2010

Mitunter schafft es das Lexikon des Internationalen Films, seine Warnungen für den Filmfreund abseits des Mainstreams wie eine Empfehlung klingen zu lassen. Zu NIGHTMARE BEACH steht geschrieben: "Motorrad-Rocker, Strandmiezen, blöde Sprüche und in ihrer dumpfen Brutalität schon wieder lächerliche Tötungsszenen garantieren ein gehöriges Quantum an Verdummung." Wow. Das kann man quasi 1:1 auf die DVD-Hülle packen, inklusive dem Hinweis, daß sich hinter dem Namen des Autoren & Regisseurs, "Harry Kirkpatrick", kein geringerer als Umberto Lenzi verbirgt, und schon wandert Geld über den Ladentisch.

WELCOME TO SPRING BREAK, wie der Streifen im Original auch heißt, verbindet zwei lukrative Genres: den Strandfilm und den Slasher. Da geht also ein ominöser Motorradfahrer in Florida umher und bringt diverse Teilnehmer des Spring Breaks um, wenn die nicht gerade halbnackt über den Strand laufen, und es besteht der Verdacht, daß sich hinter dem maskierten Irren der noch vor dem Vorspann auf dem elektrischen Stuhl hingerichtete Motorradrocker Diablo verbirgt, der wegen Mordes angeklagt war. Ein Footballspieler geht der Sache zusammen mit einer Barfrau auf den Grund, nachdem sein bester Freund verschwindet und schwarzgegrillt im Leichenschauhaus auftaucht.


Nun hat die Kombination aus Strand und Horror durchaus Vorteile: Über etwaige Handlungslöcher und langatmige Einführungsszenen kann man schwungvoll mit üppigster Bebilderung schöner, gut gebauter Menschen hinwegtäuschen. Uns Männern fällt dann gar nicht auf, daß die Handlung stockt, solange da ein Wet-T-Shirt-Contest über den Bildschirm flimmert und blonde Mädchen sich in knappsten Bikinis räkeln. Vielleicht habe aber auch nur ich so ein schlichtes Gemüt.

Das soll natürlich nicht heißen, daß nichts passiert. Der finstere Rocker hat eine Spezialvorrichtung hinten auf seinem Motorrad, die quasi auf Knopfdruck zum elektrischen Stuhl umfunktioniert wird, wie eine ahnungslose Anhalterin schon früh feststellen muß. Überhaupt greift der Finsterling vorwiegend zur Elektroschock-Therapie und reißt dafür auch schon mal das Stromkabel aus der Wand, um es einer Frau an den üppigen Funkkopfhörer zu halten. Nur bei einem Opfer, das handlungsmäßig nicht näher identifiziert werden kann, gibt er sich plötzlich sehr viel Mühe: Er schlägt sie mit einem Metallhaken nieder, schleppt sie in eine nahegelegene Fabrik, kettet sie dort an und fährt dann den großen Industrieofen so weit hoch, bis das Mädel in einem garstigen Effekt dahinschmilzt. Während der Täter den ganzen Film über stumm sein Werk verrichtet, darf er doch nach seiner Identifizierung den Helm abnehmen und die Heldin anraunzen: "Du bist eine böse Schlampe."


Mittlerweile ist der Held auf der Flucht vor Polizeichef John Saxon, der, wie sich herausstellt, Diablo nur als Sündenbock für den ungeklärten Mord an der Schwester der Barfrau verwendet hat und selbiges jetzt mit unserem netten Footballspieler vorhat - der den großartigen Plan faßt, daß die Barfrau doch einfach so lange durch die Stadt fahren soll, bis der Mörder auftaucht, und ihn dann per Funk verständigen soll, damit er eiligst herangedüst kommen kann. Unterdessen randalieren die Demons, die stadteigene Rockergang, ein wenig und überfallen das Polizeirevier, wo ein netter Beamter am Telefon einem Anrufer gerade erklärt, daß sowieso alle Streifen gerade damit beschäftigt sind, die Spring-Break-Partymeute in den Griff zu kriegen.

Es ist ein durchaus solider Film, den Lenzi hier präsentiert - ein handwerklich sauberer Slasher, von denen es weitaus schlimmere und langweiligere Exemplare gibt. Einzig die Musik von Ex-Goblin Claudio Simonetti ist grauenhaft: Da wird jedes Auftreten des Killers mit einer Art Power-Synthrock untermalt (vermutlich, weil die Rockergang analog mit ganz bösem Hair Metal inklusive Fliegersirenengesang begleitet wird), der ein wenig so klingt, als gäbe es in einer superduften Teeniekomödie gleich Dresche von dem bösen Dicken.


Aber dennoch ist der Spaß überraschend ansehbar. Das mag nach keiner enorm positiven Empfehlung klingen, aber wenn wir uns bei einem Streifen schwer begeistern, der letztlich schlichtweg okay ist, dann kommt irgendwer noch auf den Gedanken, er müßte NIGHTMARE BEACH auf seine Must-Watch-Top-Priority-Liste setzen.

Und ehrlich, ich hätte es gerne sehr geschickt in das Review eingewoben, daß der Hauptdarsteller Nicolas de Toth der Sohnemann von HOUSE-OF-WAX-Regisseur André de Toth ist, schon kurze Zeit nach NIGHTMARE BEACH seine Schauspielkarriere an den Nagel gehängt hat und heute als Cutter von eher obskuren Streifen wie TERMINATOR 3, STIRB LANGSAM 4 und WOLVERINE seine Brötchen verdient. Aber wo bringe ich diese Info nur sinnvoll unter?
 










Nightmare Beach (Italien 1988)
Originaltitel: Welcome to Spring Break
Regie: "Harry Kirkpatrick" (= Umberto Lenzi)
Drehbuch: "Harry Kirkpatrick" (= Umberto Lenzi)
Darsteller: Nicolas de Toth, Tony Bolano, Sarah Buxton, Paul Gleason, Lance Le Gault, John Saxon

Die deutsche DVD von Eyecatcher Movies wartet mit deutschem und englischem Ton auf und ist ungeschnitten. Diese ungeprüfte und indizierte Fassung kann über den OFDB-Shop erworben werden.


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Man kann nicht behaupten, daß man nicht schon im Vorfeld ausreichend gewarnt wäre: Eine von der niveauschwachen Lisa-Film produzierte, hm, Komödie namens GUMMIBÄRCHEN KÜSST MAN NICHT findet sich auf einer Billigsdorfer-DVD aus der Reihe "Deutsche Kinoklassiker" in einer Libro-Wühlkiste wieder, wo der Spaß nurmehr 50% des üblichen Verkaufspreises von 2 Euro kostet. Wie so oft wagt sich Genzel optimistisch an das Spektakel, damit es sich sonst keiner anschauen muß.

Also: In der 1989 veröffentlichten Lachgranate geht es um die beiden Zwillingsbrüder Thalberg, die für heillose Verwirrung sorgen. Der eine ist ein afrikanischer Abenteurer namens Elefanten-Joe, der andere Pfarrer in der kleinen Gemeinde von San Sebastian. Joe erreicht nun ein Brief von einem ausgewachsenen Sohnemann, von dem er bislang nichts wußte, und so reist er nach San Sebastian, um den Jüngling dort in die Arme schließen zu können, während Söhnlein - der nur ein Photo seines Erzeugers sein Eigen nennt - aufgrund eines hilfreichen Hinweises in die dortige Kirche zu Pfarrer Thalberg geschickt wird. Freilich glauben beide Brüder, daß der jeweils andere verstorben ist. Und schon wird ein verwechslungsreiches Feuerwerk an guter Laune abgefackelt!


Na schön, der letzte Satz war gelogen. Pausieren wir kurz, um über die fast pathologische Faszination mit Verwechslungsgeschichten zu reflektieren, die die deutsch-produzierte Komödie schon seit jeher auszeichnet. Läßt sich hier vielleicht das zutiefst ambivalente (und geschichtlich verwurzelte) Gefühl eines Volkes gegenüber seiner eigenen Identität ableiten? Zeigt sich anhand der Männer im Schnee, der Hotelmanager und Sekretäre, der tollen Tanten und heiteren Hochwürden vielleicht die hierzulande gewonnene Erkenntnis, wie zerbrechlich unsere Rollen im sozialen Gefüge sind, wie konjugierbar unsere Person in den gegebenen Umständen sein kann? Oder ist der Spaßgewinn an Verwechslungen quasi ein Ventil für den Zwang der deutschen Ordentlichkeit, das uns in der Fiktion einen harmlosen Gegenpol zu unserer Alltagsrealität bietet, in der Aufgaben und Handlungszuordnungen uns allzu rigide einschränken? Ich freue mich auf Thesen und Hinweise in der Kommentarsektion.

