Februar 2017
Mia Nygren als Emmanuelle

Sylvia (Sylvia Kristel) fühlt sich durch die Beziehung zu Marc (Patrick Bauchau) eingeengt: Es erschreckt sie, wie stark ihre die Gefühle füreinander sind. Um ihre Freiheit wiederzugewinnen, reist sie nach Brasilien zu dem Chirurgen Dr. Santano, der ihr einen komplett neuen Körper verpaßt: Aus Sylvia wird Emmanuelle (Mia Nygren). Die begibt sich mit ihrem jungfräulichen neuen Ich auf eine ausgiebige sexuelle Entdeckungsreise durch das Land – und kann doch den Gedanken an Marc nie wirklich verdrängen …

Nach dem dritten EMMANUELLE-Film, GOOD-BYE EMMANUELLE von François Leterrier aus dem Jahr 1977, hielt Produzent Yves Rousset-Rouard die Reihe für ausgereizt. Er verkaufte die Rechte an Alain Siritzky, der schon zuvor mit seiner Vertriebsfirma Parafrance mit der Serie zu tun hatte und den zweiten Teil, EMANUELA – GARTEN DER LIEBE, mitproduziert hatte. Siritzky fand, daß noch allerlei Möglichkeiten mit dem Namen "Emmanuelle" bestanden, und produzierte ab den Achtzigern diverse Kinofortsetzungen und unzählige TV-Ableger. Sein erster Streich war EMMANUELLE 4 aus dem Jahr 1984 – im dem die Ur-Emmanuelle kurzerhand gegen ein jüngeres Model ausgetauscht wird.

Die "alte" Emmanuelle Sylvia Kristel in einer Traumsequenz
Die "alte" Emmanuelle (Sylvia Kristel, links) taucht in ein paar surrealen Traumsequenzen auf -
hier mit der späteren Kult-Scream-Queen Brinke Stevens.


Keine Frage, der Plot ist mehr als nur absurd: Da verschafft der Künstlerdoktor (der Sylvia Kristel anfangs noch warnt: "Schöner als Sie sind, kann ich Sie nicht machen") der Frau ein komplett neues Aussehen, das nicht nur mit eigener Stimme und Verjüngungseffekt daherkommt, sondern Emmanuelle tatsächlich auch ein neues Jungfernhäutchen verpaßt. Zur Sicherheit bekommt sie die Psychotherapeutin Dona an ihre Seite gestellt, damit sie mit der Veränderung besser klarkommt – aber niemand käme hier auf die Idee, eine Frau, die aus Flucht vor einer innigen Liebe eine komplett neue Identität sucht, vielleicht vor der Verwandlung zu dem einen oder anderen hilfreichen Gespräch einzuladen.

Daß der neue Körper Emmanuelle innerlich nicht von ihrer Liebe zu Marc löst, dürfte die bisherigen Erkenntnisse der Psychologie wohl auch nicht auf den Kopf stellen. Ein zarter Hinweis, daß die Dame gefühlsmäßig noch an ihm hängt, dürfte eine Sequenz sein, wo sie ihn auf einer Party erspäht, ihn anspricht – und sich prompt von ihm entkleiden läßt. Er erkennt sie freilich nicht, was sie zu der verblüfften Beobachtung führt, "dass der Mann, den ich liebe, mich eines Tages betrügt – mit mir". Bitte, Fräulein Emmanuelle, machen Sie es sich bequem auf der Couch.

Emmanuelle und ihre Therapeutin Dona
Die neue Emmanuelle (Mia Nygren, links) und ihre Therapeutin Dona (Deborah Power).

Gerade in der Absurdität der Geschichte liegt zugegebenermaßen aber auch ein gewisser Reiz. Natürlich ist das, was hier erzählt wird, völliger Unfug – aber es wird ohnehin nie als realistisch verkauft: Nach der Operation wird die neue Emmanuelle aus einem milchig-weißen Ganzkörperkokon geschält, als würde da ein Schmetterling zur Welt kommen. Interessant wird die Transformation auch durch die Tatsache, daß Sylvia erst durch die Verwandlung zu Emmanuelle wird – Kristel spielt sich laut Vorspann und Rollenname gewissermaßen selbst, was freilich die Vorgängerfilme ignoriert, aber zur Initiationsgeschichte der ersten Romanvorlage ebenso paßt wie zu der Erkenntnis ihrer viel später publizierten Autobiographie, daß sie mit der Figur keinesfalls identisch war.

Wenn man sich also auf das irrwitzige Konstrukt einläßt, kann EMMANUELLE 4 zu einem unterhaltsamen Spiel der Identitäten werden. Es ist quasi die Geschichte einer Frau, die durch neue körperliche Erfahrungen etwas über die Sexualität und über die Liebe lernt – was durchaus im Sinne von Arsan gelesen werden kann.

Therapeutin Dona (Deborah Power) entwickelt ein reges Interesse am Leben ihrer Patientin.

Inszeniert wurde EMMANUELLE 4 offenbar vom französischen Hardcore-Pionier Francis Leroi – obwohl offenbar auch andere Personen ihre Spuren hinterlassen haben. Im Vorspann heißt es "a film by Francis Giacobetti" – jener Modephotograph, der den zweiten Teil inszenierte und die Erfahrung vom ersten Tag an derart schrecklich fand, daß er damals schon sagte, es wäre sein erster und letzter Film. Auch Iris Letans, die mit Leroi das Skript schrieb, wird eine Teil-Regie zugeschrieben. "It was all put together very casually", erinnert sich Schauspieler Patrick Bauchau in der Dokumentation EMMANUELLE: A HARD LOOK. "You never knew who was going to direct the next day. The ten days that I worked I must have gone through four different directors ... but there obviously were a lot more."

