Juli 2015

140 Minuten in einer einzigen Einstellung – ohne Schnitt, ohne digitale Tricks begibt sich die Kamera mit den Protagonisten auf einen Trip ins Berliner Nachtleben, bewegt sich ruhelos durch Clubs, Straßen, Parkhäuser und Hotelzimmer. Als Dokumentation eines filmischen Experiments ist Sebastian Schippers VICTORIA ein faszinierendes Artefakt eines inszenatorischen Kraftakts. Als Geschichte ist es eine banale, bodenlose Enttäuschung, die mich in ihrer Diskrepanz zwischen Aufwand und Inhalt beinahe wütend macht und absolut leer zurücklässt.

"Ich war tierisch gut drauf. Wir hatten Ferien, und ich überlegte mir, wen ich zotteln könnte", führt uns der sympathische Protagonist Matt im Voice-Over in seine Welt ein, nachdem wir im Vorspann schon surfende Gestalten im Wasser und sich sonnende Körper am Strand bewundern durften – selbstverfreilich zu glückselig schepperndem Achtziger-Pop und mit eigenen Nahaufnahmen knappst bekleideter weiblicher Kurven. Man ahnt es schon: HOT SPLASH – EINE JUNGFRAU GEHT BADEN wird großartig. Und das vor allem wegen der deutschen Synchro, die aus einem hemmungslos beknackten und faden Billigstreifen einen hemmungslos beknackten und faden Billigstreifen mit hirnverbiegenden Sprüchen bastelt.

Matt hat gerade einen wunderschönen Traum, bei dem er im Mondschein einer verführerischen Schönheit am Strand begegnet. "Um die Sache richtig in den Griff zu kriegen, stecke ich mir cool eine ins Gesicht und warte", erklärt er seine Taktik. Die geht voll auf: Die Traumfrau entledigt sich ihrer Klamotten und sinkt mit Matt zu Boden. "Naja, zum Knutschen hätten wir auch stehenbleiben können, wo der Sand doch so piekt", kommentiert er. Nebenbei erfahren wir in seiner Erzählung aber auch, daß an diesem schönen Fleckchen Erde bald ein großer Surfwettbewerb stattfinden wird. Der ist wichtig, weil er und seine Kumpels da "'ne Menge frischer Torten zuckern" können.

Hoffnungsfrohe Playboys aufgepaßt: So sieht man aus, wenn man sich cool eine Gesicht steckt, um Torten zu zuckern.

Besagte Kumpels reißen Matt denn auch aus seinen Träumen, indem sie seine Fenster mit Wasserbomben bewerfen. Matt, der eine aufblasbare Puppe im Bett hat, begrüßt den dahergelaufenen Haufen und macht sich mit ihnen auf eine Autofahrt entlang der Strandpromenade, bei der die Jungs mit beinahe soziodokumentarischem Blick die jungen Damen kommentieren, die sie erspähen. Einige Mädels werden kritisch als "Sperrmüllliesen" bezeichnet, aber zum Glück finden manche Frauen auch den Zuspruch der Jungs: "Oh, du irisches Milchgestüt", wird da schon mal poetisch geschwärmt. Wenig später erläutert Matts Freund Woody seine Philosophie, nach der er Anhalterinnen mitnimmt: "Nur für Mädchen lieb und fein tret ich auf das Bremsgebein".

Dritter im Bunde ist der blonde Jimbo, der gemeinhin als der beste Surfer dieses Films gilt und sich beständig mit den verschiedensten Frauen vergnügt, obwohl er mit der ansehnlichen Jennifer zusammen ist. Die singt gerade im Studio, als sie von Jimbo besucht wird. "Was läuft?", will der Studiochef wissen. "Nur der Wasserhahn", antwortet Jimbo.

"Hallo, Herr Kostümmeister! Sind unsere Sachen aus der Reinigung zurück?"