Mittlerweile ist Sohnemann Tony in San Sebastian angekommen, und zwar zusammen mit seinem flippigen Freund Peter, der aussieht wie Milli und Vanilli zusammen, sowie einer unterwegs aufgegabelten Anhalterin namens Angela, die gerne am Strand tanzt und die Funktion erfüllt, einen Keil zwischen die Freundschaft von Peter und Tony zu treiben, die beide schwer für die gute Frau entflammt sind. Peter macht sich vornehmlich tanzenderweise an Angela heran und trägt dabei gerne eine Art Funk-Walkman mit meterlanger Antenne. Irgendwann findet Angie Peters schmusige Annäherungsversuche aber gar nicht mehr charmant, woraufhin sich Peter trotz ihrer Proteste grob an sie wirft - zum Glück kommt gerade Tony vorbei, der sich schnell mit Peter prügelt, bis der dann sagt, daß er Angela wirklich liebt. Daraufhin läßt Tony locker und zeigt sich großmütig: "Gut, dann kannst du sie haben". Ach ja, die jungen Leute.


Tony ist ja schließlich auch anderweitig beschäftigt mit der Suche nach seinem Vater, und er findet es überhaupt nicht knorke, daß Pfarrer Thalberg vehement bestreitet, einen Sohn zu haben. Weil anderswo Elefanten-Joe mit seinen beiden willigen Hoppelhäschen ausgelassen in der Disco schwoft, spricht sich bald herum, daß sich der Pfarrer nicht seinem Amt gemäß benimmt, woraufhin ein Bischof anreist, um Thalberg die Leviten zu lesen. Tony derweil freut sich, daß sich Joes Bettgenossinnen auch sehr rührend um ihn kümmern, nachdem er die beiden am Strand angequatscht hat. Und vergessen wir nicht die Agentengeschichte rund um eine Reihe wichtiger Dokumente, die dem ahnungslosen Elefanten-Joe zugespielt wurden und nun von Agent 712 wiederbeschafft werden müssen, dessen Auftraggeber flugs einen albernen Jungspacken anheuern, der sich als Joes Sohn ausgeben soll. Spätestens jetzt wird ein verwechslungsreiches Feuerwerk der guten L--- jaja, es wäre schon wieder gelogen.

Von allen Stellen dieses Reviews ist diese hier wohl die geeignetste, um über die Besetzung zu sprechen. Sowohl Joe als auch der Pfarrer werden von Christopher Mitchum gespielt, dem Sohn von Robert Mitchum. Christophers Sohn Bentley wiederum spielt Tony, Elefanten-Joes Sprößling. Was für ein Coup! Eher überraschend ist die Mitwirkung von John Hillerman (der wohl dank des Erfolges von MAGNUM P.I. hier einen Kollegen des Pfarrers spielen darf) und Ernest Borgnine (dessen Mitwirkung in AIRWOLF, kombiniert mit seiner wahrscheinlich unendlichen Gutmütigkeit, sichergestellt hat, daß die Lisa-Film ihn nur kurze Zeit später als Papa von Uschi Glas in TIERÄRZTIN CHRISTINE, Teile 1 + 2, anheuerte). Den tolpatschigen Agenten 712, der gerne von Leitern fällt, seine Kleidung verliert und in eine Seilschlinge stolpert, spielt Art Metrano, der schon als Lt. Mauser in POLICE ACADEMY 2 & 3 viel Sportsgeist bewiesen hat und dementsprechend hier mit den Worten "Er hat mal eine Police Academy geleitet" vorgestellt wird.


Weitere erwähnenswerte Gestalten in der Besetzungsliste sind Robby Rosa, Mitglied von Menudo und Songwriter für Ricky Martin, der als Peter die kreischenden Teenager aus dem Kino ins Kino zieht und auch gleich seine Frau Angela Alvarado mitgebracht hat, die originellerweise die Rolle der Angela übernimmt. Aber wie, eine deutsche Produktion nur mit ausländischer Besetzung? Aber nein! Zum Glück tauchen auch Käte Jaenicke, Jürgen-Drews-Ehefrau Corinna Drews, sowie - den hätten wir ja sonst vermißt - Otto W. Retzer auf. Letzterer spielt diesmal einen Mann mit Glatze.

Und was hat das Ganze jetzt eigentlich mit Gummibärchen zu tun? Na, ist doch klar. Die Operation zur Wiederbeschaffung der Geheimdokumente nennt sich "Operation Gummibärchen". Da hättet ihr aber auch selber drauf kommen können.





Gummibärchen küsst man nicht. (Deutschland 1989)
Regie: Walter Bannert
Drehbuch: Florian Burg
Kamera: Hanus Polak
Darsteller: Christopher Mitchum, Bentley Mitchum, Ernest Borgnine, John Hillerman, Robby Rosa, Angela Alvarado, Käte Jaenicke, Art Metrano, Arthur Brauss, Julia Kent, Otto W. Retzer
FSK: 12


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Eine Nachricht des Trash-affinen Peter L. trifft heute Mittag in meiner Mailbox ein: Wie wäre es denn vor Weihnachten noch mit einem richtig schlechten Fantasy-Film? Aber natürlich, damit kann ich dienen! Wie wäre es denn mit CONQUEST, einem von Splatterfreund Lucio Fulci inszenierten italienisch-spanisch-mexikanischen Barbarenfilm von 1983, der nicht nur im üblichen Fahrwasser von CONAN und AM ANFANG WAR DAS FEUER schwimmt, sondern auch Anleihen bei STAR WARS nimmt?

Die beiden Helden von CONQUEST sind Ilias und Mace, die beide so aussehen, als würden sie jeden Augenblick eine Manowar-Tribute-Band gründen wollen. Ilias wurde von seinen Vorfahren ins Land geschickt, um der Herrschaft der bösen Zauberin Okron eine Ende zu bereiten, und dafür geben ihm die Vorfahren netterweise auch einen Bogen mit. In der Sequenz werden Bilder der redenden Köpfe transparent über Bilder der Landschaft gestellt, was dem Prozedere eventuell eine Art mythischen oder sphärischen Touch verleihen will, aber hauptsächlich dafür sorgt, daß einem die Augen gleich in den ersten paar Minuten wässrig werden.

Lernen wir flugs die Kratzbürste Okron kennen, die von der Barbarenfilm-erfahrenen Sabrina Siani unter dem Namen "Sabrina Sellers" gespielt wird und so böse ist, daß sie den kompletten Film über nackt herumläuft - mal abgesehen von einer Art String-Tanga und einer goldenen Maske, die den kompletten Kopf umgibt! Wenn Okron nicht gerade ekstatisch mit einer Schlange spielt, schickt sie irgendwelche Henchmen los, um Ilias zu finden. Besagte Henchmen sind übrigens Menschen in Hundekopf-Kostümen und sonstigen Fellkreationen, die sicherlich nur deshalb an Chewbacca erinnern, weil ihr Wortschatz ähnlich ausgeprägt ist.


Ilias läuft nun also durch die Gegend und muß, weil sich so ein Bogen wirklich gar nicht als Nahkampfwaffe eignet, auch prompt beim ersten Angriff von Okrons Schergen vom herumziehenden Kämpfer Mace gerettet werden, der ihm dann erklärt, daß er keine Freunde hat. Mace sammelt einen am Boden liegenden Falken auf und pustet ein bißchen auf ihn, woraufhin der Falke sich wieder stolz in die Lüfte schwingt. Ab sofort ist Mace mit allen Tieren dieser Welt befreundet, was später unter anderem dazu führt, daß er von Delphinen aus dem Meer gerettet wird, wo er an ein Kreuz gefesselt hineingefallen ist. Keine Bange, das muß man gar nicht verstehen.

Okron schickt also mehr Fußvolk und Ilias und Mace laufen durch die Gegend - das ist in etwa so aufregend, wie es sich anhört. Fulci und sein Kameramann Alejandro Alonso García fangen alles mit schwelgerischstem Weichzeichner ein, nebeln die Sets zu, drehen entweder im komplett Finstern oder direkt gegen die Sonne. Weil Ilias und Mace ständig halbnackt ihre Muskeln zeigen und sich in malerischen Softfilter-Einstellungen bedeutungsvoll anschauen, knistert den kompletten Film über homoerotische Spannung.


