"Bitte?", höre ich den Filmkenner angesichts der Überschrift grübeln. "Subtile Erotik"? Jawohl, die Rede ist von Paul Schraders KATZENMENSCHEN, dem weitaus expliziteren losen Remake des Horrorklassikers von 1942 - eine Version der Geschichte, die nicht nur sexuell deutlicher und viel blutiger ausfällt und mit Tabuthemen wie Inzest spielt, sondern auch mehrfach Nastassja Kinski ganz hüllenlos zeigt.

Daß die Erotik hier in irgendeiner Form subtil ausfallen könnte, scheint zunächst eine Behauptung zu sein, die sich ganz und gar nicht mit dem tatsächlichen Film deckt. Immerhin schrieb zum Beispiel James O'Neill in seinem Kompendium TERROR ON TAPE: "a little less nudity and a little more tease would have helped here; Kinski clothed is enough to drive you up the wall". Filmkritiker Leonard Maltin meinte: "Schrader seems more concerned with camera angles and nudity than coherent storyline".

Keine Frage, Schraders KATZENMENSCHEN ist sexuell durchaus deutlich - aber bei näherer Betrachtung wird die Sexualität gar nicht betont, sondern vielmehr durchweg herabgespielt. Schauen wir uns mal näher an, wie die wunderschöne und attraktive Kinski den Film über auftritt und inszeniert wird.



So kommt Irena am Flughafen von New Orleans an und wird uns vorgestellt: Eine elegante, aber auch recht unauffällig gekleidete Frau. Sie trägt einen grauen Mantel, dazu ein nur um den Nacken gehängtes Tuch mit Muster in Dunkelrot und Lila. Darunter trägt sie ein Kleid in hellem Rosa, das oben mit einem kleinen weißen Kragen ausgestattet ist (man sieht das Kleid später noch komplett).



Zum Abendessen mit ihrem Bruder (Malcolm McDowell) trägt Irena eine weiße Bluse mit leichtem Rüschenmuster entlang der Knopfreihe, dazu einen dunklen Rock. Sie wirkt brav in dem Outfit, und der kurze Haarschnitt gibt ihr trotz der Frauenkleidung etwas Jungenhaftes.





Am nächsten Tag trägt Irena ein gestricktes, schulterfreies Top (wieder in hellem Rosa), dazu eine weiße Strickweste, die sie lässig über die Schultern hängt oder über die rechte Schulter wirft. Dazu trägt sie einen dunkelgrauen Rock, einen geknoteten Gürtel und klassische schwarze Damenschuhe mit leichtem Absatz. Der Look wirkt leger und doch (vor allem dann, wenn sie die Weste über die Schulter wirft) recht elegant - aber es fällt auf, daß ihre Kleidung stets aus unauffälligen, gedeckten Farbtönen zu bestehen scheint. Diese Frau stellt keine Sexualität zur Schau - was natürlich zur Figur paßt, weil Irena Angst vor ihrer Sexualität hat und tatsächlich noch Jungfrau ist.







Zu dem grauen Rock und den schwarzen Schuhen trägt Irena hier ein weißes Polohemd, über das sie diesmal eine hellrosa Weste hängt - oder diese ganz lässig vorne mit den Ärmeln verknotet. Vor allem in den mittleren Bildern sieht man, wie anziehend Kinski aussieht - ihr Reiz (bzw. der ihrer Figur) liegt darin, wie das Verführerische durch die gedeckten Farben zwar herabgespielt wird, aber trotzdem immer präsent bleibt.


Irena heuert beim Zoo an - und offenbar scheint auch ihr Arbeitgeber denselben Farbgeschmack zu haben: Das Polohemd, das sie während des Jobs trägt, ist in einem Hellgrau gehalten, das perfekt zu ihrer sonstigen Garderobe paßt.




Zugegeben: Diese Bluse ist scheußlich. Ein diffuses Graublau mit weißem Kragen und weißen Manschetten, und dazu noch Puffärmel. Dafür sieht man hier schön Irenas dezenten Schmuck, den sie fast immer so trägt: einfache weiße Perlenohrringe, am linken Handgelenk eine leichte Armbanduhr, an der noch eine kleine Extrakette hängt.





Jetzt ist das ganze Outfit in matten Farben gehalten: eine hellgraue, fast weiße Jacke, darunter einen leichten Pullover mit grauen Querstreifen, dazu einen beigen Rock. Interessant sind dazu die weißen Espadrilles mit hellgrauer Schnürung - diese Schuhe geben dem unauffälligen Look etwas Lieblich-Verspieltes.

Die Farblosigkeit dieser Garderobe steht in scharfem Kontrast zu dem knallroten Blut, das Irena am Ende dieser Szene um die Füße schwappt (das Blut stammt von einem tödlich verwundeten Tierpfleger). Es wirkt gerade durch ihre blasse Kleidung umso kräftiger - und funktioniert auch metaphorisch: In der Szene davor hat Irena ihrer Arbeitskollegin noch gestanden, daß sie Jungfrau ist, hier kündet ein Blutschwall unter ihren Beinen gewissermaßen an, daß sie die herabgespielte Sexualität noch einholen wird.





Hier sieht man nochmal den gestreiften Pullover, der einen interessanten Kragen hat - er ist seitlich weiter ausgeschnitten als vorne und wirkt damit ein wenig wie eine Mundöffnung. In den unteren Bildern ist der Pullover mit dem grauen Mantel kombiniert, den Irena am Anfang getragen hat.
 


Auch Irenas Freizeitlook wirkt gedeckt: Ein graublauer Pullover, darüber eine gefütterte, hellbraune Jacke. Dies ist die einzige Sequenz, in der sie keinen Rock trägt, sondern Jeans (nicht auf den Bildern zu sehen).


