Mai 2010

Berlin sind eine der Achtziger-Popbands, die eher in Vergessenheit geraten sind: Ihr Vermächtnis ist hauptsächlich der Hitsong "Take My Breath Away" aus TOP GUN; das dazugehörige Album, ihr drittes, verkaufte sich allerdings eher schäbig und somit löste sich die Gruppe kurz darauf auf. Durchaus schade, da ihre Mixtur aus Blondie-eskem New-Wave-Rock und kühlem Synthpop einige famose Songs hervorbrachte.

"The Metro" ist vom ersten Album PLEASURE VICTIM, wo sich die Band anstrengte, ihre Frontfrau Terri Nunn als Sexgöttin zu verkaufen: Terri posiert auf suggestiven Photos und wird in den Credits mit "Vocals & BJs" gelistet; auch die Texte hauen mitunter in die gleiche Kerbe - vor allem auf der Single "Sex (I'm a ...)", wo Terri Zeilen wie "I'm a toy, come and play with me, say the word now / Wrap your legs around mine and ride me tonight" schnurren darf. Und obwohl die Ironie von Blondie fehlt, reihen sich auf dem recht kurzen Album (7 Tracks) einige Killersongs aneinander: Neben "Sex" auch "Tell Me Why" und "Masquerade" - und eben "The Metro", das lässig genug ist, um Jahre später von System of a Down gecovert worden zu sein. Das zugrundeliegende Sequencer-Pattern ist wunderbar klar und hakt sich fest, Terri gibt ihre beste unnahbare Debbie-Harry-Coolness, und obwohl eine Gitarre nur im Refrain zu hören ist, ist der Song doch von vorn bis hinten eine straighte Rocknummer.

Ich mag auch den Text von "The Metro", der aus kurzen Details eine Geschichte baut - da fährt die Erzählerin offenbar nach Paris, um jemanden zu besuchen, der sie wohl gar nicht mehr sehen will ("I was on a Paris train / I emerged in London rain / And you were waiting there / Swimming through apologies"). Die etwas fragmentarischen Einzelheiten werden schön widergespiegelt, indem Zeilen immer wieder mit den Worten "I remember" anfangen: Vielleicht geht es mehr darum, wie wir unsere Erinnerung aus einzelnen Momenten zusammenfügen. Und das Gefühl "I remember hating you for loving me" ist letztlich um einiges komplexer als das naheliegendere "I hated you for loving me" (System of a Down ändern die Zeile in ein eher plumpes "Fuck you for loving me").

Hier das Video dazu, mit einigen schön stilisierten Sets und Farbkompositionen (dafür gehen leider einige Ambiguitäten des Textes durch die Bebilderung flöten):




-----------------
4 8 15 16 23 42
In dieser schönen neuen Rubrik soll es nur um die Bilder gehen. Film zum Betrachten, wie wenn man durch einen Photoband blättert. Den Auftakt macht DER HIMMEL ÜBER BERLIN aus dem Jahre 1987, inszeniert von Wim Wenders und photographiert vom damals 78-jährigen Henri Alékan.



























-----------------
4 8 15 16 23 42

Kennt ihr das? Da sitzt man im Kino und schaut durchaus mit Vergnügen den Film, als einem plötzlich das Zweifelnde Ich auf die Schulter tippt und sagt: "Ich hab' Angst, uncool zu sein, wenn mir das hier jetzt nicht alles gefällt". Und dann vergnügt man sich ein bißchen weiter und fragt sich, ob man wirklich so bedingungslos begeistert ist, wie es der Film gerne hätte.

Ich glaube, allzu uncool bin ich nicht, jedenfalls nicht im Hinblick auf KICK-ASS, der mir durchaus jede Menge Spaß gemacht hat. Allerdings halte ich die erste Hälfte des Films für wesentlich gelungener als die zweite. (Ich kenne die Vorlage nicht. Muß ich auch nicht, mich interessiert der Film primär als eigenständiges Werk.)


Die Geschichte entspinnt eine schöne Fantasie: Der Highschoolschüler Dave fragt sich, warum es im echten Leben eigentlich keine Superhelden gibt, und weil er selber ein völliger Normalo mit den typischen Teenagerproblemen ist - keine Freundin, wenig Selbstbewußtsein, als Nerd belächelt - kauft er sich einen albern aussehenden Neoprenanzug und streift ab sofort als Superheld "Kick-Ass" durch die Gegend. Nur hat er freilich trotz neugefundenem Enthusiasmus keinerlei Superkräfte und wird dementsprechend zusammengeschlagen und mit einem Springmesser verwundet, was ihn keinesfalls davon abhält, weiterhin sein Glück zu versuchen und sein Umfeld als "positive Leitfigur" zu überzeugen. Dann kreuzt er die Wege von Big Daddy, einem ehemaligen Polizisten, der seine 11-jährige Tochter zum "Hitgirl" ausgebildet hat und mit der er einen blutigen Rachefeldzug gegen einen städtischen Mafiaclan führt.

Das Reizvolle am ersten Part der Geschichte ist der parodistische Blick auf die Superheldengeschichte und auf maskulin geprägte Erzählmuster: Gleich zu Beginn breitet ein auf einem Hochhaus stehender Mann seine selbstgebauten Flügel aus und springt in die Tiefe, wo Menschen begeistert applaudieren - bis er unten ankommt und auf einem Auto sein jähes Ende findet. "Das bin ich nicht", erklärt Dave im Off, "das war nur irgendsoein Spinner." So wird auch jeder Versuch von Dave, männlich und heldenhaft zu wirken, mit der ironischen Brechung quittiert: Der Superheldenanzug ist selbst am Ende des Films noch gnadenlos albern; seine bewaffnete Konfrontation mit zwei Straßenpunks endet damit, daß er blutend von der Ambulanz abtransportiert wird; und als sich die angeschwärmte Schulschönheit endlich für ihn interessiert, stellt sich heraus, daß das nicht etwa an seiner neuen heroischen Haltung liegt, sondern daran, daß sie glaubt, er sei schwul.