Unterdessen laufen Matt und Woody durch ein Klamottengeschäft, in dem Matt von einer offenbar nymphoman veranlagten Frau in die Umkleidekabine gezogen wird. Er flüchtet, empfiehlt aber dann Woody, einen Blick zu riskieren. "Kann man sie zerren?", will Woody wissen. "Natürlich kann man das, sie ist eine richtige Zerrmeisterin! Die hat den roten Zerrgürtel", spricht Matt. Aber Woody erschrickt beim Anblick der Dame: "Vor so großen T's hab' ich Angst, laß uns abhauen." "Das sieht nur so aus, in Wirklichkeit ist das ihr Zerrspiegel", erläutert Matt.

Weil sich Regisseur James Ingrassia keinerlei Streß macht, den heiteren Tagesablauf seiner Helden durch das unvermittelte Auftauchen einer Handlung zu unterbrechen, haben unsere Protagonisten nun erstmal Zeit, ein paar Burger zu futtern. Den Bestellvorgang müssen wir im deutschen O-Ton wiedergeben:

VERKÄUFERIN: Na, alles noch frisch? Was darf's sein?
MATT: Tja, gute Frage ... viel Kohldampf hab' ich nicht, aber ich schlabber' 'ne Cola runter und schling einen Roastbeef-Burger mit Krempelsoße dazu. Und einen dreifachen Buster-Burger mit nicht zuviel Dipkin, wenn's geht. Und einen großen Shake mit Magnesiumgeschmack, der schön blitzt, wenn ich furze.
VERKÄUFERIN: Ist das dann alles?
MATT: Und zum Schlechtwerden brauch' ich 'ne fette Schokoladentasche mit Zwiebelringen.
WOODY: Aber daß du mir nachher nicht wieder in die Blumenvase reiherst, hörst du!
MATT: Na gut, dann bring mir nur die fette Schokoladentasche und behalt deine Zwiebelringe unterm Arm.
VERKÄUFERIN: Ist geritzt. Ist das dann alles?
WOODY: Ich mach' Diät. Ein leeres Colaglas mit Strohhalm. Ohne Eis.

Zufrieden setzt sich Matt zu seinen Freunden und kündigt an, sie hätten "was zu bekaspern". Als ihm die Kumpels das Essen wegnehmen, wird er aber ungehalten: "Erst den großen Eskimo machen und mir dann die Butter vom Brot klauen, ihr Affen!"

Auf geht's in eine Kneipe, wo Jennifer mit einer Band auftritt. Sie wird als neue Sängerin angekündigt und hüpft dann minutenlang über die Bühne, ohne auch nur die geringste Silbe zu singen. Dafür steckt sie sich das Mikrofon ins Höschen, bevor sie dann doch noch zweimal die Background-Zeile "Gimme Some Lovin'" hauchen darf. Die Band spielt nämlich eine Version des Steve-Winwood-Songs, die mit brutaler Synthproduktion sozusagen haarscharf am Knüller vorbeirast.

Ist das jetzt Zerren oder Zuckern? Auftragen, Polieren? Mehlieren? Den Rührfix putzen?

Jimbo wirft sich derweil an andere Frauen heran und schüttet sich Bier übers Haupt, und obwohl Jennifer nach ihrem Auftritt einer Freundin noch erklärt, daß sie ihn so mag, wie er ist, mißfällt ihr die untreue Tendenz ihres Joschis doch etwas. Der sensible Woody spürt das und erkundigt sich deswegen einfühlsam nach ihrem Befinden: "Was bist'n du so angemault?"

Auf dem Parkplatz streiten sich Jimbo und Jennifer dann. Sie schreit ihn an, daß sie genau Bescheid weiß über seine ganzen anderen Bräute. Er zieht sich mit einem beinahe genialen Kniff aus der Affäre, den sich lockere Männer unbedingt notieren sollten: Er fragt, "Welche Bräute?" Das überzeugt sie, weshalb sie sich auch gleich auf einer Motorhaube von Jimbo ausziehen läßt. Nach kurzem Wechsel zu privateren Örtlichkeiten folgt eine ausführliche Montage zu romantischem Synthetikpop, in der Jimbo und Jennifer im und mit dem Jacuzzi herumblubbern.

"Schatz, der Whirlpool blubbert noch viel mehr, wenn er erstmal eingeschaltet ist."

