Oktober 2015

Journalistin Andie Anderson schreibt für das Cosmopolitan-hafte Frauenmagazin Composure sensationell beliebte Ratgeber-Artikel: "Wie kriege ich einen schöneren Körper in 5 Tagen?", "Wie richte ich mein Apartment nach Feng Shui aus?" und "Wie schreibe ich eine völlig unglaubwürdige Romantic Comedy mit strunzdummen Figuren und plattem Plot?" Ah, Moment – ich glaube, ich bilde mir nur ein, daß der letzte Artikel tatsächlich gezeigt wurde.

Die Rache an der Bande, die seinen Freund Ho verraten hat, sucht der Gangster Mark im Alleingang. Er überrascht die Bandenmitglieder in einem Restaurant, wo sie ausgiebig feiern, und richtet sie mit nicht endenden Salven von Pistolenschüssen. Von links, von rechts, von hinten kommt Verstärkung angelaufen, aber Mark hat die Lage im Griff. Vor dem Massaker hat er zusätzliche Waffen in den Blumentöpfen des Lokals versteckt, und so kann er beidhändig immer weitere Gegner niederstrecken, ohne sich um die Munition Gedanken machen zu müssen. Aber er übersieht einen der verwundeten Männer, der am Boden entlangkriecht und ihm von hinten eine Kugel durch das Knie jagen kann. Mit tiefroter Blutspur zieht Mark sein kaputtes Bein hinter sich her, um dem Verräter direkt in den Kopf zu schießen.

Manchmal reicht eine einzelne Szene aus, um zu zeigen, wie die beteiligten Personen die Filmgeschichte nachhaltig verändert haben. Das brutale und doch so sorgfältig choreographierte Schußwaffenballett der oben beschriebenen Sequenz ist eine davon: Die Gewalt ist hart und dreckig und doch mit perfektem Timing und einer Dynamik aus Zeitlupen und ganz schnellen Aktionen virtuos stilisiert; das Bild des in den beiden Händen bewaffneten Mark wirkt wie eine Ikone tödlicher Coolness; und mit ihrer thematischen Einbindung in ein Drama um Freundschaft, Rache und Verrat ist die Szene noch dazu emotional packend. Vor dem 1986 erschienenen A BETTER TOMORROW war John Woo ein wenig beachteter Regisseur von Kung-Fu-Streifen und Komödien, sein Star Chow Yun-Fat ein belächelter Seifenoper-Schönling. Nur wenig später war Woo Hongkongs wohl bekanntester Regisseur und die große Actionhoffnung der Kinowelt, Chow ein vielbeschäftigter asiatischer Megastar, und der Film ein Startschuß für ein Genre, das später "Heroic Bloodshed" getauft wurde, und Wegbereiter für die zweite große Hong-Kong-Welle im Rest der Welt.