Ungeachtet der unklaren Situation hinter den Kulissen (die sich auch bei EMMANUELLE 5 und EMMANUELLE 6 fortsetzen sollte) und des aberwitzigen Konstrukts funktioniert EMMANUELLE 4 als prächtig bebilderte Phantasie. Immer wieder werden die schönen Körper in kunstvoll stilisierte Szenarien geworfen, als wären es bewegte Photostrecken. Neben Mia Nygren, die das Geheimnisvolle, Elegante von Kristel weitertragen kann, ist vor allem Deborah Power als Therapeutin Dona ansprechend, die nach und nach eine Beziehung zu Emmanuelle aufbaut. Leider war EMMANUELLE 4 sowohl für Nygren als auch für Power kein richtiger Karriereschub: Beide drehten danach jeweils nur noch einen weiteren Film. Oder sie haben sich Dr. Santano anvertraut ...




Emmanuelle 4 (Frankreich 1984)
Originaltitel: Emmanuelle IV
Regie: Francis Leroi
Buch: Francis Leroi, Iris Letans
Kamera: Jean-Francis Gondre
Musik: Michel Magne
Darsteller: Sylvia Kristel, Mia Nygren, Patrick Bauchau, Deborah Power, Sophie Berger, Sonia Martin, Dominique Troyes, Brinke Stevens

Tom Burlinson in WINDRIDER

Glückspilz P.C. Simpson genießt das sonnige Leben: In der Firma seines Vaters schiebt er eine ruhige Kugel ohne große Verantwortung, ansonsten widmet er sich ganz seiner Leidenschaft, dem Windsurfen. Als er eines Morgens eine schwierige 360°-Drehung schafft, sieht das leider nur eine unbekannte Schönheit am Strand: Rocksängerin Jade, die prompt von P.C. ausfindig gemacht und becirct wird. Ihrem langfristigen Glück steht aber die Tatsache im Weg, daß sich P.C. wenig um das Leben anderer Leute schert – und dann sorgt eine Haiattacke auch noch dafür, daß er seine Selbstsicherheit auf dem Surfbrett verliert …

Wir wissen leider nicht, wer die beiden schönen Strandmenschen sind, die das Cover der deutschen DVD von WINDRIDER (auf Deutsch auch WIND DER LIEBE) zieren – sie tauchen im Film nicht auf. Die Hauptrollen dieses australischen Streifens spielen Tom Burlinson, bekannt aus dem Down-Under-Western SNOWY RIVER und Paul Verhoevens Historiendrama FLESH + BLOOD, sowie eine junge Nicole Kidman. Sie war beim Dreh stramme 18 Jahre alt, WINDRIDER war ihr vierter Film. (Burlinson und Kidman wurden dank des Films übrigens ein Paar und blieben beinahe zwei Jahre zusammen.)

P.C. Simpson in der Krise
P.C. Simpson (Tom Burlinson) hat sein Mojo verloren.


Man merkt, daß WINDRIDER das Regiedebüt eines Kameramanns ist: Vincent Monton, der Ende der Siebziger mit australischen Produktionen wie dem Newsreel-Drama NEWSFRONT oder dem Horror-Überraschungshit LONG WEEKEND bekannt wurde, und sein Kameramann Joseph Pickering lassen den Film von der ersten Einstellung an hübsch stylisch aussehen. Die Bilder strahlen in poppigen Achtziger-Farben, der Strand bei Perth lockt in sonnigem Glanz, die Innenräume sind in schnuckeliger Werbeästhetik designt. Auch dank der hübsch eingefangenen Windsurfing-Szenen ist WINDRIDER von vorne bis hinten angenehm für das Auge.

Aber einen Inhalt gibt es ja auch noch. Wenn der Film nicht schon 1985 gedreht worden wäre, könnte man glatt eine Linie zu TOP GUN ziehen: Großspuriger Goldjunge verliert den Glauben in die eigenen, selbstverfreilich herausragenden Fähigkeiten und muß sich erst wieder mit der Welt arrangieren, um sich als Sieger feiern lassen zu können. Immerhin kriegt P.C. Simpson tatsächlich mehrfach vorgeworfen, er sei zu egozentrisch, und so darf er im Gegensatz zu Maverick zum Schluß sanfte Wiedergutmachung betreiben.

Nicole Kidman als Rocksängerin in WINDRIDER
Sängerin Jade (Nicole Kidman) darf sich bald über P.C.s erhöhte Aufmerksamkeit freuen.


Dafür ist die Liebesgeschichte eine angehobene Augenbraue wert. Simpson drangsaliert Jade vom ersten Moment an mit brustkorbklopfenden Sprüchen und fragt sie, als sie seinem Werben entkommen will, mit hochcharmanter Ironie, ob denn nicht zumindest ein Quickie auf dem Rücksitz drin wäre. Später umgarnt er sie im Musikstudio, aber als sie seine Einladung zum Essen ausschlägt und darauf hinweist, daß sie jetzt an ihrer Musik arbeiten will, wirft er sich die widerspenstige Schöne kurzerhand über die Schulter und trägt sie zu seinem Auto. Er kassiert ein blaues Auge dafür.

Spätestens jetzt würden sich andere Männer vielleicht aus Angst vor einer einstweiligen Verfügung neue Zielobjekte suchen (oder gar auf den Trichter kommen, daß die junge Dame womöglich gar kein Interesse hat) – aber Simpson bleibt hochmotiviert am Ball: Am nächsten Tag läßt er Jade mitsamt ihrem Wagen von einem Abschleppdienst zum Strand bringen, damit sie ihm beim Windsurfen zusehen kann. Sie bleibt auch gar nicht lange böse, nachdem er dabei nur knapp dem Hai entkommt. Nach kurzer abendlicher Unterredung auf der Couch schneidet der Film zum nächsten Morgen, wo Simpson Jade strahlend in der Dusche begrüßt und sich beide innig küssen. Sagen wir es so: Es würden einem durchaus ein oder zwei Filme einfallen, in denen die Romanze glaubwürdiger aufgebaut wird.

P.C. Simpson (Tom Burlinson) schiebt eine ruhige Kugel
Ein angenehmer Tagesjob - vor allem, wenn man den "Dringend"-Stapel nicht allzu ernst nimmt.