Kaum zu glauben, aber am nächsten Tag steht für unsere drei Freunde und Jennifer sogar Maloche auf dem Programm: Sie bewerben sich als Kellner bei einer Privatparty. Auch von ihrem Vorstellungsgespräch kann man nur lernen: Jennifer gewährt dem Küchenchef tiefe Einblicke in ihren Ausschnitt, während sich Matt als "Matt Wurst" vorstellt und flapsig fragt, "Kann ich hier irgendwo meinen Königstiger auswringen?"

Die Party wird übrigens vom örtlichen Mafiosi-Glatzkopf T.J. Caruso organisiert, der in der Strandgegend unlautere Geschäfte verfolgt. Schon zuvor haben wir gesehen, wie er seine zwei tollpatschigen Gesellen zu einer Übergabe schickt und ihnen dazu erläutert, sie hätten "den wichtigsten Job seit Erfindung der Taschenlampe". Weil Matt und Woody ganz zufällig auf der Party einen gegnerischen Gangster ausschalten können, werden sie prompt von Caruso als persönliche Handlanger angeheuert und auf eine Koksübergabe geschickt, bei der ihnen aber leider die Tasche geklaut wird. Vielleicht waren die Jungs verblüfft, wo auf einmal soviel Plot herkommt.

Sonst ist der finstere Gangster T.J. Caruso nicht so gut gelaunt wie hier.

Die Verbindung zu Caruso hat aber auch einen Vorteil für Matt: Er lernt dessen süße Nichte Kim kennen, die unter der strengen Obhut ihres Onkels sehr leidet und den bisherigen Film damit verbracht hat, mit ihrem roten Sportwagen durch die Gegend zu fahren. Kim zeigt Matt auch alles andere, was ihrem Onkel gehört – Haus und Boot und überhaupt. "Du hast aber 'n großen Onkel", staunt Matt. In romantischer Zweisamkeit marschieren sie am Strand herum und finden sich gegenseitig ganz schnafte. Als sie einmal ganz nah auf die Kamera zumarschieren, sagt Matt: "Wenn wir nicht bald nach rechts rübergehen, gibt's 'n Zusammenstoß".

Was machen eigentlich die anderen derweil? Ganz klar, die feiern: Jennifer lenkt mit ihren weiblichen Reizen den Aufpasser bei der Tankstelle ab, während die Burschen hinten das Bier klauen. "Ich steh' auf intelligente Männer", säuselt sie. "Hach, ich auch", sagt der. Am nächsten Tag hockt unsere Gang auch schon wieder am Strand, wo die Handlanger von Caruso mit dem Surfbrett vorbeikommen. "Surfen? Wir waren heut' morgen schon 'ne Suppe schlürfen. Die war aber gar nicht gut, da war 'ne miese Muschel drin", plappert einer von den beiden.

"Möchtest du Teil der Handlung werden? Ehrlich, da kommt noch eine!"
Matt und Woody verstecken sich nun in einem Bordell vor Carusos Männern: Das Etablissement gehört nämlich Matts Cousin "Huba aus Kuba". "Ich eß 'n Bier", gibt Woody dort noch seine Bestellung auf und ist dann höchst verblüfft, als er Jennifer als Kellnerin erspäht. Die erklärt, daß sie Geld verdienen will, um aus dem Kaff zu verschwinden. "Hier läuft doch sowieso nichts mehr", begründet sie. "Doch, meine Nase", antwortet Woody.

Weil Carusos Leute umsonst nach Matt und Woody fahnden, wird Caruso langsam ungehalten: "Ich geb' euch jetzt die aller-aller-aller-vorletzte Chance", wettert er. Sein Plan funktioniert ungefähr so: Seine Burschen entführen Jimbo, damit der den Surfwettbewerb nicht gewinnen kann, und Caruso schickt stattdessen einen eigenen Mann ins Rennen, über den er dann den Koksschmuggel während des Wettbewerbs ablaufen lassen kann. Oder so.

Der Surfprofi empfiehlt Brett und Wasser.

