Juli 2010

"Also, im reiferen Alter besteht an den sexuellen Tätigkeiten von Schulmädchen, nämlich von unreifen, jungen Dingern, das glauben Sie nicht, ein großes Interesse." So erklärte Produzent Wolf C. Hartwig im Interview mit Annette Miersch den Erfolg seiner 13-teiligen Reihe SCHULMÄDCHEN-REPORT, die der findige Geschäftsmann 1970 mit dem ersten Teil WAS ELTERN NICHT FÜR MÖGLICH HALTEN initiierte und bis 1980 mit den endlosen Fortsetzungen höchst erfolgreich auskostete. Mit seinem Millionenpublikum und dem Vorreiterstatus der deutschen Sexfilmwelle stellen Hartwigs Schulmädchen ein Stück deutscher Kinogeschichte dar - so gern das abgestritten oder unter den Teppich gekehrt wird - aber noch stärker ist die Report-Reihe ein Zeitdokument, das eng mit einem gesellschaftlichen und sexualmoralischen Umbruch verknüpft ist.


Globalisierung, Kapitalismus, Neoliberalismus: Wenn filmisch Kritik an diesen Konzepten geäußert wird, dann wird das Resultat von den entsprechenden Fraktionen fast automatisch bejubelt, unabhängig von ihrer Form, ihrer Substanz oder ihrer Komplexität. LET'S MAKE MONEY, eine Dokumentation des österreichischen Filmemachers Erwin Wagenhofer, will den Weg des Geldes verfolgen, das wir auf unsere Konten einzahlen, und kann den erhobenen Anspruch kaum einlösen: Gezeigt werden diverse Auswüchse der Weltwirtschaft, die interessant und bestürzend sind, von Wagenhofer aber in einfachem Schwarzweiß gezeichnet werden und die komplexen Zusammenhänge darunter kaum aufzudecken vermögen.

Der Film zeigt Investoren, die in armen Ländern von billigsten Arbeitskräften und generellen Notzuständen profitieren und dabei euphemistisch von "emerging markets" statt von der Dritten Welt sprechen. Er zeigt, wie Großmächte wie Amerika kleine Länder wie Burkina Faso per Subventionen in die Abhängigkeit und unter das Existenzminimum zwingen, obwohl das Land ohne diese "Hilfen" von seinen Exportartikeln leben könnte. Er zeigt Betonwüsten in Spanien, die mit Geldern aus Pensionsfonds finanziert wurden und wie Geisterstädte leerstehen, weil sie der Wertsteigerung des Landes dienen sollten. Er erläutert, wie beispielsweise die Wiener Straßenbahn tatsächlich einer amerikanischen Firma gehört, an die die Stadt Wien jährlich Leasinggebühren zahlen muß, um sie überhaupt verwenden zu dürfen. Und er erklärt, wie die kleine englische Insel Jersey als Steuerparadies fungiert, weil dort über Treuhändergesellschaften riesige Geldsummen schnell und unkompliziert an andere Orte transferiert werden können - beispielsweise in die Schweiz, wo, wie uns gesagt wird, eine Steuerhinterziehung kein Grund für die Aufhebung der Privatsphäre darstellt.

Ja, die gezeigten Zustände und Machenschaften sind haarsträubend und zeugen wieder und wieder von der grenzenlosen Gier, mit der gewissenlose Geschäftemacher Ressourcen, menschliche Not und nicht zuletzt auch die nicht minder große Gier der anderen bis auf den letzten Tropfen ausnutzen. Soweit, so gut und so lobenswert der Film. Problematisch wird es, sobald wir über die Präsentation sprechen.

Da sind zunächst einmal die Bilder selbst, die stets zwischen banaler Bebilderung und bedeutungsschwangerer Schwere oszillieren. Eine ganze Reihe von Sequenzen bietet schlichtweg gar keine brauchbaren Bilder: Da läuft die Kamera dem Interviewpartner durch die freie Natur nach, während seine Stimme aus dem Off seinen Job als "economic hit man" erläutert; dann blickt selbiger Gesprächspartner über Boote am Anlegesteg. Ein anderer Interviewpartner wird bei der Autofahrt vom Beifahrersitz aus gefilmt, und obwohl ständig an anderer Stelle mit Offstimmen gearbeitet wird, bleiben wir hier im Auto, als es in einen Tunnel fährt und die Kamera uns somit geraume Zeit nur Schwarz mit ein paar tanzenden Lichtern bieten kann. Überhaupt werden ständig Menschen in Autos interviewt, und wo es am Anfang noch als Konzept scheint, die schwerreichen Investoren abgeschirmt in ihren Wägen durch die ärmsten Gegenden fahren zu sehen, sieht man schon nach kurzer Zeit, daß die Interviewsituationen größtenteils beliebig sind. Mitunter haben die Bilder auch einen fast touristischen Touch, etwa wenn im Indien-Segment ein aufkommendes Gewitter in langen Einstellungen gezeigt wird. Schöne Einstellungen? Und wie, und dabei leider komplett willkürlich eingeflochten.