Diese ironische Haltung federt auch die harte Gewalt und den zur Schau gestellten Zynismus wunderbar ab: In einem Film, wo ein Vater seiner Tochter zum Training eine kugelsichere Weste überzieht und dann liebevoll dreimal auf sie schießt, bevor er mit ihr zum Eisessen geht, ist der Absurditätslevel hoch genug, daß es kaum übertrieben grausam wirkt, wenn die Mafiaschläger einen Mann in eine lebensgroße Mikrowelle stecken und der dann zerplatzt, weil er durch das schalldichte Fensterglas die an ihn gestellte Frage gar nicht hören kann. Stets wird das Überzeichnete mit dem Banalen kombiniert: Im Hintergrund hören wir einen Mann schreien, weil ihm gerade die Finger abgezwackt werden, aber im Bild sehen wir den Mafiaboß, der mit seinem Sohn darüber diskutiert, ob sie noch rechtzeitig ins Kino kommen. Natürlich ist vieles sehr brutal, aber auch immer wieder clever gebrochen.

Leider nimmt der Film in der zweiten Hälfte seine Ironie fast durch die Bank wieder zurück. Dave bekommt letztendlich doch das Mädchen, und er mausert sich vielleicht nicht zum Superhelden, aber doch zum Retter des Tages, als er nach den ganzen maskulinen Initiierungsriten - sprich: oft genug die Fresse poliert bekommen - ausreichend Mumm entwickelt, sich ein paar Waffen umschnallt und den Mafiaboß mit einer wohlplazierten Bazooka-Rakete ins Jenseits befördert. Die Idee, daß ein nettes kleines Mädchen eine eiskalte Killerin ist, wird nur anfangs für ungewöhnliche Situationen verwendet: Wenn ihr beispielsweise ihr Vater ein Butterfly-Messer zum Geburtstag schenkt und sie so flink das Ding durch die Luft wirbelt, daß man dem Dialog kaum zuhören kann, weil man ständig in pädagogischer Sorge auf ihre Finger schaut. Später zieht sie dann als perfekte Mordmaschine in den Krieg, und ihr Rachefeldzug zieht alle Register der stilisierten Actioninszenierung. Wenn sie die Schergen des Mafiachefs im Sekundentakt umbringt und dazu der völlig abgenudelte Song "Bad Reputation" von Joan Jett aus den Lautsprechern dröhnt, passiert da keinerlei Brechung mehr - da will der Film nur noch bedingungslos für seine Coolness geliebt werden und wirkt dabei kurioserweise wie ein kleiner Hund, der schwanzwedelnd an einem hochspringt.


Und genau da verspüre ich dann eben den Stich, uncool zu sein, und gar nicht so zu jubeln, wie Regisseur Matthew Vaughn das vielleicht aus mir herauskitzeln will. Dabei habe ich nicht einmal großartige moralische Probleme mit der Gewaltdarstellung im Film - meine Güte, wir reden hier von einer völlig absurden Comicverfilmung, und ich kann sogar den ultra-reaktionären Chuck-Norris-Streifzügen einen heiteren Abend abgewinnen. (Allerdings regt sich bei mir gelegentlich im Hinterkopf die Frage, ob ein Film mir nichts Interessanteres sagen kann als fünf neue Wege, es möglichst lässig aussehen zu lassen, wie jemandem der Schädel weggepustet wird.) Eigentlich bin ich nämlich nur ein wenig enttäuscht, daß der Film seine zuerst aufgebauten Versprechen nicht einlösen kann. Sicher, da ist Witz und Tempo in der zweiten Filmhälfte, und vergnüglich war die Sache von vorne bis hinten - aber trotzdem ist es schade, wenn nur vorgetäuscht wird, sich über Männlichkeitsklischées lustig zu machen, die dann im Anschluß allesamt vollauf bestätigt und runtergeschluckt werden.

Also vielleicht doch uncool. Oder einfach nur zuviel nachgedacht. Mal wieder!

(Ich freue mich trotzdem auf ein erneutes Ansehen.)

-----------------
4 8 15 16 23 42

1980 stiegen Martyn Ware und Ian Marsh aus der von ihnen gegründeten Band The Human League aus und überließen sie Sänger Phil Oakey, mit dem sie sich nach nur zwei Alben (REPRODUCTION und TRAVELOGUE) überworfen hatten. Sie starteten zunächst die British Electric Foundation (B.E.F.) und gründeten kurz darauf Heaven 17 mit ihrem Freund Glenn Gregory, der seinerzeit schon ihre erste Wahl als League-Sänger gewesen wäre.

Ihren skurillen Sinn für Humor führten sie in beiden Projekten fort: Schon bei Human League gab es "The Black Hit of Space", über eine Hitsingle, die so gigantisch ist, daß sie die anderen Singles und die Plattenläden schlichtweg auffrißt ("As the song climbed the charts / The others diappeared / 'Til there was nothing but it left to buy / It got to number one / Then into minus figures / Though nobody could understand why"), und einer frühen EP legten sie eine Flexidisc bei, auf der Studiogeplapper der Band darüber zu hören war, was man denn wohl auf die Flexidisc packen sollte. Ihr Konzept für die British Electric Foundation war, daß das Projekt nicht als Gruppe, sondern als Firma designt war, die als Produkt Musik herstellt - entsprechend trugen Veröffentlichungen Namen wie MUSIC FOR LISTENING TO oder MUSIC OF QUALITY AND DISTINCTION. Das erste Heaven 17-Album, PENTHOUSE AND PAVEMENT, führte das B.E.F.-Logo als Produzent, mit der Werbezeile "The New Partnership - That's opening doors all over the world". Unter dem Bandnamen (Heaven 17 hieß eine Band in Burgess' A CLOCKWORK ORANGE) waren die Städte Sheffield-Edinburgh-London gelistet, als wären dort die Filialen dieser ominösen Firma.