Prompt poltert also wieder Handlung ins beschauliche Geschehen: Jimbo wird entführt und in einer Geisterbahn festgehalten, während draußen endliche Mengen an aufregenden Surfeinlagen gezeigt werden. Die Freunde tun sich zusammen, um Jimbo zu befreien, und der kann in einem Showdown doch noch gegen Carusos Surfer antreten und den Wettbewerb für sich entscheiden. Caruso versucht, in Frauenkleidern zu fliehen, und wird aber von Matt und Kim überrumpelt, die dann mit einem Heißluftballon wegfliegen.

Wenn ich mir das alles so durchlese, wirkt das wie im Delirium zusammengefaselt. Was natürlich Film und Synchronisation formvollendet einfängt! Aber irgendwie habe ich verabsäumt, zu erwähnen, daß in der ersten Filmhälfte am Strand einige Frauen in eine Synth-Pop-Aerobic-Tanznummer ausbrechen - ein Proto-Flashmob? Wie kriege ich die Information jetzt so unter, daß ihre Verbindung zur Handlung klar wird? Ach, schon geschehen.





Hot Splash - Eine Jungfrau geht baden (USA 1987)
Originaltitel: Hot Splash
Regie: James Ingrassia
Kamera: Thomas Murphy
Musik: Lenny Macaluso, Michael Hirsch
Darsteller: Richard Steinmetz, A. Rebecca Thompson, Jeremy Whelan, Richard Steele, James Michael Hall, Paul Parducci, Kerin Lobat

Die Screenshots wurden von einer privaten VHS-Aufnahme der RTL2-Ausstrahlung vom 3. Oktober 1997 genommen.


Ich habe schon vor einigen Jahren die bislang einzige Regiearbeit von SCREAM-Autor Kevin Williamson hier betextet: TÖTET MRS. TINGLE. Nun hat sich der tapfere Gastautor Dr. Wily nochmal an den Film gewagt, den er seit anderthalb Jahrzehnten nicht mehr gesehen hat - und stellt einige Überlegungen dazu an, warum Williamson ihn nicht mehr so begeistert wie früher.



Was hab' ich damals auf diesen Film gewartet! Das sagenumwobene erste Drehbuch von Kevin Williamson, von dem er in Reportagen und Interviews so viel und so spannend erzählt hatte. Als TÖTET MRS. TINGLE 1999 erschien, war ich von seinen Geschichten noch begeistert. Zwei SCREAMs, ICH WEISS, WAS DU LETZTEN SOMMER GETAN HAST und DAWSON'S CREEK (die erste Staffel verteidige ich bis heute) hatten mich völlig für sich eingenommen. Und dann gab es da ja auch noch THE FACULTY, den ich ebenso super fand (und seit damals nicht mehr gesehen habe). Nach erneutem Filmgenuss von TÖTET MRS. TINGLE steht allerdings zu befürchten, daß auch THE FACULTY den Test des Erwachsenwerdens vielleicht nicht ganz bestehen wird.

TÖTET MRS. TINGLE hatte ich kaum in Erinnerung. Ein, zwei Szenen vielleicht, aber zum Beispiel die Armbrust oder die Tatsache, daß Helen Mirren ans Bett gefesselt wird, sind meiner Erinnerung entschwunden. Nur so ein Gefühl von Enttäuschung ist dem Film immer nachgehangen.

Die Cast zeigt sich von der Story sichtlich verwirrt.

Bei neuerlichem Sehen wird die Sache schnell sehr klar. TÖTET MRS. TINGLE (der ursprünglich KILLING MRS. TINGLE hieß, dann aber wegen den Columbine-Morden in TEACHING MRS. TINGLE umbenannt wurde – was den deutschen Übersetzer aber offenbar nicht gestört hat) funktioniert einfach nicht.

