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[Film / Gastbeitrag] Last Scream – Wächter des Teufels (1996)

Die folgenden Notizen erreichten mich auf mysteriösem Wege aus England: Unser Filmpatron Don Arrigone spricht hier – dem Beichtgeheimnis trotzend – über eine Begegnung, bei der er einer jungen Frau Beistand geben konnte, die den Film LITTLE WITCHES durchleiden durfte (der im Deutschen den Titel LAST SCREAM – WÄCHTER DES TEUFELS trägt). Ich darf Dons Geständnisse in ungekürzter Form präsentieren:

Aus den Aufzeichnungen des Pater Don Arrigone:

Sed libera nos a imagine movente ex abysso.

Vor ein paar Tagen kam eine junge, sichtlich erregte Frau zu mir in den Beichtstuhl. Kaum, daß sie Platz genommen hatte, begann sie zu weinen, und ich mußte einige Ave Maria beten, bevor sie zur Ruhe kam. „Was hat dich derart aufgeregt, mein Kind?“ fragte ich sie schließlich, worauf sie mit tränenerstickter Stimme antwortete: „Vergebt mir, Vater, denn ich habe einen schlechten Film gesehen.“ Sie konnte nicht wissen, wie viele brave Christen durch Schundfilme in ihrem Seelenfrieden gestört wurden, und zweifellos glaubte sie, in ihrem Leid von Gott und der Welt verlassen zu sein. „Ich verstehe … und wie ist der Name dieser Ausgeburt der Hölle?“ Ich stellte die Frage so ruhig ich konnte. „LITTLE WITCHES, Vater.“ – „Du mußt jetzt stark sein, Kind, doch du kannst den Schrecken nur überwinden, indem du dich ihm stellst. Erzähl mir, was in diesem Film passiert ist.“

„Vater, es ist, als wollte die Regisseurin Jane Simpson möglichst viele Fetische abdecken, um armen, verirrten Schäfchen ihr Geld aus der Tasche zu ziehen. Die Hauptcharaktere sind blutjunge Schülerinnen einer amerikanischen Klosterschule, die den ganzen Tag in viel zu knapper Kleidung herumlaufen, die ihren sündigen Leib kaum bedeckt. Gerade die Anführerin der Clique, Jamie (Sheeri Rappaport), ist ein wahrer Satansbraten, die zuerst versucht, einen Priester zu verführen, und dann vor Bauarbeitern strippt.“ – Ich konnte wohl kaum begreifen, welchen Schaden der nackte, wohlgeformte Leib von Sheeri Rappaport dem Geist der armen Christin zugefügt hatte. „Und was machen diese Mädchen, Kind?“

„Nun, bei Bauarbeiten wurde unter dem Kloster eine kleine Kapelle freigelegt, in der sich vor rund 100 Jahren eine Sekte getroffen hat, die sich Illuminaten nannte. Sie verschwanden unter geheimnisvollen Umständen, aber die Mädchen um Jamie finden ihre Aufzeichnungen. Das Buch ist allerdings in Latein verfasst, und darum bitten sie die gläubige Musterschülerin Faith (Mimi Rose) um Hilfe. Sie ist einsam wie Josef im Brunnen, sucht nach neuen Freundinnen, und gibt daher der Versuchung nach. Mit ihrem Beistand finden sie heraus, daß in dem Buch beschrieben ist, wie man die Kräfte einer Hexe erlangt und den Leibhaftigen, der hier ‚Er, der kommt‘ heißt, in unsere Welt ruft.”

„Es handelt sich also um einen Horrorfilm, Kind?“ – „Vater, das dachte ich anfangs auch. Die Mädchen schleichen durch zahllose schlecht beleuchtete Gänge, und es ist nachts ständig neblig. Im Hintergrund läuft Musik, die, glaube ich, unheimlich sein soll. Außerdem gibt es regelmäßig kurze Schockmomente und viele Aufnahmen in der Schrägsicht, die für mich aber keinen Sinn machen.“ – „Sei beruhigt, Kind, schon der Herr meinte über schlechte Filmemacher, daß sie nicht wissen, was sie tun. Was läßt dich aber daran zweifeln, daß es ein Horrorfilm ist?“ – „Nun, die Mädchen spielen den Schwestern des Klosters doofe Streiche, und das dicke Mädchen will die ganze Zeit alles essen.“ Ja, das klang wirklich nicht wie ein Horrorfilm. Vielmehr mußte ich an die Filme denken, die wir uns damals heimlich im Kloster zum Heiligen Massacesi angesehen haben, zum Beispiel DIE LÜMMEL VON DER ERSTEN BANK. Das hätte Ärger gegeben, hätte uns der alte Pater Mattei damals erwischt. Fast wäre ich in die Erinnerungen an meine wilde Jugend abgeschweift, doch die junge Frau setzte ihre Beichte fort und riß mich damit jäh aus meinen Gedanken.