Aber eigentlich setzt WINDRIDER ohnehin nicht auf große Ernsthaftigkeit, sondern mehr auf lockeren Humor, einen gutmütigen Tonfall und schöne Surfszenen. Wenn P.C. anfangs als unbekümmerter Gustav Gans seinen Tag mit perfekt choreographierter Routine beginnt, bei der er gleichzeitig den Goldfisch füttert und den Pfannkuchen würzt, ist das ebenso amüsant wie eine spätere Szene, wo er bei einer Vollbremsung seinem Vordermann das Surfbrett in die Heckscheibe fliegen läßt – und der dann seelenruhig aussteigt, ein Blaulicht auf das Dach packt und seine Polizistenmütze aufsetzt.

Als heiteres Filmchen mit schönem Look und sonnigem Gemüt kann man WINDRIDER also gerade noch durchwinken. Ohne Nicole Kidman (die übrigens, wir müssen es für die Vollblutcineasten noch erwähnen, kurz nackt zu sehen ist) wäre diese leichte Kost für junge Leute sicherlich schon in der Vergessenheit verschwunden – wobei das einem Rückblick auf Wilsons Dachboden ja kaum im Wege gestanden wäre …




Windrider (Australien 1986)
Alternativtitel: Wind der Liebe
Regie: Vincent Monton
Buch: Everett De Roche, Bonnie Harris
Kamera: Joseph Pickering
Musik: Kevin Peek
Darsteller: Tom Burlinson, Nicole Kidman, Jill Perryman, Charles Tingwell, Simon Chilvers, Kim Bullad

Die Screenshots stammen von der DVD (C) 2015 White Pearl/Daredo.
Hugh Jackman und Dafne Keen: Zwei X-Men-Generationen

Der LOGAN-Trailer verspricht eine Geschichte, die mehr auf Charakterdrama als auf Superhelden-Action setzt. Unser geschätzter Gastautor Bastian G. hat sich dieses neueste X-MEN-Spin-off angesehen und kann berichten, ob der Film das auch erfüllen kann.



In LOGAN, dem inzwischen dritten Spin-off des populären X-MEN-Mutanten, machen die Verantwortlichen nachdrücklich ernst: Hauptdarsteller Hugh Jackman hat bekanntlich auf einen Teil seiner üppigen Gage verzichtet, um seinem angeblich letzten Wolverine-Abenteuer das unter Marvel-Adaptionen eher ungewöhnliche R-Rating zu garantieren. Das bedeutet, dass in den USA Jugendliche unter 17 Jahren den Film nur mit erwachsener Begleitung schauen dürfen. In Deutschland hat die FSK die "ab 16 Jahren"-Plakette gezückt – und die ist in Anbetracht des wirklich grimmigen und teils ultrabrutalen Resultates noch recht gnädig ausgefallen.

Gleich zu Beginn zerlegt unser inzwischen merklich gealterter Held eine Gruppe Gangster buchstäblich in seine Einzelteile. Die F-Wort-Quote liegt im hohen Bereich und Regisseur James Mangold (WALK THE LINE), der bereits den Vorgänger WOLVERINE – WEG DES KRIEGERS inszenieren durfte, macht es sichtlich Freude, die Freiheiten der höheren Freigabe auszuloten. Doch LOGAN ist nicht bloß ein actionreiches Schlachtfest, sondern das bislang emotional involvierendste Werk aus der Welt des Comic-Riesen.

Dafne Keen: Die neue X-Men-Generation.
Eine neue Generation wetzt die Krallen.

Die Geschichte ist in einer nahen Zukunft angesiedelt, in der die X-Men bis auf den nun physisch verwundbaren Logan und den schwerkranken Charles Xavier (Patrick Stewart) ausgelöscht sind. Ihre Abenteuer kann die Nachwelt noch in bunten Heftchen nachlesen. So etwa die junge Laura (Dafne Keen), die von dem sinistren Pierce (Boyd Holbrook) und seiner grausamen Truppe gejagt wird. Das Mädchen gehört zu einer neuen Generation von Mutanten, die als fehlerhaftes Laborexperiment zur Erschaffung einer ultimativen Waffe eleminiert werden soll. Xavier drängt Logan dazu, den angedachten Ruhestand noch etwas hintanzustellen und das Kind zu einem sicheren Zufluchtort zu geleiten. Auf dem nicht wirklich ruhigen Road Trip begreift der zuerst widerwillige Mann mit den Metallklauen, dass er mit Laura mehr als nur einen genetischen Defekt gemein hat …

Okay, gleich vorweg: Auch LOGAN fährt im Kern keine bahnbrechend neue Story auf. Den Plot mit dem miesepetrigen Beschützer auf einer halsbrecherischen Mission kennt man zum Beispiel aus den MAD-MAX-Sequels oder Alfonso Cuaróns intelligentem Sci-Fi-Drama CHILDREN OF MEN. Und wer es gern noch älter hätte, bekommt im Film ganz klare MEIN-GROSSER-FREUND-SHANE-Referenzen direkt unter die Nase gerieben. Warum diese außergewöhnliche Comic-Adaption (als Vorlage diente Mark Millars Graphic Novel OLD MAN LOGAN) dennoch interessant und mitreißend geraten ist, liegt schon allein an der Tatsache, dass man als Zuschauer über die Jahre einfach mit der Figur gewachsen ist, sie aber nie von einem solch verletzlichen Standpunkt aus betrachten durfte.

Hugh Jackman und Patrick Stewart als altes X-Men-Gespann.
Eigentlich zu alt für den Scheiß: Professor Charles Xavier (Patrick Stewart, links) und Wolverine (Hugh Jackman).

Der verstorbene Filmkritiker Roger Ebert fragte in seiner Rezension zum ersten Wolvie-Solo-Auftritt X-MEN ORIGINS: WOLVERINE: "Why should I care about this guy? He feels no pain and nothing can kill him, so therefore he's essentially a story device for action sequences." Ich vermute, LOGAN wäre ziemlich genau der Film gewesen, auf den Ebert gehofft hätte. Auch wenn Mangold dem Charakter keine derartige Frischzellenkur verpassen mag wie Christopher Nolan seinerzeit Batman in seiner DARK-KNIGHT-Trilogie, kann sein absolut kompromissloser Beitrag eine Ausnahmestellung im wohl derzeit angesagtesten Genre verbuchen.