Auf der anderen Seite stehen die suggestiv komponierten Bilder: Eine Amerikaflagge, die sich in einer Pfütze wiederspiegelt und durch das bewegte Wasser verzerrt wird. Die Wiener Straßenbahn, die in Spiegelungen in Fenstern gebrochen wird. Oder Investor Mark Moebius, der durch ein merkwürdiges Spiegelarrangement im Fitneßstudio aussieht wie ein buckliger Zwerg (Wagenhofer scheint solche Brechungen zu lieben). Und natürlich: Ganz lange Einstellungen von Orten und Menschen, die im Betroffenheitstempo gezeigt werden. Da gehen wir durch die Slums in Indien, sehen die Kinder dort spielen, schauen den Frauen in Burkina Faso beim Baumwollepflücken und beim Steineklopfen zu - alles fraglos fürchterliche Zustände, die aber hier immer als exemplarische Platzhalter verwendet werden: Schaut mal, so schlimm ist es anderswo! Denn Wagenhofer geht es hier nicht um die gezeigten Menschen, sondern um Mahnmäler, die seinem Konzept die nötige Schwere geben.

Und gerade deswegen ist LET'S MAKE MONEY auch immer wieder ärgerlich: Wagenhofer verzichtet zwar völlig auf einen Off-Kommentar oder einen Erzähler, er tritt selbst nicht in Erscheinung, Informationen werden teils als Textwüsten auf den Bildschirm gepackt, und die als Impressionen verkauften Aufnahmen vor Ort suggerieren Neutralität - in Wahrheit aber hat der Regisseur ja von vornherein ein klares Ziel und eine klare Aussage, die er machen will, weswegen den vermeintlich nüchtern präsentierten Eindrücken auch mitunter etwas Unehrliches anhaftet. Immer wieder zerren Bilder am Zuseher, nichts läßt sich wertfrei betrachten. Es ist so, als ob man zur Bestürzung gedrängt wird: Ärmliche Hütten, ist das nicht schlimm? Und da, traurig schauende Kinder, ist das jetzt nicht wirklich schlimm? Und jetzt müssen die da den ganzen Tag Steineklopfen, für 50 Cent am Tag, jetzt sag doch endlich mal, daß das wirklich schlimm ist! Wenn Wagenhofer seinen Ansatz wenigstens laut aussprechen würde und damit zur Debatte stellen würde, würde dem Film wenigstens nicht so ein ständiger penetranter Hauch des Suggestiven anhaften. (Um Mißverständnissen vorzubeugen, möchte ich dezidiert darauf hinweisen, daß die gezeigten Zustände in der Tat schlimm sind und absolut menschenunwürdig: Die Kritik zielt auf Wagenhofers Präsentation ab, nicht auf das tatsächliche Gewicht der betreffenden Situationen.)

Dabei würde der neutrale Ansatz über einige Strecken hinweg sogar funktionieren: Die gezeigten Investoren und Finanzspezialisten reden sich ohne Drängen und Kommentierung ohnehin selber ins Eck. Da erläutert Moebius, wie der beste Zeitpunkt, zu kaufen, der ist, wenn "Blut auf der Straße liegt", und gibt zu Protokoll, daß es nicht Aufgabe des Investors ist, über die Ethik des Unternehmens nachzudenken, in das investiert wird. Ein österreichischer Investor freut sich über die unkomplizierten Finanzmöglichkeiten in Indien, wo der Staat nie eingreift, und wundert sich noch, warum zum Beispiel in Österreich die Menschen über so viele vermeintliche Probleme diskutieren. Den größten Hammer liefert ein Schweizer Finanzexperte, der denkt, daß für Güter, Gelder und Dienstleistungen alle Grenzen offen sein sollen, für Menschen aber eine Art "Eintrittspreis" verlangt werden sollte - wie bei einem Tennisclub, wo ein neues Mitglied ja auch Gebühren zahlen muß für die Nutzung dessen, was andere aufgebaut haben.

Leider kann der Film denn auch das eingangs gesetzte Ziel, den Weg des Geldes zu verfolgen, kaum erreichen. Die gezeigten Stationen scheinen willkürlich, es werden kaum komplexere Zusammenhänge aufgezeigt. Dabei ist der Film am spannendsten, wenn Interviewpartner eben solche Verbindungen erläutern und aufdecken: Der schon erwähnte "economic hit man" John Perkins beispielsweise erklärt, wie ein Land in die Schuldenfalle getrieben und somit auf lange Zeit an eine Großmacht gebunden wird - und fügt hinzu, daß, wenn Saddam Hussein auf solche "Verführungsversuche" eingegangen wäre, jetzt von den Vereinigten Staaten Panzer und Raketen und alles, was er sonst haben wollen würde, verkauft bekäme. Auch informativ sind die Erklärungen von SPD-Politiker Hermann Scheer, der schlüssig erläutert, daß die Privatisierung von Staatsgütern - also Gemeinschaftsgütern - letztlich der Gemeinschaft etwas raubt.

Aber diese Momente sind eher Inseln im Erzählfluß von LET'S MAKE MONEY, der lieber mit der Bestürzung arbeitet und in seiner Kritik der Konzepte der Globalisierung und des Neoliberalismus die wirklich problematischen Zusammenhänge kaum greift - die natürlich auch mit unserem Geld verknüpft sind: Wir fliegen zum Urlaub ins Ausland und lassen dort unser Geld; wir kaufen beim Discounter und nicht beim "normalen" Supermarkt; wir lassen uns einreden, daß Geiz geil ist und wollen technologische Billigstangebote, wundern uns aber, warum Nokia die Produktion ins Ausland verlagert. Die Auflistung ist bewußt so gewählt, daß sie nicht einfach als "richtiges" und "falsches" Verhalten klassifiziert werden kann: Die Wege, die unsere Finanzen um die ganze Welt zurücklegen, sind nicht nur viel verwinkelter und unüberschaubarer als im Film präsentiert, sondern auch eben in dieser Verkettung gar nicht mehr so einfach schwarz/weiß zu zeichnen.

