März 2010
Ich habe ja BATTLEFIELD EARTH noch immer nicht gesehen - diesen berüchtigten Scientology-SF-Trash mit John Travolta, der unlängst die Goldene Himbeere für den schlechtesten Film der Dekade gewonnen hat. Man hört auch sonst gar Grauenhaftes von diesem Epos, das offenkundig sehr unfreiwillig komisch sein muß und als einer der größten Flops der Filmgeschichte gehandelt wird.

Autor J.D. Shapiro hat sich seine Himbeere höchstselbst abgeholt - für mich immer ein Zeichen von Humor und Rückgrat - und hat jetzt ein "Entschuldigungsschreiben" für den Film verfaßt, das von der NY Post veröffentlicht wurde: hier.

"It wasn't as I intended -- promise. No one sets out to make a train wreck. Actually, comparing it to a train wreck isn't really fair to train wrecks, because people actually want to watch those."

In diesem Zusammenhang bin ich gerade über eine schöne Liste bei Wikipedia gestolpert: List of films considered the worst. Sapperlot, von den 43 gelisteten Filmen habe ich gerade mal 9 gesehen! Da besteht wohl Nachholbedarf. (Und - verklagt mich, Freunde - von diesen neun halte ich nicht mal alle für wirklich schlecht. THE POSTMAN ist ja bei Gott nicht der übelste Streifen, der je produziert wurde, und für die erste Hälfte sogar richtig interessant, bevor er dann im Pathos absäuft. Dafür fehlt wohl HEAVEN'S GATE auf der Liste.)

In dem Zusammenhang auch interessant: Die größten box office bombs. (Von den 41 genannten Filmen habe ich 12 gesehen. Schon wieder Nachholbedarf! Zum Glück überlappen sich beide Listen.) Am härtesten liest sich darauf PLUTO NASH: $120 Mio. Produktions- und Marketingkosten, $7 Mio. wieder eingespielt. Wieviel DVDs müssen die verkaufen und wieviel Fernsehwiederholungen lizensieren, damit sie ihre $113 Mio. Verlust wieder reinkriegen? Naja, Eddie Murphy hat ja noch jeden Kinosaal leergespielt.

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Wie sehr bot sich doch END OF DAYS als Konzept an: Es herrschte ja 1999 viel Unruhe über das Ende des Millenniums - ob man nun an den Weltuntergang durch metaphysische Gewalt oder durch technologische Probleme bei der Bewältigung eines neuen Datums glaubte, war eigentlich egal - so daß ein Weltuntergangsszenario eigentlich schon als Zeitgeist gewertet werden konnte. Und als Actionkracher konnte man einen Brachialveteranen wieder eine Stufe aufsteigen lassen: Nachdem er sich schon gegen Außerirdische, Terroristen, Sektenführer, Vernichtungsmaschinen und kleine Kindern behaupten konnte, war doch Schwarzeneggers Konfrontation mit dem Leibhaftigen quasi als Beförderung zu betrachten. (Außerdem hatte Chuck Norris schon sechs Jahre zuvor in HELLBOUND dem Pferdefüßigen kräftig gegen das Schienbein getreten: Die Konkurrenz schläft nicht.)

Und natürlich kann man sich bei END OF DAYS sehr lange über allen möglichen Unsinn entrüsten, den das Drehbuch so zu bieten hat: Sei es die Tatsache, daß angeblich die Zahl "666" nur die umgedrehte "999" ist, wie sie immer am Ende eines Jahrtausends erscheint (so also auch im Jahr 1999) - ganz ungeachtet der Tatsache, daß arabische Ziffern erst weit nach dem Verfassen der Offenbarung verbreitet wurden - oder sei es die genaue Deadline, zu der Satan seine Auserwählte schwängern muß, um den Antichristen ins Leben zu rufen: nämlich zwölf Uhr Mitternacht zu Sylvester 1999. In New York. Selbst Arnold fragt im Film: "Eastern Standard Time?", woraufhin ihm erklärt wird, daß die gregorianischen Mönche unseren Kalender und unsere Zeitrechnung exakt am Erscheinen des Leibhaftigen festgehalten hätten. Man könnte jetzt darauf hinweisen, daß besagte Mönche also Wissen über Zeitzonen gehabt haben müssen; weiterhin Wissen über einen noch nicht entdeckten Kontinent; aber vermutlich hat das die gregorianischen Mönche gar nicht belastet, weil es gar keine gregorianischen Mönche gab.

