Dezember 2010

Mitunter schafft es das Lexikon des Internationalen Films, seine Warnungen für den Filmfreund abseits des Mainstreams wie eine Empfehlung klingen zu lassen. Zu NIGHTMARE BEACH steht geschrieben: "Motorrad-Rocker, Strandmiezen, blöde Sprüche und in ihrer dumpfen Brutalität schon wieder lächerliche Tötungsszenen garantieren ein gehöriges Quantum an Verdummung." Wow. Das kann man quasi 1:1 auf die DVD-Hülle packen, inklusive dem Hinweis, daß sich hinter dem Namen des Autoren & Regisseurs, "Harry Kirkpatrick", kein geringerer als Umberto Lenzi verbirgt, und schon wandert Geld über den Ladentisch.

WELCOME TO SPRING BREAK, wie der Streifen im Original auch heißt, verbindet zwei lukrative Genres: den Strandfilm und den Slasher. Da geht also ein ominöser Motorradfahrer in Florida umher und bringt diverse Teilnehmer des Spring Breaks um, wenn die nicht gerade halbnackt über den Strand laufen, und es besteht der Verdacht, daß sich hinter dem maskierten Irren der noch vor dem Vorspann auf dem elektrischen Stuhl hingerichtete Motorradrocker Diablo verbirgt, der wegen Mordes angeklagt war. Ein Footballspieler geht der Sache zusammen mit einer Barfrau auf den Grund, nachdem sein bester Freund verschwindet und schwarzgegrillt im Leichenschauhaus auftaucht.


Nun hat die Kombination aus Strand und Horror durchaus Vorteile: Über etwaige Handlungslöcher und langatmige Einführungsszenen kann man schwungvoll mit üppigster Bebilderung schöner, gut gebauter Menschen hinwegtäuschen. Uns Männern fällt dann gar nicht auf, daß die Handlung stockt, solange da ein Wet-T-Shirt-Contest über den Bildschirm flimmert und blonde Mädchen sich in knappsten Bikinis räkeln. Vielleicht habe aber auch nur ich so ein schlichtes Gemüt.

Das soll natürlich nicht heißen, daß nichts passiert. Der finstere Rocker hat eine Spezialvorrichtung hinten auf seinem Motorrad, die quasi auf Knopfdruck zum elektrischen Stuhl umfunktioniert wird, wie eine ahnungslose Anhalterin schon früh feststellen muß. Überhaupt greift der Finsterling vorwiegend zur Elektroschock-Therapie und reißt dafür auch schon mal das Stromkabel aus der Wand, um es einer Frau an den üppigen Funkkopfhörer zu halten. Nur bei einem Opfer, das handlungsmäßig nicht näher identifiziert werden kann, gibt er sich plötzlich sehr viel Mühe: Er schlägt sie mit einem Metallhaken nieder, schleppt sie in eine nahegelegene Fabrik, kettet sie dort an und fährt dann den großen Industrieofen so weit hoch, bis das Mädel in einem garstigen Effekt dahinschmilzt. Während der Täter den ganzen Film über stumm sein Werk verrichtet, darf er doch nach seiner Identifizierung den Helm abnehmen und die Heldin anraunzen: "Du bist eine böse Schlampe."


Mittlerweile ist der Held auf der Flucht vor Polizeichef John Saxon, der, wie sich herausstellt, Diablo nur als Sündenbock für den ungeklärten Mord an der Schwester der Barfrau verwendet hat und selbiges jetzt mit unserem netten Footballspieler vorhat - der den großartigen Plan faßt, daß die Barfrau doch einfach so lange durch die Stadt fahren soll, bis der Mörder auftaucht, und ihn dann per Funk verständigen soll, damit er eiligst herangedüst kommen kann. Unterdessen randalieren die Demons, die stadteigene Rockergang, ein wenig und überfallen das Polizeirevier, wo ein netter Beamter am Telefon einem Anrufer gerade erklärt, daß sowieso alle Streifen gerade damit beschäftigt sind, die Spring-Break-Partymeute in den Griff zu kriegen.

