Stellen wir uns mal einen 70jährigen Schriftsteller vor, der seit 55 Jahren aktiv ist, täglich 16 Stunden über neuen Manuskripten brütet - Feiertage eingeschlossen - und 95% des Niedergeschriebenen abseits von Einkaufszetteln publiziert. Dieser ganz und gar imaginäre Schriftsteller hätte nicht einmal die Hälfte der Publikationen von Phantastik-Autor Wolfgang Hohlbein zusammengebracht - dem Mann, der vor der Aufstehen schon einen neuen Roman veröffentlicht, zum Frühstück ein weiteres 800-Seiten-Opus verfaßt, zum Nachmittag daraus einen 10-teiligen Zyklus gemacht hat und abends zur Entspannung seiner Tochter Rebecca bei einem ihrer 600-Seiten-Schmöker unter die Arme greift. Der 59-jährige Hohlbein hat im Laufe seiner Karriere mittlerweile über 200 Bücher geschrieben und insgesamt über 35 Millionen Exemplare davon verkauft.

So ist es auch eigentlich kein Wunder, daß vor allem Hohlbeins späteren Werke gerne starke Déjà-Vu-Gefühle beim Leser wecken. Da gibt es beispielsweise die Standardsätze, ohne die er gar nicht erst anfängt, eine Geschichte zu schreiben: "Er war schon tot, er wußte es nur noch nicht" wird ebenso gerne aufgewärmt wie "Es war der letzte Fehler, den er machen sollte". Auch die Figuren in zahlreichen Hohlbein-Büchern sind sozusagen Instant-Charaktere: Es sind Typen, die er einfach immer wieder antanzen läßt und deren Charakterisierung er längst im Schlaf beherrscht - freilich ändern sich die Namen jedesmal, aber die grobe Zeichnung der Protagonisten bleibt stets vertraut. Und nicht zuletzt drehen sich die Geschichten immer wieder um dieselben Topoi, verwenden dieselben "Effekte", wandeln ihre Spannungssituationen nur leicht ab und folgen vertrauten Pfaden. Kein Horrorroman von Hohlbein braucht lange, bis der Protagonist etwas wahrnimmt, das sich "ganz und gar falsch anfühlt", die Präsenz von etwas "Bösem, das die Grenzen der Vorstellungskraft sprengt".

Das klingt alles kaum nach Empfehlung und wird freilich kaum dadurch besser, daß man mehr von Hohlbeins Büchern liest - das Gefühl des Vertrauten wächst natürlich mit jedem Werk, das an ein voriges erinnert. Aber fairerweise sollte man einräumen, daß ein Mensch gar nicht so viele Bücher schreiben kann, ohne daß gewisse Muster sehr deutlich werden. Und gleichermaßen muß festgehalten werden, daß Hohlbein in seinen guten Büchern ein versierter Erzähler ist, der fesselnd schreibt und spannende Abenteuer entspinnt, die einen schon mal über hunderte von Seiten atemlos bei der Stange halten können. An seinen guten Tagen nimmt einen Hohlbeins Phantastik, ob als Fantasy-Epos (ENWOR), Science-Fiction-Action (CHARITY) oder Horrorthriller (AZRAEL), absolut gefangen. Ebenso muß gesagt sein, daß es einem bei anderen Künstlern ja auch kaum etwas ausmacht, wenn sie wieder das Standardprogramm fahren: Ob nun Mark Knopfler wieder ein gemütliches Songwriter-Album mit der unglaublichen Gitarre aufnimmt oder Woody Allen einen weiteren heiteren Beziehungsreigen spinnt - es wäre unrealistisch, eine stetige Komplettwandlung zu fordern.

Nach diesen einleitenden Worten wäre es nun schön, wenn wir ein gelungenes Werk aus Hohlbeins Fabrik vorstellen könnten, aber leider regt STURM meistens nur den Wunsch an, sich den früheren und besseren Bänden des Autors zu widmen. STURM ist Teil einer Apokalypse-Trilogie, die aus drei eigenständigen Geschichten rund um Naturkatastrophen besteht, und ist somit thematisch mit den Büchern FLUT und FEUER verbunden - letzteres schaffte es übrigens vor einigen Jahren, in meinem Jahresrückblick als schlechtestes Buch gelistet zu werden, das ich 2005 gelesen habe.

STURM handelt vom Computerspezialisten Dirk Gallwynd, der von Alpträumen geplagt ist: Seine Tochter Akuyi ist verschwunden, und deren Mutter Kinah, die ursprünglich aus Afrika stammt, hat sich schon vor Jahren spurlos aus dem Staub gemacht - und vorher noch seine Konten geplündert. Über den Privatdetektiv Biermann findet Gallwynd eine Spur zu Akuyi - und so macht er sich zusammen mit dem Schnüffler, dessen Freundin Janette und einem Helfer namens John, der von Dirk nur stets "Rastalocke" genannt wird, auf nach Marokko. Akuyi und Kinah sind offenbar in eine Geschichte rund um eine Höllenmaschine verwickelt: Den Thunderformer, mit dem Stürme kontrolliert werden können - und hinter dem ist nicht nur der zwielichtige Ventura her, dem Dirk in Marokko begegnet ...