Schon der erste Song auf PENTHOUSE AND PAVEMENT, "(We Don't Need This) Fascist Groove Thang", ein geschmeidig funkiger und distanziert vorgetragener Synthpop-Song, dessen Tempo fast stressig ist, zeigt den wunderbaren Witz der Gruppe in voller Blüte: "Have you heard it on the news / About this fascist groove thang / Evil men with rascist views / Spreading all across the land", beginnt der Song, und falls 1981 jemand nicht genau wußte, worum es eigentlich geht, wird später noch die Zeile "Reagen's president elect / Fascist god in motion" eingestreut. (Heaven 17 sind natürlich Engländer und betrachteten sicherlich Margaret Thatcher mit ähnlichen Gefühlen.) Aber: Was genau ist ein "fascist groove thang"? Und wenn dieses "groove thang" so schlecht ist, warum groovt der Song dann so ungemein? Und dann kommt noch die Zeile "Hitler proves that funky stuff / Is not for you and me girl", einerseits - ernst betrachtet - ein Tiefschlag durch den Vergleich, andererseits - im Sinne der Band - ein Zeichen dafür, daß Pop eben gar keine tiefgreifenden Inhalte liefern kann oder überhaupt will.

Unten das Video zu "Let's All Make a Bomb", ebenfalls von PENTHOUSE AND PAVEMENT. Wiederum: Eigentlich ist es nicht allzu mißverständlich, worum es geht ("Although the war hast just begun / Ignore the sirens, let's have fun / Put on your best, go out in style / Although our future's looking black / We'll go downtown and join the pack / Let's celebrate and vapourize") - andererseits wissen die Jungs selber gut genug, daß sie als Popband ganz genau das machen und auch machen dürfen: Die Welt geht unter, wir feiern mit Stil. Weswegen der Refrain auch enthusiastisch zum Mitmachen einlädt: Let's all make a bomb. Der Song selbst ist ein Kraftwerk-ianisches Stück Elektronik, mit Maschinenbeat und Computerfiepen als Rhythmus, dahinter klare Synthakkorde, und oben drauf Gregorys kühler Gesang. Das Video suggeriert in glorreichem Schwarz-Weiß eine leere Welt, durch die Gregory irrt, und als Kontrapunkt eine Menschenmasse, aus der er nicht ausbrechen kann.





-----------------
4 8 15 16 23 42

Wow. Was für ein ab-so-lut un-glaub-li-cher Film. Mir fehlen die Worte.

Na gut, Letzteres ist natürlich gelogen. Was nichts daran ändert, daß man angesichts FROZEN SCREAM einfach nur baff ist. Baff beim Anschauen, baff nach dem Anschauen. Ein solch hoffnungslos inkompetentes Kuddelmuddel habe ich schon lang nicht mehr gesehen.

Man ist ja schon gewarnt, wenn Laser Paradise einen Streifen als "Bonusfilm" zu einer ihrer Red-Edition- und Blood-Edition-Schmumpfveröffentlichungen dazupacken und das dann nur mit einem kleinen Textkasten hinten auf dem Cover bewerben - ganz offenkundig ist man sich sicher, das Filmchen alleinstehend nicht verkaufen zu können, und natürlich ist Laser Paradise ja nun einmal ein Label, das wirklich jeden Unfug verkauft. FROZEN SCREAM war also als Bonusfilm bei THE RED MONKS enthalten, dem "Meisterwerk von Lucio Fulci", wie uns das Cover verrät - was natürlich gelogen ist, weil Fulci nur produziert hat und der Film eigentlich das Meisterwerk von jemand ganz anderem ist. Na schön, auch das ist gelogen, aber warum THE RED MONKS nun ein ganz und gar dummer und einschläfernder Streifen ist, der nicht einen Hauch von Sinn ergibt, soll hier nicht weiter vertieft werden - es dient nur dazu, FROZEN SCREAM richtig zu verorten: Eine gut versteckte Dreingabe zu einem unbekannten Trashfilm.



Und was für eine Dreingabe, werter Kapellmeister! FROZEN SCREAM, eine US-Produktion aus dem Jahre 1975, ist eine halluzinatorische Seherfahrung wie im Delirium - eine fiebrigre Filmmasse, die so weit entfernt von üblichen Film- und Qualitätsmustern ist, daß der Streifen wie eine außerirdische Nachahmung wirkt, die irgendwie zu uns gebeamt wurde (eine These, die durch das beständige Weltraum-Summen auf dem Soundtrack verstärkt wird). Unnötig zu erwähnen, daß das Durchstehen der 75 Minuten Film gleichzeitig ein faszinierendes, überwältigendes Erlebnis wie auch ein schmerzvoller, unendlich lang scheinender Prozeß ist.

