Mai 2014

Wie der ewige Pilger sitzt er in seiner Limousine und lässt sich durch die Schweiz fahren. Neben ihm seine Frau, die schweigt, wenn sie nicht gerade mit ihm Französischvokabeln für einen TV-Auftritt übt. Und immer ist die Kamera auf ihn gerichtet, während er wie ein abgekapselter Raumfahrer durch das Land gleitet und seine Ideen verbreitet – die der Mann hinter der Kamera nicht eine Sekunde lang teilt.

Christoph Blocher ist das, was man euphemistisch als "nicht unumstritten" bezeichnet: Ein Politiker der extremen Rechten, der mit populistischen Mitteln und zur Schau gestellter Bodenständigkeit Angst schürt, um sein Land vor allem gegen Zuwanderung von außen abzuschotten. Ein Milliardär, der mit fragwürdigen Mitteln sein Vermögen vermehrt und dabei auch schon mal eine Schlüsselrolle in einem Skandal um Insiderhandel spielt. Ein Demagoge, der mit Witz und Wortgewandtheit Menschen auf seine Seite zieht.

Hat schon einmal jemand einen Ninja-Film gesehen, der auch nur annähernd so großartig war wie sein Videocover? Es ist schwer, die Faszination in Worte zu packen, die man vor allem als Jugendlicher vor solchen VHS-Motiven wie dem von KILLER NINJAS entwickeln konnte: Das mußte man doch einfach sofort sehen. Dicke Wummen, muskelbepackte harte Burschen, Hubschrauber, Panzer, Action pur, alles in schicken Farben - und mitten drin auch noch Ninjas! Ninjas machen einfach alles cool. Naja, alles außer den Filmen, die sich hinter diesen Covern verbargen.

Eigentlich ist die U-BOOT ACADEMY gar kein Vertreter des in den Achtzigern so beliebten Academy-Subgenres: Wie bei vielen anderen Filmen (DRIVING ACADEMY, FBI ACADEMY, ...) war es der deutsche Verleih, der dem Film die Nähe zur immens erfolgreichen POLICE-ACADEMY-Reihe geben wollte. Und doch paßt GOING UNDER, wie die U-BOOT ACADEMY im Original heißt, perfekt zu dieser Komödienspielart, in der die Unfähigen auf eine altehrwürdige Institution oder ein ganz nüchternes Berufsfeld losgelassen werden.

Im Prinzip waren die Academy-Filme kleine Oden an den Außenseiter: Hier standen die Spinner und die Seltsamen im Zentrum der Geschichten und waren ihre Helden, während die ordnungsliebenden Normalos als unsympathische Gegenspieler fungierten. Es war erfrischend, einmal nicht die Supercops zu sehen, die knallharten Ermittler, die Besten ihres Feldes, sondern sich komische Käuze in diesen Rollen vorzustellen; einmal nicht die aufrechten Führungspersönlichkeiten abzufeiern, sondern die sozial Schwachen und die unsicheren Eigenbrötler das gewohnte Erfolgsprinzip unterwandern zu sehen. Natürlich waren diese Ausgeflippten als Karikaturen angelegt, aber sie waren liebevoll gezeichnet und hielten zusammen - und wir waren eingeladen, mit ihnen die kleinen Triumphe gegen das System zu feiern. Die Academy-Filme waren das perfekte Gegenmittel zum Narrativ der Leistungsgesellschaft.

Wo manche Leute Probleme sehen, sehen andere Lösungen. Der tragische Tod von Bruce Lee im Jahr 1973 war so ein Problem - immerhin hatte sich der Martial-Arts-Star mit nur einer Handvoll an Filmen, viel Kampfkunst und etwas Lebensphilosophie zur höchst erfolgreichen Marke entwickelt. Wie verkauft man den Fans also nun die ganzen Kung-Fu-Filme, wenn das größte Zugpferd weg ist? Ganz einfach: Man heuert Leute an, die auch kämpfen können, und verkauft sie dem Publikum als Original. Über 100 Filme entstanden in den Jahren nach Lees Tod mit Darstellern, die Bruce Le, Bruce Li, Bruce Lai, Bruce Ly oder - Bonuspunkte für Cleverness - Lee Bruce hießen und dem Vorbild nicht unähnlich sahen - vor allem für westliche Zuseher, die einen Asiaten nicht vom anderen unterscheiden können. Bei uns nahm man das wie so oft auch mit der Namensgebung nicht so ganz genau und pappte ganz einfach den Namen "Bruce Lee" darauf. Problem gelöst, die Geldzirkulation geht weiter.