Es ist ein durchaus solider Film, den Lenzi hier präsentiert - ein handwerklich sauberer Slasher, von denen es weitaus schlimmere und langweiligere Exemplare gibt. Einzig die Musik von Ex-Goblin Claudio Simonetti ist grauenhaft: Da wird jedes Auftreten des Killers mit einer Art Power-Synthrock untermalt (vermutlich, weil die Rockergang analog mit ganz bösem Hair Metal inklusive Fliegersirenengesang begleitet wird), der ein wenig so klingt, als gäbe es in einer superduften Teeniekomödie gleich Dresche von dem bösen Dicken.


Aber dennoch ist der Spaß überraschend ansehbar. Das mag nach keiner enorm positiven Empfehlung klingen, aber wenn wir uns bei einem Streifen schwer begeistern, der letztlich schlichtweg okay ist, dann kommt irgendwer noch auf den Gedanken, er müßte NIGHTMARE BEACH auf seine Must-Watch-Top-Priority-Liste setzen.

Und ehrlich, ich hätte es gerne sehr geschickt in das Review eingewoben, daß der Hauptdarsteller Nicolas de Toth der Sohnemann von HOUSE-OF-WAX-Regisseur André de Toth ist, schon kurze Zeit nach NIGHTMARE BEACH seine Schauspielkarriere an den Nagel gehängt hat und heute als Cutter von eher obskuren Streifen wie TERMINATOR 3, STIRB LANGSAM 4 und WOLVERINE seine Brötchen verdient. Aber wo bringe ich diese Info nur sinnvoll unter?
 










Nightmare Beach (Italien 1988)
Originaltitel: Welcome to Spring Break
Regie: "Harry Kirkpatrick" (= Umberto Lenzi)
Drehbuch: "Harry Kirkpatrick" (= Umberto Lenzi)
Darsteller: Nicolas de Toth, Tony Bolano, Sarah Buxton, Paul Gleason, Lance Le Gault, John Saxon

Die deutsche DVD von Eyecatcher Movies wartet mit deutschem und englischem Ton auf und ist ungeschnitten. Diese ungeprüfte und indizierte Fassung kann über den OFDB-Shop erworben werden.


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Man kann nicht behaupten, daß man nicht schon im Vorfeld ausreichend gewarnt wäre: Eine von der niveauschwachen Lisa-Film produzierte, hm, Komödie namens GUMMIBÄRCHEN KÜSST MAN NICHT findet sich auf einer Billigsdorfer-DVD aus der Reihe "Deutsche Kinoklassiker" in einer Libro-Wühlkiste wieder, wo der Spaß nurmehr 50% des üblichen Verkaufspreises von 2 Euro kostet. Wie so oft wagt sich Genzel optimistisch an das Spektakel, damit es sich sonst keiner anschauen muß.

Also: In der 1989 veröffentlichten Lachgranate geht es um die beiden Zwillingsbrüder Thalberg, die für heillose Verwirrung sorgen. Der eine ist ein afrikanischer Abenteurer namens Elefanten-Joe, der andere Pfarrer in der kleinen Gemeinde von San Sebastian. Joe erreicht nun ein Brief von einem ausgewachsenen Sohnemann, von dem er bislang nichts wußte, und so reist er nach San Sebastian, um den Jüngling dort in die Arme schließen zu können, während Söhnlein - der nur ein Photo seines Erzeugers sein Eigen nennt - aufgrund eines hilfreichen Hinweises in die dortige Kirche zu Pfarrer Thalberg geschickt wird. Freilich glauben beide Brüder, daß der jeweils andere verstorben ist. Und schon wird ein verwechslungsreiches Feuerwerk an guter Laune abgefackelt!


Na schön, der letzte Satz war gelogen. Pausieren wir kurz, um über die fast pathologische Faszination mit Verwechslungsgeschichten zu reflektieren, die die deutsch-produzierte Komödie schon seit jeher auszeichnet. Läßt sich hier vielleicht das zutiefst ambivalente (und geschichtlich verwurzelte) Gefühl eines Volkes gegenüber seiner eigenen Identität ableiten? Zeigt sich anhand der Männer im Schnee, der Hotelmanager und Sekretäre, der tollen Tanten und heiteren Hochwürden vielleicht die hierzulande gewonnene Erkenntnis, wie zerbrechlich unsere Rollen im sozialen Gefüge sind, wie konjugierbar unsere Person in den gegebenen Umständen sein kann? Oder ist der Spaßgewinn an Verwechslungen quasi ein Ventil für den Zwang der deutschen Ordentlichkeit, das uns in der Fiktion einen harmlosen Gegenpol zu unserer Alltagsrealität bietet, in der Aufgaben und Handlungszuordnungen uns allzu rigide einschränken? Ich freue mich auf Thesen und Hinweise in der Kommentarsektion.