Die Handlung ist relativ flott erläutert: Der Wissenschaftler Dr. Sven Johnsson und seine Geliebte Lil Stanhope arbeiten in ihrem Universitätslabor heimlich daran, Menschen unsterblich zu machen. Dazu benötigen sie mehr oder weniger freiwillige Testpersonen, die in einen todesähnlichen Zustand versetzt werden und dann quasi kryogenisch für potentiell unbegrenzte Zeit am Leben erhalten werden (das stelle man sich ein wenig als Mischung aus Gehirnwäsche und Zombifizierung vor). Ann, die mitansehen mußte, wie ihr Ehemann Tom von zwei kuttentragenden Rabauken umgebracht wurde, kommt dem Wissenschaftlerteam auf die Schliche und muß feststellen, daß die "Unsterblichen", inklusive ihrem Mann, immer wieder losgeschickt werden, um entweder neue Testpersonen zu fangen oder unliebsame Menschen zu beseitigen, die zuviel über die Experimente wissen.



Na schön. Wo fangen wir an? Im Film ist die Handlung bei weitem nicht so klar wie hier niedergeschrieben. In der ersten Filmhälfte werden wahllos Szenen aneinandergereiht, aus denen man sich mühsam die relevanten herauspicken und dann in eine kohärente und auch chronologisch sinnvolle Reihenfolge zusammenpuzzeln muß. Ein Mann in der Kutte bringt einen Mann und eine Frau am Pool um, während er Glubschaugen macht wie sonst nur Marty Feldman? Nein, das war keine wichtige Info. Lil Stanhope, die über Bilder vom Ozean bedeutungsschwangere Worte über Liebe und Unsterblichkeit spricht? Naja, das hat zumindest etwas mit dem Thema des Films zu tun. Der ermordete Ehemann Tom, der am Strand sitzt und einem Priester etwas beichten mag? Aller Logik nach müßte es sich wohl um eine Rückblende handeln, auch wenn gleichzeitig der Verdachtsmoment aufgesetzt wird, daß Tom gar nicht tot ist. Eine Frau, die eine Axt in den Schädel kriegt? Da kann ich jetzt nicht so hundertprozentig sagen, inwieweit die relevant war. An einem Punkt wird Ann von einem bösen Zombie überrascht, schreit, dann folgt der Schnitt auf die Außenansicht des Hauses, wo sie seelenruhig herausspaziert. Kurze Zeit darauf geht sie wieder hinein und wird wieder angegriffen.

Weil der Film also narrativ sehr holprig geriet und nicht immer völlig klar ist, wer gerade was warum macht (und, oh ja, Figuren in manchen Szenen nur als Stimme aus dem Off präsent sind), wurde zum guten alten Voice-Over gegriffen. Das Voice-Over taucht allerdings erst nach einigen Minuten auf, und zwar von einer Figur gesprochen, die wir noch gar nicht gesehen haben - über den Dialog geplappert, der gerade in der Szene abgehalten wird! Da reden also Lil und Ann im Krankenhaus miteinander, und ganz plötzlich spricht ein Mann darüber, der wie von der BBC klingt und Klärung verschaffen soll, aber freilich nur noch mehr verwirrt, weil man weder weiß, wer er überhaupt ist, noch, wem man jetzt eigentlich zuhören soll. Kurze Zeit später steht der Herr dann im Krankenhaus, mit Rücken zur Kamera - kein Stilmittel, nur unüberlegt inszeniert! - und obwohl seine Stimme jetzt ganz anders klingt, kann man nach einigen Momenten doch ableiten, daß er Kriminalinspektor ist und sich um den Fall kümmert (da niemand Ann glaubt, daß Tom ermordet wurde, sondern immer behauptet wird, er sei an einem Herzanfall gestorben, stellt sich freilich die Frage, wieso da überhaupt ein Inspektor angetanzt kommt). Ach ja, und das sollten wir vielleicht auch noch erwähnen: Der Inspektor war offenkundig einst mit Ann liiert und redet im Voice-Over daher sehr viel über ihre Beziehung und über Tom, was natürlich die Verwirrung kaum lindert.



Ein solcher Film wäre natürlich kein wahrer Trashfilm, wenn nicht die ganze Chose beim Preis einen kleinen Lutschers budgetiert wäre. Das Labor besteht aus einer Bahre und einigen Destillierapparaten und Reagenzgläsern, die im Hintergrund aufdringlich blubbern. Der geheime Raum, in dem die "Unsterblichen" aufbewahrt werden, ist eine hell ausgeleuchtete Besenkammer, in der die zombifizierten Menschen herumstehen. Die Vorlesung des Doktors wird von ca. zehn Studenten besucht, die in einem schnörkellosen Raum an einer langen Holzbank sitzen (schon gut, zumindest dieser Punkt ist absolut realistisch). Und Effekte funktionieren grundsätzlich so, daß man die Bilder irgendwie addieren muß: Man sieht ein Auto fahren, man sieht einen Mann auf der Straße, man hört Reifen quietschen, man sieht den Mann schreien, und dann sieht man den Mann am Boden liegen. Die Operation, um Menschen unsterblich zu machen, besteht daraus, ihnen eine Art Knopf an den Hals zu kleben.

Und vergessen wir mal nicht die Musik! Wie eingangs schon angedeutet, durchzieht ein beständiges kosmisches Wabern den Soundtrack, es sirrt und pfeift, als wollten UFOs landen, manchmal hupt es auch und fiept wie bei einem Telespiel. Mitunter sind die Geräusche so laut, daß man sich ernsthaft fragt, ob gerade Außerirdische anrücken, wo doch das Weltraumbrummen teils die Dialoge in den Szenen übertönt! An anderen Stellen ist avantgardistisches Gehämmer auf einem E-Piano zu hören, und Schockmomente werden mit einer Art Synth-Brüllen verstärkt, das mit "Waargh" vielleicht am ehesten eingefangen ist und auch nach dem zwanzigsten Mal immer noch fürchterlich an den Nerven zerrt.



