In der Reihe "Class of 1986" widmet sich Wilsons Dachboden zwölf Filmen, die dieses Jahr ihr 30-jähriges Jubiläum feiern. Nach meinen generellen Überlegungen zu TOP GUN (hier) und dem Gespräch mit Dr. Wily über den Soundtrack des Films (hier) soll jetzt noch ein Spotlight auf den Look von Kelly McGillis geworfen werden.

So viel Arbeit, wie Tony Scott in die visuelle Präsentation von TOP GUN gesteckt hat - jedes Bild ist mit dem Auge eines Werbefilmers perfekt designt - so viel Zeit verbrachte er auch damit, die weibliche Hauptfigur zu stylen. Im Making-of erzählt Produzent Jerry Bruckheimer: "Tony spent an enormous amount of time on her look. He hired some of the best fashion stylists to work on her, and make-up artists, and hair people - really putting an enormous amount of energy into how good she looked in the movie, and how good he wanted her to look in the movie."

Schauen wir also mal an, wie Kelly McGillis (bzw. die Ausbilderin Charlie, die sie spielt) im Film auftritt und präsentiert wird:



Bei ihrem ersten Auftritt als Ausbilderin im Hangar trägt McGillis ein schickes Business-Outfit, das gleichzeitig sexy und professionell wirkt, aber nicht zu streng. Ein weiter, dunkler Blazer (offenbar ohne Knöpfe), dazu einen Bleistiftrock, Nahtstrümpfe und schwarze High Heels - und als Gegengewicht ein weißes T-Shirt unter dem Blazer. Das Shirt unterstreicht eine gewisse Bodenständigkeit und Coolness - die Frau ist souverän und will ernstgenommen werden, aber das nicht krampfhaft. Lässig wirkt das Outfit auch deshalb, weil die Ärmel des Blazers hochgekrempelt sind.

Abgesehen von den breiten Schultern des Blazers ist der Look sehr klassisch - vor allem durch seine Farben. Dazu passen auch die nicht ganz schulterlangen blonden Haare und der rote Lippenstift - trotz anderer Frisur erinnert das ein wenig an Marilyn Monroe.



In der Szene davor, wo Maverick sie in der Bar kennenlernt, wirkt Charlie gar nicht so gestylt: Sie trägt ein legeres weißes Polohemd, mit einem roseefarbenen Pullover über die Schultern gehängt, und Jeans dazu. Interessant, daß sie sich zum Fortgehen weniger bzw. dezenter herrichtet als zum Briefing - aber es funktioniert dramaturgisch fein, daß man sie als natürlich und ansprechbar wirkende Frau kennenlernt und dann erst in der nächsten Szene als höhergestellte Expertin präsentiert bekommt, die keinen Grund hat, von Mavericks Angeberei beeindruckt zu sein. (Leider ist der Film hier, wie in so vieler Hinsicht, sehr inkonsequent - so sehr Charlie Maverick anfangs abblitzen läßt, so sehr zündet sein selbstgefälliges Pfauentum letztlich doch noch und sie ordnet sich brav und verliebt unter, ohne daß er sich hätte wandeln müssen.)

Übrigens mag Charlie hier leger wirken, aber Stil beweist sie trotzdem: Man beachte die kleinen Tupfer, die ihr dezenter Goldschmuck setzt - die goldene Armbanduhr links, ein Armreif rechts, und ein auf "halb acht" getragener Ring.




Bei sich zuhause ist Charlie noch etwas legerer gekleidet: Wie man am unteren Bild sieht, trägt sie ein leichtes weißes Oberteil, über das sie ein weites, offenes weißes Hemd gezogen hat. Dazu Jeans und rot-braune Stiefel - letztere vielleicht (vor allem durch die Absätze) nicht unbedingt etwas, das man daheim tragen würde, aber immerhin handelt es sich ja um ein Rendezvous mit Maverick, bei dem sie doch schick wirken will. So oder so unterstreichen die Cowboy-haften Stiefel einmal mehr ihre Lässigkeit. Am rechten Arm ist wieder der Armreif zu sehen - und im oberen Bild sieht man einen schönen Goldring an der rechten Hand: Ein einfaches Design, bei dem Linien über Kreuz gehen. Auch das wirkt dezent und zeitlos.



Das weiße Shirt kombiniert Charlie teilweise auch mit einem weiten grauen Blazer - ebenfalls recht elegant, aber vom Kontrast her nicht so stark wie der dunkle Blazer. Man merkt schon: McGillis trägt immer ein weißes Oberteil, das dann wahlweise mit etwas kombiniert wird, das sie darüberzieht. (Nur in einer Szene, die hier nicht abgebildet ist, trägt sie eine roseefarbene Bluse: Die Sequenz in der Bar, wo Goose am Piano sitzt und alle "Great Balls of Fire" singen. Vielleicht ist es bezeichnend, daß das eine Szene ist, in der sie eher Randfigur ist.)