„Ich weiß auch nicht, wovor sie eigentlich Angst haben sollen, wollen sie doch selber den Satan rufen. Es würde eigentlich keine Gefahr für sie bestehen, wären sie nicht so arm im Geiste.“ – „Was meinst du damit, Kind?“ – „Nun, mit Faiths Hilfe finden sie heraus, daß das Buch tatsächlich magisch ist, und schon mit ihren ersten Sprüchen können sie Regen und Feuer beschwören. Immer wieder ziehen sie sich aus, tanzen um den Brunnen in der Kapelle und rufen dunkle Mächte wach. Erst als eine geheimnisvolle Wächterin eine Warnung hinterläßt, merken sie, daß sie mit dem Bösen im Bunde sind.“ – „So wie du mir das geschildert hast, Kind, sollte dies doch offensichtlich sein.“ – „Nicht für die Charaktere, Vater.“ Ich nickte nachdenklich. Tatsächlich, manchmal waren die Figuren in solchen Filmen doof wie Samson, der Delilah, die ihn offensichtlich umbringen wollte, tatsächlich das Geheimnis seiner Kraft offenbarte.

„Leider hat Jamie schon zuviel Macht erlangt“, fuhr die junge Frau in ihrer Schilderung fort, „und sie zwingt die Mädchen, ihr willenlos zu folgen. Nur den Geist der guten Faith kann sie nicht bezwingen. Und so findet am Karfreitag tatsächlich das unheilige Ritual statt – ich will nicht zuviel darüber sagen, doch Vater, wenn das Biest tatsächlich derart billig aussieht, brauchen wir arme Christen es nicht zu fürchten.“ Ja, das war wahrlich ein Problem: Wie sollte mit Filmen wie FAUST – LOVE OF THE DAMNED oder eben LITTLE WITCHES noch ein braver Christ Angst vor dem Teufel haben? Und wieviele arme Sünder hatten sich dem Schoß der Kirche schon entfremdet, weil sie den Leibhaftigen nicht mehr fürchteten?

„Ich verstehe, Kind. Und wenn du mir abschließend deinen Gesamteindruck schildern könntest …“ – „Gewiß, Vater. Ich denke, daß die große Schwäche des Filmes der grausliche Plot ist – mit den vielen Klischees wußte man schon Minuten vorher, was gleich passieren wird. Es gab ewig lange keine Bedrohung für die Mädchen, und als es endlich soweit war, waren mir Film und Charaktere bereits egal. Auch hatten sich die Effekte, mit denen Gefahr vermittelt werden soll, längst abgenutzt – womit ich nicht sagen will, daß sie zu Beginn effektiv waren. Schließlich konnte ich auch die billige Kulisse und den Plastik-Satan nicht ernst nehmen. Die einzige Stärke des Filmes waren eigentlich die Schauspielerinnen: Auch wenn ich selbstverständlich nicht bei der Frau liegen will, wie ich beim Manne liege, muß ich doch zugeben, daß sie sehr attraktiv waren und wohl so manchen braven Christenmann in Versuchung führen könnten.”

Ich nickte langsam und schwieg für einen Moment. Die gläubige junge Frau meinte bestimmt, sie hätte das Schlimmste nun hinter sich, doch wer wirklich Buße wollte, mußte erst durch das Fegefeuer gehen. „Ich habe genug gehört, Kind. Es fällt mir nicht leicht, das zu sagen, doch mein alter Lehrer hat mich gelehrt, daß man den Teufel nur mit dem Teufel austreiben kann. Sieh dir THE RED MONKS an, dann die BLUTORGIE DER SATANSTÖCHTER, und schließlich zweimal DER HEXENTÖTER VON BLACKMOOR.“ Kaum, daß ich die Worte gesprochen hatte, brach die junge Frau zusammen und begann hemmungslos zu weinen. Doch ich konnte ihr nicht weiter beistehen. Nur Gott konnte ihr jetzt noch helfen – oder wenigstens das Lexikon des Internationalen Films.



Last Scream – Wächter des Teufels (USA 1996)
Originaltitel: Little Witches
Alternativtitel: Little Witches – Wächter des Teufels
Regie: Jane Simpson
Buch: Brian DiMuccio, Dino Vindeni
Darsteller: „Mimi Reichmeister“ (= Mimi Rose), Sheeri Rappaport, Jennifer Rubin, Jack Nance, Zelda Rubinstein, Eric Pierpoint, Clea DuVall

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Don Arrigone
Als Kind ausgesetzt und im Kloster zum Heiligen Massacesi aufgezogen. Zeigte schon in jungen Jahren Interesse an jeglicher Art von Film, insbesondere aber an den Genres Horror und Thriller. Studium der Theologie, Magisterarbeit zur Darstellung der Nonne im italienischen Film des 20. Jahrhunderts. Priesterweihe, und Beitritt zum Geheimorden der Fratri Rossi. Tod während einer nächtlichen Orgie, aufgrund seines sündigen Lebenswandels hinabgefahren in die Hölle. Gefangen im 9. Zirkel der Unterwelt und somit gezwungen, bis zum jüngsten Tag Videothekenfutter zu rezensieren.

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