Aber, liebe Freunde, das alles wäre ja halb so bizarr, wenn da nicht die Schauspieler wären. Oh nein, die Darsteller spielen absolut nicht schlecht. Sie spielen einfach gar nicht. Jeder der Mitwirkenden steht stocksteif da und redet jeden beliebigen Text derart starr und unbewegt, daß man sich wie in einem dieser Filme vorkommt, wo Aliens menschliches Verhalten nachahmen wollen und doch nur wie die Roboter agieren. Es ist nicht ein Darsteller im Ensemble, der nicht mit unnachgiebig starrem Blick und völlig bewegungslos seinen Text aufsagt, egal ob er gerade von jemandem angegriffen wird oder eine Liebeserklärung spricht. Renee Harmon, die Lil Stanhope spielt (und nebenher den Film produziert hat und ebenso wie Regisseur Frank Roach Schauspiellehrer an einem Community College war!), spricht mit einem unglaublich dicken deutschen Akzent - was dazu führt, daß sie nicht nur wie alle anderen wie eingefroren spielt, sondern auch noch übel nuschelt. Weil sie sich aber als Produzentin für den Star des Films hält, darf sie viele Reden über die Unsterblichkeit schwingen, auf die die anderen Darsteller stets mit völlig leerem Gesichtsausdruck reagieren. Das Ganze mutet wahrlich nicht an, als wäre es auf dem Planeten Erde entstanden.

Manchmal sind Filme einfach schlecht. Sie sind langweilig, dumm, reizlos inszeniert, oder absolut unglaubwürdig gespielt. Sie schaffen es nicht, daß wir uns in ihre fiktive Welt hineinversetzen. Das ist manchmal witzig, wenn der Erzähler sich so hilflos mit seiner Geschichte abstrampelt, und viel öfter sterbenslangweilig, wie die pointenlosen Geschichten eines Arbeitskollegen, der einem stundenlang das Ohr abknabbert. Aber FROZEN SCREAM ist eine ganz eigene Liga: Er ist in seiner bizarren Inkompetenz derart seltsam, daß es schon fast etwas Unschuldiges an sich hat. Das mag ein merkwürdiges Wort sein zu einem Film, in dem zombifizierte Unsterbliche zu quälendem Synthlärm Leuten Äxte in den Kopf hämmern, aber es ist auch die einzige Erklärung, warum der Film so unglaublich anmutet. Er ist völlig naiv.

Und ja, natürlich ist er auch sterbenslangweilig.

-----------------
4 8 15 16 23 42

Im Bonusmaterial loben die Schauspieler Regisseur Marcus Nispel in den höchsten Tönen. Eine der Darstellerinnen erläutert: "I love how, in the middle of a scene, if he wants something else, he'll tell you." Und dann sehen wir Nispel am Set, wie er jemandem erklärt: "You really gotta show me fear on this one, okay?"

Diesen inszenatorischen Kniff des bemerkenswerten Meisters werde ich mir selbstverständlich sofort notieren. Erstens: Schauspielern sagen, was man will. Und zweitens: Horrorfilm wird erst dann richtig super, wenn die Darsteller Angst zeigen. Wir haben noch so viel zu lernen!

Schade eigentlich, daß der dazugehörige Film gar nicht so aufregend ist. Nispels FREITAG DER 13. wird als Reboot der Originalserie verkauft, die es immerhin auf 10 Filme, ein Spin-Off (FREDDY VS. JASON) und eine nur dem Namen nach dazugehörige Fernsehserie brachte. Nur: Wozu rebooten? Die meisten der Originalfortsetzungen waren in sich schon Reboots, weil selten Figuren aus den Vorfilmen überlebten, Jason immer zerhackstückt wurde und dann im nächsten Film wieder putzmunter war, und prinzipiell auf eine Kontinuität verzichtet wurde. Die Freitag-Sequels waren Versionen, keine Fortsetzungen. Genau das ist jetzt dieses Remake auch, das sich auch nicht rein am Erstling orientiert (wo ja Jasons Mama noch für die Morde verantwortlich war), sondern auch Elemente der anderen Filme in den Mixer wirft.



In den Making-ofs läuft die Marketingmaschinerie natürlich auf Hochtouren. Brillant, genial, unglaublich, magisch - die Superlative fliegen einem nur so um die Ohren. Nispel wird als einziger Regisseur hochgejubelt, der etwas von Schockmomenten versteht; die Autoren erläutern, es handle sich um eine Origin-Geschichte im Stile von BATMAN BEGINS (sicherlich glauben sie, daß es wahr wird, wenn man es nur laut genug sagt), obwohl das im fertigen Film nur bedeutet, daß die Handlungsinformationen des ersten Films komprimiert vor dem Vorspann wiedergegeben werden. Und der Jason-Darsteller Derek Mears, selbst ein Jason-Fan, redet sich die Rolle schön und erläutert die Charakterfeinheiten einer Figur, die es in mittlerweile 12 Filmen nicht über die Beschreibung "unaufhaltsame seelenlose Mordmaschine" herausgebracht hat. Selbst der Terminator ist eine komplexere Figur.

Lassen wir also einmal die heiße Luft der Werbung beiseite. Worum ging's bislang immer in FREITAG DER 13.? Richtig, ein fieser Killer verarbeitet Teenager zu Schaschlik. Was erwartet man von einem Film der Reihe? Richtig, viele nette Teenager, die dazu da sind, um sich in kreativen und blutigen Szenen zu Schaschlik verarbeiten zu lassen, wenn sie nicht gerade Drogen nehmen und/oder miteinander schlafen. Sex & Violence. Der Erstling mag noch als furchteinflößender Schocker konzipiert worden sein, aber spätestens ab dem dritten Teil war die Serie ein Partyereignis und, nunja, eine Serviceleistung. Ein bißchen wie ein neues Slayer-Album.