Weil Fulci nach 20 Jahren als Auftragsregisseur 1979 mit der wunderbaren Schlachtplatte ZOMBI 2 sozusagen den Durchbruch erlitt, reichert er auch diese Fantasy-Suppe mit allerlei blutrünstigen Effekten an. Da wird einem Kerl der Kopf aufgeschlagen und dann das Gehirn herausgelutscht, anschließend zerren zwei Fieslinge derart motiviert an den Beinen einer Frau, daß die in der Mitte durchtrennt wird. Ilias wird irgendwann von einem vergifteten Pfeil getroffen, woraufhin sich blutende Eiterbeulen auf seinem Körper zeigen. Sabriana Siani darf sich einen abgetrennten Kopf an die Brüste drücken.

Wenn Ilias übrigens letztendlich doch Pfeil und Bogen einsetzen kann, zeigt sich der Pfeil als leuchtender Neon-Laserpfeil, der flugs ein halbes Dutzend Gegner auf einmal erledigt. Für den STAR-WARS-Gedenkeffekt wurde sicherlich das komplette Visual-FX-Budget verbraucht, weil die herumfliegenden Giftpfeile an einer anderen Stelle schlichtweg ins Bild eingemalte schwarze Striche sind, die eine Reihe von C64-Spielen sehr realistisch aussehen lassen. Erwähnen sollten wir außerdem noch die Synthmucke von Goblin-Musiker Claudio Simonetti, bei der sicherlich nur Pedanten darauf hinweisen werden, daß das kosmische Gefunke rein gar nicht zum Film paßt.

Zum Schluß schickt Okron ihren Metallhenchman Zora gegen Mace in die Schlacht, aber der Blechmann löst sich mit einem genervten Stöhnen einfach nur in Luft auf. Nur wenige Minuten später laufen beide in Hundeform in Richtung Sonnenuntergang. Sicherlich soll unterstrichen werden, daß Okron wirklich eine Bitch ist.

Na bitte, wenn das erledigt ist, dann kann Weihnachten ja kommen. Frohes Fest!





Conquest (Italien/Spanien/Mexiko 1983)
Regie: Lucio Fulci
Drehbuch: Giovanni Di Clemente (Story), Gino Capone, José Antonio de la Loma, Carlos Vasallo (Drehbuch)
Kamera: Alejandro Alonso García
Musik: Claudio Simonetti
Darsteller: "George Rivero" (= Jorge Rivero), Andrea Occhipinti, "Sabrina Sellers" (= Sabrina Siani), Conrado San Martín

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Große Künstler lassen sich durch eine Kleinigkeit wie den eigenen Tod kaum davon abbringen, weiterhin produktiv zu sein. Sei es nun Jimi Hendrix, der uns seit nunmehr 40 Jahren aus anderen Sphären mit stets neuem Material versorgt, oder Tupac Shakur, der auf der anderen Seite viel fleißiger zu sein scheint als noch im Diesseits - der Tod ist kein Hinderungsgrund für neue Veröffentlichungen; wie jüngst auch bei Michael Jackson, der offenbar erst sterben mußte, bevor er sein Comeback-Album endlich fertigstellen konnte. Bei Ray Charles, der uns immerhin auch schon vor 6½ Jahren verlassen hat, hielt sich die Flut nachträglicher CD-Releases bislang in Grenzen: Da gab es bislang nur das sehr durchwachsene Duettalbum GENIUS & FRIENDS (klar an sein letztes Album GENIUS MEETS COMPANY angelehnt) sowie ein halb neueingespieltes Treffen mit der Count Basie Bigband namens RAY SINGS, BASIE SWINGS. Mit RARE GENIUS - THE UNDISCOVERED MASTERS wird nun weiteres Archivmaterial präsentiert - und das ist so gut, daß es die Latte für posthume Veröffentlichungen sehr, sehr hoch legt.

Ein halbes Jahr lang wühlte Concord-Chef John Burk, der als Co-Produzent an GENIUS MEETS COMPANY beteiligt war, durch die Archive von Rays RPM-Studio, in denen hunderte von Songs quer durch die Dekaden lagerten. Die zehn Songs, die er letztendlich ausgegraben hat, stammen aus den Jahren 1972 bis 1995, und es ist ein Tribut an Rays einzigartigen Stil, daß die Stücke, die einen Zeitraum von 23 Jahren umspannen, sich zu einem absolut homogenen Album zusammenfügen.

Vier der Lieder waren bereits fertig, die anderen befanden sich in unterschiedlichen Stadien der Fertigstellung und wurden mit Sessionmusikern ergänzt - teils fehlten nur Schlagzeug und Bass, teilweise aber auch die komplette Band. Burks Verdienst ist es dabei nicht nur, daß er die Nachproduktion so respektvoll angeht, daß man ohne die detaillierten Notizen im Booklet gar nicht wüßte, wo gebastelt werden mußte und wo schon alles an Ort und Stelle war, sondern auch, daß er die Songs tatsächlich danach ausgesucht und sequenziert hat, daß sie ein Ganzes ergeben: Ein neues Ray-Charles-Album mit knapp 42 Minuten Lauflänge, im Gegensatz zu einer ausufernden Ansammlung von unterschiedlichen Einzeltiteln.

Kurz gesagt: Ray ist in Bestform auf allen Stücken. Er bewegt sich auf seine gewohnt souveräne Weise durch Soul, Funk, R&B, Country und andere Genres; er läßt sich von Uptempo-Bläsern vorantreiben, von Streichern einbetten, vom langsamen Blues auffangen, von Freude und Herzschmerz leiten. Und immer ist da seine Stimme, dieses warme Raspeln, die spielerische Phrasierung, mit der er selbst noch seine billigst produzierten Alben hörenswert machte, und die einem auch hier immer so viel mehr erzählt als nur das, was da im Text gesagt wird.

Zu den absoluten Highlights gehört wohl der lässige Funk "I'm Gonna Keep On Singin'", 1995 aufgenommen, mit wunderbarer Begleitung im Stil der Raelettes, tighten Bläsern und einem ausgelassenen Keyboard-Solo von Ray am Ende. Nicht minder fantastisch sind die Balladen "Wheel of Fortune" und "A Little Bitty Tear" - beides im positivsten Sinne des Wortes genau die prächtigen Schmachtfetzen, wie nur Ray sie immer wieder singen konnte, ohne dabei auch nur einen Hauch klebrig zu werden. Bluesgitarrist Keb' Mo' spielt ein Solo mit viel Understatement auf dem erdigen "There'll Be Some Changes Made", aber das Solo von Sessiongitarrist George Doering auf "Isn't It Wonderful" ist ebensowenig zu verachten.

Der letzte Song des Albums ist übrigens nicht aus den RPM-Archiven. Es ist ein Duett mit Johnny Cash, das seit 1981 bei Sony lag und aus unbekannten Gründen nie veröffentlicht wurde. Cash singt Kris Kristoffersons "Why Me, Lord?", Ray spielt dazu Piano und singt Backup, und während durch den Fokus auf Cashs Stimme der Song zunächst wie ein reiner Johnny-Cash-Song wirkt, braucht man sich nur im Vergleich Kristoffersons Original anzuhören, um dann hier Rays R&B-Piano sofort herausstechen zu hören. "I have prayed for a record like this for 25 years", schreibt Cash in einem im Booklet abgedruckten Brief an Ray.

Ehrlich: RARE GENIUS ist ein vollwertiges Ray-Charles-Album, das ohne Probleme Seite an Seite mit vielen seiner anderen Aufnahmen stehen kann. Und dann stellt sich die Frage, ob es denn gierig wäre, sich über weitere etwaige Schätze in Rays Archiven Gedanken zu machen ...?