Mit 135 Minuten Spieldauer nimmt LOGAN auch mal angenehm den Fuß vom Pedal und macht einen Abstecher in den Mittleren Westen der USA. Dort finden die Flüchtenden Unterschlupf bei einer ganz normalen Familie. Das sei das wahre Leben, das er so lange vermisst hat, gibt der frühere Professor X in einem stillen und intimen Moment von sich, bevor wieder die Hölle losbricht. Wer so will, kann in dem Film eine Reflektion über das Altwerden und die damit verbundene Frage des individuellen Vermächtnisses lesen.

Reichlich schwarz, nihilistisch und rau ist dieser apokalyptische Neo-Western ausgefallen, der sich auch vor der expliziten Darstellung von Gewalt an Kindern nicht scheut. Zum Ende ist da Licht – wenn auch nicht im Jetzt, sondern in der Zukunft. Im Abspann singt Johnny Cash "The Man Comes Around". Sein aus dem Trailer bekanntes Nine-Inch-Nails-Cover "Hurt" wäre die passendere Abschlußuntermalung gewesen. Warum, das wäre ein Spoiler ...




Logan - The Wolverine (USA 2017)
Originaltitel: Logan
Regie: James Mangold
Drehbuch: James Mangold, Michael Green, Scott Frank
Kamera: John Mathieson
Musik: Marco Beltrami
Darsteller: Hugh Jackman, Dafne Keen, Patrick Stewart, Boyd Holbrook, Richard E. Grant, Stephen Merchant

Alle Screenshots wurden von der offiziellen Website des Films genommen, (C) Twentieth Century Fox Film Corporation.
Kit Harington und Emily Browning vor der Katastrophe

Beinahe von Beginn des Kinos an gab es viele Anläufe, den Untergang der Stadt Pompeji zu erzählen. Schon 1900 entstand eine erste Produktion namens THE LAST DAYS OF POMPEII, 1935 legte das KING-KONG-Team Schoedsack und Cooper die inzwischen fünfte Version vor. Oft basierten die Filme auf dem Roman DIE LETZTEN TAGE VON POMPEJI von Edward Bulwer-Lytton aus dem Jahr 1834, der 150 Jahre später auch als Miniserie fürs Fernsehen adaptiert wurde. Nicht jeder Film mußte gar so sparsam vorgehen wie der Videothekenfüller WARRIOR QUEEN, wo die Zerstörung der Stadt flugs aus einem früheren italienischen Film übernommen wurde – aber dennoch bot es sich bei den Fortschritten der Tricktechnik in den letzten Jahren an, sich dem Ausbruch des Vesuvs im Jahr 79 n.Chr. wieder einmal mit modernsten Mitteln zu widmen.

RESIDENT-EVIL-Regisseur Paul W.S. Anderson erzählt die Geschichte des Sklaven Milo, der als Kind mitansehen mußte, wie der römische Tribun Corvus (schönes Zähneknirschen: Kiefer Sutherland) die Bewohner seines Dorfes abschlachten ließ. Seitdem lebt Milo (schöner Waschbrettbauch: Kit Harington) in Gefangenschaft und macht sich bei brutalen Gladiatorenkämpfen einen Namen als unerbittlicher Gegner. In Pompeji lernt er die junge Cassia (schöne Wangenknochen: Emily Browning) kennen, die von ihren Eltern als Braut an Corvus verkauft werden soll. Bei den eigens für Corvus arrangierten Spielen versucht er, im Kampf lang genug zu überleben, um sich für den Tod seiner Eltern zu rächen – aber dann grummelt der Berg, zu dessen Füßen Pompeji liegt …

Milo und sein Gladiatorenfreund Atticus

Anderson war noch nie jemand, der mit seinen filmischen Vorbildern hinter dem Berg gehalten hätte, und so zeigt sich auch POMPEII als fröhliche Popcorn-Mixtur: Die Herkunftsgeschichte des Helden stammt aus CONAN DER BARBAR, zwischendurch wird flugs THE DARK KNIGHT zitiert, und der Rest des Films ist eine aufwendig inszenierte Mischung aus GLADIATOR und den Katastrophenfilmen der Siebziger, allen voran ERDBEBEN. Da bebt in ominöser Vorahnung die Erde, identitätslose Nebenfiguren segnen das Zeitliche, und Warnungen hinsichtlich der Tragfähigkeit des Amphitheaters werden zugunsten des einträglichen Spektakels in den Wind geschlagen. "No warning. No escape", verkündet das Filmposter gar schauderhaft, aber natürlich gibt es wie in jedem anständigen Katastrophenstreifen zahlreiche Gefahrensignale – es hört nur niemand darauf.

Ob FLAMMENDES INFERNO oder 2012: Jeder Film dieses Genres strahlt eine großäugige Faszination für die Naturgewalten und sonstigen Desaster aus, die seine Figuren einholen werden. Auch als Zuseher ist man ja gerade wegen des Schauwerts dabei: Es ist die Sensation, die uns hier lockt, ein Pompeji-Film ohne Vulkanausbruch wäre ebenso undenkbar wie ein Epos über einen Hochhausbrand, der schon im Keim erstickt werden kann. Man mag um einzelne Figuren bangen, denen man ein Entkommen wünschen würde, aber der eigentliche Protagonist ist die Katastrophe selber – und wir wollen sehen, wie sie zuschlägt und dabei ganz alttestamentarisch die Ungläubigen und Schuldigen bestraft. Es ist ein Schicksalsspiel.

Senator Corvus kämpft gegen Milo
Senator Bauer, äh, Corvus (Kiefer Sutherland, rechts).