Von daher läßt sich am Film freilich wenig Kritik anbringen, die nicht auch auf sämtliche anderen Teile der Reihe zutreffen würde. Natürlich ist Nispels Film viel professioneller inszeniert als alle früheren Filme; das Terrorkino hat mittlerweile eben ein handwerkliches Level erreicht, das die Billigproduktionen der Achtziger im wahrsten Sinne des Wortes alt aussehen läßt. Nispels Jason fegt über den Bildschirm, mit Tempo und zackigen Schnitten, das Licht blitzt, der Soundtrack wummert einem die Schocks um die Ohren, díe Ausstattung ist perfekt grausig, das Blut schimmert klebrig von der Leinwand herunter. Da haben freilich die Survivalhorrorfilme der letzten Jahre ihre Spuren hinterlassen mit all ihren Folterszenarien; und eigentlich ist das nur recht und billig, wurzelt diese jüngere Horrorwelle doch in exakt jenen Slasher- und Angstfilmen, zu denen 1980 der erste FREITAG DER 13. gehörte und die sich damals von der Filmkritik den Stempel des "Kotztütenkinos" aufdrücken lassen mußten. Als Klassiker und Wegbereiter wurden sie natürlich erst so viel später angesehen.

Nispels Film ist also eigentlich ein FREITAG auf der Höhe der Zeit, aber wißt ihr was? Ich bin der Sache sehr müde. Vielleicht liegt es daran, daß ich keine 18 mehr bin und die Heerscharen von Teenagern, die in den Wäldern unserer Welt verhackstückt werden, einfach nicht mehr aufregend finde. Natürlich sind im Horrorfilm die Figuren letzten Endes immer Kanonenfutter, aber diese Art von Slasher läßt für mich als Zuseher keinen Platz mehr: Wo soll mir denn das Schicksal von Figuren am Herz liegen, die ich nur mit "die große Blonde" und "der Kiffer mit der Brille" identifizieren kann, weil sie auch schon wieder sterben, bevor ich irgendetwas über sie erfahre? Und wie soll mich die Geschichte von Teenagern im Wald auf der Flucht vor einem Killer noch fesseln, wo ich sie doch schon ein paar Dutzend mal gesehen habe, in immer phantasieloseren Streifen? Das ist ein Vorwurf, den sich Nispel gefallen lassen muß: Die perfekte Inszenierung hilft nichts, wenn die Geschichte schon vor 25 Jahren viel zu oft im Kino zu sehen war.



Ich liebe den originalen FREITAG DER 13. Manche der Fortsetzungen sind unterhaltsam, aber den Erstling halte ich für einen wirklich gelungenen Film. Natürlich spielt da auch ein wenig Nostalgie herein, weil ich ihn zu einer Zeit gesehen habe, wo ich den Horrorfilm entdeckt habe und mit großen Augen diese vielen Streifen angesehen habe, die mir teilweise durchaus Angst gemacht haben. Das war ebenso eine Zeit, in der ich den Wunsch entwickelt habe, selber Filme zu machen. Vielleicht betrachte ich den ersten Film also mit Verklärung, aber letzten Endes betrachten wir ja jeden Film immer durch unsere Erfahrungen, Leidenschaften und Wünsche - kurz: durch uns selbst - gefiltert.

Unter diesem Vorbehalt stelle ich die Behauptung auf, daß der so ungeschliffen inszenierte Originalfilm stilistisch so viel interessanter ist als das professionelle, aber völlig gesichtslose Remake: In Cunninghams Film ist für den Zuseher noch Platz. Die Kamera betrachtet lange genug, um sich in die Bilder hineindenken zu können. Und der Terror schlägt da zu, wo wir ihn nicht immer erwarten: Zum Beispiel, wenn die als Hauptfigur eingeführte Person wie in PSYCHO sehr früh dem Killer zum Opfer fällt. Gerade das ungleichmäßige Tempo - lange Sequenzen, in denen nur Bedrohung gezeigt wird; später dann eine lange panische Flucht - involviert viel mehr als der mechanische Rhythmus des Neulings, der schlichtweg keine Geduld dafür hat, über einen gewissen Zeitraum hinweg einmal nichts passieren zu lassen.

Ich liebe Horrorfilme. Ich liebe es, wenn ein Film einfach nur Adrenalin produziert. Aber wenn ich das nächste Mal einen Film sehe, wo Teenager im Wald von einem seelenlosen Killer verfolgt werden, schreie ich - nicht aus Angst!

-----------------
4 8 15 16 23 42
Man kann ja nicht behaupten, daß man der Ankündigung eines neuen Limp-Bizkit-Albums nicht mit einer dicken Portion Skepsis und Sarkasmus entgegenblicken würde: Zu schrecklich waren die letzten beiden Alben, das aufgeblasene RESULTS MAY VARY und das eher peinliche THE UNQUESTIONABLE TRUTH PART I (treue Blogleser erinnern sich: hier mein Verriss) - und dann war lange Jahre ohnehin Funkstille.

Mittlerweile haben die Burschen aber in Originalbesetzung (also mit Wes Borland, der sich sicherlich morgens beim Frühstück immer aufs neue überlegt, ob er mal wieder aussteigt und neue musikalische Pfade beschreiten will, oder doch im Herzen ein Lahmkeks bleibt) ein neues Album aufgenommen, das dieses Jahr unter dem Namen GOLD COBRA erscheinen wird. (Zusammen mit dem Ross-Robinson-produzierten neuen Korn-Album, dem angekündigten neuen Methods-of-Mayhem-Album und den jüngsten Berichten über Spineshank, die ebenfalls wieder in Erstbesetzung im Studio stehen, vielleicht ein weiteres Zeichen dafür, daß der NuMetal nicht ganz so tot ist, wie jeder tut.)