Drei Schüler kidnappen ihr fiese, niederträchtige Lehrerin, damit sie der Musterschülerin bessere Noten gibt: Die absurde Prämisse könnte vielleicht als überdrehte Komödie funktionieren – was nur Marisa Coughlan für zumindest zwei Drittel des Films verstanden hat. Katie Holmes läuft als Hauptfigur Leigh Ann dagegen durch eine Teeniesoap. Barry Watson ist einfach als Judd-Nelson-Verschnitt gecastet und dafür zu fesch und zu ungefährlich. Helen Mirren spielt einen Psychothriller. Nun kann man kann ihr nicht absprechen, daß sie die böse, verbitterte Lehrerin Mrs. Tingle nicht mit sichtlichem Spaß spielt. Es ist ja auch eine coole Rolle, darum wird sie sie auch angenommen haben. Daß mit Williamson ein damals erfolgreicher und gefragter Name involviert war, könnte ihr die Entscheidung erleichtet haben.

Das Drama an dem Film ist, daß Williamson weder weiß, welche Geschichte er erzählen will, noch wie er sie erzählen will. TÖTET MRS. TINGLE findet nie einen roten Faden. Wie gesagt, als Komödie könnte die Idee funktionieren, aber Kevin Williamson ist kein Komödiant, sondern hatte schon immer einen starken Hang zu Sentimentalität, Kitsch, Drama und Pathos.

Why suddenly so serious, Ms. Coughlan?

Darüber hinaus ist es einfach ein erstes Drehbuch mit all seinen Schwächen. Sein Hauptthema – die Spiegelcharaktere Leigh Ann und Mrs. Tingle – ist schlecht ausgearbeitet und plump erzählt. Mrs. Tingle begreift die Auseinandersetzung mit Leigh Ann als Spiel. "Your move", sagt sie immer, wenn sie ihre drei Entführer wieder in psychologische Bedrängnis gebracht hat. Sie tut das, weil das Drehbuch es cool findet. Das Drehbuch hat aber übersehen, Leigh Ann als jemand zu zeichnen, der auch taktiert. Katie Holmes spielt ihre Figur nie als das ebenbürtige Gegenüber, als das Mrs. Tingle sie aber anspricht. Vielmehr erwähnt das Buch immer wieder, wieviel Angst Leigh Ann hat.

Darüber hinaus hapert es am Grundsätzlichen: Wenn sich unsere Identifikationsfigur im Laufe der Geschichte genauso kalt, berechnend und fies verhält wie ihr Erzfeind, warum soll ich dann um sie bangen? Und warum soll ich mich am daraus resultierenden fragwürdigen und verlogenen Ende über ihren Erfolg freuen?

Dennoch bin ich, vielleicht aus Sentimentalität oder Nostalgie, bereit, dem Film ein paar Dinge zuzugestehen. Es ist nicht der erste Film, der den immensen Leistungsdruck der Schüler und deren extreme Abhängigkeit von guten Noten zum Thema hat, aber ich kenne wenige Geschichten, in denen Schüler aus Verzweiflung und Angst um ihre Zukunft zu solch drastischen Mitteln greifen – obwohl die Idee, es den gemeinen Lehrern heimzuzahlen, denen man schutzlos ausgeliefert ist, vielen durch den Kopf geht. Damit ist TÖTET MRS. TINGLE die Bebilderung einer Phantasie, die besser funktionieren würde, wenn sich der Film auf einen emotionalen Tonfall einigen könnte.
Darüber hinaus ist der in Mrs. Tingle personifizierte Neid, die Verbitterung über die eigene Biographie und die daraus entstehende Mißgunst der älteren Generation den Jungen gegenüber wahrscheinlich näher an der Wirklichkeit dran, als uns lieb ist.

Stilvoll ans Bett gefesselt - versteckt sich hier gar ein 50-SHADES-OF-GREY-Vorläufer?

Nach MRS. TINGLE ging es für mich mit Kevin Williamson jedenfalls bergab. Ich habe mich jetzt beim Wiedersehen mit MRS.TINGLE gefragt, warum mich seine Geschichten in dieser Zeit, als ich zwischen 17 und 20 Jahre alt war, so beeindruckt haben. Wenn man Williamsons Werk als Ganzes betrachtet, erkennt man, daß er sich zunächst bei Teenagergeschichten zuhause fühlt und dann weiter bei Horror und Mystery. Vielleicht hat er mir ein bißchen was über mich und mein Leben erzählt. Die Angst vor dem, wie das Leben nach dieser Umbruchzeit weitergeht, die Angst vor der Welt da draußen konnte ich mit seinen Figuren auf der Leinwand durchstehen. Dazu gibt es sogar tiefenpsychologische Theorien.

