April 2014

Der Rock'n'Roll ist eine Phantasie, die nicht gelebt werden kann. Sex, Drogen, Anarchie, Dauerparty: Das ist ein Lebensmodell, das nach außen hin reizvoll erscheint, weil es Vergnügen ohne die lästigen Verpflichtungen der Wirklichkeit verspricht. In Wahrheit aber läuft die Dauerexistenz im Rock'n'Roll-Lifestyle früher oder später auf die Selbstzerstörung hinaus: Wir haben gesehen, wohin der Ruhm Kurt Cubain getrieben hat, was der Exzess aus Courtney Love gemacht hat, wie es Jim Morrison im Rockstardasein ergangen ist. Wer in dieser Welt leben und überleben will, kann sie nur als Business verstehen und die Phantasie weniger leben, als sie anderen zu verkaufen. Iron Maiden, AC/DC, die Rolling Stones: Das sind primär mal Geschäftsmodelle, die deswegen funktionieren, weil sie uns nicht als solche erscheinen. Wir nehmen diese Phantasie gerne an, weil sie attraktiver erscheint als die Realität hinter den Kulissen; von dem Businessmeeting, in dem die Rückkehr von Maiden-Sänger Bruce Dickinson wegen sinkender Verkaufszahlen beschlossen wird, wollen wir nichts wissen.

Es ist eines der einprägsamsten und gleichzeitig ernüchterndsten Beziehungsbilder des klassischen deutschen Schlagers: Die lesebesessene Ehefrau geht jeden Abend pünktlich um halb zehn ins Bett, um sich ihren geliebten Krimis zu widmen, und dem vernachlässigten Ehemann bleibt nur der Suff. "Mimi hat den Krimi und die Interpol, und ich den Alkohol", konstatierte der Amerikaner Bill Ramsey in seinem mit hübsch gerolltem "r" vorgetragenen Song, und mittendrin ist noch der vielleicht viel größere Vorwurf, daß Mimis Lektüre nicht nur wegen brennender Nachttischlampe den Schlaf stört, sondern auch statt der Bildung die pure Ersatzlust zum Ziel hat: "Keinen Goethe, keinen Schiller holt sie aus dem Schrank heraus / Nein, einen superharten Thriller sucht sich Mimi aus". Da soll noch einer behaupten, im Schlager würden keine Tragödien behandelt werden.

2013 wurden gleich zwei großangelegte Anschläge auf das Weiße Haus verübt: Erst attackierte Antoine Fuqua in OLYMPUS HAS FALLEN den amerikanischen Regierungssitz, danach demolierte Roland Emmerich in WHITE HOUSE DOWN die Präsidentschaftsbude. An welchem Film orientiert sich also nun der etwas preiswerter produzierte OPERATION OLYMPUS - WHITE HOUSE TAKEN? Richtig: An gar keinem von beiden. Der von Cineastenschreck Uwe Boll inszenierte B-Thriller heißt im Original schlicht SUDDENLY und ist ein Remake eines gleichnamigen Films aus dem Jahr 1954, in dem Frank Sinatra zusammen mit zwei anderen Männern einen Anschlag auf den US-Präsidenten plante. Welches Haus wird nun also in OPERATION OLYMPUS - WHITE HOUSE TAKEN im Zuge dieses Attentats besetzt? Richtig: Ein Einfamilienhaus in einer amerikanischen Kleinstadt, von dem aus man die Hauptstraße überblicken kann. Im Weißen Haus könnte ja jeder drehen.

STATIC ist das beste Beispiel dafür, daß das Handwerk nichts nützt, wenn es nichts zu erzählen gibt. Es ist ein Einbruchsthriller, bei dem ein zurückgezogen lebendes junges Ehepaar von seltsamen maskierten Gestalten im eigenen Haus terrorisiert wird - und als solcher ist er natürlich auf eine gewisse mechanische Weise spannend, weil die Vorstellung, daß finstere Männer in die Sicherheit der eigenen vier Wände eindringen wollen und es wohl nicht nur auf das Tafelsilber abgesehen haben, eine gewisse Grundangst anspricht. Oberflächlicher filmischer Thrill ist ebenso einfach wie wirksam, wenn man einen Mann mit Gasmaske durchs Fenster schauen läßt.

Es ist schwer, einen Film aus dem Jahr 1998 zu finden, der schlechter weggekommen ist als die starbesetzte Kinoauflage der alten britischen TV-Kultserie MIT SCHIRM, CHARME UND MELONE. Damals bestritten Patrick Macnee und Diana Rigg mit unaufgeregter Eleganz und viel Selbstironie absurde Spionageabenteuer, während sie sich süffisante Bonmots zuwarfen. Die Kinoversion, die dreißig Jahre nach Ende der Serie die AVENGERS (wie sie im Original heißen) in die Gegenwart holen sollte, zeigte schon im Vorfeld Probleme: Die ursprüngliche Schnittfassung von Regisseur Jeremiah Chechik wurde um über zwanzig Minuten gekürzt, der Film selber der Presse vorab nicht gezeigt - selten ein gutes Zeichen. Nach dem Start erntete MIT SCHIRM, CHARME UND MELONE fast ausnahmslos vernichtende Kritiken und ging an der Kinokasse hoffnungslos unter. Was ging da schief? Eine ganze Menge.