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Leslie Nielsen ist im Alter von 84 Jahren an den Folgen einer Lungenentzündung gestorben. Ich schlage vor, heute abend entweder DIE NACKTE KANONE oder DIE UNGLAUBLICHE REISE IN EINEM VERRÜCKTEN FLUGZEUG anzusehen und dabei ein Gläschen auf Leslie zu trinken. Kaum ein anderer hat uns so oft dazu gebracht, unkontrolliert Tränen zu lachen.
Dabei war er eigentlich jahrzehntelang als ernsthafter Schauspieler unterwegs: Als Kommandant in ALARM IM WELTALL, als Kapitän in DIE HÖLLENFAHRT DER POSEIDON, in zig amerikanischen Fernsehserien. Und fairerweise muß man sagen, daß es genau die Tatsache war, daß er nicht wahnsinnig gut war in diesen ernsthaften Rollen, die den Grundstein für seine späte Karriere als Komiker gelegt hat: Das ZAZ-Team erklärt auf dem Audiokommentar zu DIE UNGLAUBLICHE REISE etc., daß sie Nielsen (und auch Peter Graves) genau deswegen besetzt haben, weil er stocksteif und mit größtem Ernst den letzten Unsinn von sich geben kann. So war es denn auch immer erheiternd, ihn in alten Filmen zu erspähen: Fast reflexartig muß man schmunzeln, weil exakt dieses Spiel später in den Komödien so brillant eingesetzt wurde - keine Miene verziehen, ein bedeutungsvoller Blick, den Körper schnurgerade und ernst den Text vortragen, ob es nun B-Movie-Blödsinn oder dramatisches Gold ist. All das bedeutet natürlich keinesfalls, daß wir Leslie nicht immer gerne gesehen haben.


Aber seine Hinterlassenschaft ist seine zweite Karriere, wo die Welt rund um Leslie im Chaos versank, Filmkonventionen bloßgestellt und Kalauer gerissen wurden, und wo die zentrale Figur dabei nicht merkte, daß sie selbst das ganze Unheil anrichtete, und dabei auch nicht den Hauch einer Ahnung hatte, daß irgendetwas davon komisch sein könnte. Die Brillanz von DIE UNGLAUBLICHE REISE und der NACKTE-KANONE-Trilogie (inklusive der vorangegangenen, damals noch gefloppten Fernsehserie POLICE SQUAD!) erreichte keiner der späteren Filme, die sich gerne an diese Erfolge anhängten und nie die Klasse dieser Streifen erreichten - das schaffte nicht einmal KANONE-Regisseur David Zucker selber mit seinen späteren Filmen SCARY MOVIE 3 & 4. Aber Leslie selbst war immer wunderbar anzusehen, wie er den letzten Unfug spricht und sich wahrlich für nichts zu blöd ist - ob nun im größtenteils müden AGENT 00, im bemühten MR. MAGOO, oder im durchaus amüsanten SEHR VERDÄCHTIG, wo eine Dame ihn darauf hinweist, daß er gerade zum Hinterteil ihres langhaarigen Hundes spricht, und er mit patentiertem Nielsen-Nullausdruck erwidert: "Dann wird er das Leckerchen wohl gar nicht mögen, das ich ihm grad gegeben habe."
Wenn man genau hinsieht, merkt man, wie exakt sein Timing dabei immer ist - da sitzt jeder Witz mit Präzision. Es ist also kein absoluter Zufall, daß er so komisch wirkt, und auch kein Vergnügen am Unvermögen: Der Effekt mag etwas mit einer gewissen Hölzernheit beim Spiel zu tun haben, aber den Einsatz des Effektes hatte Leslie souverän in der Hand. Und wenn man liest, daß er vor ein paar Jahren auf der Bühne mit dem dramatischen Einpersonenstück CLARENCE DARROW viel Lob und Applaus erntete, kann man durchaus ahnen, daß er mehr konnte, als man größtenteils gesehen hat. Vielleicht ist Nielsen da am ehesten mit Shatner zu vergleichen, dessen frühe dramatische Rollen auch gerne mal steif wirkten, und der jetzt in seinen späteren Jahren mit Selbstironie punktet und dann doch schauspielerisch noch Erstaunliches zeigt.
Egal. Wir ziehen den Hut vor Leslie und lachen immer wieder gerne mit ihm und seinen wunderbaren Figuren.
Ich darf noch auf den schönen Nachruf von Craig Mazin verweisen, der an drei von Leslies späten Projekten gearbeitet hat - als Co-Autor von SCARY MOVIE 3 & 4 und als Autor & Regisseur von SUPERHERO MOVIE. Craig schreibt:
He was a gentleman, a man’s man from an era that’s sadly bygone. Even in his old age, he was tall, broad and strong. He treated everyone with kindness. It didn’t matter that I was the new guy. It didn’t matter that I was the four thousandth director that had come and gone for him. It didn’t matter that he had achieved more in his career than I could ever hope to in ten lifetimes.
It didn’t matter that I asked him to do and say things no octagenarian should do or say.
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Vor wenigen Tagen ist auf der Website "Unfilmable" ein neues Interview mit Richard Stanley online gegangen: hier lesen.

Die Stanley-News in Kurzfassung: Er hat gerade in den Pyrenäen mit Catriona MacColl (aus den Fulci-Klassikern L'ALDILA, DAS HAUS AN DER FRIEDHOFSMAUER und EIN ZOMBIE HING AM GLOCKENSEIL!) einen Kurzfilm namens THE MOTHER OF TOADS gedreht. Der Film wird ein Teil des Episodenfilms THE THEATRE BIZARRE, für den auch Buddy Giovinazzo (Regisseur von COMBAT SHOCK), Tom Savini, Karim Hussain (Regisseur von SUBCONSCIOUS CRUELTY, der uns in der Doku IN THE BELLY OF THE BEAST begegnet ist), und die mir unbekannten Regisseure Douglas Buck und David Gregory Segmente inszenieren.

THE VIY, die Adaption des Romans von Nikolai Gogol, scheint nicht zustandezukommen ("I suspect that my take on the vampire myth, that it has its basis in an ancient blood libel dating back to a genocidal medieval conflict between Christianity and Islam, was perhaps a little too close to the bone for the backers"), aber dafür schreibt er ein Drehbuch für Regisseur Nacho Cerda (der mit seinem Film AFTERMATH ebenso in der obengenannten Doku vertreten war).

Für Vincenzo Natali (CUBE) adaptiert Stanley gerade den Roman HIGH RISE von J.G. Ballard.

VACATION, Stanleys neuer Spielfilm, der immer wieder verschoben wird, soll im Februar 2011 gedreht werden. ("With luck and the grace of God, Inshallah, I hope to be back behind the camera as a fully fledged writer-director hyphenate before too very long.")

Und Werbung für seine Esoterikforschungen "Terra Umbra" macht Stanley auch in gewohnter Manier:
In the summer of 2007 an event took place that shattered my former view of the world and my position in it, propelling me into a series of adventures so bizarre and unlikely that I realized I would never be able to place the facts before the public without first presenting the necessary evidence to support and contextualize my claims. The ongoing project known as 'Terra Umbra – Empire of Shadows' is an attempt to collate and organize the vast and unruly body of data gathered in over two decades of research into the ongoing events in the area we know as the 'Zone' and the physical reality of the so-called 'otherworld'.
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Heute sehe ich auf einem dieser schönen Schnellnews-Bildschirme, die sich an öffentlichen Plätzen gerne finden, eine bemerkenswerte Schlagzeile:

David Hasselhoff platzte auf der Autobahn nach Salzburg ein Reifen.

Ja, das ist auch schon das Ende der Nachricht. Hasselhoff ist nämlich gerade in Österreich, um Vorbereitungen für Konzerte im nächsten Februar zu treffen. Und da hatte er auf der Autobahn halt eine Reifenpanne. (Wie Die Presse berichtet bzw. von Ö3 wiedergibt, ist er nicht selber gefahren.)

Schwer zu sagen, was witziger ist - die Tatsache, daß da der Mann, den wir alle als den coolen Fahrer des Superautos aus den 80'ern kennen, hier bei uns eine Reifenpanne hat, oder die Tatsache, daß das tatsächlich für eine Newsmeldung ausreicht.

Natürlich habe ich die Nachricht sogleich an meinen Bekanntenkreis weitergeleitet, wobei ich euch die schönsten Rückmeldungen nicht vorenthalten möchte:
Fuck!
-- Peter L., für den offenbar ein Jugendidol demontiert wurde.

Ups.
-- Mama Genzel, die die Lage nüchtern auf den Punkt bringt.

:-D!
-- Thomas N., dem man nur zustimmen kann.

Da hat er es mit dem Turboboost wohl ein wenig übertrieben.
-- Kollege Schwarz, immer noch in den Achtzigern zuhause.

Tja, da sieht man mal, welch großen Stellenwert The Hoff in Ö hat! Beim Landeshauptmann hätten's das net erwähnt.
-- Der ehrenwerte Ef, der die österreichischen Medien absolut durchschaut hat.
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"Help me! There's an egg in here!!"