Es bleiben einige finstere Eindrücke und die Gewißheit, daß Gier grenzenlos ist und immer bleiben wird. Eigentlich schade, wenn man aus einer Dokumentation hauptsächlich lernt, daß die Welt schlimm ist. Vielleicht bin ich aber auch alleine darin, daß ich lieber wissen will, warum sie es ist und was man dagegen tun könnte.





Let's Make Money (Österreich 2008)
Regie: Erwin Wagenhofer
Drehbuch: Erwin Wagenhofer
Kamera: Erwin Wagenhofer
Länge: 107 Minuten
FSK: 6


-----------------
4 8 15 16 23 42
Ein neuer Trailer zu TRON: LEGACY, der Fortsetzung des Films von 1982, ist online:




Da brauchen wir eigentlich gar nichts dazu zu sagen - außer, daß mich dieser Film wahrscheinlich sehr, sehr glücklich machen wird. Und dem Look nach auch jede Menge anderer TRON-Fans, SF-Fans, Jeff-Bridges-Freunde und genereller Cinephiler.

Zur Erinnerung auch nochmal den vorigen Teaser, der nicht minder Lust macht, sich jetzt und sofort TRON anzusehen (ich tippe auf einen BluRay-Release des Originals pünktlich zum Kinostart des Sequels!):




-----------------
4 8 15 16 23 42

"Join Me". Das war die Einladung in einer Anzeige, die Danny Wallace in der Zeitung geschalten hat. Darunter nur seine Adresse und die Bitte, ihm ein Paßphoto zu schicken. Keine Erklärung, wer er überhaupt ist, oder warum ihm die Leute beitreten sollten, oder was es denn eigentlich ist, dem sie beitreten. Nur kurze Zeit später hatte Wallace über 1.000 Anhänger. Und die ganze merkwürdige Geschichte hat er in diesem Buch niedergeschrieben: JOIN ME: THE TRUE STORY OF A MAN WHO STARTED A CULT BY ACCIDENT.

Wallace hat selber keine Ahnung, wem oder was die Bewerber beitreten würden. Und er weiß auch nicht, was er mit den Mitgliedern machen würde, nachdem sie einmal beigetreten sind. Wichtig ist ihm nur, daß sie beitreten, und damit das nicht nur ein leeres Ja wäre, will er, daß die Leute ihm das Paßbild schicken: Nur, wer den Aufwand betreibt, das Photo herauszukramen, in einen Umschlag zu stecken und ihm wirklich mit der Post zu schicken, bekennt sich auch wirklich zum Beitritt.

Die Idee kam Danny bei der Beerdigung seines Großvaters in der Schweiz. Der hatte nämlich in den Jahren nach dem ersten Weltkrieg mal probiert, einhundert Menschen dazu zu überreden, mit ihm autark auf einem Farmland zu leben - eine Woche und nur drei Zusagen später gab er aber den Traum auf. Danny grübelt darüber nach, was es bedeutet, sich zu einer Sache zu bekennen - vor allem zu einem Sprung ins Ungewisse. Nun will er weder von jemandem verlangen, mit ihm Gemüse anzupflanzen, noch hat er selbst Interesse an einem Leben als Farmer - aber er faßt dennoch den Plan, für seinen Großvater sozusagen die freiwilligen Anhänger nachträglich einzuholen: quasi als Geste, und auch als Versuch.

Am Anfang tritt nur ein einziger Mensch bei. Aber mit dem trifft sich Danny dann auf ein Bier, und weil der Kandidat noch einen Freund dabei hat, hat Danny dank Gesprächen über Sport und Videospiele schnell zwei Mitglieder. Dann stellt er eine kleine Website online, verteilt Flyer, hängt Poster auf, und irgendwann sitzt er in belgischen Talkshows und trifft sich mit neuen Kandidaten am Eiffelturm. Sobald die Sache mal losgetreten ist, gewinnt sein Auftrag natürlich immer mehr und mehr an Geschwindigkeit und Größe.

Eine Zeitlang sind die Mitglieder auch einfach nur glücklich, beigetreten zu sein. Aber dann regen sich erste Zweifel: Was ist überhaupt Sinn und Zweck der Veranstaltung? Und was will der "Anführer" denn eigentlich? Danny saugt sich mit viel Mühe einen Auftrag aus den Fingern: Tut jeden Freitag etwas Gutes und postet es auf der Website. Es muß nichts Aufwendiges oder Großes sein - wenn ihr einem alten Mann über die Straße helft, ist das prima. Und plötzlich tun Tausende von Menschen jeden Freitag gute Taten und berichten stolz darüber: Offenbar haben sie oft das Bedürfnis gehabt, anderen zu helfen, aber nie einen Ansporn gehabt oder eine gleichgesinnte Gruppe, die das nicht alltägliche Helfen akzeptabel gemacht hätte.

