Juli 2014

Kokohasen, Keinschweigerküken, Dreiohrwääh: Schön langsam wird es schwierig, die Familien- und Beziehungskomödien von Til Schweiger auseinanderzuhalten - und das nicht nur, weil sie bei Fortsetzungen einfach mal dasselbe Plakatmotiv verwenden. Inszenierung und Soundtrack bleiben ebenso gleich wie das Schauspielensemble, der Mario-Barth-Humor über die Unterschiede zwischen Männern und Frauen sowie die Bad-Taste-Einlagen für maximalen kommerziellen Erfolg. Selbst Adam-Sandler-Komödien loten mehr Spielraum im Genre aus.

Ex-Bond liebt Ex-Bond-Girl ... und viele andere Frauen: Auf dem deutschen VHS-Cover zu Sergio Garrones Schmusedrama DER LETZTE HAREM steht George Lazenby, 1969 Connery-Nachfolger im Bond-Film IM GEHEIMDIENST IHRER MAJESTÄT, umringt von zahlreichen schnuckeligen und spärlich bekleideten Damen. Ganz anders als im Film selbst, wo die zahlreichen schnuckeligen und spärlich bekleideten Damen die meiste Zeit ohne Lazenby herumstehen, weil sie in seinem Harem leben und frustriert sind, weil er sie alle vernachlässigt.

Ich gestehe: So ganz verstehe ich das Subgenre "Frauengefängnisfilm" nicht. Oh, ich kapiere durchaus die Muster hinter diesen hübsch reißerisch aufgezogenen Stories: Hinter Gittern herrscht Sodom und Gommora. Die eingesperrten Leicht- und Schwerverbrecherinnen fallen hemmungslos übereinander her, Gewalt ist an der Tagesordnung, und die Wärter und Wärterinnen machen von ihrer Machtposition Gebrauch und mischen bei der Sex-und-Gewalt-Tagesplanung eifrig mit. Es lebe die Phantasie! Aber, um es mal neudeutsch zu sagen, den Appeal der Chose checke ich nicht völlig. Vermutlich liegt es daran, daß ich zwar weder etwas gegen Schmuddelphantasien habe noch gegen reißerisches Exploitation-Kino, aber mir die genussfreudigen Damendramen dann doch lieber in Settings ansehe, wo niemand nebenher verprügelt und gefoltert wird.

In einer der alten Donald-Duck-Geschichten von Carl Barks, dem Erfinder und Zeichner dieses cholerischen Pechvogels, versucht der Patriarch, die drei Neffen Tick, Tick und Track in die Badewanne zu bewegen, aber die sträuben sich und leisten einen Schwur: "Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern, in keiner Not uns waschen und Gefahr!" Daß da in einem Comic ganz beiläufig Schillers WILHELM TELL persifliert wird, verdanken wir der deutschen Übersetzerin Dr. Erika Fuchs, die mit Sprachwitz und Belesenheit eine ganz eigene Version dieser Geschichten kreierte. In seinem Buch NUR KEINE SENTIMENTALITÄTEN! - WIE DR. ERIKA FUCHS ENTENHAUSEN NACH DEUTSCHLAND VERLEGTE arbeitet Ernst Horst in lockerem Plauderton das Besondere an Fuchs' Übersetzungen heraus.

Bei der Abschlußzeremonie an der Harvard-Universität im Jahr 1870 gibt der Dekan den Elitestudenten einen Bildungsauftrag mit in die Welt: "It doubly behooves us to look well to the influence we may exert. A high ideal: the education of a nation." Viele dieser Studenten aus reichem Haus werden zukünftig die Geschicke des Landes lenken, und sie sollen es kultivieren. Der Jahrgangssprecher zieht seine nachfolgende Rede weitaus weniger ernst auf, reimt und witzelt sich durch eine Entgegnung, die letzten Endes ankündigt, daß die Dinge immer so bleiben werden, wie sie sind: "We disclaim all intention of making a change in what we esteem on the whole well-arranged."

Da ist sie wieder, diese Diskrepanz zwischen dem Ideal und der Realität Amerikas - eine Kluft, die sich immer wieder in Michael Ciminos Filmen niederschlägt, manchmal als melancholisches Gefühl, daß etwas schiefläuft im Land, wie in DEN LETZTEN BEISSEN DIE HUNDE, und manchmal als vage Ambivalenz zwischen Verehrung und Desillusion, wie in der Schlußszene von DIE DURCH DIE HÖLLE GEHEN. Nirgends aber ist diese Ernüchterung über das Land spürbarer und expliziter eingefangen als in Ciminos drittem Film, dem monumentalen Spätwestern HEAVEN'S GATE - DAS TOR ZUM HIMMEL.

This is this. This ain't something else." Michael hält eine Gewehrpatrone hoch und zeigt sie seinem Freund Stan, der mit ihm und einigen anderen Freunden in die Berge auf die Jagd gefahren ist. Die Burschen albern herum, aber Michael ist wütend, daß Stan die Jagd nicht ernst nimmt. "This is this. From now on, you're on your own", sagt er. Was genau meint er?

Möglich, daß er hauptsächlich auf die Ernsthaftigkeit des Jagens anspielt: Eine Kugel entscheidet über Leben und Tod. Aber er könnte auch etwas anderes meinen. Zuvor hat Michael schon über seine Überzeugung geredet, daß nur ein einzelner Schuß zählt. "One shot is what it's all about. A deer's gotta be taken with one shot", erklärt er. Es ist wie der Ehrenkodex eines Jägers und im weiteren Sinne eine Lebensphilosophie: Man konzentriert sich auf den einen Moment, der zählt. Eine weitere Chance kommt möglicherweise nicht. Vielleicht meint er das, wenn er die Patrone hochhält und sagt, "This is this". Wir können nur mutmaßen.