Ahh, italienisches Genreschaffen: Stets am Puls der Zeit, sozusagen. Nachdem Ridley Scotts ALIEN 1979 die Kinos stürmte, rumpelte im mediterranen Klima sofort die kreative Maschinerie, die sich an den SF-Erfolg anhängen wollte. So wurde Luigi Cozzis Horrorstreifen rund um grüne explodierende Alieneier nicht nur unter dem ursprünglichen Titel CONTAMINATION, sondern auch als ALIEN ARRIVA SULLA TERRA oder als ALIEN CONTAMINATION ausgewertet - freilich nichts davon so klangvoll wie der deutsche Titel: ASTARON - BRUT DES SCHRECKENS. Grusel.

Fairerweise darf zugegeben werden, daß der Film jenseits von außerirdischen Eiern und aufplatzenden Menschen nichts von Scotts Film entlehnt. Die Geschichte beginnt im New Yorker Hafen, wo ein Geisterschiff einläuft (die sind das ja gewöhnt, wo doch nur ein Jahr zuvor Lucio Fulcis ZOMBIE schon dort ein Geisterschiff einlaufen ließ). An Bord befinden sich ein paar Leichen, die aussehen, als seien sie von innen explodiert, und diverse Paletten mit Kisten eines Kaffeefabrikanten. In den Kisten allerdings liegen grüne Eier, die ein bißchen wie Avocados aussehen, wenn sie nicht gerade von innen leuchten und mit merkwürdigem Geräusch pulsieren. "Plopp", sagt auch schon das erste Ei, als es ein Mitglied des Quarantäne-Teams hochhebt, und spritzt giftigen Schleim auf alle herumstehenden Personen, deren Körper sofort geräuschvoll und hochblutig von innen heraus explodieren. Na wäh.

Nur ein Polizist überlebt, und der wird sogleich in ein flott eingerichtetes Geheimlabor verfrachtet, wo ein weiblicher Colonel (wie gendert man da? Colonelin? Coloneliese? Colonella?) namens Stella Holmes die Untersuchungen leitet. Ein Wissenschaftler entnimmt zu Demonstrationszwecken einem Ei ein wenig Flüssigkeit und spritzt diese in eine Laborratte, die nur wenige Sekunden später ebenso "plopp" sagt. Das Spezialteam steht dazu ein wenig herum wie bestellt und nicht abgeholt, bis dann der nette Polizist zusammen mit der Colonelulu auf den zündenden Gedanken kommt, sich einmal das Warenhaus anzusehen, wo die Schiffsladung hingeliefert hätte werden sollen. Da liegen nicht nur viele weitere Eier herum, es tummeln sich dort auch drei finstere Gesellen, die erst ein wenig auf die Polizei schießen und dann Selbstmord begehen (indem sie auf die herumliegenden Eier schießen, deren Schleim dann auf sie spritzt). Frau Holmes ordnet mit besorgtem Gesicht an, sämtliche Eier mit dem Flammenwerfer abzufackeln.

Plötzlich hat die Coloneleuse einen weiteren Einfall. Sie erinnert sich nämlich nun daran, wie einer der beiden Astronauten der letzten Marsmission etwas von Eiern gefaselt hat (woraufhin sie sich dafür eingesetzt hat, den Mann wegen Unzurechnungsfähigkeit feuern zu lassen). Äh, Marsmission? Aber hallo! Der Mann, Commander Hubbard, lebt nun zurückgezogen und gibt sich seinem Alkoholproblem hin, aber Frau Colonel spürt ihn auf und zeigt ihm Photos der Eier. Sofortige Flashbacks einer grell leuchtenden Höhle stürzen auf den Astronauten herein. "Ja, die Eier, die ich gesehen habe, waren grün, genau wie auf Ihren Photos", bestätigt er, und Colonel Holmes ist entweder zu aufgeregt oder zu höflich, um ihn darauf hinzuweisen, daß die gezeigten Photos schwarz-weiß sind.

Nachdem Stella kurz die Männlichkeit des Astronauten in Frage stellt und dafür von ihm eine geschallert kriegt ("Nur, damit wir uns verstehen!", sagt er, woraufhin sie ihn zufrieden anlächelt: "Ja, wir verstehen uns"), reisen die beiden mitsamt dem Polizisten nach Südamerika, wo die Kaffeefabrik ansässig ist, die die Kisten verschickt hat. Kaum angekommen, wird auch sogleich ein fieser Mordanschlag auf Colonel Holmes verübt: Während sie duscht, plaziert jemand heimlich ein Alienei in ihrem Badezimmer und schließt dann von außen die Tür ab. Deswegen poltert sie dann auch an die Tür und ruft, "Helft mir, hier drin ist ein Ei!", und zum Glück kommt der nette Astronaut gerade vorbei und bricht die Tür auf, bevor das Ei explodiert.

Wir sehen auch die Drahtzieher der Aktion: Astronaut Hamilton (Siegfried Rauch!), der seinerzeit mit Hubbard in der Marshöhle war, später dann aussagte, daß darin keine Eier waren, und seitdem als verstorben gilt (meine Zusammenfassung täuscht die Kausalität nur vor), und seine Gehilfin Perla de la Cruz (Gisela Hahn!). Hamilton kriegt Kopfschmerzen, weil er telepathisch mit dem explodierenden Ei verbunden ist, und informiert Perla darüber, daß sie umsonst ein Opfer gebracht haben. Tipp für heranwachsende Bösewichter: Pistolen funktionieren schneller und direkter als Alieneier.

Holmes und der Polizist besuchen nun die Kaffeefabrik und lassen sich herumführen, während Astronaut Hubbard sich mit einem Sportflieger die Gegend anschaut und leider abstürzt. Glücklicherweise landet er in dem Feld, wo die Alieneier angebaut werden, und kann einen der Männer überwältigen, die gerade beim Pflücken sind (in exakt solchen Schutzanzügen, wie sie dem Quarantäneteam in New York auch nicht geholfen haben). Derweil - es wird dramatisch! - wurden Holmes und der Cop in der Fabrik gefangengenommen. Die beiden werden aber nicht etwa umgebracht, sondern werden von Hamilton persönlich abgeholt.

Hamilton: It's time for you to come.
Holmes: Where?
Hamilton: To the cyclops.
Holmes: The cyclops?
Hamilton: Yes. The cyclops.

Oh ja, im Inneren der Fabrik lebt ein Alienzyklop, der mit seinem gelb leuchtenden Auge Gedankenkontrolle über alle ausübt, die vor ihn treten. Den Cop zermalmt er auch gleich mit einem Tentakel und saugt ihn anschließend - schlupp! - ein. Dann will er auch Colonelly abfrühstücken, aber da erscheint Hubbard mit Perla als Geisel. Hamilton erschießt Perla, und Hubbard schießt dafür dem Zyklop eine Leuchtrakete mitten ins Auge, woraufhin dem Kaffeeexport ein schnelles Ende bereitet wird - freilich nicht, bevor nicht Hamilton in sehr langsamer Zeitlupe explodiert.

In der Aufregung haben wir ganz vergessen, den Plan des Aliens zu erwähnen: Wie jedes Lebewesen will es sich bzw. seine Spezies um jeden Preis ausbreiten. Womit die komplette Operation mitsamt mehrerer Dutzend schwerbewaffneter Henchmen bezahlt wurde, wissen wir leider nicht - oder wurde in der Fabrik vielleicht doch nebenher noch Kaffee hergestellt?

"Not a good movie but still hard to resist", schreibt mein treues Lexikon SCI-FI ON TAPE. Dem ist nichts hinzuzufügen.





Astraron - Brut des Schreckens (Italien/Deutschland 1980)
Originaltitel: Contamination
Regie: "Lewis Coates" (= Luigi Cozzi)
Drehbuch: "Lewis Coates" (= Luigi Cozzi) & Erich Tomek
Darsteller: Ian McCulloch, Louise Marleau, Marino Masé, Siegfried Rauch, Gisela Hahn


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I, ROBOT (2004). Ich mag Alex Proyas, auch wenn nicht alle seine Filme gleich stark sind - aber mir gefällt die Ambition, in großangelegten Genre-Blockbustern philosophische Konzepte zu thematisieren und das mit der großen Skala zu verknüpfen. I, ROBOT basiert auf Isaac Asimov und stellt die Frage, was einen Menschen ausmacht: Im Jahr 2035 verrichten menschenähnliche Roboter für uns alle niederen Aufgaben - bis sie durch Evolution eine Bewußtseinsstufe erreichen, bei der sie sich über unsere Befehle hinwegsetzen können.