JOIN ME ist eine faszinierende und unterhaltsame Geschichte über etwas, daß aus einer Laune heraus aus dem Nichts entsteht und zu etwas wirklich Bemerkenswertem gedeiht. Das Buch ist dabei zunächst einmal eines: komisch. Wallace schreibt über alle seine Unternehmungen und Pläne in höchst amüsantem und gut beobachtetem Tonfall - wie etwa, wenn er über seine norwegische Freundin schreibt: "I was prepared to forgive her slight Norwegian quirks, she was prepared to forgive my entire personality". Oder wenn er begeistert die Qualitäten entdeckt, die die ersten Beitretenden auszeichnet: "They enjoy pointlessness". In jeder Alltagssituation und in jeder ungewöhlichen Lage findet Wallace Humor, ob er nun die Nachbarin im Flugzeug mit Siegeszeichen verunsichert - weil sein Photo so in der Zeitung abgedruckt wurde und er aber später feststellen muß, daß sie keine aktuelle Tageszeitung liest - oder ob er in Frankreich einen herumwandernden Musiker trifft, der sich "Doctor Spacetoad" nennt und von einem Guru erzählt, dessen Philosophie den schönen Spruch "Love Everybody Except Those You Do Not Like" beinhaltet.

Aber hinter der schrägen und witzigen Geschichte stecken immer wieder interessante Überlegungen. Wallace trifft zum Beispiel ein neues Mitglied, das als Priester in Schottland arbeitet und ihm erklärt, daß ihn die "Join Me"-Organisation interessiert, weil sie wie die Kirche darauf fundiert, daß man an eine Sache glaubt. Anhand der stets wachsenden Gruppe kann man nicht nur beobachten, wie eine Idee sich festsetzen kann, sondern auch, wie sich darin Strukturen und Erwartungen bilden und ungeplante Aktivitäten entwachsen (wenn beispielsweise eine Reihe mit Mitgliedern unaufgefordert die Brücke ihres Ortes mit den riesigen Buchstaben "JOIN ME" behängt). Und es zeigt sich, wie man Menschen dazu bringen kann, etwas ohne Erwartung einer Gegenleistung zu tun: beispielsweise durch die bloße Anerkennung der Gruppe. In einer interessanten Episode erzählt Wallace von einer Gruppe von Urlaubern, die sich nicht trauen, eine Clique von bildschönen Frauen anzusprechen - nachdem er sie aber zu Mitgliedern gemacht hat und ihnen "Join Me"-T-Shirts verpaßt, haben sie nicht nur einen Auftrag, mit dem sie die Angebeteten ansprechen können, sondern auch ein viel stärkeres Selbstbewußtsein durch die sichtbare Gruppenidentität.

Es ist nicht immer nachvollziehbar, ob wirklich alles im Buch zu 100% so passiert ist - aber selbst wenn die eine oder andere Situation vielleicht nur in der Geschichte als Vorlage für einen guten Witz dient, dann ist das ja kein Beinbruch. Die "Karma Army", wie Wallace seine Mitglieder irgendwann nennt, existiert jedenfalls. Und so oder so ist JOIN ME eine originelle und hochspannende Story, die mit wunderbarer Leichtigkeit erzählt ist.

(Übrigens hat Danny Wallace später das Buch YES MAN geschrieben, das als Vorlage zu dem Film DER JA-SAGER mit Jim Carrey diente: Hier hat Wallace tatsächlich ein Jahr lang probiert, zu möglichst allem "ja" zu sagen. In seinem neuen Buch, FRIENDS LIKE THESE, versucht er, seine ganzen Freunde aus der Kindheit wieder zusammenzutrommeln, und schreibt darüber, wie die Zeit alles verändert. Beide Bücher stehen ab sofort definitiv auf meiner Wunschliste.)




-----------------
4 8 15 16 23 42

Eigentlich ist Jerry Bruckheimer ein richtig altmodischer Produzent. Er mag das amerikanische Kino seit den Achtzigern mit seinen Filmen stark geprägt und auch gewandelt haben - lautstarke Actionkomödien, schnelle Thrills, gestylter Look, absolutes Popcorn-Entertainment - aber bei genauerer Betrachtung und Subtraktion der zeitgemäßen Oberflächen macht Bruckheimer Kino wie zu Hollywoods ganz alten Tagen: überlebensgroße Stars in nicht minder großen Geschichten, Stauneffekte, eskapistische Abenteuer - ganz klar ein Kino der Schauwerte, aber eben auch eins, das mit genau jenen Mitteln lockt wie seinerzeit die Filme, die Hal B. Wallis und David O. Selznick zusammenstellten.

Somit ist auch PRINCE OF PERSIA im Grunde seines Herzens ein altmodisches Spektakel, das früher mit Errol Flynn oder Douglas Fairbanks besetzt worden wäre (in letzterem Fall hieß der Film übrigens DER DIEB VON BAGDAD): Ein nobler Held, eine schöne Prinzessin, finstere Schurken, tödliche Abenteuer und prächtige Kulissen. Nur, daß die mittlerweile hauptsächlich aus dem Computer kommen - im mehrfachen Sinne: PRINCE OF PERSIA ist die Verfilmung einer Computerspielreihe, die 1990 mit einem tückischen Jump'n'Run begann (die ersten beiden Teile habe ich unlängst wieder gespielt: siehe hier). Eigentlich nur konsequent, wenn man also jeder zweiten Einstellung auch ansieht, daß sie im Rechner erstellt wurde.