Schwerer Unfug also eigentlich. Und doch ein viel größeres Filmvergnügen, als uns die weitläufige Rezeption gemeinhin weismachen will. Zur Verteidigung sei einfach nur die grandiose Szene angeführt, in der Gabriel Byrne, der Teufel, Arnold auf seine Seite ziehen will. Drei Gründe:

1. Großartig gespielt. Wenn Gabriel Byrne Arnold erklärt, wie gut er seinen Schmerz nachempfinden könne, daß er seine Familie verloren hat, nimmt er ein Bild besagter Familie und schnippt es achtlos bei dem Satz "I can't image what it's like" weg. Applaus.

2. Scharfer Dialog. Satan erklärt, daß Gott einfach nur einen guten PR-Manager hat: "When something good happens, it's his will. When something bad happens, he moves in mysterious ways." Dann bezeichnet er die Bibel als Gottes "press kit", dessen Aussage sich mit den Worten "shit happens" zusammenfassen läßt.

3. Bad-ass Arnold. Der gute Schwarzenegger, der so schön verkatert durch den Film stolpert, macht gegenüber dem Teufel einen auf dicke Hose: "Oh, you think you're bad, huh? You're a fucking choir boy compared to me! A CHOIR BOY!" (Woraufhin Satan sich freut: "You're in touch with your anger, I like that.")

Wen schert's, daß die Geschichte eigentlich Humbug ist? Arnold schießt mit der Pistole auf den Leibhaftigen, wechselt dann - nachdem er feststellen muß, daß das nichts bringt - zur Maschinenpistole, und wechselt abermals - wiederum nach erfolglosen Versuchen - zum Raketenwerfer. Mit derartiger Wettrüstungsmentalität hätte Ingmar Bergman einen theologischen Konflikt nie erzählt.

Peter Hyams - einer der wenigen Regisseure, die als ihr eigener Kameramann fungieren - läßt das Gepolter geschmeidig düster aussehen, und Autor Andrew Marlowe hat Zeit für Sequenzen, in denen der Teufel einen Heavy-Metal-Fan für sein T-Shirt lobt und den rüpelhaften Jungen aber wenige Momente später vom Bus überfahren läßt. Und Applaus verdient natürlich auch Arnolds Zeile, die als Quintessenz des Films verstanden werden kann: "Between your faith and my Glock nine millimeter, I'll take the Glock."

Und jetzt schauen wir uns gleich nochmal an, wie Arnold den Teufel schwach anredet:






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Schöner Link, mit bestem Dank an Ben: Die (der? das?) ultimate Flowchart zu allen Zombiefilmen. Hier.

Übrigens enden nicht alle Handlungsstränge beim eigenen Tod! Es gibt eine Variation, wo man in einem ganz anderen Film landet ...

Am schönsten: Die Variante "Zombie Girlfriend", die mit der Entscheidungsfrage "How attached are you to her?" weitergeht und bei der Antwort "Meh ..." zu einer "breakup shotgun" führt.

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"Talking? During horsehead bookends?"

Das muß man STUDENT BODIES ja lassen: Es ist leicht zu sehen, wie daraus ein Kultfilm werden konnte. Das heißt in dem Fall nicht, daß der Film besonders brilliant wäre - er ist in der Tat eigentlich wirklich schlecht. Aber irgendwie verknüpft sich die niedere Qualität der Umsetzung mit den zahllosen merkwürdigen Einfällen und behämmerten Witzen hier doch zu etwas, das vermutlich immensen Spaß macht, je öfter man den Film schaut: Klarer Insider-Kult quasi.