Ich gehe bis heute ins Kino, um Leute kennenzulernen. Nicht die an der Kassa oder im Sitz neben mir (zweitere kenne ich nämlich meistens ohnehin schon), sondern die Leute auf der Leinwand. Für mich ist das immer so, als würde ich sie eine Zeitlang in ihrem Leben begleiten, und ich stelle mir immer automatisch vor, woher sie kommen, was rund um den Plot sonst so passiert in dieser Welt und wie es nach dem Abspann mit ihnen weitergeht. So konnte ich damals ins Kino gehen und mir von einem alten Freund neue Geschichten erzählen lassen, in denen auch immer wieder mal alte Bekannte mitspielten, die man so auch in ihrem Leben begleiten konnte.

Die 50-SHADES-OF-GREY-Theorie wird immer stichhaltiger.

Gegruselt hab' ich mich auch schon immer gern. Williamsons Filme haben wohl dort angeknüpft, wo ich mit Stephen Kings Romanen ein paar Jahre zuvor aufgehört hatte. Diese Filme waren mein Eintritt in die Welt des Horrorfilms. Davor hatte ich nur wenige davon gesehen. Zwar genug, um die meisten Anspielungen in SCREAM zu verstehen, doch die große weite Gruselwelt hat sich für mich erst mit Williamsons Geschichten eröffnet. Wahrscheinlich konnten mich auch deshalb viele Stereotype darin einfach nicht stören.

Außerdem hatte es etwas mit Exklusivität zu tun. Ich war schon der Einzige in meiner Klasse, der begeistert die Brit-Pop-Welle ritt, aber auf Oasis konnten sich die anderen dann doch irgendwann einigen. Da konnte ich gerade noch den Anspruch für mich erheben, der Erste gewesen zu sein. Bei der Horrorwelle, die mit SCREAM begann, war ich aber allein auf weiter Flur. Sowas nur für sich allein zu entdecken und zu haben, tut dem Ego in diesem Alter schon gut.

Aber irgendwas ist dann passiert (Christian stellt in seinem Text zu TÖTET MRS. TINGLE ja sogar die These auf, Kevin Williamson hätte sein Pulver schon mit dem Drehbuch zu SCREAM verschossen gehabt). DAWSON'S CREEK begann sich tatsächlich ernst zu nehmen und wurde unerträglich. VERFLUCHT, Williamsons neuerliche Zusammenarbeit mit Wes Craven, soll ich sogar gesehen haben – behaupten Freunde, die dabei waren. So sehr hat er mich beeindruckt. Vermutlich bin ich dann erwachsen geworden – und Kevin Williamson nicht.





Tötet Mrs. Tingle (USA 1999)
Originaltitel: Teaching Mrs. Tingle
Regie: Kevin Williamson
Drehbuch: Kevin Williamson
Kamera: Jerzy Zielinski
Musik: John Frizzell
Darsteller: Katie Holmes, Helen Mirren, Jeffrey Tambor, Barry Watson, Marisa Coughlan, Michael McKean, Molly Ringwald
FSK: 12

Die Screenshots wurden der DVD (C) 2004 Kinowelt Home Entertainment GmbH entnommen.


Hoppla, fehlt da nicht ein "i"? Keinesfalls: Wo sich im ersten Spiel GOBLIIINS drei wackere Abenteurer auf den Weg machten, um König Angoulafre von seinem Wahnsinn zu befreien, sind in der Fortsetzung GOBLIINS 2: THE PRINCE BUFFOON nur zwei der kleinen Gestalten unterwegs. Die müssen sich wieder um den leidgeplagten Monarchen kümmern – beziehungsweise um seinen kleinen Sohnemann, der von einem finsteren Dämon namens Amoniak entführt wurde. Also ziehen der clevere Fingus und der draufgängerische Winkle los, um den Prinz zurückzuholen.

