November 2014

Nev Schulman wurde 2010 mit dem Dokumentarfilm CATFISH bekannt, in dem er über Monate hinweg per Internet mit einer jungen Frau kommunizierte und sich verliebte - nur um dann bei einem neugierigen Überraschungsbesuch feststellen zu müssen, daß sich hinter seiner "Megan" eine ganz andere Person versteckte. Vermarktet wurde das Ganze durch einen geschickten Trailer wie eine Art Psychothriller, tatsächlich war CATFISH aber eine durchaus anrührende Story, bei der nicht nur die bizarren Ausmaße der Online-Lüge faszinierten, sondern auch das menschliche Drama dahinter. Die Authentizität der Geschehnisse wurde wie bei allen solchen "Selbst-Dokus" vehement hinterfragt - aber unabhängig von der Frage, wie echt das Gezeigte tatsächlich sein mag, war CATFISH eine spannende und interessant erzählte Geschichte. Nach dem Durchbruch des Films startete Schulman auf MTV eine gleichnamige Fernsehshow, in der er und sein Team ähnliche Online-Beziehungen untersuchen. Das Wort "Catfish" bezeichnet seitdem jemanden, der sich im Netz als andere Person ausgibt.

Schönere Ferien vom Ich sind vielleicht nie inszeniert worden: In der Verfilmung von Erich Kästners Roman DREI MÄNNER IM SCHNEE tauschen Paul Dahlke, Claus Biederstaedt und Günther Lüders die sozialen Rollen - einer gezielt, der zweite unverhofft und der dritte gezwungenermaßen - und finden als Schelmentrio zu herzlichster Freundschaft. Initiator der Verwechslungsposse ist der Geheimrat Schlüter (Dahlke), ein reicher Großindustrieller, der zum Spaß unter dem Decknamen "Eduard Schulze" an einem Wettbewerb teilnimmt und einen Aufenthalt im Luxushotel gewinnt - wo er als armer Schlucker hinzureisen gedenkt. Nur sein Butler Johann Kesselhut (Lüders) darf mit, muß aber den wohlhabenden Reedereibesitzer spielen, der Schlüter bzw. Schulze gar nicht kennt. Schlüters Tochter und seine Hausdame finden sein Vorhaben kindisch und warnen das Hotel telefonisch vor, daß der anreisende arme Mann in Wahrheit Millionär sei - weshalb die Hotelbelegschaft den anderen Gewinner des Wettbewerbs, den arbeitslosen Werbefachmann Fritz Hagedorn (Biederstädt), von hinten bis vorne verwöhnt, obwohl der tatsächlich ganz mittellos ist.

Nachdem ich unlängst für GMX über die Reality-TV-Show SUPERVUJO berichten durfte, wurde ich gleich im Anschluß daran beauftragt, die jeweils wöchentlich aktuellen Folgen der Schweizer Kuppelsendung BAUER, LEDIG, SUCHT ... zu betexten. Die befindet sich mittlerweile in der 10. Staffel, eingestiegen bin ich vor einem Monat bei Folge 14. Ja, man versteht trotzdem, was passiert: Landwirte kriegen Besuch von einer Dame, ein allzeit bereites Fernsehteam erzählt uns die kleinen Geschichten ihres Kennenlernens, und ich kommentiere beinahe gar nicht spöttisch, was passiert - oder auch nicht.

Folge 14: Liebesfrust und Liebeslust

"Grillen und Entenfüttern am See, Teigkneten in der Küche, Bootsfahrt mit Vorlesen des Horoskops: Womöglich sind das ja genau die Strategien, mit denen auch Hugh Hefner und Richard Lugner operieren."

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Folge 15: Hoffnung und Hochstimmung bei den Bauern

"Bei so viel Zuversicht in Amors Treffgenauigkeit bleibt abzuwarten, ob die nächste Sendng wirklich nur noch mit trautem Entzücken gefüllt ist. Das ist den Paaren natürlich durchaus zu wünschen, auch wenn es der Spannung halber vielleicht doch mal schön wäre, wenn der eine oder andere Traktor nicht bei der periodischen Fahrzeugprüfung durchzukommen droht."

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Folge 16: Funken, Friedenszeiten und Frauenzimmer

"Diesmal kommt Yvonne auf einen Überraschungsbesuch zurück, mit dem Köbi kaum gerechnet haben dürfte: Er hockt alleine und nachdenklich in seiner Küche, begleitet nur von einem einsamen Kamerateam, als plötzlich die Tür aufgeht."