Interessant ist die Produktion alleine schon deswegen, weil sie 1981 zur Slasher-Welle eine Parodie auf die Myriaden von Horrorfilmen darstellt, in denen ein (zumeist maskierter) Irrer Dutzende von Teenagern abmurkst: Als solche steht sie nämlich weit vor den augenzwinkernden Spätslashern (wie DIE HORROR-PARTY von 1986) oder der scharfen Ironie der SCREAM-Trilogie von Craven und Williamson. (Fairerweise muß darauf hingewiesen werden, daß es 1981 noch eine andere Slasher-Parodie gab: SATURDAY THE 14TH; der Ruf des Films ist nicht gut, aber selber konnte ich seine etwaigen Meriten bislang nicht überprüfen.) Geschrieben wurde STUDENT BODIES von Mickey Rose, einem Freund von Woody Allen, der an einigen Drehbüchern des Allen-Frühwerks mitarbeitete (z.B. BANANAS und WOODY - DER UNGLÜCKSRABE). Paramount produzierte den Film damals nur, weil Autorenstreik war und man Geld in nicht mit der Gewerkschaft zusammenhängende Produktionen steckte, um Material zu haben. Regie übernahm offenbar Michael Ritchie, der aber nicht genannt wird und sich als Produzent nur "Allen Smithee" nennt - es gab scheinbar Probleme während des Drehs, Ritchie wurde entweder gefeuert oder ging freiwillig, und Rose, der offiziell als Regisseur gelistet wurde, versuchte, den Film selbst fertigzustellen.


Die Geschichte ist die handelsübliche Slasher-Story: An einer Highschool geht ein wahnsinniger Killer um, der nach und nach die Teenager umbringt. Der eigentlich reaktionäre Kern der Vorbilder (der wohl weniger im politischen Sinn reaktionär als im Sinne der cautionary tales mit moralisch tief verwurzelten Richtig-Falsch-Ursache-Wirkung-Prinzipien arbeitet), bei denen gerne die "tugendhaften" Figuren überleben, während die an Sex und Drogen interessierten Jugendlichen "bestraft" werden, wird hier gezielt ausgesprochen: Der Killer mordet hauptsächlich Pärchen, die miteinander schlafen wollen, was als Muster auch von diversen Figuren im Film wiedergegeben wird. Natürlich sind viele Figuren verdächtig - Lehrer, Schüler, der Direktor, der Hausmeister - und natürlich liegt es an einer eher biederen Schülerin, die Morde zu untersuchen.

"Julie, you're not responding to my maleness."

Der Humor von STUDENT BODIES orientiert sich ein wenig an den Mel-Brooks-schen Parodien, wo gerne die vierte Wand gebrochen wird (beispielsweise in HIGH ANXIETY, wo bei der Erwähnung eines möglichen Mordes dramatische Musik ertönt, die, wie sich dann herausstellt, aus dem vorbeifahrenden Tourbus eines Philharmonieorchesters dröhnt), genauso wie an den gerne die Handlungsautomatismen hervorhebenden MAD-Parodien - und setzt beides mit einer Vielzahl von völlig behämmerten Witzen um, bei denen man sich gerne mal mit der Hand auf die Stirn klatscht. Da ist also beispielsweise der Schulpsychiater, Dr. Sigmund (Tusch!), der uns über Persönlichkeitsspaltung aufklärt und dabei durch sein Büro läuft, wo er alle sorgsam arrangierten Gegenstände leicht verschiebt: Er hängt das Bild etwas schiefer, er legt den Telefonhörer andersherum auf den Apparat, er verrückt seine Schreibunterlage. Dann setzt er sich in seinen Sessel, betrachtet überrascht seine Einrichtung und ist empört: "Somebody has been using my office!"


