Mit dem Science-Fiction-Actionstreifen THE TERMINATOR hat James Cameron 1984 nicht nur Arnold Schwarzeneggers und seiner eigenen Karriere den entscheidenden Anstoß gegeben, sondern auch das Genrekino für viele Jahre nachhaltig beeinflußt: Nach der düsteren Dystopie über intelligente Maschinen, die den Menschen in der Zukunft den Krieg erklären und einen Killerroboter in die Vergangenheit schicken, hatte plötzlich jede kleine Videothekenproduktion ihren eigenen Cyborg. Nach wie vor ist Camerons Film eine Meisterleistung in erzählerischer Intensität und inszenatorischem Geschick, die nicht umsonst so viele Nachahmer und Fortsetzungen fand.

Beim erneuten Ansehen fiel mir auf, die präzise Cameron in den ersten Momenten des Films seine Zukunftswelt zeigt - mit nur neun Einstellungen setzt er die perfekte Stimmung für den Rest des Films und schafft es, sogar diesen kleinen Prolog (der nur knapp eine Minute dauert!) an einem geschickten erzählerischen Faden aufzuziehen.

(Wie immer gilt: Der Text kommentiert jeweils die darüber gezeigte Einstellung. Wenn mehrere Bilder untereinander sind, wird damit der Fortlauf einer einzelnen Einstellung gezeigt.)






Die erste Einstellung wird langsam aus der schwarzen Leinwand eingeblendet. Wir sehen ein zerstörtes Areal, in tiefes Blau getaucht - die verbogenen Metallkonstruktionen lassen erahnen, daß es mal eine Stadt gewesen sein könnte. Der Wind weht Staub durch das Gelände. Dann zischen ein paar horizontale Laserschüsse durchs Bild, und im rechten vorderen Bereich werden Suchscheinwerfer sichtbar. Rechts über uns fliegt eine Art futuristischer Helikopter ins Bild, der sich dann nach links dreht. Die Kamera schwenkt nach links mit ihm mit. Das Fluggerät beginnt, mit der Laserkanone auf den Boden zu schießen. Im Hintergrund ist ein weiteres Flugzeug sichtbar.

Das ist schon viel erzählt mit nur einem Bild: Wir wissen, daß Krieg herrscht, und anhand der Laser und Fluggeräte wissen wir, daß er über moderne Technologie geführt wird. Das bis zum Horizont zerstörte Gelände und der zweite Flugkörper im Hintergrund geben dem Ganzen eine gewisse Größe, der Staub am Anfang läßt uns ahnen, daß die Zerstörung schon seit einiger Zeit wütet. Und obwohl wir uns noch hauptsächlich in seitlicher Beobachterperspektive befinden, setzt uns der über unserem Kopf auftauchende Flugkörper doch schon mitten in das Geschehen. Man spürt: In der anderen Richtung würde es genauso aussehen.



Die zweite Einstellung, nur einige Frames lang: Eine Explosion. Viel mehr ist nicht zu erkennen. Von der Übersicht der ersten Einstellung werden wir jetzt also direkt ins Chaos geworfen. Dieser Krieg ist sicher noch nicht vorbei.




Es folgt die wohl erschreckendste Einstellung dieses Prologs: Wir sehen die Kette eines massiven Panzers auf uns zurollen. Durch eine Explosion, die außerhalb des Frames stattfindet, erhellt sich die Szenerie blitzartig - und wir sehen, daß der Panzer über eine Vielzahl menschlicher Schädel rollt. Dieser Krieg hatte schon viele Verluste.

(Ich werde durch die Einstellung an den Kriegsfilm WESTFRONT 1918 aus dem Jahr 1930 erinnert - da rollen auch in der finalen Sequenz Panzer stoisch über das zerstörte Schlachtfeld, während im Vorder- und Hintergrund die gefallenen Soldaten zu sehen sind. Einmal rollt der Panzer so nah durchs Bild, daß man das Gefühl hat, er durchbricht die sichere Distanz zum Zuseher. Ich glaube nicht, daß die Kriegsfilm-Assoziation ganz zufällig ist.)


Die Panzerketten-auf-Totenschädeln-Einstellung in THE TERMINATOR packt jedenfalls den ganzen Albtraum dieser Zukunftsvision in ein einziges Bild: Überlegene Maschinen, der Mensch als Opfer. Und der Panzer rollt, ein bißchen wie der Lumière-Zug in La Ciotat, ganz dicht auf der linken Bildseite an uns vorbei: Wir beobachten nicht nur, sondern sind vielleichter dichter dran, als uns lieb ist.



Einstellung Nummer 4 zeigt eine große Maschine mit Suchscheinwerfer, die sich langsam nach links dreht. Der Suchscheinwerfer blendet uns, die genauen Umrisse der Maschine sind nicht ganz zu erkennen - zumal wir nur einen Teil sehen, aus der Froschperspektive. Wieder sind wir mittendrin: Der Blickwinkel ist quasi der eines kleinen Menschen, der nach oben zu dieser Maschine schaut.