Es wird gerne bestritten, aber es ist wahr: Horrorfilme regen zum Nachahmen an. Zumindest Filmproduzenten, die bei erfolgreichen Gruselstreifen reflexartig die Scheckbücher zücken, um über Jahre hinweg ähnlich geartete Filme zu ermöglichen. Schon Anfang der Achtziger war der Slasherfilm mehr Replik als Risiko: So eine gut gemachte Schauermär über einen unaufhaltsamen Irren funktioniert eben auch beim hundertzwölften Aufguß noch immer als sichere Bank. Nachdem Wes Cravens SCREAM dem Traditionsgenre 1996 wieder Aufwind gegeben hat, sprangen Hollywoods Geldgeber wie die Nachahmungstäter erneut auf alles, was mit Maske und Messer herumlaufen könnte - nur daß es diesmal die großen Studios waren, die die neue Slasherwelle fortführten. Nachdem sie sich Anfang der Neunziger mit eher literarisch orientierten Horrorstoffen wie DRACULA und INTERVIEW MIT EINEM VAMPIR an das zuvor so disreputable Genre herangewagt hatten, war jetzt der Punkt gekommen, wo das Killerkino zum Mainstream-Event werden konnte.

Mit dem Titel ROSEN IM HERBST positioniert sich die zweite Verfilmung von Theodor Fontanes Gesellschaftsroman EFFI BRIEST (nach DER SCHRITT VOM WEGE von 1939) schon im Vorfeld im Heimatkino der Wirtschaftswunderjahre, verweist aber auch schon auf seine pessimistischeren Absichten: Im Gegensatz zu Titeln wie TAUSEND ROTE ROSEN BLÜHN oder WENN DIE ALPENROSEN BLÜH'N stehen die Blumen hier schon symbolisch kurz vor dem Verwelken. Und doch ist Rudolf Jugerts Version aus dem Jahr 1955 von der Ästhetik und vom Duktus her zunächst ganz dem Heimatdrama dieser Dekade verschrieben, von der Inszenierung über die Bildsprache bis hin zur Dramaturgie.

Es wird der Punkt kommen, an dem die Realfilme von Wes Anderson künstlicher wirken als sein Animationsfilm DER TALENTIERTE MR. FOX. Andersons Inszenierungen waren schon immer celluloidgewordener Spleen, das Artifizielle stets Quintessenz seiner Geschichten; unter der Verschrobenheit und der demonstrativen Naivität blickte er aber mit warmherziger Melancholie auf menschliche Beziehungen und eine schwer zu greifende Sehnsucht nach besseren Zeiten. Sein mittlerweile achter Spielfilm THE GRAND BUDAPEST HOTEL taucht in die Skurrilität ein, als wären die vorigen Werke nur Trockenübungen gewesen, aber leider findet sich diesmal nichts unter der Oberfläche.

Ich hadere mit Paul Thomas Andersons MAGNOLIA, den ich mir in den letzten paar Wochen gleich zweimal angesehen habe. Es ist ein ausuferndes Ensemblestück über die Schicksale verschiedener Personen, die mit der Vergangenheit ringen und nach Vergebung suchen; der Film ist ein dicht gewobenes Netz aus großen Themen und kleinen Momenten, aus scharf porträtierten Figuren und ambivalent gezeichneten Situationen, aus souveräner Erzählkunst und filmischer Virtuosität. Und doch habe ich das Gefühl, dem Film gewissermaßen widersprechen zu müssen, weil er all seine Pracht in den Dienst einer Weltsicht stellt, die ich nicht teilen kann. Oder will.