Nein, perfekt ist der Film bei weitem nicht. Hauptproblem sind die CGI-Animationen, die alles nach Trickfilm aussehen lassen: Keine der Roboterbewegungen und keine der Actionsequenzen vermittelt irgendein Gefühl für Physikalität, für Gewicht und Körperlichkeit, für Aktionen und Reaktionen. Alles springt heiter umher, ohne dabei im geringsten Sinne glaubwürdig zu wirken. Das unterminiert natürlich die Effektivität der Geschichte, deren Schauwerte ja eigentlich mehr mitreißen sollen, als sie es letzten Endes tun. Und obwohl ich Will Smith mag, ist er kaum die richtige Besetzung für den anachronistischen Maschinenhasser, der lieber noch selber Auto fährt und keinem Gerät traut, das mit ihm redet - da hätte es einen kantigeren und weniger strahlenden Darsteller gebraucht als Will Smith, der immer ein wenig zu lässig wirkt und einfach nicht der Typ ist, dem man unbedingt abkauft, daß etwas an ihm nagt oder ihm etwas an die Nieren geht.

Trotzdem ist I, ROBOT nicht uninteressant. Die Gegenüberstellungen von Künstlicher Schaffung und Evolution, von kalter Logik und der Sinnhaftigkeit der Unvernunft, von politischen und religiösen Motiven werfen durchaus einige spannende Ideen auf. Der schönste Austausch im Film ist der, als Will Smith mit einem Roboter über dessen Beschränkungen diskutiert. "Können Roboter eine Sinfonie komponieren, oder eine Leinwand in ein großes Meisterwerk verwandeln?", will er wissen. Der Roboter schaut ihn neugierig an: "Können Sie das denn?"



DAS DING AUS EINER ANDEREN WELT (1982). John Carpenters vermutlich bester Film. Vielleicht wäre das auch ASSAULT ON PRECINCT 13, aber wahrscheinlich ist es der hier. Perfekter Terror. Was braucht man noch dazu zu sagen?

Außer vielleicht: Wie großartig und fantastisch schaut der Film doch jetzt auf BluRay aus. Die weiten Bilder strahlen absolut sauber und scharf. Die Bildqualität ist besser als bei BIG TROUBLE IN LITTLE CHINA auf BluRay, der ja auch schon richtig schön aussah. Aber der hier, der ist in Blu nochmal ein ganz anderes Biest: Er wirkt.

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Unlängst habe ich hier die Single "One Night Stand" von alCREWholic feat. Nash vorgestellt und dazu Thomas Nash interviewt (hier). Mittlerweile gibt's das Video auch auf GoTV zu sehen. Jetzt verlose ich zwei Exemplare der Single, die immerhin mit 6 Versionen des Songs aufwarten kann - darunter der exotische "Kamasutra Mix" von Nash selbst, der aus dem lässigen Reggae-Groove einen hypnotischen, dichten Trance werden läßt. Lohnt sich!

Was müßt ihr tun, um die Single zu gewinnen? Ganz einfach: Ihr schreibt ein eMail an christian PUNKT genzel AT ghostlightproductions PUNKT de (ohne Leerzeichen, richtige Zeichen einfügen! Richtig, ich mag keine Spambots) mit der Betreffzeile "One Nash Stand", eurem Namen und eurer Postadresse, und einer kurzen Info, welchen Film ihr gerne mal in meiner Sparte "Stranger than Cinema" von mir begutachtet sehen wollen würdet. Aus den Einsendungen wähle ich dann zwei Gewinner aus, die sich auf die alCREWholic-Single freuen dürfen. (Eure Daten werden übrigens in keiner Form weitergegeben oder von mir anderweitig verwendet.)

Einsendeschluß ist der 15. November 2010.





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TERMINATOR: DIE ERLÖSUNG (2009). Wir erinnern uns: Der war schon im Kino eine fürchterliche Enttäuschung (hier mein Review). Und jetzt, mit etwas Abstand, wenig Erwartung und auf schnuckeliger BluRay? Kaum einen Funken besser. An diesem Film ist immer noch so viel im Argen: Ständige Action mit minimalstem Plot und noch weniger Figurenentwicklung; die unreflektierte Zeichnung des gesamten Widerstandes als komplett militärische Organisation (wieviel interessanter wäre es doch gewesen, völlig normalen Menschen dabei zuzusehen, wie sie sich aus der Auswegslosigkeit herauskämpfen und lernen, mit der veränderten Welt und ihren Gegnern fertigzuwerden); Ton- und Stilbruch mit den Vorgängern (hier regiert der emotionslose Krieg); Endzeit- und Kriegsfilmsituationen von der Stange (Streit mit dem Vorgesetzten! Herumstreunernde Gangs greifen unsere Helden an!); und obendrauf jede Menge Logik- und Glaubwürdigkeitsbrüche. Nochmal ein paar Punkte zum Nachhaken:
  • Woher weiß Skynet, daß Kyle Reese wichtig ist? Woher weiß Skynet, daß John Connor wichtig ist, wenn er ja noch gar nicht Anführer des Widerstandes ist?
  • Wenn Skynet weiß, daß Kyle Reese wichtig ist, warum bringen sie ihn dann nicht einfach um, anstatt ihn nur als Köder für John Connor zu verwenden?
  • Wenn Skynet unbedingt John Connor vernichten will, warum schickt es dann einen einsamen Terminator gegen ihn ins Feld, sobald er im Skynet-HQ gesichtet wird, anstatt der Angelegenheit einfach mit zwei Dutzend Robotern ein flottes Ende zu bereiten?
  • Warum werfen die Terminatoren ihre Gegner beständig durch die Luft, anstatt ihnen einfach die Waffen wegzunehmen und sie damit dann zu erledigen?
  • Wenn Skynet einen so menschlich erscheinenden Cyborg wie Marcus basteln kann, warum müht es sich dann noch mit der Konstruktion eines sperrigen T-800 ab?
Und so weiter und so fort. Klar, schreit da jetzt irgendwer, da darf man eben nicht nachdenken und muß die Action genießen! Aber sorry: Die vorigen Parts waren so gut, eben weil sie sich dem Gehirn nicht verweigert haben.

Natürlich schaut die BluRay fantastisch aus, und somit bleiben 2 Stunden technisch perfekter Dauerkrawall.


DER SOLDAT JAMES RYAN (1998). Ich habe ihn damals im Kino gesehen und seitdem nicht wieder, aber er ist mir stark im Kopf geblieben. Und jetzt auf BluRay: Was für ein großartiger, aufregender Transfer. Das Bild ist nicht nur gestochen scharf und behält trotzdem das ganze Korn drin, daß in Janusz Kaminskis grandiosen Bildern so gekonnt eingesetzt wird, sondern wirkt mitunter absolut echt. Plastisch, zum Anfassen. Man spürt fast die Oberfläche der Dinge, die man sieht.

Und natürlich ist mit einem so brillanten Transfer die Filmerfahrung umso packender und nahegehender. Die berühmte erste knappe halbe Stunde, in der Spielberg die Landung in der Normandie als unüberschaubares Chaos aus Gewalt und Rauch nachstellt, geht gewaltig an die Nieren. Was den blanken Irrsinn des Krieges angeht, hat wohl kein Filmemacher eine greifbarere Annäherung daran geschaffen - weder Kubrick (der die Unmenschlichkeit des Krieges messerscharf eingefangen hat) noch Cimino (der seine zerstörerische Kraft auch außerhalb des Schlachtfeldes spürbar werden ließ) noch Coppola (der so fiebrig in seine sinnlose Absurdität eingetaucht ist) und all die anderen Filmemacher, die mitunter so großartige Filme darüber gemacht haben. In Spielbergs D-Day ist der mörderische Wahnsinn physisch spürbar und der Hohn eines etwaigen "taktischen Vorgehens" völlig bloßgestellt. Diese Schlacht, mit allen filmischen Kunstgriffen ins Leben gerufen, ist der blanke Horror und gleichzeitig so unendlich traurig.