Weil in der legendären Stadt Alamut eine große Waffenschmiede vermutet wird, greift Prinz Dastan (Jake Gyllenhaal) zusammen mit seinen beiden Brüdern und der königlichen Armee die Stadt an und nimmt die dort regierende Prinzessin Tamina (Gemma Arterton) gefangen. Auch wenn keine Waffenschmiede gefunden werden kann, nimmt die Armee die Stadt ein. Kurze Zeit später wird der König mit einem vergifteten Mantel ermordet - und weil der Verdacht auf Dastan fällt (der noch dazu kein königliches Blut in sich trägt, sondern als Kind vom König adoptiert wurde), muß der zusammen mit Tamina fliehen. Dann stellt sich heraus, daß es gar keine geheime Waffenschmiede gab, sondern der Usurpator hinter einem mystischen Dolch her war, mit dessen Hilfe man den Lauf der Zeit verändern kann - und der jetzt im Besitz von Dastan ist.

Eine recht simple Geschichte also - die Identität des tatsächlichen Königsmörders ist keine tatsächliche Überraschung - die mit modernem politischen Seitenhieb erzählt wird: Erst unlängst fiel ja eine Streitmacht über ein Land her, weil ihnen getürkte "Beweise" zu vorhandenen Massenvernichtungswaffen präsentiert wurden. Dezidiert modern ist auch die Gestaltung der Actionsequenzen - schon als Kind springt und klettert Dastan über die Dächer der Stadt, daß jedem Parkourkünstler das Herz aufgeht; Geschwindigkeit und Physik dieser Leibesertüchtigung ist auch eher im Jump'n'Run-Universum als in der Realität verortet. Die aufblühende Beziehung zwischen Dastan und Tamina ist modern und doch filmgeschichtlich fundiert: Da keifen sich die beiden zwar mit Phrasen an, die mehr nach 20. als nach 6. Jahrhundert klingen ("Du bist nicht mein Typ!"), aber das dauernde Gekabbel der beiden - er ist überheblich, sie zickt herum - fühlt sich an wie im guten alten Hollywood, wo man ja auch weiß: Je weniger sich Held und Heldin mögen, desto mehr lieben sie sich.


Natürlich ist das gesamte Abenteuer prächtigst bebildert: große Bauten, noch größere Städte, Wüste, Schluchten, Höhlen, riesige Armeen, Prunk und Schönheit, und die Kamera fliegt immer herum, darüber hinweg, oder mittendurch. Ebenso natürlich wirken die meisten Bilder unecht, je prächtiger sie aussehen, weil wir immer wissen, wieviel davon aus dem Computer stammt; weil uns mit all den Kameraspäßen immer bewußt gemacht wird, daß solche Fahrten und Momente ja gar nicht echt entstehen können - und weil keine der physischen Aktionen wirkliche Realität suggeriert. So gesehen bringen die teuren CGI-Bilder kaum ein Mehr an Illusion als die guten alten Matte Paintings. Trotz heißlaufender Computer zeigt sich zwischendurch aber doch immer noch, wie souverän Kameramann John Seale mit Farben und Licht zeichnet: Der Film besitzt eine immense visuelle Wärme.

Gyllenhaal ist selbstverständlich kein Perser, und sein verträumter Schlafzimmerblick mag nicht die einleuchtendste Wahl für die Heldenfigur eines Orient-Abenteuers darstellen - aber gerade sein anstrengungsfreier Charme trägt den Film dann doch überraschend gut. Arterton darf wie gemalt schön aussehen und in ihren ständigen Attacken gegen Dastan eine reizende Leia gegenüber seinem Han Solo spielen, und Ben Kingsley kann - wie jeder gute britische Schauspieler - durch seine bloße Anwesenheit eine gewisse Klasse suggerieren. Und dann fegt gelegentlich Alfred Molina durch das Bild, als steuerhinterziehendes Schlitzohr, das in der Wüste illegale Straußenrennen veranstaltet - der in jedem Popcorn-Abenteuer verankerte Comic Relief, der hier dank Molinas Spiellaune wunderbar aufgeht.


Freilich hat PRINCE OF PERSIA soviel Substanz wie Sand, den man mit offenen Fingern festzuhalten versucht. Das liegt in der Natur der Sache. Aber er funktioniert in seiner Laufzeit als prachtvoller Eskapismus: Der Film transzendiert sein Popcorn-Genre in keinster Weise, aber er erfüllt es absolut souverän. Nur zur Klasse von Bruckheimers FLUCH DER KARIBIK fehlt etwas: Das unberechenbare Element. Aber findet mal einen Produzenten, der es für eine kommerziell brauchbare Idee hält, die ganze Geschichte aus Sicht des herumpolternden Steuerhinterziehers zu erzählen.





Prince of Persia - Der Sand der Zeit (USA 2010)
Originaltitel: Prince of Persia: The Sands of Time
Regie: Mike Newell
Drehbuch: Jordan Mechner (screen story), Boaz Yakin, Doug Miro, Carlo Bernard (screenplay)
Kamera: John Seale
Musik: Harry Gregson-Williams
Produzent: Jerry Bruckheimer
Darsteller: Jake Gyllenhaal, Gemma Arterton, Ben Kingsley, Alfred Molina


-----------------
4 8 15 16 23 42
Ich kriege langsam das Gefühl, daß sich Finchers neuester Streich nicht gut per Teaser oder Trailer verkaufen läßt: Schon der Teaser hatte mich vor 2 Wochen ja nicht wirklich umgehauen. Jetzt ist ein voller Trailer im Netz, und der ist kein bißchen weniger schwerfällig und offensichtlich gestaltet als der Teaser:






Die Musik ist bleiern, die Dialoge sind rein expositorisch und ohne Verve zusammengestöpselt. Mein Verdacht ist aber - und da gebe ich Fincher einfach erfahrungsgemäß viel Vertrauensvorschuß: - daß der Trailer eine vielschichtige und komplexe Geschichte als einfaches juristisches Drama mit ein paar Schlagworten zusammenpacken will. Die Bilder sehen ganz nach Fincher aus: sorgsam komponiert, in Farben, Licht und Schärfe sehr detailliert konzipiert, ohne dabei stilisiert zu wirken. Dank ZODIAC traue ich Fincher zu, daß er auch hier großen Detailreichtum ohne Effekthascherei zusammenknüpft - ich könnte mir vorstellen, daß THE SOCIAL NETWORK so etwas wie das ALL THE PRESIDENT'S MEN über Facebook werden könnte.

