Dezember 2015

Ich weiß nicht, wie oft ich Roman Polanskis CHINATOWN schon gesehen habe - einmal sogar auf der großen Leinwand, Ende 2002. Aber das ist das Spannende an den großen Werken: Man entdeckt immer wieder etwas. Diesmal ist mir unter anderem ein kleines Detail aufgefallen, das nähere Betrachtung verdient: Wie Polanski Geräusche verwendet, um die Normalität mit kleinen Irritationen zu brechen. Schauen wir uns drei Szenen an:

Exzentriker, Chaoten und Außenseiter fallen über eine altehrwürdige Institution her? Ganz klar, das muß ein ACADEMY-Film sein! Wie so oft wurde im Falle von NACHTAKADEMIE aber das Etikett nur bei uns verliehen: Im Original entstand der Streifen unter dem Arbeitstitel NIGHT SCHOOL und wurde dann als THE UNDERACHIEVERS veröffentlicht. Was freilich nicht heißen soll, daß die POLICE ACADEMY nicht doch als Comedy-Vorbild fungierte: Nicht nur das Humorprinzip, sondern auch das gezeichnete Video-Cover und der Titel-Schriftzug sind stark an der Mutter aller ACADEMY-Filme orientiert.

Als Konsument muß man mitunter schwer auf der Hut sein, von den Verlockungen mancher Filmtitel nicht in die Irre geführt zu werden. Da wird ein Jim-Carrey-Drama mal eben als MAN ON THE MOON verkauft, obwohl nachweislich nicht ein einziger Astronaut zu sehen ist! Ganz anders ist das zum Glück bei dem Epos NUDE BOWLING PARTY, der seinen Kunden entwaffnend ehrlich gegenübertritt: Jawohl, hier wird nackt gebowlt.

Ende der Siebziger trat ein Komiker in der Talentshow THE GONG SHOW auf, der sein Gesicht unter einer braunen Papiertüte verbarg: "The Unknown Comic". Tatsächlich steckte unter der primitiven Verkleidung der Komiker Murray Langston, der schon durch reguläre Auftritte in der SONNY & CHER COMEDY HOUR und diverse Gastauftritte bei Programmen wie THE HUDSON BROTHERS RAZZLE DAZZLE SHOW bekannt geworden war. Langston war die GONG SHOW eigentlich zu albern und krawallig. Weil er aber durch Investitionen in ein Nachtlokal namens "Show-Biz" in finanzielle Schwierigkeiten geraten war, sagte er zu – unter der Bedingung, quasi anonym auftreten zu können. Mit seinen im Maschinengewehrtempo vorgetragenen Wortwitzblödeleien und albernen Derbheiten wurde Langston als "Unknown Comic" ironischerweise viel populärer als zuvor. Einige Jahre hielt er das Mysterium um seine Person aufrecht, bis er sich dann in mehreren Shows "outete".

URBAN LEGENDS –ganz klar, das ist dieser Retro-Slasher mit Robert Englund, bei dem eine Gruppe von Studenten nach den Vorbildern urbaner Legenden stirbt. Oder? Von wegen: URBAN LEGENDS (manchmal auch URBAN LEGEND) ist ein Frankensteinsches Schnodderfilmchen von Bill Osco und Carl Crew, die zuvor schon den Stinkefilm GROSS OUT auf die "Midnight Movie"-Zirkulation losgelassen haben. Das war eine derb geschmacklose, notdürftig zusammengeschraubte Ansammlung von Fäkalwitzen, die für jene Zuseher gedacht war, die gezielt nach wüstem Antikino suchen. URBAN LEGENDS ist das, was passiert, wenn man dabei die Fäkalwitze weglässt.

Trotz der Vermarktung im Sinne von DÜSTERE LEGENDEN ist URBAN LEGENDS kein Horrorfilm, aber immerhin ist er in vielerlei Hinsicht absolut grauenerregend: Niveau, Qualität, Humor und Inhalt rufen eine Vielzahl intensiver Emotionen hervor. Zum Beispiel Ärger – vielleicht, weil man Geld für dieses Flickwerk ausgegeben hat, vielleicht aber auch, weil man sich von vorne bis hinten veralbert fühlt. Dann tun einem die Beteiligten plötzlich kurz leid: Was ist, wenn die das ernst meinen? Auch hochgradige Verwunderung macht sich breit: Was zur Hölle ist das überhaupt, was da über den Schirm flimmert? Wer hat das durchgewunken, was soll der Käse? Und dann schämt man sich auch ein wenig – entweder für die, die da mitmachen, oder für sich selbst, weil man nicht wollen würde, daß jemand dabei zusieht.