Die in meinem Absatz über FEUER angerissenen Kritikpunkte könnten eigentlich 1:1 hier wiedergegeben werden: "[...] eine völlig abstruse, nie endende Geschichte, bei der er nach 600 Seiten dann selber die Lust verloren hat, sie zu Ende zu erzählen. Schlimme Dialoge, haarsträubende Entwicklungen und eine größtenteils schlichtweg langweilige Handlung [...]". Dabei ist die Prämisse zu STURM eigentlich durchaus spannend: Der Mensch, der sich die Elemente untertan machen möchte; die Frage, ob hinter den das Land verwüstenden Stürmen Technologie oder eine mystische Kraft steckt; die Suche eines ausgebrannten Beinahe-Alkoholikers nach seiner entschwundenen Familie - das ist ein Stoff mit Potential, und natürlich ist Hohlbein sprachgewandt und versiert genug, daß er einen lange genug glauben läßt, alle seine Mystery-Elemente würden sich noch zu einem großen Ganzen ergeben. Leider tun sie das nie.

Das Problem fängt schon bei den Figuren an, die einmal mehr Retortenbabies sind und dabei reichlich oberflächlich - aber teilweise lange ausgewalzt! - agieren. Dirk mag Computerspezialist sein, und trotzdem ist er mit jeglicher Technik ständig überfordert. Viel schwerwiegender wirkt noch, daß er kaum auf Eigeninitiative agiert - und wenn, dann einfach meist als reichlich dumm und ignorant dargestellt wird. Andere Figuren tauchen auf, verschwinden, ihre Funktionen und Zusammenhänge werden gerne neu gemischt und erklärt, ohne wirklich stringent zu wirken. So bleibt auch viel dramatisches Potential ungenutzt: Als eine Figur erschossen wird, wird Dirk die Schuld gegeben - aber das wird nie ausgekostet, weil die nun Rache schwörende Figur ein paar Seiten weiter selber das Zeitliche segnet, ohne Konsequenzen oder emotionales Gewicht.

Auch wenn die Prämisse eine Zeitlang trägt und einzelne Sequenzen mit gewissem Tempo nach vorne tragen - die Geschichte bleibt doch löchrig und rätselhaft. Irgendwann folgt ein völlig banaler Showdown mit Waffengewalt - und danach ist die Geschichte aus, abgesehen von einem Epilog, in dem sich zwei Figuren noch seitenlang über alle Vorkommnisse unterhalten und dabei dem Leser im Nachhinein gewisse Fragen erklärt werden. Nicht, daß diese Erläuterungen Sinn ergeben würden - aber selbst, wenn diese Hinweise alle Geschehnisse zu einem geschlossenen, durchdachten Konstrukt zusammenziehen würden (und das tun sie keinesfalls), würde sich das letzte Kapitel immer noch wie eine hinterhergeschobene Ansammlung von Notizen wirken, die der Schrifsteller einfach nicht in seiner Handlung unterbringen konnte.

Ebenso wie FEUER ist STURM einfach so sehr mit der heißen Nadel gestrickt, daß man sich schwertut, damit einem Hohlbein-Novizen das eigentliche Talent dieses Autors erklären zu können. Aber verzagen wir mal nicht: Unter den fünfundsiebzig Hohlbein-Romanen, die nächsten Monat wahrscheinlich veröffentlicht werden, ist sicherlich wieder der eine oder andere dabei, der den Fan erneut bei der Stange hält.




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Christian Genzel

Christian Genzel arbeitet als freier Autor und Filmschaffender. Sein erster Spielfilm DIE MUSE, ein Psychothriller mit Thomas Limpinsel und Henriette Müller, handelte von einem Schriftsteller, der eine junge Frau entführt, weil er sie als Inspiration für sein Buch braucht. Außerdem drehte Genzel mehrere Kurzfilme, darunter SCHLAFLOS, eine 40-minütige Liebeserklärung an die Musik mit Maximilian Simonischek und Stefan Murr. Derzeit entwickelt er seinen zweiten Spielfilm BROT UND SPIELE, eine Komödie mit Thomas Limpinsel, Götz Otto und Steffen Wink über alte Kindsköpfe und noch ältere Computerspiele.

Christian Genzel schreibt außerdem in den Bereichen Film, TV und Musik, unter anderem für GMX und den All-Music Guide. Außerdem hält er Vorträge zu Filmthemen und kuratierte 2014 an der Universität Salzburg eine Filmreihe zum Thema "Erster Weltkrieg".

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