So zeigt sich auch bei Anderson im Desaster, aus welchem Holz seine Helden geschnitzt sind: Die Tapferen agieren heldenhaft und sind angesichts des drohenden Untergangs nicht nur um ihre eigene Haut besorgt, während die Schurken zu armseligen Verlierern werden. Bei allem Spektakel wird beinahe auch die Tragik der Katastrophe unter der Vulkanasche begraben: Anderson stürzt sich so begeistert auf die Zerstörungskraft des Vulkans, als wäre er der kleine Bruder von Emmerich. Von oben blickt er in den ausbrechenden Vulkan, bis die grauen Wolken seine Kamera umnebeln, dann gleitet er mit der Kamera über einem Schiff entlang, das von einem Tsunami in die Straßen von Pompeii gedonnert wird. Überall tanzt die Asche durch die Luft, als wären die Figuren in einem berauschenden Ballett des Verderbens choreographiert. Das Schicksal jener Figuren, die uns etwas bedeuten, ist fast vom Vulkanausbruch entkoppelt und wird vielfach von den anderen Menschen herbeigeführt.

Emily Browning als Cassia
Schöne Wangenknochen: Cassia (Emily Browning).

Man muß Anderson lassen, daß er das Verhängnis sozusagen nach antikem Vorbild konsequent bis zum umfassenden Ende führt – und gleichzeitig das Ridley Scottsche Historienpathos außen vor läßt. Seine Welt ist eine des Erlebens, der unmittelbaren Action, der apokalyptischen Ästhetik. Die Geschichte zwischen Freundschaft, unmöglicher Liebe und Freiheitskampf hält alles in der fast stenogrammhaften Knappheit zusammen, die so typisch ist für Anderson: gerade genug, um mitgehen zu können.

Kurzum: Ein schöner Vulkanausbruch.




Pompeii (Kanada/Deutschland/USA 2014)
Regie: Paul W.S. Anderson
Buch: Janet Scott Batchler, Lee Batchler, Michael Robert Johnson
Kamera: Glen MacPherson
Musik: Clinton Shorter
Darsteller: Kit Harington, Kiefer Sutherland, Emily Browning, Adewale Akinnuoye-Agbaje, Jessica Lucas, Jared Harris, Carrie-Anne Moss

Die Screenshots stammen von der BluRay (C) Constantin Film Verleih GmbH.
Natalie Uher als Emmanuelle

Seit den Achtzigern war die Figur Emmanuelle einem ständigen Wandel unterzogen: Unter der Obhut von Produzent Alain Siritzky ließ sie sich 1984 in EMMANUELLE 4 zunächst operativ ein neues Aussehen verpassen, um einen Liebhaber loszuwerden – und schon änderte sich von Film zu Film ihre Identität. Aus Sylvia Kristel wurde Mia Nygren, 1986 folgte Penthouse-Pet Monique Gabrielle in EMMANUELLE 5, wo die Titelfigur ein Filmstar mit Skandalstreifen in Cannes war. Auch das hielt nicht lange: In EMMANUELLE 6 spielt das österreichische Playmate Natalie Uher die freigeistige Göttin der Verführung – die, es mußte angesichts solcher Wechsel ja fast so kommen, ihr Gedächtnis verloren hat und sich nicht mehr daran erinnert, wer sie ist.

In der Klinik von Dr. Simon soll ihrer Erinnerung auf die Sprünge geholfen werden. Nach und nach fügen sich die Ereignisse der letzten Zeit wieder zusammen: Sie war zusammen mit einigen anderen Models auf einem Kreuzfahrtschiff Richtung Amazonas unterwegs. Dann wurden die Mädchen aber vom Kapitän des Schiffes entführt und sollten auf einem örtlichen Sklavenmarkt verkauft werden. Zum Glück kann Emmanuelle mit der Hilfe des Indianermädchens Uma rechnen, das den Sklavenhändlern entkommen war und sich in ihrer Schiffskabine versteckt hatte …

Emmanuelle (Natalie Uher) unter einem Wasserfall
Gibt ja doch ein paar schöne Erinnerungen!

Schon mit Walerian Borowczyks Vorgängerfilm EMMANUELLE 5 war die Softsex-Reihe um die schöne Frau, die nach ihrer sexuellen Befreiung im ersten Teil gewissermaßen als Aufklärungsinstrument durch die Welt zieht, in die Gefilde ihrer vielen Imitate gekommen: Vor allem in der von Roger Corman umkonstruierten US-Action-Fassung klangen plötzlich die Schmuddelabenteuer der italienischen Varianten an, wo die Protagonistin von Schurken und anderen Gefahren bedroht wurde – mal Mädchenhändler, mal Kannibalen, mal Knastinsassen. EMMANUELLE 6 könnte mit seiner Verschleppungs- und Zwangsprostitutionsgeschichte nun tatsächlich von Joe D'Amato oder Bruno Mattei inszeniert worden sein.

Tatsächlich führte Bruno Zincone Regie, der zuvor für Alain Siritzky die Comicverfilmung GROS DÉGUEULASSE gedreht hatte und sonst als Cutter für Bahnhofskino wie DER GNADENLOSE VOLLSTRECKER oder SABINE S. – DURCH LIEBE WEG VOM STOFF arbeitete. Das Skript stammte tatsächlich von einem versierten Schmuddelprofi: Jean Rollin, der in seinen eigenen Filmen wie DIE NACKTEN VAMPIRE gern Erotik und Horror vermischte. Offenbar sprang er zur Fertigstellung auch als ungenannter Regisseur ein – wobei das Ausmaß seiner Tätigkeit unbekannt ist.

Tamira in EMMANUELLE 6
Das Indianermädchen Uma (Tamira) paßt sich den Gepflogenheiten von Emmanuelles Welt an.

So schlagen zwei Filme im Herzen dieser Fortsetzung, die mit Emmanuelle Arsan kaum mehr etwas zu tun hat: Da ist das Abenteuer der sexuellen Freiheit, für das schöne Körper in ausführlichen Montagen abgelichtet werden – mal im Maschinenraum des Schiffes, wo sich Emmanuelle einen der Arbeiter als Liebhaber sucht (während der Kapitän als Voyeur zusieht), mal an einem Wasserfall im Dschungel, unter dem die Models baden. Auf der anderen Seite steht die reißerische Story, die mit ihren leicht bis gar nicht bekleideten Damen in Bedrängnis an alte Groschenheftprinzipien anknüpft – wobei der Exploitation-Reigen hier freilich, im Gegensatz zu den Italienern, nie wirklich drastisch oder explizit inszeniert wird. (Allerdings existiert wie bei EMMANUELLE 5 eine französische VHS-Version, in die extra gedrehte Hardcore-Sexszenen in den Film hineingeschnitten wurden.)