Aus demselben Blickwinkel folgt eine ganz ähnliche Einstellung - nur daß diesmal ein Roboter gezeigt wird, der mit einer Laserpistole um sich schießt. Auch der dreht sich nach links.




Erst jetzt sehen wir tatsächlich, worauf geschossen wird - auch wenn wir es durch die vorigen Einstellungen schon ahnen konnten: Ein Mensch hetzt durch die zerstörte Landschaft, neben ihm treffen Laserschüsse in den Boden, Explosionen gehen hoch. Wir wissen nicht, wer der Mensch ist und warum er angegriffen wird - aber mit allen vorigen Bildern ist schon klar, daß es nicht um ihn alleine gehen kann. Die Kamera fährt seitlich nach links, neben ihm entlang; im Vordergrund versperren uns allerlei Trümmer die genaue Sicht - darunter ein kaputtes Auto.




Wir befinden uns jetzt vor dem laufenden Mann. Er ist am rechten Bildrand, links nehmen massive Ruinen mehr als die Hälfte der Einstellung ein. Er springt über etwas, das am Boden liegt, dann gehen Laserschüsse neben ihm nieder. Wir sehen Explosionen und Rauch, der Mann scheint zu stürzen. Es wird zu schnell weggeschnitten, um beurteilen zu können, ob er weiterlaufen kann.




Noch eine Einstellung einer Explosion - nur daß diesmal Totenschädel zu erkennen sind und die Einstellung etwas länger gehalten wird, nachdem der Blitz und der Rauch der Explosion weg sind. Man kann davon ausgehen, daß der Mann, den wir haben laufen sehen, ums Leben gekommen ist.






Die letzte Einstellung des Prologs schließt den Kreis zum Anfang: Wir sind wieder in einer etwas distanzierteren Position. Im Vordergrund türmen sich Totenschädel - einer davon nimmt den gesamten linken unteren Bildteil ein. Wieder fetzen Laserschüsse horizontal durch das Bild. Eine der Maschinen rollt langsam nach links, schießt auf etwas, das sich außerhalb des Bildes befindet. Die Suchscheinwerfer ändern ständig die Lichtverhältnisse. Im linken Bereich geht eine Explosion hoch, dann verschwindet der Panzer nach links im Qualm. Die Einstellung wird dann langsam ausgeblendet.

Es sind trostlose Bilder, die uns da präsentiert werden: Überall Schädel, die Maschinen rollen unaufhaltsam voran. Wir wissen noch nicht, daß sich die Maschinen selber steuern - das erfahren wir erst später im Film - aber da wir keine Maschinen gegeneinander haben kämpfen sehen, ist klar, daß es sich um keinen ausgewogenen Kampf handelt: Die Menschen haben gegen ihren Gegner wenig Chance.

Mit den neun Einstellungen versetzt uns Cameron gleich in die Mitte des Konflikts, und er läßt uns die Hoffnungslosigkeit dieser Dystopie mit perfekt ökonomischer Erzählkraft spüren. Später im Film sehen wir mehr von dieser Zukunft, erfahren einige Hintergründe und kriegen Details vermittelt - aber alles, was man über die zentrale Geschichte der TERMINATOR-Zukunft wissen muß, steckt in diesen paar Bildern.

Übrigens fällt auf, daß Bewegungen in diesem Prolog immer von rechts nach links passieren - der Schwenk in der ersten Einstellung, die Flugroute der Maschine, der Weg des Panzers, die Bewegungen der Maschinen, die Flucht des Menschen inklusive der dazugehörigen Kamerafahrt und das Vorankommen des Gegners in der letzten Einstellung. Für das Auge fühlen sich Bewegungen von links nach rechts natürlicher an - interessant also, wie das unbequeme Gefühl der Szene dadurch intensiviert wird, daß hier stets gegen die natürliche Bewegungsrichtung gearbeitet wird.
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Christian Genzel

Christian Genzel arbeitet als freier Autor und Filmschaffender. Sein erster Spielfilm DIE MUSE, ein Psychothriller mit Thomas Limpinsel und Henriette Müller, handelte von einem Schriftsteller, der eine junge Frau entführt, weil er sie als Inspiration für sein Buch braucht. Außerdem drehte Genzel mehrere Kurzfilme, darunter SCHLAFLOS, eine 40-minütige Liebeserklärung an die Musik mit Maximilian Simonischek und Stefan Murr. Derzeit entwickelt er seinen zweiten Spielfilm BROT UND SPIELE, eine Komödie mit Thomas Limpinsel, Götz Otto und Steffen Wink über alte Kindsköpfe und noch ältere Computerspiele.

Christian Genzel schreibt außerdem in den Bereichen Film, TV und Musik, unter anderem für GMX und den All-Music Guide. Außerdem hält er Vorträge zu Filmthemen und kuratierte 2014 an der Universität Salzburg eine Filmreihe zum Thema "Erster Weltkrieg".

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