Man wird das Gefühl nicht los, daß ESCAPE PLAN ungefähr 25 Jahre zu spät die Kinos erreicht: In den Achtzigern wäre es ein Knüller gewesen, zwei der größten Actionstars der Welt, die im Alleingang schon so oft die Welt vehement nach ihrer Vorstellung geformt haben, im Team zu sehen und ihren (freilich eher medial inszenierten als in realitas vorhandenen) Wettstreit um die Krone des Brachialkinos in ein passend geschmiedetes Vehikel zu lenken. Nun schreiben wir aber mittlerweile das Jahr 2014, und da fühlt sich die pure Präsenz dieser beiden mittlerweile alten Männer wie eine Nostalgieveranstaltung an: Wir sehen zwei gerngesehenen Helden vergangener Tage dabei zu, wie sie weniger gegen Schurken und finstere Gesellen kämpfen, sondern vielmehr den Fortschritt der Zeit zu bezwingen versuchen. Derweil schaffen sie es noch, aber wir sehen schon, daß sie diesen Kampf irgendwann verlieren werden.

Es steckt ein Vakuum in der Mitte von LARRY CROWNE, der zweiten Regiearbeit von Tom Hanks, und dieses Loch wird immer sichtbarer, je länger der prinzipiell durchaus liebenswerte Film läuft. Da verliert der titelgebende Held, ein Mann Mitte 40 (Tom Hanks), plötzlich seinen Job im Supermarkt, weil er nie eine Universitätsausbildung genossen hat, und weil er anderswo auf dem Arbeitsmarkt keine Chancen hat, geht er auf ein Community College - eine Art Berufskolleg. Dort belegt er unter anderem den Kurs "Freies Sprechen" bei Mrs. Tainot (Julia Roberts), einer frustrierten Lehrerin, die in einer freudlosen Ehe festsitzt und ihre Perspektivenlosigkeit mit starkem Alkohol betäubt. Es ist wohl kaum zuviel verraten, daß beide einander helfen können und sich dabei auch ineinander verlieben. "Ihr Kurs hat mein Leben verändert", sagt Larry Crowne gegen Ende. Das Problem: Wir haben das nicht gesehen.

Es war praktisch unmöglich, daß auf den Überraschungshit SAW keine Fortsetzung folgen würde. James Wans Psycho-Horrorthriller hatte sich 2004 als lukrativer und höchst effektiver Nervenkitzel entpuppt, der mit dem Jigsaw-Killer einen interessanten Serientäter etablierte: Ein dem Tode geweihter Mensch, der mit perfiden Fallen andere dazu bringen will, ihr Leben wieder wertzuschätzen. SAW funktionierte im Kopf und gab einem wie seinerzeit das BLUTGERICHT IN TEXAS das Gefühl, heftige Grausamkeiten zu sehen, obwohl eigentlich gar nicht so viel Blut den Bildschirm herunterfloß, wie man meinen könnte. Nebenher jagte der Plot im Eiltempo durch Twists und Überraschungen, und es ist dem erzählerischen Talent von Wan und seinem Autor Leigh Whannell hoch anzurechnen, daß man sich erst hinterher über etwaige Lücken in der Konstruktion Gedanken macht.

Die Generation junger Soldaten, die wir zu Beginn des Films bei der patriotischen Rekrutierungsrede eines eifrigen Schullehrers kennengelernt haben, ist schon fast vollständig den verschiedenen Schrecken des Krieges zum Opfer gefallen, als Paul für einen kurzen Urlaub nach Hause kommt. Längst nicht mehr der idealistische Abenteurer wie noch vor seinem freiwilligen Dienst, besucht Paul auch seine alte Schule und hört dort dieselben flammenden Worte desselben Lehrers - nur die neuen potentiellen Rekruten scheinen diesmal noch jünger geworden zu sein. Als Paul in die Kriegsbegeisterung des Redners einstimmen soll, wehrt er ab und will die Jugendlichen vor dem Kriegsdienst warnen. Er wird dafür als Feigling ausgebuht. Pauls Ohnmacht gehört zu den beklemmendsten Momenten des Films: Als einziger, der die Wirklichkeit des Krieges erlebt hat, kann er doch niemandem davon erzählen - zu verblendet ist sein Umfeld im Eifer der vermeintlichen Pflicht.