Nur daß eben der Trailer gar nicht danach aussieht. Ich bin trotzdem gespannt auf den Film.

-----------------
4 8 15 16 23 42
1984 gab es einen wunderbaren deutschen Film namens ABWÄRTS: 4 Menschen, die nachts in einem Fahrstuhl steckenbleiben und sich bei ihren diversen Versuchen, um Hilfe zu rufen oder aus der engen Fahrstuhlkabine zu entkommen, immer mehr an die Gurgel gingen. Der dichte und packende Film mit Götz George, Renée Soutendijk, Hannes Jaenicke und Wolfgang Kieling bescherte Regisseur Carl Schenkel ein Ticket nach Hollywood, wo er später z.B. den Christopher-Lambert-Thriller KNIGHT MOVES inszenierte.

Das Prinzip, verschiedene Menschen in einem engen Fahrstuhl einzusperren, hat auch andere Filmemacher angeregt: 1997 inszenierte der spätere CUBE-Regisseur Vincenzo Natali einen exzellenten Kurzfilm namens ELEVATED, wo sehr schön um sich greifende Panik erfaßt wird. 2007 kam ein Film namens BLACKOUT mit Amber Tamblyn heraus, in der drei Menschen im Lift feststecken - und einer entpuppt sich als Killer. Im September diesen Jahres erscheint DEVIL, der letzterer Prämisse noch eine übernatürliche Note gibt: Ist vielleicht einer der im Fahrstuhl gefangenen Menschen ein Dämon oder sogar der Teufel selbst?


Schöner, stilvoller Trailer - vor allem mit den auf dem Kopf stehenden Stadtaufnahmen und dem Einsatz von Dunkelheit. Dürfte ein packender Film werden - Regisseur John Erick Dowdle hat das [REC]-Remake QUARANTINE gedreht, Autor Brian Nelson zuvor den unglaublich perfiden Thriller HARD CANDY geschrieben, und für Story und Produktion ist M. Night Shyamalan verantwortlich (den ich ganz unpopulärerweise immer noch für einen sehr interessanten Filmemacher halte - THE LAST AIRBENDER habe ich aber noch nicht gesehen). Und Menschen in isolierten Umgebungen finde ich immer spannend.

-----------------
4 8 15 16 23 42

Es gibt nur wenige wirklich magische Filmerlebnisse. Natürlich gibt es unzählige fantastische Filmerfahrungen: mitreißende, hinreißend witzige, adrenalinfördernd spannende, intelligente und ästhetisch ansprechende Filme, die man immer wieder sehen kann und die lange Zeit bei einem bleiben. Aber nur eine kleine Handvoll von Leinwanderlebnissen sind wirklich magisch, in dem Sinne, daß sie einen wirklich transportieren, daß sie das flache Bild auf eine PURPLE-ROSE-OF-CAIRO-Art transzendieren, daß sie einen - nun ja: verzaubern. In solch einem magischen Film sitzt man nicht als Cineast oder als Cinephiler - das auch! - und nicht als Kritiker oder als Fan - das natürlich auch! - sondern hauptsächlich als neugieriges Kind, das mit Staunen etwas entdeckt hat, das einen unendlichen Reichtum zu bieten hat.

A CHINESE GHOST STORY von Ching Siu-Tung ist magisch. Wie sonst kann man den Rausch aus Farben und Kinetik, aus phantastischem Abenteuer, bittersüßer Liebesgeschichte und übersprudelndem Witz beschreiben? Da kommt der junge Schuldeneintreiber Ling Choi Sin auf seinen Wegen zum Lan-Ro-Tempel, von dem gesagt wird, daß es dort spukt. Ein taoistischer Mönch, Marshall Yen, der dort zurückgezogen lebt, warnt den unbedarften Helden, daß er nicht bleiben darf, aber Choi Sin hat keine Wahl: Er kann sich die Herberge im nahegelegenen Dorf nicht leisten. Dann lernt er in der Nähe des Tempels die schöne Siu Seen kennen, in die er sich verliebt - ohne zu wissen, daß sie nur ein herumspukender Geist ist und von ihrer Herrin, einem alten Baumdämon, gezwungen wird, Reisende zu verführen, die dann vom Dämon ausgesaugt werden. Siu Seen wiederum verliebt sich in Choi Sins naive Unschuld und will ihn vor ihrer Herrin beschützen - aber wie aussichtsreich ist eine Liebe, in der eine Person ein Geist ist und in wenigen Tagen den Herren der Finsternis heiraten soll?


Ching Siu-Tungs Film ist so unbändig und leidenschaftlich erzählt, daß er sämtliche Genre-Grenzen sprengt - oder besser vielleicht: Er kennt diese Grenzen überhaupt nicht. Hong-Kong-Filme haben schon seit jeher gerne Stimmungen und Genres vermischt - da kann ein infantiler Kung-Fu-Klamauk schon mal in eine Reihe von tödlich ernsten Duellen münden oder ein Horrorfilm mit Slapstick-Einlagen versehen sein - aber in A CHINESE GHOST STORY ist nicht nur die Vielfalt wesentlich größer, sondern die Elemente sind auch viel feiner miteinander verknüpft.