Mittlerweile ist Sohnemann Tony in San Sebastian angekommen, und zwar zusammen mit seinem flippigen Freund Peter, der aussieht wie Milli und Vanilli zusammen, sowie einer unterwegs aufgegabelten Anhalterin namens Angela, die gerne am Strand tanzt und die Funktion erfüllt, einen Keil zwischen die Freundschaft von Peter und Tony zu treiben, die beide schwer für die gute Frau entflammt sind. Peter macht sich vornehmlich tanzenderweise an Angela heran und trägt dabei gerne eine Art Funk-Walkman mit meterlanger Antenne. Irgendwann findet Angie Peters schmusige Annäherungsversuche aber gar nicht mehr charmant, woraufhin sich Peter trotz ihrer Proteste grob an sie wirft - zum Glück kommt gerade Tony vorbei, der sich schnell mit Peter prügelt, bis der dann sagt, daß er Angela wirklich liebt. Daraufhin läßt Tony locker und zeigt sich großmütig: "Gut, dann kannst du sie haben". Ach ja, die jungen Leute.


Tony ist ja schließlich auch anderweitig beschäftigt mit der Suche nach seinem Vater, und er findet es überhaupt nicht knorke, daß Pfarrer Thalberg vehement bestreitet, einen Sohn zu haben. Weil anderswo Elefanten-Joe mit seinen beiden willigen Hoppelhäschen ausgelassen in der Disco schwoft, spricht sich bald herum, daß sich der Pfarrer nicht seinem Amt gemäß benimmt, woraufhin ein Bischof anreist, um Thalberg die Leviten zu lesen. Tony derweil freut sich, daß sich Joes Bettgenossinnen auch sehr rührend um ihn kümmern, nachdem er die beiden am Strand angequatscht hat. Und vergessen wir nicht die Agentengeschichte rund um eine Reihe wichtiger Dokumente, die dem ahnungslosen Elefanten-Joe zugespielt wurden und nun von Agent 712 wiederbeschafft werden müssen, dessen Auftraggeber flugs einen albernen Jungspacken anheuern, der sich als Joes Sohn ausgeben soll. Spätestens jetzt wird ein verwechslungsreiches Feuerwerk der guten L--- jaja, es wäre schon wieder gelogen.

Von allen Stellen dieses Reviews ist diese hier wohl die geeignetste, um über die Besetzung zu sprechen. Sowohl Joe als auch der Pfarrer werden von Christopher Mitchum gespielt, dem Sohn von Robert Mitchum. Christophers Sohn Bentley wiederum spielt Tony, Elefanten-Joes Sprößling. Was für ein Coup! Eher überraschend ist die Mitwirkung von John Hillerman (der wohl dank des Erfolges von MAGNUM P.I. hier einen Kollegen des Pfarrers spielen darf) und Ernest Borgnine (dessen Mitwirkung in AIRWOLF, kombiniert mit seiner wahrscheinlich unendlichen Gutmütigkeit, sichergestellt hat, daß die Lisa-Film ihn nur kurze Zeit später als Papa von Uschi Glas in TIERÄRZTIN CHRISTINE, Teile 1 + 2, anheuerte). Den tolpatschigen Agenten 712, der gerne von Leitern fällt, seine Kleidung verliert und in eine Seilschlinge stolpert, spielt Art Metrano, der schon als Lt. Mauser in POLICE ACADEMY 2 & 3 viel Sportsgeist bewiesen hat und dementsprechend hier mit den Worten "Er hat mal eine Police Academy geleitet" vorgestellt wird.