Manches davon ist natürlich in seiner Dämlichkeit und Abstrusität überaus gelungen - zum Beispiel der wahnsinnige Handarbeitslehrer, dessen Lebens- (und Unterrichts-)Inhalt aus dem Herstellen von hölzernen Buchstützen mit zierenden Pferdeköpfen besteht. Der gute Mann ist dann auch entsprechend empört, daß die Schüler seinen Ausführungen nicht die volle Aufmerksamkeit schenken ("Talking? During horsehead bookends?"), und bietet später dem Killer an, daß er ihm beibringen wird, wie man schöne horsehead bookends herstellt, wenn er dafür verschont wird. Absolut brilliant eine Sequenz, wo plötzlich ein älterer Ansager zu sehen ist, der den Zusehern erklärt, daß Filme mit R-Rating viel mehr Geld machen als solche ohne Altersbeschränkung, und weil der Film nicht genug Sex und nicht genug Blut für ein R-Rating bietet, möchte er die Gelegenheit nutzen, den Zusehern ein herzliches "Fuck you" zu wünschen. (Die Sequenz hat in der Tat im Alleingang dem Film ein R-Rating beschert!) Und vergessen wir mal nicht, daß der Killer am Telefon seine Stimme mithilfe eines Gummihuhns verstellt - woraufhin eine Lehrerin wissend nickt: "Ich dachte mir schon, daß das wie ein Gummihuhn klingt."

Mrs. Van Dyke: "Did you hang up?"
The Killer: "No, I just said 'click'."


Erwähnen wir aber mal ebenso die ganze Palette an Geschmacklosigkeiten, die teilweise vielleicht Pate für die spätere SCARY-MOVIE-Reihe standen: Eine Sequenz, in der ein blinder Autofahrer und ein Autofahrer im Rollstuhl sich um einen Behindertenparkplatz streiten, ist ebenso schön beknackt wie die Erklärung des afrikanischen Austauschschülers, warum er erst am letzten Schultag an der Schule erscheint: "Ich bin mit dem Bus gekommen". Wesentlich derber dann die Sitzung bei Dr. Sigmund, wo eine Schülerin erklärt, daß ihr Papa sie immer im Schrank eingesperrt hat, und sich mit dazu, und ihr dann erklärt hat, daß Sex etwas Schlechtes sei. "Und deine Mutter?", will der Psychologe wissen. "Die hat auch gesagt, daß Sex schlecht ist, aber nur mit Papa." Vielleicht ist der Witz nicht einmal so hart gemeint, wie er nicht nur bei näherer Betrachtung ist. Und ja: Es gibt diverse Witze mit Blähungen und anderen Körperfunktionen, die den Wayans-Brüdern sicherlich sehr gefallen haben - wobei man zugeben muß, daß der beschränkte Hausmeister, der beim Direx in den Mülleimer pinkelt, weil vor dem Umbau des Hauses dort die Toilette war, durchaus lustig ist.


Abgesehen vom eigenen Humorempfinden - wer mit grobem Holzhammer-Humor und merkwürdigen Absurditäten nichts anfangen kann, wird den Film nicht durchstehen - kann aber so oder so nicht von einem gelungenen Film die Rede sein: Zu dilettantisch und offensichtlich ist alles inszeniert, zu wenig funktioniert die Story, die schon kaum als Vehikel für die ganzen Witze trägt, geschweige denn den Zuseher bei der Stange halten kann (die Brillianz von SCREAM liegt ja unter anderem darin, daß der Film nicht nur als Horrorfilmparodie funktioniert, sondern auch als Horrorfilm). Gerade nach der Hälfte ist eigentlich schon genug, und der Film zieht sich und zieht sich, die Witze werden dünner und weniger und - noch schlimmer! - vorhersehbarer. Bis zu den letzten 10 Minuten quält man sich dann doch schon ziemlich durch - und die sind dann so dermaßen gaga und bunt, daß man nicht genau weiß, was man sich gerade eingeworfen hat. Womit einen der Film ja dann auch wiederum mit einem gewissen Widerhaken entläßt.