Der Film ist eine Komödie, schon allein durch den tolpatschigen Helden, der ständig ins Wasser fällt, unbeholfen herumstottert und dem beim Versuch, die Geliebte vor einer Schlange zu retten, das Tier flugs ins Hosenbein gerät. Der Film ist eine altmodisch romantische Liebesgeschichte, in der sich die Liebe durch Blickaustausch manifestiert und das reine Herz gegen alles Übel der Welt schützt. Gleichzeitig ist der Film ein tragisches Liebesdrama, in der die Liebenden keine Zukunft haben und nur kurze Glücksmomente teilen können - und wo sich die wahre Hingabe dadurch zeigt, daß der Held die Seele seiner Geliebten retten muß, auch wenn das bedeutet, daß er sie niemals wiedersehen wird.


Aber natürlich ist der Film auch ein Martial-Arts-Streifen, in dem erbitterte Schwertkämpfe und Kung-Fu-Kämpfe gegen Dämonen in schwerelosen Actionchoreographien ausgetragen werden. Es ist ein Fantasy-Film, der seine märchenhaften Elemente zum Teil aus dem LIAOZHAI ZHIYI entnimmt, der chinesischen Geschichtensammlung von Pu Songling aus der Zeit der Qing-Dynastie (die Geschichten wurden großteils im 17. Jahrhundert gesammelt). Es ist mitunter auch ein Horrorfilm, der untote Monster durch den Tempel auf Jagd nach Blut kriechen läßt und den angreifenden Baumdämon mit EVIL-DEAD-Kamera durch den Wald fegen läßt. Und wie bei so vielen phantastischen Geschichten ist auch hier ein reeller politischer Kommentar eingewoben, wenn im Dorf beständig Kopfgeldjäger die Passanten verdächtigen, eventuell gesuchte Verbrecher zu sein, und in einer unglaublich überdrehten Szene vor Gericht der Held mit Stockhieben dafür bestraft wird, Gerechtigkeit zu suchen, und dann beleidigt angewiesen wird, er solle doch nun endlich versuchen, das hohe Gericht zu bestechen.


Es mag sich wie eine kunterbunte Ansammlung von disparaten Ideen ohne roten Faden lesen - aber die Meisterlichkeit des Films liegt unter anderem darin, wie geschickt alle Elemente zusammengeführt und verwoben sind: A CHINESE GHOST STORY ist kein Wechselbad aus verschiedenen Elementen, sondern eine Synthese davon. Da richten sich die Leichen im Tempel in wunderbar altmodischen Stop-Motion-Animationen auf, um Ling Choi Sin an den Kragen zu gehen - aber der ist so unbedarft, daß er von ihrer Anwesenheit überhaupt nichts mitbekommt und auch schon mal eine Leiter auf einen der Untoten postiert. Da stürmen Choi Sin und Marshall Yen die Hölle, um Siu Seen vor dem Herren der Finsternis in einer aufwendigen Actionsequenz zu retten - aber gleichzeitig ist die ganze Mission ja von einer zutiefst romantischen Idee geprägt. Überhaupt hält die Liebesgeschichte um den "kleinen" Helden und sein unschuldiges Herz den ganzen Film als starker emotionaler Faden zusammen.


Aber eigentlich ist einem diese ganze Aufdröselung beim Ansehen völlig egal. Der Film reißt einen als pures Kino mit: Die Bilder sind in starke Farben getaucht, die die Stimmungen gleichzeitig einfangen und verstärken; die Kamera fliegt ebenso schwerelos durch die Gegend wie die Protagonisten in den endlos kreativen Kämpfen und fängt alle Momente in teils extrem schrägsichtigen Perspektiven ein, die wunderbar zu der phantastischen Welt und zur entfesselten Erzählweise passen; ständig wirbeln Kleider und Stoffe so prächtig durch das Bild, daß alles wie ein poetischer Tanz aus Licht und Farbe wirkt. Und mittendrin immer das schöne, sensible Gesicht von Leslie Cheung, die nicht minder schöne Joey Wang mit sehnsüchtigem Blick, und - als Marshall Yen - Wu Ma, der mit einem unglaublichen angeklebten Bart und erstaunlicher Energie durch den Film fegt.


Man könnte so viele Sequenzen herauspicken und bestaunen: Die Szene, wo Siu Seen Choi San vor ihrer Herrscherin in ihrem Badezuber versteckt und ihm mit einem Kuß unter Wasser Luft gibt (an einer Stelle taucht er zum Luftholen kurz auf und vergißt fast die Gefahr, weil Siu Seen gerade ihr Kleid ausgezogen hat). Oder der Kampf zwischen Yen und einem Herausforderer, bei dem Choi San zwischen die Schwertspitzen beider gerät und verzweifelt versucht, den Kämpfern einzureden, daß sie sich vertragen sollen. Der Film ist voll solch wunderbarer Szenen - und dabei ist er technisch keineswegs perfekt: Mancher Erzählübergang ist holprig geschnitten, es gibt diverse auffällige Anschlußfehler, und obwohl die Spezialeffekte aufwendig gestaltet sind und für einen Hong-Kong-Film von 1987 auch überdurchschnittlich budgetiert waren, sind sie doch immer sehr auffällig Effekte. Aber natürlich ist technische Perfektion auch gerne mal seelenlos und langweilig, während die kleineren Imperfektionen hier auch zur Persönlichkeit des Films gehören.