Auf der Seite von Limp Bizkit gibt's jetzt den ersten Song vom Album zu hören: "Why Try". Und der ist - man möchte fast sagen: überraschenderweise! - richtig gut geworden. Ein supersimpler, dröhnender Groove, darüber Dicke-Hose-Stromgitarren, und Fred - naja, der ist halt Fred. Vintage Bizkit, sozusagen - und aus irgendeinem Grund dabei doch eine Fortführung von THE UNQUESTIONABLE TRUTH, nur ... hm ... gut. Ich empfehle: Laut anhören (damit man das Wummern spürt) und mit Kopfhörern anhören (damit man den fiebrigen Höllenradau richtig goutieren kann, den Borland da auf den diversen Gitarrenspuren veranstaltet). Und ja, jetzt freu ich mich aufs neue Album.

Hier anhören.

Update: Der Track ist mittlerweile nicht mehr auf der Homepage von Limp Bizkit, aber natürlich bei YouTube, ohne Video:




-----------------
4 8 15 16 23 42
"All I Ever Wanted" ist die Lead-Single vom bislang letzten Human-League-Album, SECRETS von 2001. Mit dem unwiderstehlich pulsierenden Synthbass und dem unterkühlten Groove würde der Song aber auch jetzt gerade perfekt ins aktuelle musikalische Zeitgeschehen passen, irgendwo zwischen La Roux und Little Boots. Seinerzeit blieb der Song leider erfolglos, weil das Label pleite ging und sich BBC Radio 1 und 2 weigerten, den Track zu spielen - weil er zu "retro" sei und die Mitglieder der Band außerdem schon zu alt (Sänger Philip Oakey war damals Mitte 40, die beiden Mädels Ende 30!). Oakeys Reaktion darauf ist grandios lapidar: "It was their station, they can play what they want."

Zeit also, sich den Ohrwurm nochmal vorzuknöpfen - in Verbindung mit dem geschmeidigen Video, in dem die Band durch ein simples futuristisches Set läuft. Oakey im dunklen Sakko, ganz unterkühlt, die Mädels mit ihren fast identischen Stimmen, eine schwarzhaarig, die andere blond, wie ein Fetisch, alles in strahlendes Licht getaucht - was für ein grandios stylisches Video!




-----------------
 4 8 15 16 23 42

Der Film ist eine meiner frühesten Filmerinnerungen: SAG NIEMALS NIE, der inoffizielle Bond-Film, der 1983 fast zeitgleich mit OCTOPUSSY erschien und zu aller Erstaunen wieder mit Sean Connery aufwarten konnte, der 12 Jahre zuvor in DIAMANTENFIEBER zum letzten Mal 007 verkörpert hatte und dann bekanntgab, er würde den Geheimagenten nie wieder spielen - weswegen er dann von Roger Moore abgelöst wurde. SAG NIEMALS NIE (im Original: NEVER SAY NEVER AGAIN; beides natürlich rein auf Connerys Rückkehr bezogen) entstand dank eines Rechtsstreits zwischen Ian Fleming und Kevin McClory, der eher kompliziert ist, aber darin resultierte, daß McClory Rechte an THUNDERBALL (FEUERBALL) behielt und ein Remake des Films produzieren konnte, ohne dabei mit Eon, die die Rechte an den Bond-Filmen besitzen, zusammenarbeiten zu müssen.

All das wußte ich damals natürlich nicht. Ich habe den Film fast zufällig gesehen, weil ihn sich meine Eltern am Abend im Fernsehen angeschaut haben. Ich wußte nicht, wer James Bond war, oder Sean Connery. Ich war vielleicht 7 oder 8. Und natürlich fand ich dieses Abenteuer, das da lief, immens spannend - nur schickten mich meine Eltern bei der Sequenz, wo Bond mit Fatima Blush taucht und dann von einer Gruppe von Haien angegriffen und verfolgt wird, gnadenlos ins Bett. Ich bin mir nicht sicher, ob es nur an der Uhrzeit lag, oder daran, daß sie den Streifen ungeeignet für mich hielten.

Allerdings haben sich meine Eltern den Film auf Video aufgezeichnet - und natürlich habe ich am nächsten Tag nicht lange gebraucht, um auszuknobeln, wie dieser Videorekorder funktioniert und wie ich den Film nun doch sehen könnte. Wenig später habe ich natürlich auch die anderen Bond-Filme in der kleinen Videosammlung meines Vaters entdeckt - DR. NO, LIEBESGRÜSSE AUS MOSKAU, GOLDFINGER, FEUERBALL und MAN LEBT NUR ZWEIMAL - und alle so oft geschaut, bis ich sie auswendig konnte. (In der Sammlung waren auch andere prägende Filme meiner Kindheit: Zum Beispiel EIN AUSGEKOCHTES SCHLITZOHR. Andere, wie zum Beispiel PICKNICK oder DAS FALSCHE GEWICHT, habe ich nie angerührt. Kein Wunder also, daß kein Kunstfilmer aus mir geworden ist.)


Weil SAG NIEMALS NIE kein offizieller Bond-Film ist, wurde er bislang auch immer sehr stiefmütterlich behandelt. Die DVD, die ich vor einiger Zeit für schlappe 4,99 erworben habe, beinhaltet gerade mal einen Trailer - ziemlich erstaunlich, wo doch die "richtigen" Bond-Filme wieder und wieder neu aufgelegt werden, mit noch mehr Bonusmaterial und Audiokommentaren und neu gemastertem Bild und wasweißichnochalles. Mittlerweile gibt es in Amerika eine Blu-Ray-Version, die etwas Bonusmaterial beinhaltet - und das gehört, laut eines Reviews, offenbar zum negativsten Behind-the-Scenes-Material, das je produziert wurde. Scheinbar geht es sehr viel um Schwierigkeiten bei der Produktion, Probleme mit Darstellern, andere Streitigkeiten. Besonders Regisseur Irvin Kershner scheint ständig am Pulvern zu sein.