Und weil's so schön ist, hier der nette Lehrer mit seinen horsehead bookends:


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Dieser Blog wurde am 6. April 2005 eröffnet. Seitdem hat sich hier viel angesammelt (auch wenn manchmal über einen längeren Zeitraum hinweg nicht viel geschieht und die Post-Frequenz nicht mehr so stark ist wie früher): Kommentare zu alten und neuen Filmen, Musiknews, Internet-Funde, Quergedanken, allerlei privater Unfug und dann noch mehr zur Welt des Films.

Die ganze Zeit über hatte der Blog denselben Beständigkeit suggerierenden Look, der sich ab heute mal ändert - knapp vor der 5-Jahres-Feier, sozusagen. Ich finde den neuen Look (eine von gar nicht so vielen Blogspot-Vorlagen, die sicherlich auf drei Millionen anderen Blogs schon lange verwendet wird) angenehm: schön entspannt, nicht überfrachtet, nicht zu bunt, und endlich in Breitleinwand. Hoffentlich gefällt er euch ebenso.

In eigener Sache soll noch auf die Amazon-Links in der rechten Spalte hingewiesen werden: Dort sind Banner für die drei wichtigen Amazon-Einrichtungen (Deutschland, England und USA) zu finden. Wer diesen Blog gut findet und/oder mir einen Gefallen tun mag: Bitte benutzt diese Links, wenn ihr bei Amazon etwas kaufen wollt. Dafür kriege ich nämlich ein klein wenig Werbekostenerstattung von den netten Burschen dort, und zwar bei allem, was ihr kauft: Schlauchboote, Toaster, Milli-Vanilli-CDs, Flugscheibenbaupläne oder Peter-Alexander-Filme - völlig egal. Einfach draufklicken und dann ganz normal bei den Amazonen einkaufen. Vielen Dank!

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Corey Haims letzter Film, DECISIONS, erscheint offenbar Mitte April in Amerika auf DVD. Wenn man sich den Trailer so ansieht, wünscht man sich sehr, daß seine Hinterlassenschaft ein aufregenderer Streifen wäre - vielleicht ist diese Mischung aus Jugenddrama und Gangsterfilm ja gar nicht schlecht, aber der Trailer sieht nach billig produziertem B-Movie aus.

Dieses Jahr kommt auch noch AMERICAN SUNSET, den Haim davor abgedreht hatte. Ganz offenbar genauso ein preiswertes B-Movie, aber wenigstens sieht der Trailer ganz spannend aus:





Mittlerweile sind auch Informationen über diverse Projekte aufgetaucht, die Haim als nächstes angegangen wäre - er mag zwar nicht in der A-Liga gespielt haben, aber er hatte offenbar zumindest ein beständiges Maß an Angeboten. Interessant sind dabei zwei Projekte, bei denen er nicht nur gespielt, sondern auch Regie geführt hätte - darunter ein Drama über einen Alkoholiker, das dem Klang nach vielleicht hätte zeigen können, daß er ernsthafte Rollen hätte stemmen können.

Ich finde Haims frühzeitigen Tod immer noch sehr traurig, weil ich den Jungen auch in seinen schlechten Filmen immer sehenswert und sympathisch fand und ihm gewünscht hätte, daß er wieder Fuß fassen kann. Im Netz kann man alle möglichen erschreckenden Informationen über sein Leben und seinen tragischen Absturz lesen: Mit 14 oder 15 sexuell mißbraucht (von einem nie genannten 40-jährigen Mann); mit 16 beim Dreh der LOST BOYS ersten Kontakt zu Drogen; fünfzehn Reha-Besuche seit Ende der Achtziger. In Interviews hat er erzählt, daß er irgendwann in den Neunzigern über 140 Kilo gewogen habe; obwohl er von den harten Drogen weggekommen ist, blieb er immer medikamentenabhängig: Eine Zeitlang nahm er Beruhigungstabletten, weil er so ein nervöses Wrack war, und gab an, irgendwann täglich bis zu 85 Stück (!) davon zu sich genommen zu haben. Wie so viele Kinderstars ist Corey ganz früh in Hollywoods bösartigen Strudel gekommen, aber anders als sein Freund Corey Feldman oder beispielsweise Drew Barrymore hat er sich leider nie wieder fangen können.