Weitere erwähnenswerte Gestalten in der Besetzungsliste sind Robby Rosa, Mitglied von Menudo und Songwriter für Ricky Martin, der als Peter die kreischenden Teenager aus dem Kino ins Kino zieht und auch gleich seine Frau Angela Alvarado mitgebracht hat, die originellerweise die Rolle der Angela übernimmt. Aber wie, eine deutsche Produktion nur mit ausländischer Besetzung? Aber nein! Zum Glück tauchen auch Käte Jaenicke, Jürgen-Drews-Ehefrau Corinna Drews, sowie - den hätten wir ja sonst vermißt - Otto W. Retzer auf. Letzterer spielt diesmal einen Mann mit Glatze.

Und was hat das Ganze jetzt eigentlich mit Gummibärchen zu tun? Na, ist doch klar. Die Operation zur Wiederbeschaffung der Geheimdokumente nennt sich "Operation Gummibärchen". Da hättet ihr aber auch selber drauf kommen können.





Gummibärchen küsst man nicht. (Deutschland 1989)
Regie: Walter Bannert
Drehbuch: Florian Burg
Kamera: Hanus Polak
Darsteller: Christopher Mitchum, Bentley Mitchum, Ernest Borgnine, John Hillerman, Robby Rosa, Angela Alvarado, Käte Jaenicke, Art Metrano, Arthur Brauss, Julia Kent, Otto W. Retzer
FSK: 12


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Eine Nachricht des Trash-affinen Peter L. trifft heute Mittag in meiner Mailbox ein: Wie wäre es denn vor Weihnachten noch mit einem richtig schlechten Fantasy-Film? Aber natürlich, damit kann ich dienen! Wie wäre es denn mit CONQUEST, einem von Splatterfreund Lucio Fulci inszenierten italienisch-spanisch-mexikanischen Barbarenfilm von 1983, der nicht nur im üblichen Fahrwasser von CONAN und AM ANFANG WAR DAS FEUER schwimmt, sondern auch Anleihen bei STAR WARS nimmt?

Die beiden Helden von CONQUEST sind Ilias und Mace, die beide so aussehen, als würden sie jeden Augenblick eine Manowar-Tribute-Band gründen wollen. Ilias wurde von seinen Vorfahren ins Land geschickt, um der Herrschaft der bösen Zauberin Okron eine Ende zu bereiten, und dafür geben ihm die Vorfahren netterweise auch einen Bogen mit. In der Sequenz werden Bilder der redenden Köpfe transparent über Bilder der Landschaft gestellt, was dem Prozedere eventuell eine Art mythischen oder sphärischen Touch verleihen will, aber hauptsächlich dafür sorgt, daß einem die Augen gleich in den ersten paar Minuten wässrig werden.

Lernen wir flugs die Kratzbürste Okron kennen, die von der Barbarenfilm-erfahrenen Sabrina Siani unter dem Namen "Sabrina Sellers" gespielt wird und so böse ist, daß sie den kompletten Film über nackt herumläuft - mal abgesehen von einer Art String-Tanga und einer goldenen Maske, die den kompletten Kopf umgibt! Wenn Okron nicht gerade ekstatisch mit einer Schlange spielt, schickt sie irgendwelche Henchmen los, um Ilias zu finden. Besagte Henchmen sind übrigens Menschen in Hundekopf-Kostümen und sonstigen Fellkreationen, die sicherlich nur deshalb an Chewbacca erinnern, weil ihr Wortschatz ähnlich ausgeprägt ist.


Ilias läuft nun also durch die Gegend und muß, weil sich so ein Bogen wirklich gar nicht als Nahkampfwaffe eignet, auch prompt beim ersten Angriff von Okrons Schergen vom herumziehenden Kämpfer Mace gerettet werden, der ihm dann erklärt, daß er keine Freunde hat. Mace sammelt einen am Boden liegenden Falken auf und pustet ein bißchen auf ihn, woraufhin der Falke sich wieder stolz in die Lüfte schwingt. Ab sofort ist Mace mit allen Tieren dieser Welt befreundet, was später unter anderem dazu führt, daß er von Delphinen aus dem Meer gerettet wird, wo er an ein Kreuz gefesselt hineingefallen ist. Keine Bange, das muß man gar nicht verstehen.

