Januar 2014

"Ich kann allem widerstehen, nur nicht der Versuchung", schrieb Oscar Wilde im Jahr 1892. Diese Versuchung tritt natürlich in allen möglichen Gestalten auf: Es ist immer das, was man nicht tun sollte oder darf - und das reizt natürlich besonders. In dem Horrorfilm DEF BY TEMPTATION aus dem Jahr 1990 ist die Versuchung Person und Dämon zugleich: Ein im wahrsten Sinne des Wortes männermordendes Ungeheuer zieht hier als unwiderstehlicher Vamp durch die Bars von New York und nährt sich an der Lebenskraft der willigen Männer, die nur zu gerne mit der schönen Frau nach Hause gehen.

Für den jungen Theologiestudenten Joel taucht diese Verführerin an einem schwierigen Zeitpunkt in seinem Leben auf: Er ist aus der Kleinstadt, wo er noch bei der Großmutter lebte, nach New York gekommen, um über die weitere Richtung seines Lebens nachzudenken. Sein Jugendfreund "K", der früher mit ihm zusammen studierte, aber dann das weltliche Leben als Schauspieler vorzog, berichtet ihm von einer aufregenden Frau, die er gerade erst kennengelernt hat - exakt jener Vamp, der nun plötzlich "K" gar nicht mehr kennt und sich stattdessen bemüht, Joel von seinen Moralvorstellungen abzubringen ...

Eines muß man Tobe Hooper ja lassen: Er scheut nie davor zurück, seine Grusel-Geschichten irgendwann in die Hysterie zu führen. Das ist insofern bemerkenswert, weil er damit das sichere Gelände verläßt: Wenn es funktioniert, nimmt er seine Zuseher damit auf eine intensive Achterbahnfahrt - wenn nicht, droht der Effekt ins Lächerliche umzukippen. In seinem ersten Film BLUTGERICHT IN TEXAS führte er uns schnurstracks in den grellen Wahnsinn; auch in POLTERGEIST geht der Ansatz auf, den Zuseher irgendwann nur noch unnachgiebig zu bombardieren. Aber auch wenn Hoopers sonstige Werke selten so stimmig sind und ihm deshalb auch gerne mal jegliches erzählerische Talent aberkannt wird: Ich behaupte, diese fiebrige Aufregung ist essentieller Teil von Hoopers bizarren Welten, die quasi als Zerrspiegel fungieren - egal, ob wir emotional mitgerissen werden oder nicht.

Schon Sartre wußte es: "Die Hölle, das sind die anderen." Die Menschheit bereitet sich die Hölle selber zu. Und deshalb gibt es wohl keine grausamere Strafe als die, die zu Beginn von John McNaughtons THE BORROWER einem außerirdischen Mörder widerfährt: Er wird dazu verurteilt, in Menschenform auf die Erde verbannt zu werden. Bei solch drastischem Strafmaß erscheint sein weiteres Dilemma beinahe nebensächlich: Weil ihm mitunter der Kopf abhanden kommt, muß er sich regelmäßig einen neuen "ausleihen". Und so darf die Polizei von Chicago einen Serienmörder jagen, der an jedem Tatort den Kopf des vorigen Opfers deponiert ...

Nach acht Monaten Psychiatrie kommt Patrick wieder nach Hause. Er hatte seine Frau mit einem anderen Mann erwischt und diesen krankenhausreif geschlagen. Dann wurde festgestellt, daß er an einer zuvor nicht diagnostizierten bipolaren Störung leidet, weshalb man ihn in eine Nervenheilanstalt gebracht hat. Für Patrick liegt das alles nun entschieden hinter ihm: Mit ungebrochenem Optimismus will er sein altes Leben wieder aufnehmen und seine Frau zurückgewinnen - ein richterlicher Bescheid, daß er sich weder ihr noch ihrem alten Haus noch der Schule, wo sie arbeitet, nähern darf, stellt für ihn dabei nur ein temporäres Hindernis dar. Er muß nur der Welt zeigen, daß es ihm jetzt wieder gut geht.

Und nochmal PRINCESS WARRIOR: Auch der junge Don Arrigone möchte über dieses Billigstepos berichten, das wir kürzlich begutachten durften. Mein eigener Text findet sich hier. Ich übergebe das Wort an den Don:



Unlängst habe ich mit Herrn Genzel diskutiert, welches denn der schlechteste Film sei, den wir bisher gesehen haben. Dabei kamen wir bald darauf zu sprechen, wie schwer es ist, "schlecht" zu definieren, und daß es sich um einen subjektiven Eindruck handelt, auch wenn man konkrete Fehler benennen kann. Einig waren wir uns nur, daß es besonders problematisch ist, wenn schlicht und ergreifend nichts passiert. Auslöser der Diskussion war übrigens PRINCESS WARRIOR von 1989, den man gleich als Beweis für diese These anführen kann.
Hier ist ein kleiner Behind-the-Scenes-Clip, den unser Tonmann Claus Zingler Ende 2010 bei den Nachsynchronisations-Arbeiten zu meinem Film DIE MUSE erstellt hat. Die Bildqualität ist dank kleiner Kamera eher mittelsuper, aber der Clip gibt dennoch einen netten Eindruck von der Fertigstellung des Films. Aber Vorsicht: Wer keine Spoiler zur Handlung hören will, schaut besser nicht rein ...


Die Muse - Making of: Nachsynchro from Christian Genzel on Vimeo.

Es ist gut, wenn man Freunde hat, die einem neue Horizonte eröffnen. Letzten Freitag hätte ich wohl einen ganz schnöden Arthouse-Film gesehen, Truffaut vielleicht oder Fellini - wäre da nicht der junge Don Arrigone vorbeigekommen und hätte mich dazu überredet, stattdessen ein obskures Direct-to-Video-SciFi-Epos mit dem Titel PRINCESS WARRIOR zu begutachten. Spärlich bekleidete Frauen, Lichtschwerter, Neonfarben, ein Kampf auf Leben und Tod und ein Wet-T-Shirt-Contest - wer mich kennt, weiß, wieviel Zeit der junge Eleve aufwenden mußte, um mich für dieses Werk zu begeistern. (Hartnäckige Gerüchte besagen freilich, daß ich den Film für den besagten Filmabend vorgeschlagen hätte. Welch absurder Gedanke!)
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