Februar 2014

SPEED ist die Quintessenz des Actionfilms: Der Film trägt seinen gesamten Inhalt und Subtext schon im Titel. In dem Regiedebüt des früheren Kameramanns Jan De Bont geht es um nichts weiter als die Elemente, aus denen sich das Genre zusammensetzt - Geschwindigkeit, Thrill, Adrenalin, Zerstörung, Gefahr. Im Actionfilm ist das physische Spektakel der Leitfaden, das Draufgängertum Handlungsmotor und die Extremsituation notwendige Phase zur Wiederherstellung der Ordnung. SPEED destilliert diese Eckpfeiler auf das Wesentliche herunter: Der Film funktioniert wie eine perfekt geölte Maschine, die unter Hochdruck startet und dann noch mehr Fahrt aufnimmt, ohne sich Ruhepausen zu gönnen. Wie THE FRENCH CONNECTION in anderem Kontext ist SPEED eine spielfilmlange Verfolgungsjagd.
Harold Ramis im Jahr 2009 (Quelle: Wikipedia).


Einer der lustigsten Menschen der Welt ist heute gestorben. Zugegeben: Ich kannte Harold Ramis gar nicht persönlich und habe keine Ahnung, ob er privat witzig war oder nicht. Ich weiß aber, daß er als Schauspieler, Autor und Regisseur bei einigen der witzigsten Filme aller Zeiten involviert war.

Ende der Siebziger und Anfang der Achtziger steckte Ramis hinter drei absoluten Kultkomödien, die lustvoll die Anarchie pflegten und mit brillanter Absurdität nur so um sich warfen. Er schrieb die John-Belushi-Collegekomödie ANIMAL HOUSE (bei uns: ICH GLAUB, MICH TRITT EIN PFERD), deren wahnwitziges Vergnügen eine ganze Legion an Nachahmern inspirierte. Als Regisseur drehte er die Golfercomedy CADDYSHACK, die sich kaum die Mühe macht, ihre sketchhaften Miniaturen mit Chevy Chase, Bill Murray und Rodney Dangerfield in ein Narrativ zu packen: Hier werden einfach nur schräge Vögel auf eine Nobelgesellschaft losgelassen, und Ramis schaut mit liebevoller Hingabe zu. Auch die Chevy-Chase-Komödie VACATION (bei uns: DIE SCHRILLEN VIER AUF ACHSE) geht auf Ramis' Konto - dieser unvergeßliche Trip der Familie Griswold durch die Vereinigten Staaten, bei der einfach alles schiefgeht, was nur schiefgehen kann, bis Chase dann mit irrem Gelächter seine an einem Herzinfarkt gestorbene Schwiegertante oben auf das Autodach bindet, um den Familienurlaub weiter genießen zu können.

In meinem Text zum ersten Teil der Horrorreihe THE HUMAN CENTIPEDE habe ich unter anderem darüber sinniert, wie mich der Tabubruch um des Tabubruchs willen nicht mehr interessiert - früher habe ich noch gezielt nach filmischen Grenzerfahrungen gesucht, heute geben mir die entsprechenden Übungen im Nihilismus eigentlich nur noch innere Leere. Und doch muß ich immer wieder feststellen, daß mich das Verbotene reizt (das merke ich schon daran, wie ich auf reißerische Titel und plakative Konzepte anspringe), und daß ich mich gerne vor allem jenem Terror wieder stelle, der mich früher besonders verstört oder abgestoßen hat - weil es besonders interessant ist, wie sehr sich der eigene Blick auf Film und Welt verändert hat. Rückblickend betrachtet ist es kurios, wie ich immer wieder ins Extrem blicken wollte und dann davon abgeschreckt war, wenn die Filme zu extrem waren. Heute kann ich diesen Zugang besser differenzieren: Nicht das Extrem schreckt mich ab, sondern die Aussicht, hinter diesem Extrem nichts zu finden.

Ein Erdbeben vor der Küste Griechenlands bringt gleich zu Beginn des Films nicht nur Unruhe in eine kleine Hochzeitsgesellschaft, die sich soundtrackverkaufsfördernd zackige Elektronik anhört - nein, nebenbei wird auch der Zugang zu einer Unterwasserhöhle wieder freigerüttelt, die den Luna-Tempel von Alexander dem Großen beherbergt. Weil es damals noch keine Cloud-Lösungen gab, brachte Alexander dort Schätze unter, die er nicht in die Bibliothek von Alexandria stellen wollte. Zum Beispiel eine golden leuchtende Kugel, die als Karte zu dem Aufbewahrungsort der Büchse der Pandora fungiert - eine alte Schatulle, die der Legende nach Krankheiten und Unheil beinhalten soll. Ganz so wie die Collector's Box zur TWILIGHT-Saga also, nur ohne das Bonusmaterial.

Wenn Filme Räume sind, die man wie eine Ausstellung neugierig durchschreiten kann, dann ist Jan De Bonts THE HAUNTING ein besonders lohnenswerter. Das liegt nicht unbedingt an der Story und auch nicht zwangsläufig an der Effektivität der Erzählung - nein, THE HAUNTING ist primär wegen dem sehenswert, was es, jawohl, zu sehen gibt, und dieser visuelle Aspekt ist eng verknüpft mit dem tatsächlichen Raum, in dem sich der Film abspielt. Orte nehmen in Geistergeschichten fast zwangsläufig Hauptrollen ein; viel mehr als die Figuren, die dort Spuk und Unheil erleiden müssen, sind es die Schauplätze selber, die der Geschichte ihren Charakter geben und die - im übertragenen wie im buchstäblichsten Sinne - am dreidimensionalsten gezeichnet sind.
Seit kurzem ist ein zweiter Ausschnitt aus meinem Spielfilm DIE MUSE bei Vimeo online. Wer den Trailer zu dem Thriller mit Thomas Limpinsel, Henriette Müller und Jean-Luc Julien verpaßt hat, wird hier fündig: http://vimeo.com/27393590; Ausschnitt #1 findet sich hier: http://vimeo.com/82876994.


Die Muse - Ausschnitt #2: Schreibrausch from Christian Genzel on Vimeo.

Es war einmal ein schnittiges Actiondrama namens THE FAST AND THE FURIOUS, in dem ein Undercoveragent in der Welt illegaler Autorennen ermittelte. Das funktionierte so wie GEFÄHRLICHE BRANDUNG, nur daß statt Patrick Swayze schnelle Autos mitspielten und statt einem Surfbrett Vin Diesel zu sehen war. Oder war das umgekehrt? Egal: Die Sause war geschmeidig gemacht und höchst erfolgreich, weshalb die Sequelmaschine immer neue Gründe ausknobeln mußte, warum Menschen schnell fahren. Teil 6 der nimmermüden Adrenalinschleuder hakt einen wichtigen Punkt auf der Liste von Motivationen ab: Vin Diesel und Paul Walker rasen wie die Irren über eine Bergstraße, weil sie zu spät zur Geburt von Walkers Sohnemann zu kommen drohen. Weil wir uns noch vor dem Vorspann befinden, stürzt dabei noch niemand die Klippen hinab und klettert im Fall über einen ebenso herabstürzenden Laster wieder nach oben. Aber nachdem dann mal der Titel eingeblendet wurde, kann man sich da nicht mehr so sicher sein.