Danach gibt es natürlich dennoch einen narrativen Faden, der uns den Krieg über eine Gruppe von Figuren und ihre Mission erzählt: Die Truppe von Tom Hanks wird losgeschickt, James Ryan zu finden und nach Hause zu bringen, weil seine drei Brüder schon gefallen sind und die obere Befehlsriege findet, daß es schlecht aussähe, wenn es den vierten auch noch träfe. So aufregend und packend der Film auch inszeniert war, so nagend war damals doch ein wenig die Enttäuschung darüber, daß der Streifen hier doch in die eher altmodische Struktur einer "Einheit auf besonderer Mission"-Geschichte zurückfällt. Beim jetzigen Ansehen wird aber klar, wie spannend die Diskrepanz zwischen dem klassischen narrativen Faden und der taktischen bzw. mathematischen Sinnlosigkeit des Unterfangens ist: Wieso setzt man das Leben von acht Soldaten aufs Spiel, um einen zu retten? Und was macht James Ryan so besonders? Anhand dieser beständigen Reibung schafft es Spielberg, über die Rolle des Individuums in einem vernichtenden System zu reflektieren, und er feiert letzten Endes die Wichtigkeit jeder einzelnen Person mit einem Gedanken, der auch in STAR TREK II & III einer ganz anderen Geschichte angeschnitten wurde: Das Wohl eines Einzelnen wiegt manchmal schwerer als das Wohl von Vielen. Nach der unmenschlichen Massenvernichtung der Anfangssequenz will uns der Film erinnern, daß die Opfer des Krieges nicht Zahlen und Einheiten sind, sondern Individuen.

So betrachtet sehe ich dem Film mittlerweile auch eher den Schluß nach, wo ein alter James Ryan in der Jetztzeit auf dem Arlington-Friedhof vor wehender US-Flagge am Grab des Captains salutiert. Sicher, die Sequenz übernimmt den militärischen Gestus völlig unkritisch in die Jetztzeit - als würde das Militär keine Rolle im Horror des Krieges spielen - aber gemeint ist es freilich als Ehrerbietung auf persönlicher Ebene, wo ein alter Mann in einer Geste seinen Dank zeigt und sich gleichzeitig fragt, ob sein Leben es denn wert gewesen ist, gerettet zu werden, beziehungsweise, ob er diesem Geschenk gerecht wurde. "Earn it", hatte ihm Tom Hanks noch aufgetragen, und Ryans Familie im Hintergrund läßt erahnen, daß er das ihm gegebene Leben genutzt hat.

Ohne Zweifel einer von Spielbergs Besten - in einer Filmographie, die nicht gerade wenig Großtaten aufweist.

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Moviehole berichtet, daß Carpenter als nächstes einen Film namens DARKCHYLDE drehen wird. Es handelt sich dabei um die Verfilmung eines Comics - Verzeihung, natürlich ein Graphic Novel! - das von einem jungen Mädchen handelt, dessen Alpträume in die Wirklichkeit einfallen und die selbst zu einer der Kreaturen ihrer Träume werden muß, um diese zu bekämpfen.

Auf darkchylde.com gibt's auch ein Poster:


Und so sieht der Comic - Verzeihung, das Graphic Novel! - aus:


Sehr schön, da freuen wir uns doch drauf. Carpenters neuer Film THE WARD, in dem Amber Heard als Insassin einer Nervenheilanstalt von einem bösen Geist heimgesucht wird, ist ja mittlerweile abgedreht und hatte schon auf dem Filmfest in Toronto Premiere. Es ist Carpenters erster Kinofilm seit GHOSTS OF MARS von 2001 (dessen Fans sich wohl an einer Hand abzählen lassen können, wobei ich vielleicht für zwei Finger zähle), dazwischen hat er nur zwei Episoden für die TV-Anthologie MASTERS OF HORROR gedreht. Höchste Zeit, daß der Meister wieder die Leinwand heimsucht!

In der Zwischenzeit läutet die Writer's Guild of America ihre Interviewreihe "The Masters" mit einem kleinen Gespräch mit Carpenter ein: Hier. Auszug:
So when you look back at your movies –

Oh God, I don’t want to see them. I hate them all. I look at them again and I say, “What was I thinking? Why is this so slow? Why didn’t I do this? Why didn’t I shoot coverage on that scene and make it go quicker?” I can’t watch.

And do you feel the same way about your old scripts?

The opposite! I read a script and I think, “Wow, that was pretty good.” Much better than how I remember it.
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BRIGHT YOUNG THINGS (2003). Das Regiedebüt von Stephen Fry. "Bright Young People" wurden in den Dreißiger Jahren in England die jungen Reichen genannt, die von Party zu Party gehetzt sind und ihr Leben in einem dauernden Feierzustand verbrachten - gefreut hat's vor allem die britischen Journalisten, die ihre Klatschspalten mit den Exzessen und Fehltritten üppigst füllen konnten. Evelyn Waugh hat seinerzeit einen Roman über die ausgelassenen Paris-Hilton-Vorgänger geschrieben: VILE BODIES, und auf dem basiert dieser Film. Darin muß ein aufstrebender Jungautor, gespielt von Stephen Campbell Moore, sich als Tratschjournalist über Wasser halten, damit er endlich genug finanzielle Sicherheit zusammenkriegt, um seiner Freundin einen Heiratsantrag machen zu können.

Allein für das Ensemble lohnt sich das Ansehen: Emily Mortimer (die sich bei der Wahl zwischen finanzieller Sicherheit und wahrer Liebe hauptsächlich für ersteres entscheidet, weil arm sein ziemlich langweilig ist), Michael Sheen (als dauerstrahlender Schönling, der beim Besuch einer in die Nervenheilanstalt eingelieferten Freundin auch gleich Schallplatten für die nächste Party mitbringt), Jim Broadbent (als ständig betrunkener Major, der unserem Helden verspricht, sein Geld auf der Pferderennbahn sicher anlegen zu können), Peter O'Toole (als Vater von Emily Mortimer, bei dem man sich nicht ganz sicher ist, ob er schwer-von-Begriff spielt oder schon verwirrt ist - er stellt dem jungen Helden einen großzügigen Scheck aus, den er mit "Charlie Chaplin" unterschreibt), und Dan Aykroyd (als herumbellender Chef der Klatschzeitung, der nach erlogenem Skandalreport zwar verklagt wird, aber sich gar nicht daran stört, weil gleichzeitig die Auflage auf 100.000 Exemplare gestiegen ist) sind allesamt wunderbar.

Stephen Fry nimmt (wie die Buchvorlage auch) nicht nur die Partygesellschaft satirisch aufs Korn - da schleusen sich die Unterhaltungshungrigen als "Team" eines Rennfahrers in die Boxen ein, ruinieren ihm dann Wettkampf und Rennauto, und weisen seine Empörung dann zurück, indem sie ihm sagen, er solle nicht so ein langweiliger Spießer sein - sondern läßt auch der Einsamkeit und Leere unter dem dauernden Feiern Raum: In einem großartigen Monolog listet der Held völlig ermüdet minutenlang sämtliche Arten und Lokalitäten von Parties auf, die die ganze Zeit über stattgefunden haben. Und der schräge britische Witz und die feinen Dialoge machen auch Spaß: Da "verkauft" der junge Journalist Emily Mortimer an seinem Rivalen, damit er die Hotelrechnung bezahlen kann, und ruft sie dann an: "The most extraordinary thing just happened".


CRITICAL CARE (1997) von Sidney Lumet. Eine ganz eigene Mischung aus Satire auf das Gesundheitssystem und Debatte über Sterbehilfe: Ein junger Arzt (James Spader) gerät zwischen zwei Schwestern, die darüber streiten, ob ihr Vater im Krankenhaus künstlich am Leben erhalten werden soll oder nicht. Es stellt sich heraus, daß es beiden allein um die Erbschaft geht, die abhängig vom Zeitpunkt seines Todes - jetzt oder erst in einem Monat - entweder die eine oder die andere Schwester zur Alleinerbin von 10 Millionen Dollar macht. Da bleibt einem gerne mal das Lachen im Hals stecken - vor allem, wenn der senile Chefarzt Dr. Butz auftaucht (Albert Brooks), der sich den Tag über mit Whiskey vollaufen läßt, kein Kurzzeitgedächtnis mehr hat, und Spader erklärt, daß sie die Patienten natürlich so lange am Leben halten, wie die Krankenversicherungen zahlen. Umgekehrt erläutert er seinen Plan, wie er irgendwann friedlich zuhause sterben kann: Er ist gar nicht krankenversichert, weswegen er auch sicherlich nie an irgendeine Maschine angeschlossen wird. Als ein junger Schwarzer mit Kopfverletzung eingeliefert wird, versagt ihm Butz die ärztliche Behandlung, als sich herausstellt, daß der Knabe nicht versichert ist: "Amerika ist eine Dienstleistungsgesellschaft, und für Dienstleistungen muß man zahlen. Ein Gärtner mäht dir ja auch nicht den Rasen, wenn du ihn nicht dafür bezahlst." In der Rechtsabteilung verdreht der Jurist derweil die Augen über den idealistischen Doktor, dem eingebleut wird, ja nie irgendeine medizinische Einschätzung zu geben, weil das Krankenhaus ja dafür verklagt werden könnte: "I wish they would teach you more about litigation in medical school".

