November 2011

Eine Gruppe von langjährigen Freunden, ihre Beziehungsprobleme und die Beobachtungen darüber, wie sich Freundschaften über die Jahre verändern: Es klingt nach einer etwas wehleidigen Buchversion des Films DER GROSSE FRUST, dessen Grundprämisse - eine Reihe von Charakteren in ihren Dreißigern erinnert sich an die guten alten Zeiten und gleicht die damaligen Vorstellungen mit der heutigen Realität ab - ja immer wieder gerne erzählt wird, für jede Generation, für jede mögliche neue Figurenkonstellation. Aber Mike Gayles achter Roman aus dem Jahr 2008 fühlt sich ganz anders an als die im Damals eingefrorenen Krisenmenschen von Kasdans Geschichte - er erzählt mit viel Witz und souveräner Konstruktion eine bittersüße Ensemblegeschichte über die mit der Liebe verbundenen Hoffnungen und Enttäuschungen.



Eddie Morra ist ein Verlierer. Er zieht im abgehalfterten Grunge-Look durch die Bars und erzählt den Leuten von seinem Roman, an dem gerade arbeitet - nur daß sein Konzept dafür pure Schwafelei ist und er dank Faulheit und träger Disziplin noch nicht ein einziges Wort dafür zu Papier, beziehungsweise zu Monitor, gebracht hat. Und dann gibt ihm auch noch seine Freundin den Laufpaß, und auf die Frage nach dem Warum kann er von ihr nur einen gleichzeitig vorwurfsvollen wie mitleidigen Blick ernten. Der Mann ist ein sinkendes Schiff.

"Mental telepathy, mostly", schrieb man seinerzeit über Kenneth Angers Skandalsammlung HOLLYWOOD BABYLON - beziehungsweise über die Recherchemethoden des Avantgardefilmers, der in dem zuerst 1965 veröffentlichten Buch heitere Geschichten über Morde, Sexorgien, Vaterschaftsklagen und andere pikante Geschehnisse rund um Hollywood-Stars und -Starlets niederschrieb und dazu noch mit schmackhaften Photos garnierte - wie zum Beispiel einem Bild des Jayne-Mansfield-Unfalls. Wen störte es schon, daß zahlreiche Details und Geschichten nachweislich Phantasiegespinste waren? Die Welt der Stars und Sternchen ist der hohe Adel der heutigen Zeit, und ebenso, wie wir sie bewundern und beneiden, haben wir doch gerne ein diebisches Vergnügen daran, sie mit Schmutz und Skandalen vom Thron zu stoßen - vermutlich nur, um zu zeigen, daß sie ja doch eigentlich Menschen wie du und ich sind. Obwohl es für das menschliche Tratschbedürfnis ja gar nicht so viel Unterschied macht, ob Charlie Chaplin eine Affäre hat oder der Herr Müller von nebenan.

Gar so lippenleckend wirft sich der englische Journalist Robert Sellers nicht an sein Thema heran, aber ein gewisser Regenbogenpresse-Geist ist seinem Buch HOLLYWOOD HELLRAISERS: THE WILD LIVES AND FAST TIMES OF MARLON BRANDO, DENNIS HOPPER, WARREN BEATTY AND JACK NICHOLSON nicht abzusprechen. Das Werk versteht sich sozusagen als Fortführung von Sellers' HELLRAISERS, das die Eskapaden der vier britischen Schauspieler Oliver Reed, Peter O'Toole, Richard Harris und Richard Burton nachzeichnete - und es ist ganz klar, daß man als Leser ja eine gewisse Erwartungshaltung hat, wenn man das wilde Leben von solch legendären Wüstlingen versprochen kriegt: Man will Sex, Alkohol, Drogen, filmischen Rock'n'Roll und die nie endende Party. Man könnte nicht behaupten, daß Mötley Crüe ihre Autobiographie mit irgendeinem anderen Versprechen an den Mann gebracht hätten.


Allein das Plakat ist brillant: Da wird die laut lachende Nena vom bekleidet in der Badewanne liegenden Neue-Deutsche-Welle-Posterboy Markus naßgespritzt, und der Schuß Erotik, der durch das nasse Shirt entsteht, ist in seinem Ausmaß den winzigst klein gedruckten Songtiteln ebenbürtig, die unter den majestätisch thronenden Namen der Stars die letzten zwei unwissenden Kinogänger darüber aufklären sollen, woher man diese beiden quietschfidelen Nachnamenlosen eigentlich kennen könnte. Und dann natürlich der Filmtitel: Ebenso sinnfrei wie das Motiv selbst, aber nicht nur dank der Verwendung des Titels von Markus' größtem Hit "Ich will Spaß" eine perfekte Evozierung des Geists der Neuen Deutschen Welle, wo Reim und Laune ja gerne vor Inhalt und Grüblerei gewichtet waren. Höchste Zeit, diesem deutschen Kinoknüller hier die Ehre zu erweisen.