Gerade diese Plot-Elemente sorgen aber auch für unfreiwillige Komik. Ob da nun ein völlig unglaubwürdiger Psychiater unter herrischem Befehlston eigens eine sexuelle Begegnung im Pferdestall organisiert, damit Emmanuelles Gedächtnis zurückkehrt, oder die Sklavenhändler bei ihrer Auktion aufgebracht agieren, während sie von den Giftpfeilen von Umas Indianerstamm niedergestreckt werden: Was hier aufregend sein soll, ist doch eher zum Schmunzeln geeignet.

Zum Schluß erinnert sich Emmanuelle durch das Drängen des Doktors wieder an alles und findet damit auch die Freude an der Sexualität wieder. Viel passender erscheint freilich die Tatsache, daß die wiedergefundene Identität auch einen sich schließenden Kreis einleiten wird: Im siebten und letzten Film der Reihe sollte Sylvia Kristel die Rolle noch ein letztes Mal übernehmen.





Emmanuelle 6 (Frankreich 1988)
Alternativtitel: Emmanuelle - Amazone des Dschungels
Regie: Bruno Zincone
Buch: Jean Rollin
Kamera: Serge Godet, Max Monteillet
Musik: Olivier Day
Darsteller: Natalie Uher, Jean-René Gossart, Thomass Obermuller, Gustavo Rodriguez, Hassan Guerrar, Morales, Luis Carlos Mendes, Tamira

Die Screenshots stammen von der DVD (C) 2016 Castle View Film/Alive.
Dakota Harris und die Statuen der Osterinseln

Flight Lieutenant "Dakota" Harris erhält im August 1945 einen wichtigen Auftrag: Er soll eine Kiste mit geheimem Inhalt von Australien über Bora Bora nach Washington fliegen. Unterwegs gerät die Mannschaft aber in ein Zeitloch, die Maschine stürzt in den Ozean. Harris und seine Mitreisenden werden gerettet – aber dann wird Harris von Major Savage, dem Anführer der Mission, vor das Kriegsgericht gebracht, weil er angeblich während des Fluges wahnsinnig wurde. Harris kann entkommen, bevor er eingesperrt wird, und tut sich mit der Tochter eines weiteren Missionsteilnehmers, Reverend Mitchell, zusammen, der seit der Rückkehr verschwunden ist.

Es stellt sich heraus, daß Savage hinter drei Teilen einer Steintafel her ist, die einst von Außerirdischen auf die Erde gebracht wurde und immense Macht verleiht. Mitchell studierte diese Kultur und wurde nun von Savage entführt, der auch Harris aus dem Verkehr ziehen will. Die Jagd nach den Teilen der Steintafel führt über Ayers Rock bis auf die Osterinsel, wo die Tafel einst aufbewahrt wurde.

Dakota Harris auf einem mysteriösen Schiffsfriedhof
Major Savage (Max Phipps), Lt. Harris (John Hargreaves) und Rev. Mitchell (Simon Chilvers, v.l.)
geraten auf einen mysteriösen Schiffsfriedhof.

Ein Abenteurer auf der Jagd nach einem mystischen Artefakt: Es braucht den orange-gelb-weißen Schriftzug und den deutschen Titel DAKOTA HARRIS nicht, um den australischen Film SKY PIRATES richtig einordnen zu können. Viele Filme lehnten sich in den Achtzigern an den Erfolg von JÄGER DES VERLORENEN SCHATZES an – das Bemerkenswerte an diesem hier ist, wie sehr er sich den Spielberg-Hit zum Vorbild nimmt und gleichzeitig zig andere Streifen und Geschichten in den Mixer wirft.

Da wird die Däniken-Mär von den frühzeitlichen außerirdischen Besuchern ebenso aufgefahren wie die Legende vom Philadelphia-Experiment, bei dem ein Schiff beim Austesten einer neuen Tarnvorrichtung angeblich kurzzeitig teleportiert wurde, während die Besatzung sich teils auflöste, teils geistigen Schaden nahm. Das Bermuda-Dreieck klingt an, Stonehenge wird gezeigt, die geheimnisvollen Moai der Osterinsel und die dort gefundenen Holztafeln dienen als Aufhänger. Ein Wunder eigentlich, daß die okkultinteressierten Nazis nicht auch noch anmarschieren dürfen.

Major Savage entführt die Tochter von Rev. Mitchell
Major Savage (Max Phipps) schanppt sich zur Not auch die Tochter von Rev. Mitchell (Meredith Phillips),
um an die Steintafeln zu kommen.

Aber DAKOTA HARRIS bedient sich auch ohne Schergen des zwölfjährigen Reiches an den Bildern und Ideen des ersten Indiana-Jones-Films: Major Savage hat bei seinem Auftritt Ähnlichkeit mit dem dortigen Major Toht, die Handlung dreht sich wieder um eine Kiste mit übernatürlichem Inhalt. Die Actionszene auf dem Laster wird zitiert (immerhin mit Jeep statt Pferd und mit neuem Ende!), und wo sich Indy am U-Boot-Periskop festhielt, um seinen Gegnern zu folgen, krallt sich Dakota Harris an einen Flugzeugflügel. Manchmal hat man das Gefühl, daß es für die Beteiligten ein heiterer Sport war, den Vorbildfilm zu plündern: Nachdem hier keine Grabkammern durchschritten werden, darf eben im Museum eine Mumie aus dem Sarkophag fallen und Harris' Begleiterin erschrecken.

