März 2015

Hab' ich ein Glück! Von den unzähligen Filmen, die die beiden italienischen Komiker Franco Franchi und Ciccio Ingrassia zusammen gemacht haben, sehe ich mir als allererstes einen Streifen mit dem schwungvollen Titel DIE TOLLDREISTEN KERLE VOM LÖSCHZUG 34 an. Ungefähr 76 Minuten und mindestens fünfmal so viele Grimassen später werfe ich einen Blick in mein treues Lexikon des Internationalen Films, wo steht: "In der Serie 'Zwei Trottel' das wohl dümmlichste Produkt". Sehr gut! Das bedeutet, was immer ich mir noch mit den beiden anzusehen wage - vielleicht ZWEI TROTTEL GEGEN GOLDFINGER? Oder WIR, DIE TROTTEL VOM 12. REVIER? - muß zwangsläufig weniger blöd sein. Ich eile aber mal nicht herbei, um das zu überprüfen.

Der titelgebende Löschzug 34 ist der saublödeste Trupp der italienischen Feuerwehr. Der Verein scheint ein eher militärisch organisierter Haufen zu sein, bei der ein Kommandant seine Untergebenen herumscheucht - nur daß die Männer allesamt so ziemlich die letzten sind, die man im Notfall rufen sollte. Bei der Übung pumpen sie schon mal Benzin statt Wasser auf das Übungsfeuer, beim Einsatz sägt der Feuerwehrmann einfach mal, um einen Papagei zu retten, einen Baumast ab, auf dem er auch selber sitzt.

Ich mißtraue meinen eigenen Recherchen. Nach kurzer Prüfung über die Filmdatenbank OFDB erfahre ich, daß es in den Achtzigern 19 Filme gab, die das Wort "Karate" im Titel hatten, in den Neunzigern dann immerhin 23. Da kann doch etwas nicht stimmen? Ergeben die ganzen KARATE KIDs, KARATE TIGERs und AMERICAN SUPER KARATE NINJA FIGHTER FORCE ACADEMYs nicht mindestens 350 einschlägige Titel? Egal: Kampfsportkracher waren damals so richtig in, und wenn Actionthemen in waren und günstig imitiert werden konnten, standen wehenden Fußes die Italiener auf der Matte, um auch ein paar Fäuste über die Leinwand fliegen zu lassen. Das ergibt dann beispielsweise den 1987 erschienenen KARATE WARRIOR von Fabrizio De Angelis, der bis 1993 gleich fünf Fortsetzungen folgen ließ. George Lucas hätte länger gebraucht.
Ron Cobert und Nicola Amar in TAXI INS GLÜCK.

Zwischen 1987 und 1993 drehte der Italiener Fabrizio De Angelis unter seinem üblichen Regiepseudonym "Larry Ludman" die Filme KARATE WARRIOR, KARATE WARRIOR 2, KARATE WARRIOR 3, KARATE WARRIOR 4, KARATE WARRIOR 5, und - das ist wie mit der offenen Chipstüte - KARATE WARRIOR 6. Ach ja, und ein Streifen namens KARATE ROCK war auch dabei. Unter allen Lesern, die da einen roten Faden erkennen können und einen Kommentar hinterlassen, verlose ich eine Wunschrezension eines kernigen Italo-Rip-Offs nach Wahl.

Jedenfalls schien De Angelis nach dieser schönen Reihe - vergessen wir auch nicht diesen weiblich besetzten Karate-Revenge-Klopper, der aus unerfindlichen Gründen nicht THE KARATE GIRL, sondern THE IRON GIRL heißt! - plötzlich die Lust am Kampfsport verloren zu haben. Er drehte einfach mal so eine Liebesgeschichte namens TAXI INS GLÜCK, in der tatsächlich niemand auch nur im Entferntesten an Karate denkt. Ein höchst ambitioniertes Unterfangen, wo es doch so einfach gewesen wäre, vertrauten Mustern zu folgen und einen anheimelnden Film namens KARATE INS GLÜCK zu drehen. Im Original ist von einem Taxi übrigens gar keine Rede: Der italienische Titel lautet SOGNO D'AMORE (quasi: Liebestraum), unter alternativem Verleihtitel tauchte der Film bei uns auch als THE ROMANTIC RED SUITCASE auf. Weil mal jemand einen roten Koffer packt, ist doch klar.

Ein Junge wird nach einem Sturz bewußtlos, kommt auf einem Raumschiff wieder zu Bewußtsein, hilft dem freundlichen Außerirdischen beim Navigieren und kehrt dann zurück auf die Erde - wo mittlerweile Jahre vergangen sind, ohne daß der Junge mitgealtert wäre. Theoretisch könnten wir jetzt über den Disney-Film DER FLUG DES NAVIGATORS reden, auf den diese Handlungsbeschreibung voll und ganz paßt - aber das könnte ja jeder. Wir sprechen lieber über die italienische Billig-Variante SPACE NAVIGATOR und brauchen nicht mal einen Grund dafür.