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Ich sitze dieser Tage in München und bin mit dem Schnitt meines Films DIE MUSE beschäftigt, und gerade beim eMail-Checken in der Pause finde ich eine traurige Nachricht: Corey Haim ist gestorben. Überdosis. Kurzer Artikel hier.

Ich hab' mir immer vorgestellt, daß ich mit Corey mal drehe. Das wird jetzt wohl nichts mehr. Am besten war er wohl in dem Teenie-Film LUCAS (wo auch Charlie Sheen und Winona Ryder mitspielten); die meisten lieben ihn für die zahlreichen Filme, die er mit Corey Feldman zusammen gemacht hat (allen voran THE LOST BOYS, aber auch z.B. in dem sehr witzigen LICENSE TO DRIVE mit einer jungen Heather Graham). Irgendwann war er weg vom Fenster - Drogenabsturz, Bankrott - und hat in den letzten Jahren ein Comeback versucht: Hauptsächlich mit der Reality-Soup THE TWO COREYS, wieder zusammen mit Feldman, wo er immer erklärte, daß er clean sei und wieder bereit wäre, zu arbeiten (er hat z.B. eine kleine Rolle in CRANK 2), aber irgendwann wurde er dann doch rückfällig.

Schade, schade, schade, schade. Und echt traurig.

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Spektakuläre Kämpfe! Aufregende Abenteuer! Mitreißendes Drama! Erotische Phantasien! Adrenalinfördernde Spannung! Unglaubliche Effekte und epische Bilder! Und nichts davon ist in diesem Filmchen namens WARRIOR QUEEN enthalten, das sich schwerstens bemüht, jede Steuererklärung wie eine attraktive Freizeitbeschäftigung wirken zu lassen.

Man kann ja nicht behaupten, daß man nicht schon vom Vorspann gewarnt würde: Chuck Vincent, der früher Pornos drehte und später die Videotheken mit dilettantischem Unfug wie KNASTAKADEMIE und DIE SCHWESTERN VON DER SAMENBANK füllte, führte Regie; produziert hat Harry Alan Towers, der Billigststreifen wie GOR und DIE SIEBEN MÄNNER DER SUMURU betreute; ebenfalls als Produzent gelistet ist Aristide Massaccesi, der unter seinem Pseudonym "Joe D'Amato" Sternstunden wie PORNO HOLOCAUST zu, oh ja: verantworten hat. Aber freilich haben alle dieser Personen mitunter auch schwerst unterhaltsames Schundkino gedreht, und außerdem spielt ja Donald Pleasence mit, wie schlimm kann der Film also schon werden? Ach, ach, ihr ahnt es nicht.

Wir beginnen mit einer grünen Wiese und einem Text: Pompeii, 22. August 79 AD. Da stellen sich mir gleich zwei Fragen. Erstens: Bilde ich mir das nur ein, oder war Pompeii gar keine grüne Wiese, sondern eine Stadt? Und zweitens: Hat das Datum etwas zu bedeuten? Ist im Jahre 79 irgendetwas mit Pompeii passiert? Felix qui potuit rerum cognoscere causas, kann man da nur sagen, denn nun wissen wir, daß irgendwann etwas sehr Schlimmes passieren wird, was möglicherweise mit dem Berg zu tun hat, der beständig gezeigt wird. Aber noch kümmert uns das nicht: Eine Karavane zieht durch die Gegend und wird plötzlich von einer Bande von Rabauken angegriffen. Glücklicherweise ist Berenice Teil dieser Karavane, und sie wird nicht nur von Sybil Danning gespielt, sondern ist sogar die titelgebende Hauptfigur. Zack-zack, schon hat Berenice die finsteren Rüpel mit dem Schwert erledigt. Tiht-Tüht-Tuht-fidel-li-Tüh macht dazu der Synthesizer. Zu diesem Zeitpunkt weiß man als Zuseher übrigens noch nicht, daß die Szene gar nicht für den Film relevant ist, und auch nicht, daß sie wohl nur dazu dient, den Film überhaupt als WARRIOR QUEEN verkaufen zu können, weil Berenice nämlich im Rest des Films fast nicht mehr kämpft.