Okron schickt also mehr Fußvolk und Ilias und Mace laufen durch die Gegend - das ist in etwa so aufregend, wie es sich anhört. Fulci und sein Kameramann Alejandro Alonso García fangen alles mit schwelgerischstem Weichzeichner ein, nebeln die Sets zu, drehen entweder im komplett Finstern oder direkt gegen die Sonne. Weil Ilias und Mace ständig halbnackt ihre Muskeln zeigen und sich in malerischen Softfilter-Einstellungen bedeutungsvoll anschauen, knistert den kompletten Film über homoerotische Spannung.


Weil Fulci nach 20 Jahren als Auftragsregisseur 1979 mit der wunderbaren Schlachtplatte ZOMBI 2 sozusagen den Durchbruch erlitt, reichert er auch diese Fantasy-Suppe mit allerlei blutrünstigen Effekten an. Da wird einem Kerl der Kopf aufgeschlagen und dann das Gehirn herausgelutscht, anschließend zerren zwei Fieslinge derart motiviert an den Beinen einer Frau, daß die in der Mitte durchtrennt wird. Ilias wird irgendwann von einem vergifteten Pfeil getroffen, woraufhin sich blutende Eiterbeulen auf seinem Körper zeigen. Sabriana Siani darf sich einen abgetrennten Kopf an die Brüste drücken.

Wenn Ilias übrigens letztendlich doch Pfeil und Bogen einsetzen kann, zeigt sich der Pfeil als leuchtender Neon-Laserpfeil, der flugs ein halbes Dutzend Gegner auf einmal erledigt. Für den STAR-WARS-Gedenkeffekt wurde sicherlich das komplette Visual-FX-Budget verbraucht, weil die herumfliegenden Giftpfeile an einer anderen Stelle schlichtweg ins Bild eingemalte schwarze Striche sind, die eine Reihe von C64-Spielen sehr realistisch aussehen lassen. Erwähnen sollten wir außerdem noch die Synthmucke von Goblin-Musiker Claudio Simonetti, bei der sicherlich nur Pedanten darauf hinweisen werden, daß das kosmische Gefunke rein gar nicht zum Film paßt.

Zum Schluß schickt Okron ihren Metallhenchman Zora gegen Mace in die Schlacht, aber der Blechmann löst sich mit einem genervten Stöhnen einfach nur in Luft auf. Nur wenige Minuten später laufen beide in Hundeform in Richtung Sonnenuntergang. Sicherlich soll unterstrichen werden, daß Okron wirklich eine Bitch ist.

Na bitte, wenn das erledigt ist, dann kann Weihnachten ja kommen. Frohes Fest!





Conquest (Italien/Spanien/Mexiko 1983)
Regie: Lucio Fulci
Drehbuch: Giovanni Di Clemente (Story), Gino Capone, José Antonio de la Loma, Carlos Vasallo (Drehbuch)
Kamera: Alejandro Alonso García
Musik: Claudio Simonetti
Darsteller: "George Rivero" (= Jorge Rivero), Andrea Occhipinti, "Sabrina Sellers" (= Sabrina Siani), Conrado San Martín

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Große Künstler lassen sich durch eine Kleinigkeit wie den eigenen Tod kaum davon abbringen, weiterhin produktiv zu sein. Sei es nun Jimi Hendrix, der uns seit nunmehr 40 Jahren aus anderen Sphären mit stets neuem Material versorgt, oder Tupac Shakur, der auf der anderen Seite viel fleißiger zu sein scheint als noch im Diesseits - der Tod ist kein Hinderungsgrund für neue Veröffentlichungen; wie jüngst auch bei Michael Jackson, der offenbar erst sterben mußte, bevor er sein Comeback-Album endlich fertigstellen konnte. Bei Ray Charles, der uns immerhin auch schon vor 6½ Jahren verlassen hat, hielt sich die Flut nachträglicher CD-Releases bislang in Grenzen: Da gab es bislang nur das sehr durchwachsene Duettalbum GENIUS & FRIENDS (klar an sein letztes Album GENIUS MEETS COMPANY angelehnt) sowie ein halb neueingespieltes Treffen mit der Count Basie Bigband namens RAY SINGS, BASIE SWINGS. Mit RARE GENIUS - THE UNDISCOVERED MASTERS wird nun weiteres Archivmaterial präsentiert - und das ist so gut, daß es die Latte für posthume Veröffentlichungen sehr, sehr hoch legt.