Unnötig zu erwähnen, daß ich den Film sehr liebe. Ich kenne jeden einzelnen Frame darin. Ich weiß, daß Barbara Carrera in einer Szene kurz erschreckt zurückzuckt, als sie ein Auto per Fernsteuerung explodieren läßt - ganz offensichtlich eine echte Reaktion. Ich kann die Gesten von Klaus Maria Brandauer auswendig, zum Beispiel in der Szene, als seine Geliebte Kim Basinger ihn fragt, was wäre, wenn sie ihn verläßt: Er bewegt die flache Hand kurz an der Kehle entlang und macht dann einen erhobenen Zeigefinger daraus. Ich habe den Film wohl das letzte Mal als Teenager gesehen, aber trotzdem ist jede Szene und jeder Ton darin sehr angenehm vertrautes Terrain.


Was mir jetzt viel stärker auffällt: Wie wenig ernst der Film doch eigentlich ist. Seit den Roger-Moore-Filmen wurde die Bond-Serie ja immer abgedrehter und witziger; MOONRAKER ist letzten Endes schon eine Parodie auf die anderen Bond-Filme. Natürlich fand ich auch SAG NIEMALS NIE früher immer vergnüglich, habe über den herumstolpernden jungen Agenten gelacht, der Bond in Nassau zur Seite gestellt wird (und von dem ich sehr sehr viel später gemerkt habe, daß er von Rowan Atkinson gespielt wird), habe die witzigen Einlagen im Kampf gegen den Killer im Sanatorium (Pat Roach, der Indiana Jones in den ersten beiden Filmen zugesetzt hat!) genossen. Aber damals habe ich die Handlung an sich noch sehr viel "straighter" wahrgenommen.

Ich will den Film nicht mit BATMAN HÄLT DIE WELT IN ATEM vergleichen, den ich ja auch als Kind lustig und doch sehr spannend fand - und dabei nicht verstanden habe, warum meine Eltern den überhaupt nicht so aufregend fanden - SAG NIEMALS NIE ist eben einfach eine Actionkomödie, die absolut spannend ist, nur eben mit Augenzwinkern erzählt. Da werden also Atomraketen geklaut, indem Testraketen gegen echte ausgetauscht werden - was nur vom Präsidenten selbst autorisiert werden kann, der sich dafür vom Computer das Auge scannen läßt. Ergo schnappt sich die böse Verbrecherbande einen Mann, dessen Auge so operiert wird, daß es mit dem Präsidentenauge identisch ist. Während die Raketen ausgetauscht werden, erklärt eine freundliche Computerstimme, daß die Testraketen jetzt mit Atomsprengköpfen versehen sind und wünscht noch einen schönen Tag. Letzteres ist mir früher nie witzig vorgekommen. Meine Güte, der C64 blieb ja auch bei allen Lesefehlern und Problemen immer freundlich und schreib: "Ready"!

Ebenso lustig sind Bonds Gespräche mit M, der hier wie ein strenger Direktor einen Schuljungen zurechtweist. Nach dem Kampf im Sanatorium muß sich Bond schwere Vorwürfe über die entstandenen Schäden anhören und weist dann sachlich darauf hin, daß immerhin jemand versucht hat, ihn umzubringen. Aber M will nichts davon wissen: Er tippt auf einen gehörnten Ehemann, der Bond ans Leder wollte. Na klar, das war schon früher lustig - aber die Absurdität der Szene, wie sich Bond wie ein ungezogener Junge für sein rüpelhaftes Benehmen rechtfertigen muß, und es dem Chef offenbar höchst tadelnswert vorkommt, daß einer seiner Agenten tatsächlich angegriffen wird, sticht mir natürlich heute noch viel mehr ins Auge. Sehr schön dann auch der Moment, wo M rätselt, wie die Raketen ausgetauscht werden konnten, und Bond meint: "Vielleicht haben sie ein falsches Auge verwendet" - woraufhin ihn sein Chef mit einem genervten "Jetzt seien Sie doch einmal ernst, Bond. Suchen wir doch lieber nach einer logischen Erklärung" abkanzelt.


Schön auch der Einfluß vom Achtziger-Zeitgeist: Die Flugbahn der Raketen wird mit einer, ähem, hochmodernen, ruckelnden Vektorgraphik verfolgt, die Lust auf C64-Spiele macht. Später bekämpfen sich Largo und Bond sogar mit einer Art Videospiel, wo die beiden mit zwei Joysticks, die unter Strom stehen, um den Besitz von Ländern kämpfen. Und Kim Basinger und ein anonymer Tanzlehrer sind in einer Art Aerobic-Fitness-Ballettstunden-Tanz bei funkig ploppendem Bass zu sehen.

Auf jeden Fall ein schönerer Bond-Film als so mancher Roger-Moore-Streifen und die meisten Dalton- und Brosnan-Bonds. Brandauer und Connery tragen die Show mit Leichtigkeit. Und sexy Carrera ist ein verdammt fieses Bondgirl, die in fantastischen Kostümen durch die Sets stolziert und so böse ist, daß sie irgendwann nur noch vergnügt lacht. SAG NIEMALS NIE ist immer noch ein gelungener Zusatz zur offiziellen Bond-Reihe.




-----------------
4 8 15 16 23 42