Zur Abwechslung mal wieder ein leichtes Oberteil in hellem Rosa.

 

Auch Irenas Nachthemd ist eher elegant als sexy: Ein weißes, knöchellanges Nachtkleid, das oben mit leichtem Blumenmuster verziert ist. Aber dann zieht sie dieses unschuldige Stück aus --





-- und streift nackt durch den Wald, geleitet von ihrem Naturinstinkt: Sie ist auf der Jagd und wird sich auf ein Kaninchen stürzen, nachdem die Nacht mit Oliver ihre Triebe geweckt hat. Man beachte, wie Irena in der nächtlichen Szenerie nur manchmal ganz zu sehen ist und in anderen Momenten das Licht ihren Körper bloß streift.






Hier trägt Irena ein klassisches weißes Negligee mit Spaghettiträgern, mit dem sie schon weit verführerischer wirkt als noch mit dem langen Nachtkleid.


Wie vorhin wird Irenas weitere Wandlung mit einem Naturbild verbunden: Im strömenden Regen steht sie vor der Leiche ihres Bruders, im Hintergrund wieder der Wald.








Mit dem roten Tuch um den Hals trägt Irena hier zum ersten Mal etwas mit einer kräftigen Farbe - ein weiteres Zeichen ihrer erwachenden Sexualität. Mantel und Kleid sind identisch zum Beginn des Films - aber durch das umgebundene Tuch sticht sie jetzt viel mehr ins Auge.

(Das Bild mit ihr hinter dem Zugfenster, in dem sich der Wolkenhimmel widerspiegelt, könnte von Sofia Coppola stammen.)



Zwei weitere Oberteile im unauffälligen Stil: Ein dunkelgraues Hemd, bei dem der Kragen etwas über Kreuz geht, und ein leichter weißer Pullover mit einem interessant gerundeten V-Ausschnitt. Nachdem sie hier bedrohlich und aktiv auftritt, wirkt es fast wie ein Versäumnis, daß ihre Garderobe hier genauso aussieht wie zu Beginn.





Zum zweiten Mal sehen wir ihren nackten Körper - wieder hauptsächlich im schummrigen Nachtlicht, das das suggestive Element erhöht.

Nur in der Szene im Badezimmer (zweites Bild) sehen wir Irena tatsächlich im hellen Lichtschein nackt. Aber selbst hier wird die Sexualität herabgespielt - das Zimmer wirkt leer und kalt, der Moment (sie schmeckt ihr eigenes Blut) hat wenig Erotisches an sich. 



Bei Olivers letzter Begegnung mit Irena trägt sie ein kariertes Hemd, das ein stärkeres Muster hat als ihre übliche Garderobe, aber farblich ins Schema paßt. Sie zieht es aus - und wieder bleibt ihr nackter Körper halb im Dunkeln, auch in der folgenden Szene, in der Oliver sie ans Bett fesselt. So genau wir der Sequenz beiwohnen, so sehr bleibt doch ein Teil davon in der Nacht verborgen - die Sexualität bleibt etwas, das mit nächtlichen Schatten verknüpft ist.

Keine Frage: Sexualität ist ein ständig präsentes Thema in KATZENMENSCHEN, und das weit deutlicher als noch im Originalfilm von Jacquer Tourneur. Aber trotz der diversen Nacktszenen sieht man bei näherer Betrachtung, daß die Erotik tatsächlich mit einem subtilen Element arbeitet: Sie wird ständig herabgespielt, in die Dunkelheit gesetzt, nie betont. Es wird klar, wie wichtig Nastassja Kinski mit ihren sanften, unschuldigen Zügen für diese Inszenierung ist: In all den gedeckten Farben und den nicht körperbetonten Kostümen darf ihre Sexualität nie verschwinden, sondern muß immer unter der Oberfläche hervorblitzen. Viele andere Schauspielerinnen würden in diesem gedeckten Look entweder verblassen und nicht mehr sonderlich attraktiv wirken - oder von vornherein viel zu sexy auftreten.

Schrader zieht Spannung aus einer Diskrepanz zwischen dem, worum es geht, und dem, wie er es in Szene setzt. Letzten Endes spielt sich - obwohl man so viel von Kinski auf der Leinwand sieht - die Erotik von KATZENMENSCHEN doch auch sehr im Kopf ab: Sie schwingt immer gedanklich mit, gerade weil sie immer wieder gedämpft wird - und genau deswegen hat man hinterher das Gefühl, mehr gesehen zu haben, als es tatsächlich der Fall ist.






Vielen Dank an Nina Wewerka für den Input!
Die Screenshots stammen von der DVD (C) 2003 Universal Studios.

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Christian Genzel

Christian Genzel arbeitet als freier Autor und Filmschaffender. Sein erster Spielfilm DIE MUSE, ein Psychothriller mit Thomas Limpinsel und Henriette Müller, handelte von einem Schriftsteller, der eine junge Frau entführt, weil er sie als Inspiration für sein Buch braucht. Außerdem drehte Genzel mehrere Kurzfilme, darunter SCHLAFLOS, eine 40-minütige Liebeserklärung an die Musik mit Maximilian Simonischek und Stefan Murr. Derzeit entwickelt er seinen zweiten Spielfilm BROT UND SPIELE, eine Komödie mit Thomas Limpinsel, Götz Otto und Steffen Wink über alte Kindsköpfe und noch ältere Computerspiele.

Christian Genzel schreibt außerdem in den Bereichen Film, TV und Musik, unter anderem für GMX und den All-Music Guide. Außerdem hält er Vorträge zu Filmthemen und kuratierte 2014 an der Universität Salzburg eine Filmreihe zum Thema "Erster Weltkrieg".

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