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Folge 17: Verständigung und Veränderung

"Der Traktor wird aber nicht nur zur Gaudi mit dem neuen Foto ausgestattet: Willi fährt damit nämlich zum diesjährigen 'Traktor-Pulling-Event'. Wer sich jetzt schweissgebadete Schweizer vorstellt, die stöhnend schwere Schlepper über steile Steigungen zerren, täuscht sich: Beim Traktor-Pulling geht es darum, mit dem Gefährt einen mit Gewichten beladenen Wagen hinter sich herzuziehen. Das sieht dann fast so aus wie bei THE FAST & THE FURIOUS, nur halt nicht schnell und wild."

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Drei weitere Folgen kommen noch bis zum Ende der 10. Staffel. Diese Texte werden dann ebenso verlinkt.

(Die Links gehen über einen Proxy, weil man auf die Schweizer GMX-Seite nur zugreifen kann, wenn man sich in der Schweiz befindet.)

Der Spieledesigner Guido Henkel ist Freunden klassischer Rollenspiele als Kopf hinter der Trilogie um DAS SCHWARZE AUGE und als Produzent von PLANESCAPE: TORMENT bekannt. Zu seinen frühen Werken gehört das BARD'S-TALE-ähnliche Hack'n'Slay-Rollenspiel SPIRIT OF ADVENTURE, das 1991 erschien und mit knackigem Schwierigkeitsgrad so manche Schweißperle auf der Stirn des geneigten Spielers entstehen ließ.

Nach meinem Bericht über SPIRIT OF ADVENTURE habe ich Guido Henkel kontaktiert, um mit ihm detailliert über das Spiel zu reden. Im folgenden Interview reden wir über die Entstehung des Spiels, die Attic-Geschichte davor und danach, die Inspirationsquellen für verschiedene Elemente des Games, Henkels Probleme mit verschiedenen Publishern und andere Themen, die mit SPIRIT OF ADVENTURE verknüpft sind.

Ich habe ja eine Theorie, daß das, was früher die Reiseberichte und Entdeckergeschichten waren, heute zum sozialen Selbstversuch mutiert ist. Im 19. Jahrhundert konnte man noch diverse blinde Flecken auf der Landkarte ausmachen und sich auf gefährliche Erkundungsreisen begeben, von denen man den Menschen zuhause berichtete. Heute gibt es auf der Welt nicht mehr viel Gebiete zu bereisen, die nicht schon ausgiebig dokumentiert wurden - also beschreiten manche Menschen eben experimentelle Lebenspfade und erzählen von dem, was sie dort erlebt haben. Ob nun Danny Wallace versucht, möglichst viele Menschen dazu zu bringen, einer Sache beizutreten, die eigentlich keinen Inhalt außer dem Beitreten hat (JOIN ME) oder Morgan Spurlock sich selber mit ausschließlicher McDonald's-Ernährung potentiell die Gesundheit ruiniert (SUPER SIZE ME): Die literarischen und filmischen Protokolle dieser Abenteuer lassen uns auf die eine oder andere Weise Bereiche der Welt sehen, die uns bislang verborgen blieben.

Der Filmemacher Joseph Garner hängt seine filmische Reise an einer Website auf: Craigslist, eine amerikanische Anzeigenbörse, in der es zu wirklich jedem Thema Angebote und Gesuche gibt. Garners Ansatz: Weil es immer heißt, daß die Technologie Menschen voneinander entfremdet, will er versuchen, einen Monat lang Amerika zu durchqueren und dabei nur von Kontakten zu leben, die sich durch Craigslist ergeben - Essen, Transport, Unterkunft und alles andere muß sich also durch Angebote regeln lassen, die andere machen, oder durch per Craigslist arrangierte Tauschgeschäfte.


Gestern, am 1. November 2014, ist Static-X-Frontmann Wayne Static gestorben. 48 Jahre alt war er, in ein paar Tagen hätte er Geburtstag gehabt. Die Todesursache ist noch ungeklärt, aber einige Tweets von Musikerkollegen deuten auf eine Drogenüberdosis hin. Ich will das gar nicht wissen, es ist mir egal. Ich will lieber über sein Leben reden als über seinen Tod.