Voice-Over-Erzählungen werden bei Filmen gerne als Krücke angesehen - ein Behelf, um das zu erläutern, was Bilder, Plot, Schauspieler und Schnitt nicht von alleine schaffen. In der Tat wird so ein Erzähler auch gerne als Notlösung eingesetzt, wenn alles andere versagt - wenn die Filmemacher im Schneideraum feststellen, daß die Teile einfach nicht aneinanderpassen wollen, daß die Zuseher einfach nicht die nötige Info aus dem Gezeigten ziehen können. Dabei kann das Voice-Over, richtig eingesetzt, als wichtige Erzählebene fungieren - in STAND BY ME beispielsweise formt der Erwachsenenblick eine Erzählung aus der Jugend und sorgt gerade mit seiner narrativen Klammer für zusätzliches Gewicht.

In VORSICHT NACHBARN werden wir permanent von einem Erzähler begleitet, der eine knappe Spur über einem Hörspielsprecher agiert. Der gute Mann plaudert, als wäre jeder Zuseher blind. Das darf er offenbar, weil die Geschichte auf Büchern von ihm basiert - es handelt sich um den Autor Jean Shepherd, der bezeichnenderweise schon als Radiosprecher gearbeitet hat und in Amerika mit einer Buchreihe über seine Kindheitserinnerungen bekannt wurde. Der Kanadier Bob Clark (PORKY'S) adaptierte 1983 Geschichten von Shepherd zu dem Film FRÖHLICHE WEIHNACHTEN, der allgemein als sehr beliebt und wohlig-nostalgisch gilt (was ich bislang nicht überprüfen konnte und dank des vorliegenden Films auch noch eine Zeitlang vermeiden werde).

Der junge Filmblogger Charlie Lyne macht sich in seinem Videoessay BEYOND CLUELESS daran, einen genauen Blick auf die Teenagerfilme ab Mitte der Neunziger zu werfen - eben die, die dem Titel entsprechend nach CLUELESS veröffentlicht wurden. Sein abendfüllender Film ist keine Dokumentation, sondern eine Art Collage mit Erzählstimme - es gibt keine Interviews und kein eigens gefilmtes Material, stattdessen werden Clips aus den entsprechenden Filmen montiert und kommentiert. Die Erzählstimme stellt dafür übrigens die Schauspielerin Fairuza Balk zur Verfügung, die mit DER HEXENCLUB einschlägig vorbelastet ist (aber hier natürlich nur als Sprachrohr für Lynes Text fungiert).

Es ist ein reichhaltiges Sujet, das sich Lyne hier vorknöpft, und seine Fokussierung auf die Jahre 1995 bis ca. 2004 stellt auch sicher, daß hier Filme abgehandelt werden, die bislang selten ernstgenommen wurden. Und doch beginnen die Probleme von BEYOND CLUELESS schon gleich mit der Auswahl: Für Lyne ist ein "teen movie" offenbar alles, in dem irgendwie Teenager vorkommen, und so wirft er die leichtfüßige Romanze EINE WIE KEINE in denselben Topf wie den Retro-Slasher ICH WEISS, WAS DU LETZTEN SOMMER GETAN HAST, die Arthouse-Meditation ELEPHANT oder die Thriller SWIMFAN und THE GLASS HOUSE.

Rodja Pavlik ist so etwas wie der Schutzpatron der Independent-Filmszene: Seit mittlerweile 14 Jahren bricht der Wiener Journalist eine Lanze für unabhängig produzierte Filme. Er berichtet von liebevoll gemachten Amateurfilmen ebenso wie von professionell inszenierten Werken abseits des Mainstreams. Er interviewt ihre Macher, versorgt sie mit Informationen zu Festivals, Wettbewerben und anderen Entwicklungen, und bemüht sich um die Vernetzung der Szene - nicht nur über seinen Blog HomeMovieCorner, sondern auch über Facebook und eigens organisierte Filmabende. So viel Leidenschaft ist selten für eine Filmszene, die anderswo mitunter gar nicht wahrgenommen wird - geschweige denn ausreichend Berichterstattung oder Wertschätzung erfährt.

Ich habe mit Rodja zum ersten Mal Anfang 2012 gesprochen, als ich erste Pläne für meinen zweiten Spielfilm BROT UND SPIELE entwickelte - der Schauspieler Thomas Nash hatte mir empfohlen, ihn zu kontaktieren. Über die Jahre hinweg habe ich nicht nur gesehen, wie sehr sich Rodja für die Szene einsetzt, sondern auch gemerkt, wie oft ich selber anderen Filmemachern empfehle, ihn anzuschreiben. Grund genug, ihn mal ausführlich zu interviewen!

Am 14. Februar 2015 traf ich Rodja im Wiener Café Sperl - ja, dort wurde auch BEFORE SUNRISE gedreht. Zu Kaffee und Apfelstrudel plauderten wir über seinen Enthusiasmus für den Indie-Film und seine Gedanken und Wünsche für die weitere Entwicklung der Szene. Danach ging es noch zum nächstgelegenen Asiaten, wo wir off the record Projektideen und Filmbegeisterung ausgetauscht haben.