Wie im Erstling steuert man seine Figuren durch die einzelnen Bildschirme und kann die Goblins mit der Umgebung interagieren lassen. Wenn man mit dem Mauszeiger über den Bildschirm fährt, zeigt das Interface diesmal Gegenstände und Bildelemente an, mit denen man etwas machen kann – auch wenn es einige besondere Plätze gibt, auf die man sich auch ohne eine solche Anzeige stellen kann bzw. muß, um voranzukommen (z.B. gleich im ersten Bildschirm eine Plattform). Beim ersten Teil waren die Aufgaben der Goblins noch streng getrennt – einer konnte Gegenstände nehmen, ein anderer zaubern und der dritte seine Stärke einsetzen. Hier können beide Goblins so ziemlich alles, und man kann auch mehrere Gegenstände herumtragen – aber es ist unterschiedlich, wie die beiden Goblins mit den Dingen und Personen umgehen. Fingus ist höflich und zurückhaltend, dafür aber geschickter, während Winkle rotzfrech ist und im Zweifelsfall auch gerne mal Unfug anstellt. Wo Fingus mit einem Knopf umzugehen weiß, kratzt sich Winkle nur am Kopf.

Vor goblingroßen Bienen sollte man Respekt haben.

Wer glaubt, daß das Spiel durch die Reduktion auf nur zwei Goblins leichter geworden ist, täuscht sich gewaltig: GOBLIINS 2 ist um einiges komplexer als sein Vorgänger. Man klappert die Bildschirme nicht mehr strikt der Reihe nach ab, sondern befindet sich meistens in einem Areal von zwei bis vier Orten, zwischen denen man hin- und herwechseln kann. Manchmal ist zum Beispiel ein Gegenstand, den man an einem Ort braucht, an einem anderen verborgen, aber der kann nur erreicht werden, wenn an einem dritten Ort eine andere Aufgabe gelöst wurde.

Richtig ausgefeilt werden die Puzzles aber vor allem dadurch, daß diesmal viel öfter auf die Zusammenarbeit der Goblins gesetzt wird: Sehr viele Puzzles lassen sich nur dadurch lösen, daß ein Goblin etwas macht und der andere zum richtigen Zeitpunkt einspringt. Im ersten Teil mußte diese Kette an Tätigkeiten nur ganz selten unter Zeitdruck erfolgen – hier geht es fast immer um den richtigen Moment, und das manchmal mit einer ganzen Reihe von Aktionen hintereinander. Schon am Anfang kann Fingus beispielsweise nur zwei alten Dorfbewohnern eine Flasche klauen, wenn die abgelenkt sind – und das passiert, wenn Winkle von einem anderen Bewohner eins auf die Mütze kriegt und die Senioren darüber ein paar Momente lang Tränen lachen.

Einen hübschen Teppich hat der Zauberer Tazaar da ... und so lebendig!

Fast mehr noch als das Original lebt GOBLIINS 2 von den vielen Mißgeschicken, die Fingus und Winkle auf ihren Abenteuern passieren. Fingus wird von einem Teppich gebissen, in einem Spielzeugland wird sein Kopf von den Becken eines Äffchens plattgedrückt. Winkle kriegt für seine Frechheiten nicht nur von den Wächtern von Amoniak oft genug eins auf die Mütze, sondern muß auch oft genug die Konsequenzen tragen, weil er im Zweifelsfall die Dinge einfach mal futtert. Alles ist in liebevollem Comic-Stil gehalten, und es ist ein Vergnügen, den beiden bei ihren Versuchen und Reaktionen zu beobachtet – zumal diesmal kein Energiebalken existiert und man somit so oft ins Unglück laufen darf, wie man will, ohne irgendetwas zu verlieren.

Nicht alle Puzzles sind wirklich logisch – vor allem nicht die in den späteren Traum- und Phantasielandschaften, die mitunter sehr abgefahrene Szenarien bieten (unter anderem das besagte Spielzeugland, in dem der Prinz in einem Behälter mit Seifenblasenflüssigkeit gefangen ist). Dennoch kann mit einigem Probieren eigentlich immer eine Lösung gefunden werden – es hilft eben, daß man nach Herzenslust agieren kann, und daß die wichtigen Stellen im Bild angezeigt werden. Wer doch festhängt, kann bis zu drei Joker verwenden, die in knapper Form Lösungswege verraten.

