Vinyl ist großartig. Ich liebe es, Schallplatten aufzulegen und zu hören - ein Vorgang, der doch wesentlich haptischer ist als das Abspielen einer CD oder gar einer Datei, und der dabei die Musik viel stärker in den Vordergrund rückt. Vom wärmeren Klang und den schön großen Artworks mal ganz zu schweigen. Für die Menschen in der auf Kickstarter präsentierten Doku 78 RPM bin ich mit meinen Platten aber hoffnungslos neumodisch: Filmemacher Joel Schlemowitz und die interviewten DJs und Sammler widmen sich nämlich ganz den alten Schellackplatten, die mit 78 Umdrehungen pro Minute (anstelle von den später in Mode gekommenen 33 oder 45) auf alten Kurbelgrammophonen abgespielt werden.

Es ist nicht ganz eindeutig, was genau Schlemowitz mit 78 RPM vorhat: Ist es eine Dokumentation, ist es eine Art Essay, oder ist es eine Collage? Vermutlich wird das als Langfilm anvisierte Projekt ein bißchen was von allem sein, und das kann natürlich den Vorteil haben, daß der Film kein nüchtern-aufpolierter Blick von außen wird, sondern ein etwas verschrobenes Portrait einer immensen Retro-Leidenschaft. Das Präsentationsvideo mag schlicht gehalten sein und nicht allzuviel verraten, aber im Infotext wird immerhin noch angedeutet, daß es auch um die Vergänglichkeit bzw. den Wert alter Technologien gehen soll. So oder so finde ich es schön, wenn die Kultur vergangener Zeiten nicht nur konserviert, sondern aktiv am Leben erhalten wird - und man nebenher einen Einblick in eine Szene erhält, von der man gar nicht wußte, daß es sie gibt.

Schlemowitz (der am Anfang seines Videos hinreichend kauzig wirkt) will $8000 aufstellen und hat bislang etwas über $1700 zusammen. Durchaus realistisch, daß er den restlichen Betrag innerhalb der verbleibenden 27 Tage noch bekommt. Die Spenden-Levels sind charmanterweise den Umdrehungsgeschwindigkeiten angepaßt - $33, $45, $78 - aber weil man $10 bzw. $15 Porto nach Europa beifügen muß, ist die DVD des fertigen Films eine nicht ganz billige Angelegenheit. Eine nette Idee ist aber auch die CD mit Foxtrot-Stücken aus den 20er Jahren, die der Regisseur aus seiner eigenen 78'er-Plattensammlung zusammenstellt.

Mehr Infos bei Kickstarter: hier, oder auf der Homepage des Regisseurs: hier.

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Christian Genzel

Christian Genzel arbeitet als freier Autor und Filmschaffender. Sein erster Spielfilm DIE MUSE, ein Psychothriller mit Thomas Limpinsel und Henriette Müller, handelte von einem Schriftsteller, der eine junge Frau entführt, weil er sie als Inspiration für sein Buch braucht. Außerdem drehte Genzel mehrere Kurzfilme, darunter SCHLAFLOS, eine 40-minütige Liebeserklärung an die Musik mit Maximilian Simonischek und Stefan Murr. Derzeit entwickelt er seinen zweiten Spielfilm BROT UND SPIELE, eine Komödie mit Thomas Limpinsel, Götz Otto und Steffen Wink über alte Kindsköpfe und noch ältere Computerspiele.

Christian Genzel schreibt außerdem in den Bereichen Film, TV und Musik, unter anderem für GMX und den All-Music Guide. Außerdem hält er Vorträge zu Filmthemen und kuratierte 2014 an der Universität Salzburg eine Filmreihe zum Thema "Erster Weltkrieg".

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