Oktober 2013

Es ist interessant, wie sich das Bild des Zombies in all den Jahren gewandelt hat. In George Romeros Endzeitphantasien sind die Untoten noch im wahrsten Sinne des Wortes eigentlich tote Wesen, die in die Welt der Lebenden zurückkehren - nicht umsonst beginnt NIGHT OF THE LIVING DEAD auf einem Friedhof. Auch in den meisten anderen Filmen der von Romero losgetretenen Zombiewelle - darunter z.B. Lucio Fulcis WOODOO - DIE SCHRECKENSINSEL DER ZOMBIES, Amando de Ossorios DIE NACHT DER REITENDEN LEICHEN oder Jorge Graus DAS LEICHENHAUS DER LEBENDEN TOTEN - ist der Untote sehr deutlich ein aus dem Totenreich wiederkehrendes Wesen: In zahlreichen Szenen dieser Filme sehen wir die Leichen, die sich aus ihren Gräbern und Särgen erheben - es ist die menschliche Urangst vor dem Tod selbst, die hier angesprochen wird, beziehungsweise die Unausweichlichkeit des Sterbens.

Halb als Scherz stelle ich manchmal zur Debatte, daß es in Stanley Kubricks Horrorklassiker THE SHINING eigentlich um eine Schreibblockade geht. Es ist nicht völlig abwegig: In der psychologischen Terrorstory um einen Mann, der zusammen mit seiner Frau und seinem kleinen Jungen über die Wintermonate ein verlassenes, eingeschneites Hotel bis zur Wiedereröffnung betreut und dabei dem Wahnsinn anheim fällt, brennen sich Dutzende von Szenen und Bildern in das Gedächtnis des Zusehers - darunter auch der absurde, subtil grauenhafte Moment, in dem die Ehefrau das Manuskript durchblättert und dabei feststellen muß, daß der Roman, an dem der Mann schon seit Wochen arbeitet, über hunderte von Seiten hinweg aus der zigfachen Wiederholung eines einziges Satzes besteht: "All work and no play makes Jack a dull boy" (in der deutschen Fassung: "Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen"). Es sickert einem erst nach ein paar Augenblicken, wie es um den Geisteszustand dieses Mannes beschaffen sein muß - von dessen Kreativität wir schon geahnt haben, daß sie ähnlich leblos und leer ist wie die gigantische Halle, in der er täglich tippt.

Auch wenn uns Hollywood derzeit mit Remakes zuschüttet, daß es einer kreativen Bankrotterklärung gleichkommt - das Konzept, Geschichten nochmal zu erzählen, ist an und für sich nichts Ungewöhnliches oder Ungehöriges. Schon Jahrhunderte, bevor es den Film gab, wurden Heldengeschichten und Folklore weitererzählt und umgesponnen; nur ein Beispiel dafür wäre die Artus-Sage, die in unzählbaren Varianten wiedergegeben und festgehalten wurde und selbst heute noch neue Erzählweisen findet. Aber auch im strengeren Rahmen des Mediums "Film" betrachtet muß das Remake-Konzept nicht generell etwas Verwerfliches sein: Mitunter erlaubt es die Neuerzählung, eine Geschichte in einen neuen gesellschaftlichen Kontext zu stellen, ihr neue Betrachtungsweisen abzugewinnen oder sie an eine andere Kultur anzupassen.

Man könnte behaupten, daß der zu 99,9% im All spielende Streifen GRAVITY eigentlich gar kein Science-Fiction-Film ist. Vielmehr ist er die Geschichte eines Menschen, der eine schreckliche Katastrophe überlebt und dann, als er sich eigentlich schon aufgegeben hat, wieder die Kraft findet, weiterzukämpfen. Daß es sich bei der Katastrophe um die Zerstörung einer Forschungsstation im Weltraum handelt, ist gewissermaßen Nebensache - GRAVITY ist eine Allegorie über das Leben an sich, über die Hoffnung entgegen jeder Wahrscheinlichkeit.

In meinem Text über Peter Medaks großartigen Geisterhorror DAS GRAUEN habe ich unter anderem darüber gesprochen, wie Medak zusammen mit seinem Kameramann John Coquillon stets eine gewisse Präsenz im von der Hauptfigur bewohnten Haus suggeriert und dabei die tatsächlichen übernatürlichen Erscheinungen ganz gering hält, aber dafür umso effektiver gestaltet. Schauen wir uns doch mal eine Szene im Detail an - und zwar die im Text erwähnte Sequenz mit dem plötzlichen Auftauchen des Spielballs, der der verstorbenen Tochter unseres Protagonisten gehörte.