Ein halbes Jahr lang wühlte Concord-Chef John Burk, der als Co-Produzent an GENIUS MEETS COMPANY beteiligt war, durch die Archive von Rays RPM-Studio, in denen hunderte von Songs quer durch die Dekaden lagerten. Die zehn Songs, die er letztendlich ausgegraben hat, stammen aus den Jahren 1972 bis 1995, und es ist ein Tribut an Rays einzigartigen Stil, daß die Stücke, die einen Zeitraum von 23 Jahren umspannen, sich zu einem absolut homogenen Album zusammenfügen.

Vier der Lieder waren bereits fertig, die anderen befanden sich in unterschiedlichen Stadien der Fertigstellung und wurden mit Sessionmusikern ergänzt - teils fehlten nur Schlagzeug und Bass, teilweise aber auch die komplette Band. Burks Verdienst ist es dabei nicht nur, daß er die Nachproduktion so respektvoll angeht, daß man ohne die detaillierten Notizen im Booklet gar nicht wüßte, wo gebastelt werden mußte und wo schon alles an Ort und Stelle war, sondern auch, daß er die Songs tatsächlich danach ausgesucht und sequenziert hat, daß sie ein Ganzes ergeben: Ein neues Ray-Charles-Album mit knapp 42 Minuten Lauflänge, im Gegensatz zu einer ausufernden Ansammlung von unterschiedlichen Einzeltiteln.

Kurz gesagt: Ray ist in Bestform auf allen Stücken. Er bewegt sich auf seine gewohnt souveräne Weise durch Soul, Funk, R&B, Country und andere Genres; er läßt sich von Uptempo-Bläsern vorantreiben, von Streichern einbetten, vom langsamen Blues auffangen, von Freude und Herzschmerz leiten. Und immer ist da seine Stimme, dieses warme Raspeln, die spielerische Phrasierung, mit der er selbst noch seine billigst produzierten Alben hörenswert machte, und die einem auch hier immer so viel mehr erzählt als nur das, was da im Text gesagt wird.

Zu den absoluten Highlights gehört wohl der lässige Funk "I'm Gonna Keep On Singin'", 1995 aufgenommen, mit wunderbarer Begleitung im Stil der Raelettes, tighten Bläsern und einem ausgelassenen Keyboard-Solo von Ray am Ende. Nicht minder fantastisch sind die Balladen "Wheel of Fortune" und "A Little Bitty Tear" - beides im positivsten Sinne des Wortes genau die prächtigen Schmachtfetzen, wie nur Ray sie immer wieder singen konnte, ohne dabei auch nur einen Hauch klebrig zu werden. Bluesgitarrist Keb' Mo' spielt ein Solo mit viel Understatement auf dem erdigen "There'll Be Some Changes Made", aber das Solo von Sessiongitarrist George Doering auf "Isn't It Wonderful" ist ebensowenig zu verachten.

Der letzte Song des Albums ist übrigens nicht aus den RPM-Archiven. Es ist ein Duett mit Johnny Cash, das seit 1981 bei Sony lag und aus unbekannten Gründen nie veröffentlicht wurde. Cash singt Kris Kristoffersons "Why Me, Lord?", Ray spielt dazu Piano und singt Backup, und während durch den Fokus auf Cashs Stimme der Song zunächst wie ein reiner Johnny-Cash-Song wirkt, braucht man sich nur im Vergleich Kristoffersons Original anzuhören, um dann hier Rays R&B-Piano sofort herausstechen zu hören. "I have prayed for a record like this for 25 years", schreibt Cash in einem im Booklet abgedruckten Brief an Ray.

Ehrlich: RARE GENIUS ist ein vollwertiges Ray-Charles-Album, das ohne Probleme Seite an Seite mit vielen seiner anderen Aufnahmen stehen kann. Und dann stellt sich die Frage, ob es denn gierig wäre, sich über weitere etwaige Schätze in Rays Archiven Gedanken zu machen ...?




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