Stattdessen sehen wir also nun in Pompeii eine Sklavenversteigerung (der Fairness halber merken wir an, daß die Sklaven mit der Karavane in die Stadt gebracht werden: Nicht, daß uns jetzt jemand vorwirft, wir würden den dramaturgisch ausgeklügten Handlungsbogen verschweigen). Das funktioniert so: Der zu verkaufende Sklave (bzw. die Sklavin) wird an Ketten in die Luft gezogen und hängt dann nackt nach unten, während die vier anwesenden Kleindarsteller laut rufen, wieviel Geld ihnen der Sklave wert wäre. Man kann zu diesem Zeitpunkt noch überlegen, ob der Film einen eher europäischen Arthouse-Ansatz verfolgt und mit mühsam langwierigen Einstellungen die Fleischbeschau im alten Pompeii anprangern will, oder ob die Szene hauptsächlich dazu dient, die mitwirkenden Frauen schön nah bei der Kamera unbekleidet herumbaumeln zu lassen.

Wenig später lernen wir den Herrscher von Pompeii kennen, und Donald Pleasence spielt ihn mit geradezu unglaublicher Begeisterung. Der Herrscher will Berenice beeindrucken und läßt daher zunächst mal zwei muskulöse Sklaven Armdrücken spielen, wobei der Verlierer seine Hand an einem Giftpfeil verletzen und sterben wird. Dann läßt der Herrscher Tauben durch den Saal fliegen und versucht mit jubilierendem Gelächter, diese mit einem Netz einzufangen. Man kann Pleasence wirklich nicht vorwerfen, daß er nicht mit Enthusiasmus bei der Sache wäre. Sybil Danning sitzt daneben und gähnt, und man kann mit ihr fühlen.

Es folgt eine lange Orgiensequenz. Da flaniert also ein Mann mit einer Augenklappe (der Bordellbesitzer, der die meisten Sklaven gekauft hat) durch einen großen Raum, wo sich in allen Ecken und Winkeln Männer und Frauen sinnlichen Genüssen hingeben. Ein Kleinwüchsiger ist auch im Raum, und der wird von dem Mann mit der Augenklappe flugs geohrfeigt. Nebenher wird im Raum gewackelt und gekeucht, und während man sich das minutenlang so ansieht, gerät man ins Grübeln, ob Staubsaugen nicht auch mal wieder eine echt rockende Angelegenheit wäre. Eine Hauptsklavin/Vorarbeiter-Sklavin/Puffprinzessin nimmt dann eine blonde Sklavin mit auf ihr Zimmer, und da zieht sie mit der Hand komische Kreise durch die Luft, während die Blonde nackt auf dem Tisch liegt. Die Synthesizer machen unterdessen hauptsächlich "uuuh" und "ooh", mit viel Echo und Hall, und während die beiden Lesben, die ganz offenbar keinerlei Ahnung davon haben, was Lesben im Schlafzimmer überhaupt machen (oder machen könnten), da Löcher in die Luft gucken und mit den Armen herumfuchteln, sieht man die kostbaren Minuten seines Lebens dahinziehen und wünscht sich glatt die vergleichsweise aufregende Atemlosigkeit eines Films wie HEART BEAT zurück.

Und, seufz, wir sind noch nicht fertig mit der Sendeschluss-Erotik. Die Hauptsklavin führt nämlich anschließend noch einen Schlangentanz auf, der mit ein paar Jahren Übung sicherlich noch ganz nett werden würde, und dazu sehen wir verschiedene, hm, erotische, äh, Situationen der Orgie: Männer, Frauen, vorne, hinten, oben, unten, und das über viele viele Minuten hinweg immer mit denselben Parts und einem sich zu hypnotisch trommelndem Psychedelik-Gewaber entwickelnden Synthbrei. So ähnlich stelle ich mir den Aufenthalt in einer Vorhölle vor: Man muß sich unerotische Clips mit fiebrigem Alptraumsoundtrack anhören, und das immer wieder und wieder und wieder. Schauder.

