Film nicht reflektierte Haltung, daß nicht die Waffen das Problem sind, sondern nur die Person, die sie in Händen hält, kennen wir schon aus Teil Eins. Daß diesbezüglich Tony Stark genau der ist, dem wir vertrauen dürfen, wird hier nochmal mit Nachdruck einzementiert.

Post-Credits II: Ich habe mich gefreut zu sehen, wie sich Robert Downey Jr. und Mickey Rourke hier treffen. Zwei der vielversprechensten Schauspieler der 1980er Jahre, beide nach Höhenflügen in jungen Jahren sauber abgestürzt und etwa zur gleichen Zeit – Mickey Rourke dank SIN CITY und THE WRESTLER – wieder aus der Versenkung aufgetaucht. Die Coolness, Spannung und Souveränität ihres kurzen Gesprächs ist eines der besten Dinge an IRON MAN 2.


Dr. Wilys weitere Betrachtungen zum Marvel Cinematic Universe auf Wilsons Dachboden:
IRON MAN: Der gemachte Superheld
DER UNGLAUBLICHE HULK: Lustfeindlichkeit und schiefgegangene Experimente




Iron Man 2 (USA 2010)
Regie: Jon Favreau
Buch: Justin Theroux
Musik: John Debney
Kamera: Matthew Libatique
Darsteller: Robert Downey Jr., Gwyneth Paltrow, Don Cheadle, Scarlett Johansson, Sam Rockwell, Mickey Rourke, Samuel L. Jackson, Clark Gregg, John Slattery, Garry Shandling, Kate Mara, Leslie Bibb