Ich hadere mit Paul Thomas Andersons MAGNOLIA, den ich mir in den letzten paar Wochen gleich zweimal angesehen habe. Es ist ein ausuferndes Ensemblestück über die Schicksale verschiedener Personen, die mit der Vergangenheit ringen und nach Vergebung suchen; der Film ist ein dicht gewobenes Netz aus großen Themen und kleinen Momenten, aus scharf porträtierten Figuren und ambivalent gezeichneten Situationen, aus souveräner Erzählkunst und filmischer Virtuosität. Und doch habe ich das Gefühl, dem Film gewissermaßen widersprechen zu müssen, weil er all seine Pracht in den Dienst einer Weltsicht stellt, die ich nicht teilen kann. Oder will.

Es ist eine bittere Welt, die Anderson in diesem Panoptikum an menschlichen Tiefpunkten zeigt: Da liegt ein alter Mann, Earl Partridge (Jason Robards in seinem letzten Kinofilm), im Sterben, weil er den Kampf gegen den Krebs verloren hat, und seine weitaus jüngere Frau Linda (Julianne Moore) ist am Rande des Nervenzusammenbruchs, weil sie ihn ursprünglich nur wegen des Geldes geheiratet hat und plötzlich merken muß, daß sie nicht so gefühlskalt sein kann, wie sie geglaubt hat. Earl hat schon seit Jahren keinen Kontakt mehr zu seinem Sohn, weshalb sein Pfleger (Philip Seymour Hoffman) versucht, diesen ausfindig zu machen, bevor es zu spät ist. Dieser Sohn ist der Verführungsguru Frank T.J. Mackey (Tom Cruise), der in gut besuchten Seminaren unsicheren Männern archaische Konzepte knallharter Männlichkeit eintrichtert und seinen Frauenhaß als eine Art Präventivschlag gegen die Niederträchtigkeit des anderen Geschlechts verkauft. In einem Interview erzählt Frank, daß sein Vater schon vor Jahren gestorben sei, und blockt weitere Fragen nach der Vergangenheit ab: "The most useless thing in the world is that which is behind me."


Auch der Showmaster Jimmy Gator (Philip Baker Hall) wird bald sterben - er hat erfahren, daß er nur noch zwei Monate zu leben hat. Seit Jahrzehnten moderiert er die Quizshow "What Do Kids Know", in der kluge Kinder gegen Erwachsene antreten - so auch der junge Stanley (Jeremy Blackman), der von seinem Vater zu der Sendung hingetrieben wird, damit er dort abkassieren kann. Jimmy Gator hat wie Earl Partridge kein gutes Verhältnis zu seinem Kind: Seine erwachsene Tochter Claudia (Melora Walters) will ihm gar nicht zuhören und wirft ihn hysterisch aus der Wohnung. Claudia, die sich mit One Night Stands und Drogen betäubt, lernt wegen einer Lärmbelästigungsbeschwerde den überaus korrekten Polizisten Jim Kurring (John C. Reilly) kennen, der so einsam ist, daß er bei der Autofahrt mit sich selber spricht, als würde er einem unsichtbaren Beifahrer die Wichtigkeit seines Berufs erklären. Noch einsamer ist der Verkäufer Donnie Smith (William H. Macy), der als Kind einst durch Jimmy Gators Quizshow berühmt wurde und als Erwachsener sein Leben in keinerlei Hinsicht auf die Reihe kriegt.

Das ist viel Tragik, die da zusammenkommt, und eine Menge Schmerz. Erzählt wird MAGNOLIA beinahe als große Oper, die in 188 Minuten Laufzeit zwischen ihren Figuren hin- und herspringt und sie immer wieder thematisch, örtlich oder narrativ zusammenführt. Vor allem im Mittelteil zeigt Anderson als inszenatorischer Herrscher über seine Welt, welch kunstfertiger Marionettenspieler er ist: Die Kamera gleitet in langen Plansequenzen ihren Figuren nach und tastet sich mit ihnen zu den zentralen Schauplätzen vor, der Schnitt jongliert beinahe hypnotisch mit allen erzählerischen Strängen, und die Musik rückt in teils über zehnminütigen Sequenzen mit großem Orchester so eindringlich in den Vordergrund, als würden wir unaufhaltsam auf die Katastrophe zusteuern. Das beeindruckende Ensemble aus namhaften Charakterdarstellern tut sein Übriges, aus den stillen wie aus den opulent orchestrierten Szenen Unmengen an faszinierenden, emotionalen und reichhaltigen Momenten herauszuholen.


Andersons erzählerische Strategie ist es, Motive und Situationen zu doppeln und damit eine Vielzahl an Themen herauszuarbeiten. Earl Partridge leidet ebenso an inoperablem Krebs wie Jimmy Gator, beide haben ihre Ehefrauen betrogen, beide haben ein schlechtes Verhältnis zu ihren Kindern. Linda existiert ebenso am Rande der Hysterie wie Claudia; Stanley leidet jetzt ebenso unter der Erwartungshaltung der Quizshow, wie es Donnie seit Jahren tut; und Donnie und Jim sind verzweifelt auf der Suche nach jemandem, den sie lieben können. Der Film zeigt alle diese Menschen in einer Situation, wo sie aufhören, zu funktionieren, wo sie an ihrem verletzlichsten, dunkelsten Punkt ankommen. Sie wollen Vergebung, aber nicht immer vergeben. Und sie alle sind in einem Netz aus gestörter Kommunikation gefangen: Gator kann nicht mit seiner Tochter reden, der Pfleger muß sich telefonisch mühsam zu Frank vorarbeiten, Donnie schafft es nicht, einem Barkeeper seine Gefühle zu gestehen, Frank lehrt kommunikative Manipulation in Seminaren, und Jim hört einem schwarzen Jungen nicht zu, der ihm etwas über einen Mordfall erzählen will, weil er sich für seinen Geschmack zu vulgär ausdrückt.

