Mai 2013

Das ist kunstvolles Klappern: Ohne das brillant unverschämte Marktgeschrei von Produzent Allan Shackleton würde dieser billigst produzierte Streifen heute nicht einmal mehr mich hinter dem Ofen hervorlocken. Stattdessen wurde SNUFF (nur in Deutschland wurde daraus ein BIG SNUFF, von Verleiher Alois Brummer als "vom FBI verboten und in allen Staaten der USA gejagt" angepriesen) zu einem legendären Grindhouse-Schocker, der Verbote, Gerichtsverhandlungen und Demonstrationen nach sich zog - und damit natürlich zu einer langlebigen Gelddruckmaschine wurde.

Ach je, was für ein armseliges kleines Filmchen. MASSACRE (der nur bei uns den bestimmten Artikel im Titel hat, also THE MASSACRE) ist ein italienischer Billigslasher aus dem Jahr 1989, dessen Alleinstellungsmerkmal der Name Lucio Fulci ist: Der Horrormeister brauchte nämlich Ende der Achtziger Geld und ließ sich überreden, einige Filme unter seinem Namen zu "präsentieren" - darunter Gianni Martuccis hier schon besprochene Schlaftablette THE RED MONKS (wo Fulci seinen Namen später vergeblich zurückziehen wollte), Enzo Milionis Horrorfilm FUGA DALLA MORTE, Leandro Lucchettis Splatterwerk SNAKE HOUSE und natürlich dieses mickrige Massaker. Regie führte Andrea Bianchi, zu dessen wohl bekanntesten Filmen seine narrativ schlicht gehaltene, aber höchst unterhaltsame Etrusker-Zombiesause DIE RÜCKKEHR DER ZOMBIES sowie der Giallo DER UNBEKANNTE KILLER (mit dem schönen englischen Titel STRIP NUDE FOR YOUR KILLER) gehören.

Es hilft, wenn man sich mit der Materie auskennt, über die man einen Film macht. So auch im Falle des berüchtigten Splatterstreifens MAN-EATER, dessen Regisseur Joe D'Amato nachweislich etwas von Innereien versteht: Immerhin hat der gute Mann nicht nur die Kannibalismus-Sause NACKT UNTER KANNIBALEN inszeniert, sondern auch schon in dem lieblichen Streifen SADO - STOSS DAS TOR ZUR HÖLLE AUF die herzerwärmende Geschichte eines jungen Mannes erzählt, der seine verstorbene Freundin ausweidet und in ausgestopfter Form zu sich ins Bett legt. MAN-EATER (im Original ANTHROPOPHAGUS, manchmal auch ANTROPOPHAGUS oder ANTHROPOPHAGOUS geschrieben) gibt schon gleich mit dem Poster die geschmackliche Marschrichtung vor: Da futtert ein nicht ganz gesund aussehender Herr sich selbst auf. Es überrascht also kaum, daß der Streifen in England auf der Liste der gefürchteten "Video Nasties" landete und in Deutschland flugs beschlagnahmt wurde. Viel erstaunlicher ist folgende Feststellung: Hinter dem semi-legendären Gedärmehappening verbirgt sich ein durchaus atmosphärischer Horrorstreifen.

Kannibalismus lag in den späten Siebzigern voll im Trend - zumindest filmisch gesehen. So ist es auch kein Wunder, daß der geschäftstüchtige Onkel Joe D'Amato - bürgerlich Aristide Massaccesi - gleich mehrfach auf der Menschenfresser-Manie mitschwamm: Schon 1977, also im selben Jahr von Ruggero Deodatos erlesen erfolgreichem Anthropophagie-Epos ULTIMO MONDO CANNIBALE, kreuzte er in NACKT UNTER KANNIBALEN die exotische Erotik der BLACK-EMANUELLE-Reihe mit dem blutigen Hunger nach Innereien, der plötzlich über das italienische Kino hereinbrach. Nur ein Jahr später stand Joe schon mit dem nächsten Reißer parat - auch wenn der Kannibalismus-Gehalt von PAPAYA - DIE LIEBESGÖTTIN DER CANNIBALEN dem Softsex-Element diesmal weit untergeordnet bleibt.