Der Film - Ching Siu-Tungs dritter, nach DUEL TO THE DEATH und WITCH FROM NEPAL - legte zusammen mit John Woos A BETTER TOMORROW (ebenfalls mit Leslie Cheung) und Tsui Harks PEKING OPERA BLUES (Tsui produzierte übrigens alle drei Filme) den Grundstein für den neuerlichen internationalen Durchbruch im Hong-Kong-Kino: Die Filme aus der englischen Kolonialstadt boten nicht mehr nur die erstaunlichen Kung-Fu-Kämpfe der Siebziger (die Welle war schon Ende der Dekade in die infantile Parodie abgerutscht); hier war der Startpunkt der farbenfrohen Fantasy-Spektakel, die allesamt dem Kulterfolg der CHINESE GHOST STORY folgten, ebenso wie Neuauflagen epischer Martial-Arts-Dramen in bestechender Ästhetik und, in Folge von Woos Film, Gangstergeschichten mit nicht minder erstaunlichen Actionchoreographien. Für die nächsten paar Jahre war Hong Kong das Land, in dem das Kino neu erfunden wurde - so frisch fühlten sich die besten Filme dieser Zeit jedenfalls an. (Ende der Neunziger kopierte Hollywood fleißig eben diesen Stil und besorgte sich dafür mitunter die chinesischen Künstler, die die Vorbilder gestaltet hatten: John Woo, Yuen Woo Ping, Tsui Hark.)

Mittlerweile ist die Hong-Kong-Welle längst abgeklungen, aber A CHINESE GHOST STORY bleibt ein magisches Kinoerlebnis. Es ist ein unglaublich lebendiger Film, der vor Kreativität fast überbordet. Wer sein Kino realistisch und strukturiert braucht, wird hier nicht glücklich - das hier ist ein Film, der gar nicht weiß, was möglich und was unmöglich ist: Er macht einfach.





A Chinese Ghost Story (HK 1987)
Deutscher Alternativtitel: Verführung aus dem Reich der Toten
Regie: Ching Siu-Tung
Produktion: Tsui Hark
Darsteller: Leslie Cheung, Joey Wang, Wu Ma
Länge: 92 Minuten
FSK: 16


-----------------
4 8 15 16 23 42

Der coolste Fund des Jahres soweit: Sunna haben ein neues Album veröffentlicht!

Das erste Album von Sunna hieß ONE MINUTE SCIENCE und erschien 2000 auf dem Massive-Attack-Label Melankolic (ein Unterlabel von Virgin). Die Single "Power Struggle" (die auch im Verhoeven-Film HOLLOW MAN lautstark zu hören ist) war eine fantastische Nummer aus dreckigen Gitarren, Industrial-Beat, hypnotisch pulsierender Elektronik und lässigem Gesang, der in den Strophen unterkühlt-repetitive Melodien raunzte und im Refrain dann grungig ausbrach: "I was made to fly / But you were made to die". Der Track zündet sofort.

Problem: Kaum ein Track klingt wie "Power Struggle", vom Opener "I'm Not Trading" vielleicht mal abgesehen. Stattdessen: Langsame Akustikgitarrensongs, Bäder von spannenden, teils psychedelischen Ambient-Backgrounds, abgefahrene Elektronikfrickeleien, manches dramatisch aufgebaut und manches gleichförmig durchgezogen, manches fast unwirklich abgehoben und anderes mit Verzerrer und Geschrei zersägt. Das Album benötigt Zeit, bis man sich mit allem auseinandergesetzt hat. Aber die Arbeit lohnt sich: Sobald einem die einzelnen Songs aufgehen, bieten sie einen starken Reichtum an Details, der lange spannend bleibt, und die etwas verschrobene Eigenheit der Band sorgt für viele kreativ fesselnde und einzigartige Momente. Ich zähle ONE MINUTE SCIENCE zu meinen Lieblingsalben.

Die Band wurde kurze Zeit später von Virgin gekündigt, obwohl sie respektable Verkaufszahlen von 150.000 CDs erreichten, als Vorband von den Smashing Pumpkins, Vast und A Perfect Circle tourten und gerade einen Deal abgeschlossen hatten, einen Song für SPIDER-MAN 2 zu schreiben. Die Band zerfiel, Kopf und Hauptsongschreiber Jon Harris fiel einige Monate lang in ein Loch aus Alkohol und Drogen, bis er sich wieder fing und für einige Zeit wieder bei Massive Attack als Bassist spielte (er spielte schon 1998 auf MEZZANINE Bass und dann nach Sunna 2003 wieder auf 100TH WINDOW).

Aber wer hätte geglaubt, daß es noch jemals ein zweites Album von Sunna geben würde? TWO MINUTE TERROR ist Ende letzten Jahres fast klammheimlich erschienen, erhältlich nur über die bandeigene Website http://www.sunnamusic.co.uk/. Ich habe natürlich sofort bestellt und überbrücke die Wartezeit nun mit diesem Song (dessen Video freilich eher uninteressant ist):





Und weil's so schön ist, hier noch "Power Struggle", das auch mit einem originellen und sehr lässigen Video aufwarten kann:





ONE MINUTE SCIENCE gibt's übrigens bei den Amazonen:






-----------------
4 8 15 16 23 42