Aber auch an anderem Populärkino bedient sich der Film ganz hemmungslos, und es wirkt auch hier nach augenzwinkerndem Vergnügen. Immerhin schafft es DAKOTA HARRIS, in einer wundervollen Szene sowohl DIE DURCH DIE HÖLLE GEHEN als auch gleichzeitig DIRTY HARRY zu verarbeiten: Da bringt unser Held in einer Spelunke am Ende der Welt mit einer Partie Russischem Roulette wichtige Informationen in Erfahrung und erklärt seinem Gegner, daß er in der Aufregung das Mitzählen ganz vergessen habe.

Unter anderem zitiert Dakota Harris auch The Deer Hunter
"You talkin' to me? Moment, das war ja ein anderer Film."

Regisseur Colin Eggleston, bekannt durch den Horror-Geheimtip LONG WEEKEND, und sein Kameramann Garry Wapshott zeigen ein gewisses Geschick darin, den Film in stimmungsvollen Bildern zu erzählen, und packen die Szenen gern in eine unwirkliche Mischung aus Nebel und schräg einfallendem Licht. Auch Hauptdarsteller John Hargreaves, der schon bei LONG WEEKEND mit Eggleston arbeitete, knarzt sich mit Charme durch die Handlung. Es gibt schöne Unterwasseraufnahmen von Ron und Valerie Taylor (dafür darf der Bond-Film FEUERBALL Pate stehen) und einen beeindruckenden Stunt, bei dem Kevin Donnelly, später auch für NAVY SEALS im Einsatz, auf einem fliegenden Flugzeug herumkraxelt. Ansonsten mag man sich darüber amüsieren, daß die Tricktechnik dieses mit 4,2 Mio. AUD vergleichsweise üppig budgetierten Abenteuers (zum Vergleich: Peters Weirs Kriegsdrama GALLIPOLI hatte nur 2,8) eher durchschaubar ausfällt – aber eigentlich muß so ein INDIANA-JONES-Rip-Off billig aussehen, nachdem dort ja schon preiswerte Groschenhefte als Vorlage dienten.

Der Pferdefuß des Films liegt ohnehin nicht in seinen sichtbaren Modell-Effekten oder seinem fröhlichen Anhängen an populäre Vorbilder. Es ist das Skript, das es nie schafft, Zusammenhänge klar zu machen oder die Stationen plausibel zu verknüpfen, anstatt sie nur aneinanderzureihen. Warum muß Savage Harris aus dem Verkehr ziehen, wo er sich doch auch ohne diese Hürde um das Zusammenklauben der Steintafel kümmern könnte? Was hat die verschwundene Schiffsmannschaft mit der Höhle auf der Osterinsel zu tun? Wieso kümmert es nach kurzer Zeit niemanden mehr, daß Dakota Harris eigentlich auf der Flucht vor einer Gefängnisstrafe ist?

Stuntman Kevin Donnelly klettert auf einer fliegenden Maschine herum
Im Cockpit fliegen kann ja jeder.

Vielleicht wurden manche Handlungsstränge gestrichen oder herausgekürzt, die aus dem Spektakel mehr Sinn herausgekitzelt hätten – aber vielleicht war das Skript von Autor John D. Lamond, sonst selber Regisseur bei Filmen wie dem Erotikdrama FELICITY – SÜNDIGE VERSUCHUNG oder dem Horrorstreifen NIGHTMARE ON THE STREET, auch einfach nie runder. An den Kinokassen hob Flight Lieutenant Harris jedenfalls nie ab, der Film bleibt ein sympathisches Artefakt für Kinoarchäologen.




Dakota Harris (Australien 1985)
Regie: Colin Eggleston
Buch: John D. Lamond
Kamera: Garry Wapshott
Musik: Brian May
Darsteller: John Hargreaves, Max Phipps, Alex Scott, Simon Chilvers, Meredith Phillips

Im folgenden Gastbeitrag erinnert sich unser hochgeschätzter Don Arrigone an Paul Verhoevens Ultra-Violence-Trip TOTAL RECALL. Der Don kann seinen Erinnerungen wenigstens trauen ...



Manche Filmideen wirken auf dem Papier derart absurd, daß man sich fragt, wie sie jemals realisiert werden konnten. Eine Romeo-und-Julia-Adaption von Lloyd Kaufman mit Ian Fraser Kilmister, besser bekannt als Lemmy? Schiffe Versenken als Film, mit Rihanna und Liam Neeson? Oder eine Interpretation einer Kurzgeschichte von Phillip Kindred "Mindfuck" Dick, mit Arnold Schwarzenegger in der Hauptrolle, unter Regie von Paul Verhoeven in der Phase seiner amerikanischen filmischen Gewaltexzesse? Zumindest letzteres hat erstaunlich gut funktioniert, wie TOTAL RECALL belegt - und zwar nicht trotz, sondern gerade wegen der auf den ersten Blick so unterschiedlichen Zutaten.

Douglas Quaid (Arnold Schwarzenegger) ist ein einfacher Arbeiter - so einfach, wie man mit dem Körper eines Mr. Universum und Sharon Stone als Frau nur sein kann. Das einzig Ungewöhnliche an ihm sind seine wiederkehrenden Träume, in denen er sich mit einer schönen Unbekannten auf dem Mars befindet. Diese beeinflussen ihn derart, daß er den Mars schließlich sehen will, aber leider sind solche Reisen recht kostspielig, und seine Gattin ist auch alles andere als begeistert. Daher wählt Quaid die nächstbeste Option: Die Firma Rekall Inc. soll ihm künstliche Erinnerungen an einen Trip zum roten Planeten einpflanzen, um ihn wieder mit seinem einfachen Leben zu versöhnen und von den Träumen zu befreien. Als kleine Zugabe will Quaid noch Spion gewesen sein - einfacher Tourist wäre ja langweilig.

Quaid (Arnold Schwarzenegger) hat wohl nicht nur Erinnerungen eingepflanzt bekommen.