Und da sind wir bei der Weltsicht, die mir letztlich den Film bei all seiner beeindruckenden Kraft unangenehm erscheinen läßt: Die Welt von MAGNOLIA ist so trüb und düster, daß selbst die paar als Hoffnungsschimmer gesetzten Momente zum Schluß trostlos wirken. Hier geht es den Menschen schon von Beginn an schlecht, und es wird ihnen im Laufe des Films noch schlechter gehen, und sie können nicht viel dagegen tun. Ich weiß, daß die Welt hart und unmenschlich sein kann, aber ich bin zu sehr Optimist, als daß ich das als allumfassende Primäreigenschaft sehe. Ich sehe zu viele schöne Seiten der Welt, als daß ich akzeptiere, daß sich bei so vielen Erzählsträngen nur menschliche Tiefpunkte versammeln können. Ich bevorzuge ein Ensemblestück wie GRAND CANYON, das neben der Tragik und dem Leid auch Platz für Witz, Liebe und Hoffnung bietet.


Ein wenig komme ich mir bei diesen ganz persönlichen Beobachtungen wie Patrick in SILVER LININGS vor, der Hemingways A FAREWELL TO ARMS erbost aus dem Fenster wirft, weil ihn das tragische Ende wütend macht. Meine Reaktion auf MAGNOLIA ist zwiespältiger: Ich bin fasziniert von dem Film und weiß seine künstlerische Ambition vollauf zu schätzen. Und doch sperrt sich etwas in mir gegen seinen Grundtenor. Bei genauerer Betrachtung läßt sich das aber auch an spezifischen Kritikpunkten festmachen: Der Prolog des Films, der die Frage des Zufalls bei bizarren Todesfällen anspricht, läßt die Geschichte wegen der Absurdität der gezeigten Vorgänge schon reichlich zynisch beginnen, und die daraufhin eingeführten Figuren werden auch mit einem gewissen verächtlichen Tonfall vorgeführt - sei es das plakativ überzeichnete Aufreißer-Werbevideo von Frank oder die Tatsache, daß Gator beim Sex mit einer jungen Mitarbeiterin gezeigt wird, während wir im Voiceover hören, was für ein Familienmensch er ist. Abgesehen davon, daß den Charakteren damit erstmal ihre Menschlichkeit genommen wird, bevor der Film sie ihnen über die lange Laufzeit hinweg wieder zurückgibt, beraubt sich die Erzählung damit auch gewisser Entwicklungsmomente: Es hätte einigen Figuren durchaus gut getan, wenn wir sie nicht schon von Anfang an als erbärmliche Gestalten gezeigt bekommen hätten. Und letztlich ist es enttäuschend, daß der Film immer wieder die Worte "We might be through with the past, but the past ain't through with us" wiederholt, aber keine Perspektive anbietet, wie man mit der Vergangenheit umgehen könnte.

Und doch bin ich froh, daß es den Film MAGNOLIA gibt, und ich bin froh, ihn gesehen zu haben. Ich freue mich, wenn Filme Ambitionen haben. Ich freue mich, wenn talentierte Schauspieler Rollen mit Substanz spielen können. Ich freue mich, wenn ein Regisseur Filme mit eigener Handschrift macht. Und ich freue mich, wenn mich Filme dazu bringen, über meine Sicht auf die Welt nachzudenken - selbst, wenn dabei herauskommt, daß meine ganz anders aussieht.




Magnolia (USA 1999)
Regie & Buch: Paul Thomas Anderson
Kamera: Robert Elswit
Musik: Jon Brion
Darsteller: Tom Cruise, Jason Robards, Julianne Moore, Philip Baker Hall, William H. Macy, John C. Reilly, Philip Seymour Hoffman, Melora Walters, Alfred Molina, Ricky Jay, Jeremy Blackman, April Grace, Luis Guzman, Henry Gibson, Melinda Dillon, Michael Murphy
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Christian Genzel

Christian Genzel arbeitet als freier Autor und Filmschaffender. Sein erster Spielfilm DIE MUSE, ein Psychothriller mit Thomas Limpinsel und Henriette Müller, handelte von einem Schriftsteller, der eine junge Frau entführt, weil er sie als Inspiration für sein Buch braucht. Außerdem drehte Genzel mehrere Kurzfilme, darunter SCHLAFLOS, eine 40-minütige Liebeserklärung an die Musik mit Maximilian Simonischek und Stefan Murr. Derzeit entwickelt er seinen zweiten Spielfilm BROT UND SPIELE, eine Komödie mit Thomas Limpinsel, Götz Otto und Steffen Wink über alte Kindsköpfe und noch ältere Computerspiele.

Christian Genzel schreibt außerdem in den Bereichen Film, TV und Musik, unter anderem für GMX und den All-Music Guide. Außerdem hält er Vorträge zu Filmthemen und kuratierte 2014 an der Universität Salzburg eine Filmreihe zum Thema "Erster Weltkrieg".

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