Aber natürlich hat der Film noch mehr zu bieten als nur unglaublich fade Orgien ohne Sinn und Verstand: Es folgen unglaublich fade Gladiatorenkämpfe ohne Sinn und Verstand. Da kämpfen nun also zwei Burschen mit einer Art Frisbee gegeneinander, nur daß die Frisbee rasiermesserscharf ist und man möglichst nicht davon getroffen werden sollte. Jeder Gladiator ist mit einem Seil an einen Pfosten gebunden und muß nach jeder Runde einmal um den Pfahl marschieren, um die Leine und somit die Ausweichmöglichkeit zu verkürzen. Schwupp, schwupp, der Teller fliegt ein paar Mal hin und her, und nebenher wirft der große Gladiator, der aussieht wie Lou Ferrigno, einem Zuschauer das Ding in den Kopf, weil der unsportliche Dinge von oben herabgebrüllt hat. Das ist aber offenbar kein Kriterium für eine Disqualifizierung, und deswegen gewinnt Gladiator-Lou auch noch, nachdem er dem Gegner die Scheibe in den Magen geschleudert hat und dem bunte Gedärme aus dem Körper flutschen wie Pasta aus einem Topf. Es folgen ein paar andere obskure Spiele, die vermutlich nur deswegen wenig mit der Handlung zu tun haben, weil es gar keine solche gibt. Man darf auch Reiter und Löwen und hunderte von Statisten bewundern – allesamt aus dem Film DIE LETZTEN TAGE VON POMPEII, der hier mit Dutzenden von Einstellungen wiederverwertet wurde. (Wer die Archivaufnahmen nicht am Filmmaterial unterscheiden kann, verwendet folgende Faustregel: Viele Menschen, große Bauten, aufregendes Spektakel = nicht unser Film. In unserem Film besteht die Arena aus einer grauen Wand und einer gelben Säule, die verdächtig wie die Säule aus dem Orgiensaal aussieht.)

So geht der Spaß also noch eine ganze Zeitlang dahin, und irgendwann kämpfen tatsächlich ein paar der Hauptfiguren im Wald, und dann werfen sich wieder muskulöse halbnackte Männer in homoerotischen Momenten ernsthafte Blicke zu. Tieht-Tüht-Fiep macht dazu der Soundtrack, und gelegentlich sehen wir wieder den Vulkan, von dem wir ja wissen, daß er irgendwann ausbrechen muß. Fünfzehn Minuten vor Schluß macht er das dann auch endlich: Zeit für eine erneute Zweitverwertung des Films DIE LETZTEN TAGE VON POMPEII. Gebäude stürzen ein, die Erde bebt, Hunderte von Menschen rennen über die Straße. Dazwischen auch immer mal Bilder, die extra für WARRIOR QUEEN gedreht wurden: Drei Statisten rennen hustend durch den Staub, die Kamera wackelt, Pappmachésäulen fallen schwungvoll um. Heiße Lava fließt durchs Bild (eventuell auch nur Nahaufnahmen der Tomatensoße aus Mama Vincents Kochtopf). Donald Pleasence wird von einem Archivmaterial-Pferdewagen überfahren und durch die Stadt geschleift. Die Synthesizer machen hauptsächlich "wuuuh", manchmal auch "miiieh".

Wenig später stapfen diverse Darsteller durchs Grüne und schauen dabei bedröppelt. Berenice läßt die blonde Sklavin gehen. Der Himmel ist blau. Alles wird gut. Wir haben WARRIOR QUEEN überlebt.



Warrior Queen (Italien/England/USA 1987)
Regie: Chuck Vincent
Drehbuch: Rick Marx
Kamera: Lorenzo Battaglia
Musik: Kai Joffee, Ian Shaw
Produktion: Lightning Pictures Inc.
Darsteller: Sybil Danning, Donald Pleasence, Rick Hill


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