In einer Szene sieht man McGillis auch mit Brille - immerhin hat ihre Figur ja einen Doktor in Astrophysik!



Und noch ein großartiger Look: Eine weiße Bluse, dunkler Bleistiftrock, goldene Armbanduhr und ein Kettchen am Handgelenk - und dazu eine offene Lederjacke mit Insignien, die Ärmel erneut hochgekrempelt. Wie beim ersten Outfit wird hier Eleganz mit etwas Lockerem kombiniert: Dort war es der korrekte Blazer, unter dem McGillis ein T-Shirt trug, hier ist es mit Bluse und Jacke quasi umkehrt.

Am oberen Bild sieht man übrigens, wie sehr Tony Scott (und sein Kameramann Jeffrey Kimball) mit dem Blick von Werbe-Photographen arbeiten: Die hintereinandergereihten Säulen mit den streng vertikalen Linien würden tatsächlich auch einen fantastischen Hintergrund für eine Modestrecke abgeben.



Nochmal die Lederjacke, der man hier schön ihren Vintage-Look ansieht, darunter das weiße T-Shirt. Das schwarze Käppi trägt McGillis deshalb, weil die Szene erst bei einem Nachdreh entstand und kaschiert werden mußte, daß sie sich die Haare hatte schneiden lassen - dennoch paßt es natürlich zu Charlies lässigen Auftritt.

In der Nahaufnahme sieht man übrigens, daß auch ihr Ohrschmuck sehr dezent gestaltet ist - einfache, goldene Kügelchen. Dafür sind ihre Augen hier mit mehr Wimperntusche betont als in den anderen Szenen.



Und noch ein letztes Mal die coole Lederjacke und das weiße Shirt darunter. Hier ist beides mit einer Jeans kombiniert (nicht im Bild - aber man sieht die Jeans, wenn sie reinkommt und wenn sie wieder aufsteht).

Im Making-of erinnert sich Tony Scott, wie die Verantwortlichen bei Paramount skeptisch darüber waren, wie sexy Kelly McGillis im Film aussieht: "They kept saying to me, 'Stop making Kelly look so good, or so glamourous!'. They thought I had a Madonna/whore complex, putting Kelly in seam stockings, and she was really nasty in these 9 inch pumps and all this make-up on her." Schauspieler Michael Ironside hat Ähnliches gehört: "There's one comment I'd heard second-hand – that they thought Kelly in fact looked a bit like a streetwalker and less like a very highly regarded technician from Washington."

Natürlich ist das kompletter Quatsch - McGillis wirkt auf elegante und lässige Weise sexy, aber nie auf anbiedernde oder billige Art. Denkbar ist natürlich, daß solche Kommentare daher rühren, daß sie für das Empfinden der Militärberater zu sehr gestylt war - im wirklichen Leben sehen die zivilen Ausbilderinnen im Alltag höchstwahrscheinlich weniger schick und glamourös aus. Aber die Navy von TOP GUN hat ja mit der echten Navy wenig zu tun - es ist eine Designerversion davon, eine Werbe-Navy, und die wird natürlich auch dadurch begehrenswert, daß ihre Mitglieder wie Models ausgesucht und inszeniert werden. Vergessen wir mal nicht, daß auch die TOP-GUN-Männer wie aus dem Fashion-Katalog wirken.

Schauen wir uns zum Schluß nochmal an, wieso Scott und Kimball auch hochbezahlte Mode- und Lifestyle-Photographen hätten werden können: das Licht, die Pose, die Gegenstände - ein Bild, das die Erfüllung diverser Sehnsüchte suggeriert. So wie der Film als Ganzes.


Vielen Dank an Nina Wewerka für ihren Input. 
Damit beenden wir die "Class of 1986"-Retrospektive zu TOP GUN. Nächsten Monat geht es weiter mit einem etwas intensiveren Actionspektakel: James Camerons ALIENS.




Die Screenshots stammen von der deutschen BluRay (C) 2009 Paramount Pictures.
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Christian Genzel

Christian Genzel arbeitet als freier Autor und Filmschaffender. Sein erster Spielfilm DIE MUSE, ein Psychothriller mit Thomas Limpinsel und Henriette Müller, handelte von einem Schriftsteller, der eine junge Frau entführt, weil er sie als Inspiration für sein Buch braucht. Außerdem drehte Genzel mehrere Kurzfilme, darunter SCHLAFLOS, eine 40-minütige Liebeserklärung an die Musik mit Maximilian Simonischek und Stefan Murr. Derzeit entwickelt er seinen zweiten Spielfilm BROT UND SPIELE, eine Komödie mit Thomas Limpinsel, Götz Otto und Steffen Wink über alte Kindsköpfe und noch ältere Computerspiele.

Christian Genzel schreibt außerdem in den Bereichen Film, TV und Musik, unter anderem für GMX und den All-Music Guide. Außerdem hält er Vorträge zu Filmthemen und kuratierte 2014 an der Universität Salzburg eine Filmreihe zum Thema "Erster Weltkrieg".

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