Hmm ... was könnte der Mann unter dem Basketballkorb wohl wollen?

Auch bei der Diskettenversion ist diesmal Musik dabei (GOBLIIINS hatte nur in der CD-ROM-Variante Musik) – und die fügt dem wunderschön gezeichneten Game mit seinem ganz eigenen Stil noch eine zusätzliche vergnügliche Komponente hinzu, weil manche der pfiffigen Ohrwürmer stundenlang laufen könnten. (Tatsächlich ist die Musik der Diskettenversion von GOBLIINS 2 schöner als die der CD-Fassung - außerdem ist das niedliche Kauderwelsch der Figuren viel witziger als die bei der CD-Variante hinzugefügte Sprachausgabe.)

Kurzum: GOBLIINS 2: THE PRINCE BUFFOON ist ein wundervolles Adventure, das auch heute noch uneingeschränkt Spaß macht.





Alle Screenshots aus dem Spiel genommen, (C) 1992 Coktel Vision.

Es ist praktisch, treue Gastautoren zu haben: Die können sich nämlich auch mal billige Anime-Realverfilmungen ansehen, damit ich das nicht selber tun muß. Im folgenden Text berichtet der unerschütterliche Don Arrigone kurz und schmerzhaft von seiner Begegnung mit der Kinoversion von FIST OF THE NORTH STAR ...



Zu sagen, FIST OF THE NORTH STAR von 1995 wäre ein weiterer Endzeitschinken, der mit niedrigem Budget verbrochen wurde, und dessen Produzenten hofften, vom Kultstatus des 16 Jahre zuvor erschienenen MAD MAX zu profitieren, wäre treffend, greift aber zu kurz. Präziser ist es zu sagen, daß FIST OF THE NORTH STAR ein weiteres Endzeitdesaster ist, das mit niedrigem Budget in die Welt gespien wurde, und dessen Produzenten verzweifelt hofften, vom Kultstatus des 12 Jahre zuvor erschienen Manga bzw. des 11 Jahre zuvor erschienenen Anime zu profitieren – wobei diese wiederum von MAD MAX und Bruce Lee inspiriert wurden. Gemein ist den Ahnen, daß sie allesamt gute Unterhaltung für ihr Geld boten – ein Urteil, das nicht einmal ein geschenktes Exemplar des Realfilms für sich beanspruchen kann.

Goblinkönig Angoulafre ist verrückt geworden! Er schreit unter Phantomschmerzen, bricht plötzlich in irres Gelächter aus und fürchtet sich im nächsten Moment zu Tode - obwohl überhaupt nichts im Raum zu sehen ist. Was seine besorgte Hofgesellschaft nicht weiß: Ein Zauberer piesackt den armen König per Voodoopuppe, sticht ihn mit Nadeln, hält ihm Spinnen vor den Kopf und kitzelt ihn mit einer Feder. Um herauszufinden, was den König plagt, werden drei tapfere Goblins zum Zauberer Niak entsandt - der leider nicht gerne Besuch empfängt und sich für seine Dienste am liebsten mit wertvollen Diamanten bezahlen läßt ...

Ein echtes Elefantengedächtnis hat dieser Killer: Er weiß noch immer, was Julie letzten Sommer getan hat. Sein Zeitgefühl funktioniert nicht ganz so gut: Er meint eigentlich den vorletzten Sommer, als Julie ihn zusammen mit ihren Freunden versehentlich mit dem Auto überfahren hatte und im Meer entsorgen wollte, um die Sache zu vertuschen. Letzten Sommer schickte er ihnen Nachrichten, daß er wisse, was sie letzten Sommer getan hätten, und brachte dann ein paar von ihnen um - umgekehrt wäre ja auch blöd! Zum Glück konnte er von Julie und ihrem Freund Ray gestoppt werden. Und zum Glück für die Produzenten lebt er noch und erinnert sich nach wie vor.