Ich weiß nicht, wie oft ich Roman Polanskis CHINATOWN schon gesehen habe - einmal sogar auf der großen Leinwand, Ende 2002. Aber das ist das Spannende an den großen Werken: Man entdeckt immer wieder etwas. Diesmal ist mir unter anderem ein kleines Detail aufgefallen, das nähere Betrachtung verdient: Wie Polanski Geräusche verwendet, um die Normalität mit kleinen Irritationen zu brechen. Schauen wir uns drei Szenen an:



Diese Szene kommt relativ früh: Privatdetektiv Jake Gittes (Jack Nicholson) folgt Hollis Mulwray, dem Mann, auf den er angesetzt wurde. Der steht mittlerweile am Ozean, wo er auf etwas zu warten scheint. Gittes beschattet ihn von erhöhter Position aus - lange Stunden offenbar, nachdem es schon finster wird und der Detektiv in gemütlicher Pose ausharrt.

Dann ist ein plätscherndes Geräusch zu hören. Gittes dreht sich nach rechts - und kann gerade noch rechtzeitig zur Seite springen, bevor ihn ein Wasserschwall aus einem Rohr erwischt. Unter tosendem Rauschen wird eine Unmenge an Wasser abgelassen. Gittes geht neben dem Rohr in Deckung.



Die nächste Sequent kommt etwas später, als Gittes zum ersten Mal bei Mulwrays Privathaus auftaucht. Ein Butler öffnet die Tür, nimmt die Visitenkarte des Detektivs und schließt die Tür wortlos wieder. Während Gittes wartet, ist von rechts ein hohes, scheuerndes Geräusch zu hören. Gittes dreht sich nach rechts, um zu schauen, was es damit auf sich hat.

Er sieht (als POV gefilmt) den Wagen der Mulwrays und den Chauffeur, der den Wagen putzt. Das scheuernde Geräusch wird von dem nassen Putzlappen erzeugt. Der Chauffeur ist übrigens im ersten Moment nicht zu sehen - er kommt erst nach einem Moment hinter dem Wagen hervor.




Die dritte Szene kommt, als Gittes zum zweiten Mal bei Mulwrays Arbeitsplatz auftaucht - nachdem Mulwray tot aufgefunden wurde. Er wird der Sekretärin lang genug lästig, bis sie ins Nebenzimmer verschwindet, um ihn bei Mulwrays Kollegen Yelburton anzumelden. Während Gittes wartet, ist plötzlich ein Schaben oder Kratzen zu hören. Gittes dreht sich nach dem Geräusch um, das von der anderen Seite einer Tür kommt. Er öffnet die Tür und sieht zwei Arbeiter, die Mulwrays Namen von der Bürotür kratzen.

In der ersten Sequenz hängen das Geräusch und seine Ursache direkt mit dem Plot zusammen - Gittes erfährt, daß heimlich größere Mengen an Wasser Richtung Ozean abgepumpt werden, obwohl es angeblich zu wenig Wasser in der Stadt gibt. In den anderen beiden Szenen ist das Geräusch nur eine Tangente - die Irritation, die es erzeugt, trägt zur Textur und Stimmung des Films bei, aber nicht zur Handlung. In allen drei Beispielen wartet Gittes, bis dann ein Geräusch für kurze Zeit ein Fragezeichen aufwirft, bevor wir die Ursache sehen. Mal ist es wichtig (wie im Falle des Wassers), mal ganz nebensächlich (wie im Falle des Autowaschens).

Dieser kleine inszenatorische Kniff paßt zu Polanskis genereller Strategie, den gewöhnlichen Alltag immer wieder durch Merkwürdigkeiten zu durchbrechen - ob es die häusliche Atmosphäre in ROSEMARY'S BABY ist, an deren Rändern das Bedrohliche lauert, oder die Beschaulichkeit in DER MIETER, bei der ein Knarzen einen plötzlichen Ansturm aufgebrachter Nachbarn nach sich ziehen kann. Auch in DIE NEUN PFORTEN, FRANTIC und THE GHOST WRITER wird das Vertraute teils sehr subtil untergraben.

Ob Polanski auch in diesen Filmen mit diesen kleinen Irritationen durch Geräusche arbeitet, um Verunsicherung zu erzeugen? Ich werde beim nächsten Ansehen darauf achten.


Alle Screenshots wurden von der deutschen DVD (C) 2000 Paramount genommen.


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Christian Genzel

Christian Genzel arbeitet als freier Autor und Filmschaffender. Sein erster Spielfilm DIE MUSE, ein Psychothriller mit Thomas Limpinsel und Henriette Müller, handelte von einem Schriftsteller, der eine junge Frau entführt, weil er sie als Inspiration für sein Buch braucht. Außerdem drehte Genzel mehrere Kurzfilme, darunter SCHLAFLOS, eine 40-minütige Liebeserklärung an die Musik mit Maximilian Simonischek und Stefan Murr. Derzeit entwickelt er seinen zweiten Spielfilm BROT UND SPIELE, eine Komödie mit Thomas Limpinsel, Götz Otto und Steffen Wink über alte Kindsköpfe und noch ältere Computerspiele.

Christian Genzel schreibt außerdem in den Bereichen Film, TV und Musik, unter anderem für GMX und den All-Music Guide. Außerdem hält er Vorträge zu Filmthemen und kuratierte 2014 an der Universität Salzburg eine Filmreihe zum Thema "Erster Weltkrieg".

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