Für den Zuschauer wenig überraschend ist das Ganze dann doch nicht so einfach: Während der Operation wacht Quaid plötzlich auf und besteht darauf, tatsächlich Geheimagent auf dem Mars gewesen zu sein - seine Erinnerungen waren vermeintlich gelöscht worden, kamen durch den Eingriff aber wieder zur Oberfläche. Und damit kommen wir zum wirklich spannenden Element von TOTAL RECALL: Nach nur 15 Minuten kann auch der Zuschauer selbst nicht mehr sagen, was nun Realität und was Einbildung des Hauptcharakters ist, wie in der ungewöhnlich humoristischen Dick-Vorlage wird man mit Fragen zurückgelassen, die mit dem Nachdenken nur noch komplizierter werden. Und dies sei vorweggenommen: TOTAL RECALL hält diese Spannung bis zum Schluß, ganz im Gegensatz zu BLADE RUNNER, dessen Handlung sich in der ewigen und immer wieder neuen Vermarktung schließlich selbst überführte.

Was folgt, ist technisch einwandfreie Science-Fiction-Action: Quaid kämpft sich durch mehrere mitunter sehr blutige Sequenzen und schafft es schließlich tatsächlich auf den Mars, dessen Kolonisation durch detaillierte Modelle und Miniaturen suggeriert wird, auch wenn kein Gefühl für Größe aufkommen will. Kaum dort angekommen, wird er auf den Rebellenführer Kuato aufmerksam, der ihm eventuell weiterhelfen kann. Die Hinweise führen ausgerechnet ins Vergnügungsviertel (wer hätte das bei Verhoeven je vermutet?), das unter anderem auch von diversen Mutanten bewohnt wird. Hier konnten sich die Maskenbildner noch einmal voll ausleben und die offensichtlich investierte Mühe hat sich gelohnt: Ein Großteil der Besonderheiten kann auch über 25 Jahre später noch überzeugen, und auch jene Stellen, an denen der Zahn der Zeit doch ein wenig genagt hat, wirken noch charmant. Kreativ war man ohnehin: verwachsene Gesichter, ein kleinwüchsiger Symbiont, eine Prostituierte mit drei Brüsten - langweilig wird es auf dem Mars nicht.

Böse Buben auf dem Mars: Vilos Cohaagen (Ronny Cox, links) und Richter (Michael Ironside).

Die ganze Zeit über wird die Frage, ob es sich um eine komplizierte Agentengeschichte voller Intrigen und Wendungen handelt oder doch um eingepflanzte Erinnerungen, immer wieder aufgegriffen, allerdings ohne daß dies konstruiert oder übertrieben aufdringlich wirken würde. An sich ist die Geschichte derart überzogen, daß ein vernünftiger Zuschauer wohl eher an die künstlichen Erinnerungen glauben würde, aber da ist ja noch der Faktor Schwarzenegger. Sei es CONAN, TERMINATOR oder PHANTOM-KOMMANDO: Der fachkundige Zuseher hat bereits einen ganzen Kanon vollkommen überzogener Geschichten mit Schwarzenegger konsumiert und kann den Film daher als weiteren Actionstreifen mit dem Exil-Österreicher interpretieren, in dem es keineswegs verwunderlich ist, daß er dutzende Feinde abschlachtet, ohne selbst dabei ernsthaft verletzt zu werden. Daß Verhoeven zuvor ROBOCOP gedreht hat, der ja auch keinen Preis für Bodenständigkeit gewinnen wollte, trägt sein Übriges dazu bei.

Comichaft überzogen, wie für Verhoevens Action typisch satirisch überzeichnet geht es weiter ins große Finale, das in seiner Inszenierung noch einmal geschickt das Hauptelement des Films visualisiert: Quaid hat zuvor im Film einen Hologramm-Projektoren entdeckt, den er nun geschickt nutzt, um die feindliche Überzahl zu dezimieren. Und wieder einmal wissen weder seine Opponenten noch wir als Zuschauer, ob es sich nun um den echten Quaid handelt oder nicht - obwohl die Spannung in dieser kurzen Sequenz stets aufgelöst wird, Hologramm über Hologramm wäre ja auch irgendwann langweilig geworden.

Kann Quaid (Arnold Schwarzenegger) seiner eigenen Ehefrau (Sharon Stone) trauen?

TOTAL RECALL reiht sich perfekt in das Triumvirat Verhoevenscher Action - ROBOCOP, TOTAL RECALL und STARSHIP TROOPERS - ein: Wenn man den Film als gut gemachten, aber dezent trashigen Actionstreifen sehen will, dann steht diesem Vergnügen nichts im Wege. Die äußerste Schicht ist großartiges Popcornkino. Darunter verbergen sich jedoch weitere Bedeutungsebenen, die durchaus zum Nachdenken anregen: Ob der amerikanische Erlöser nicht eher ein Racheengel ist (ROBOCOP), ob wir uns nicht alle nach ein wenig Hochglanz-Faschismus sehnen (STARSHIP TROOPERS), oder ob wir unseren Sinnen und Erinnerungen wirklich trauen dürfen (TOTAL RECALL). Konsequent hat Verhoeven ein schlichtes Äußeres mit einem künstlerischen Kern verbunden - besser so als andersrum. Hoch anzurechnen ist ihm auch, daß er die grundlegende Frage - Traum oder Wirklichkeit - eben nicht auflöst. Ein abschließender Twist wäre clever gewesen. Die Spannung aufrecht zu erhalten hingegen war mutig und brillant.

Und so bleiben wir schließlich mit einem Schwarzenegger auf dem Mars zurück, der sich fragt, ob dies nicht alles ein Traum war. Und wir können ihm glücklicherweise keine Antwort darauf geben.


Mehr zu TOTAL RECALL und der Mars-Besiedelung ist auch in unserem Lichtspielplatz-Podcast #13 zu hören.

Mehr Texte zu Paul Verhoeven auf Wilsons Dachboden:
TRICKED: Ein Drehbuch als Open-Source-Projekt




Total Recall - Die totale Erinnerung (USA 1990)
Regie: Paul Verhoeven
Buch: Ronald Shusett, Dan O'Bannon, Gary Goldman
Kamera: Jost Vacano
Musik: Jerry Goldsmith
Darsteller: Arnold Schwarzenegger, Rachel Ticotin, Sharon Stone, Ronny Cox, Michael Ironside, Marshall Bell