Zwischen den satirischen Spitzen und der Farce-Konstruktion (Butz läßt Spader andauernd in sein Büro rufen und fragt ihn dann dort, warum er ihn besucht) sind dramatische Sequenzen nicht nur um den dahinsiechenden Vater, sondern auch um einen anderen Patienten (Jeffrey Wright), der am Dialysegerät hängt und darum bittet, endlich sterben zu dürfen. Und wenn es schon um Leben und Tod geht, sind auch metaphysische Elemente erlaubt: Wright spricht mit dem Teufel (Wallace Shawn), der ihm erklärt, daß sich kein Mensch um die Sterbenden kümmert, weil es bei ihnen nichts mehr zu holen gibt, und Spader spricht an einer Stelle mit einer Nonne, die vielleicht ein Engel sein könnte.

Inszeniert ist alles ganz einfach und reduziert - einfache Setups, wenig Bewegung, und Sets, die teilweise überhöht leer und steril gehalten sind. Aber Lumet fokussiert ja gerne auf die Essenz einer Geschichte: Da reiht sich CRITICAL CARE inszenatorisch bei den 12 GESCHWORENEN und bei SEIN LEBEN IN MEINER GEWALT ein, der traurige Blick auf ein unmenschliches System stellt den Film dagegen neben NETWORK. Was für eine bittere Pille.


TRIXIE (2000). "Ich habe keine Ahnung, wie man Filme für ein Massenpublikum macht", sagt Regisseur und Altman-Schüler Alan Rudolph, dessen Filme sich gerne den Konventionen und Erwartungen widersetzen. Wie bei Altman (der TRIXIE produzierte, weswegen der Film auf dem DVD-Cover auch als "Robert Altman's Trixie" angepriesen wird!) sind seine Filme lustig, dramatisch, merkwürdig, spielen mit Genrestrukturen und frustrieren dabei auch gerne mal den Großteil der Zuseher, die sich nie ganz sicher sind, was genau sie sich da eigentlich ansehen. Und ebenso wie bei Altman herrscht auch bei den Rudolph-Fans wenig Einigkeit darüber, welche Filme gelungen und welche fürchterlich sind.

TRIXIE könnte eine Krimiparodie sein, wenn denn die Krimihandlung parodiert würde: Die Titelheldin arbeitet als Security in einem kleinen Casino, würde aber viel lieber als Detektivin rätselhafte Fälle aufklären. Dann gerät sie an einen örtlichen Gigolo und somit in eine rätselhafte Geschichte rund um einen Senator und eine Sexaffäre. Leider ist Trixie ein wenig langsam im Kopf und drückt sich vorzugsweise in Malapropismen aus, die mitunter in brillanten Nonsens münden ("Do you know this woman well enough to be acquainted with her?" oder "You gotta grab the bull by its tail and look it straight in the eye"), aber auch viel Spaß an Sprachspielen voraussetzen. Zweimal wird angedeutet, warum Trixie so schlicht gestrickt ist - einmal erzählt sie, daß sie früh von der Schule abgehen mußte, und ein anderes Mal führt sie aus, wie sie einmal eine Bowlingkugel auf den Kopf gekriegt hat ("I woke up unconscious") - aber man ist sich nie ganz sicher, ob diese kuriose Frau mit den großen Augen als ernstgemeinte tragische Figur oder als parodistischer Witz zu verstehen ist. Vermutlich beides.

Das Schauspielerensemble ist beeindruckend: Emily Watson, Dermot Mulroney, Nick Nolte, Brittany Murphy, Will Patton, Nathan Lane, Lesley Ann Warren, Stephen Lang. Die Inszenierung dagegen ist ganz lose; kuriose und wunderbare Momente wechseln sich mit überlangen Monologen und unfokussierten Sequenzen ab. Als Ganzes funktioniert der Film genausowenig wie die Krimihandlung, als Rahmen für schräge Figuren und Ideen macht TRIXIE dann doch wieder Spaß. Und sei's nur, um zu sehen, wie Trixie einem Mordverdächtigen vorwurfsvoll in Erinnerung ruft: "She's dead. She will never be the same again."


DAS GEHEIMNIS DES VERBORGENEN TEMPELS (1985). Das ist mal eine klassische Achtziger-Produktion: High Concept, großes Abenteuer für Junge und Junggebliebene, und eine Story, die Möglichkeiten für viele Effekte und Schauwerte bietet. YOUNG SHERLOCK HOLMES, so der Originaltitel, spielt mit der Idee, daß sich Holmes und Dr. Watson schon als Teenager in der Schule begegnet sind und dort ihren ersten Fall gelöst haben: Eine mysteriöse Mordserie, die sie zu einer ägyptischen Sekte führt, die in einem geheimen Tempel Menschenopfer darbringt und unliebsame Zeitgenossen mit einer Droge aus der Welt schafft, die dem Gehirn halluzinatorische Alpträume vorgaukelt. Das Drehbuch ist von Chris Columbus, Barry Levinson hat Regie geführt, und Steven Spielberg produziert: Ganz klar, daß das Abenteuer ganz im Stil der anderen Spielbergschen Spektakel der damaligen Zeit gehalten ist (und in England auch entsprechend als YOUNG SHERLOCK HOLMES AND THE PYRAMID OF FEAR verkauft wurde).

Stimmung und Ausstattung sind wunderbar, und das Skript spielt schön mit der Holmes/Watson-Dynamik und den vertrauten Elementen der Detektivgeschichten: Da kauft Watson irgendwann eine Pfeife (im Austausch gegen eine Information), weil er damit distinguiert aussieht, schenkt sie aber später Holmes, weil sie wohl doch besser zu ihm paßt. Der ganz große Wurf ist's aber leider trotzdem nicht geworden: Die Krimihandlung ist ein wenig zu dünn, womit auch die Knobelei etwas zu kurz kommt (sowohl bei Holmes als auch beim Zuseher); viele der Effektsequenzen (großteils durch die Droge eingeführt) wirken eher als Showcase (unter anderem beinhaltet der Film die welterste rein computergenerierte Figur: Ein Ritter, der sich aus den Glasscherben eines Kirchenfensters zusammensetzt), und die großen Abenteuersequenzen sind zwar unterhaltsam, hätten aber mehr Fokus auf die Figuren sehr gut vertragen. Was soll's: YOUNG SHERLOCK HOLMES ist ein vergnügliches Spiel mit vertrauter Materie, ein unterhaltsamer Crossover, und stellt eine schöne Ergänzung zum sonstigen Spielberg-Oeuvre der Achtziger dar.

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Auch den Report zum siebten Report übernimmt ein Gastautor: Christoph Schwarz von Betty's Apartment, der sich einst schon Teil 5 der Steeger-Retrospektive (ICH, EIN GROUPIE) vorknöpfte, begutachtet in den folgenden Absätzen Part VII der Endlos-Aufklärungsreihe von Produzent Wolf C. Hartwig - flotte 6 Monate nach Teil 6 in den deutschen Kinos!

Man kann sich natürlich fragen, was es über den siebten Teil einer Filmserie, die sich schon seit Teil 1 in unehrlicher Prämisse, fragwürdiger Moral und teils ekelhaften Ansichten ergeht, noch zu sagen geben soll. Zumal sie sich seit Teil 2 in sturer Wiederholung dieser Struktur ergeht. Nun, auf der Haben-Seite verbucht SCHULMÄDCHEN-REPORT TEIL 7 - DOCH DAS HERZ MUSS DABEI SEIN schöne, trottelig-alberne Komik in Person von Rinaldo Talamonti und – man höre und staune – über beinahe so etwas wie eine Metaebene. Aber für alle, die jetzt vielleicht gar hoffnungsvoll in diesen Text starten, eines gleich vorweg: Über das Herz, wie im Titel versprochen, vermag uns auch dieser Film einmal mehr nichts zu erzählen.

Ab 11. November 2010 läuft Ralf Westhoffs neuer Film im Kino: DER LETZTE SCHÖNE HERBSTTAG. Ich habe schon Gutes vom Film gehört, einen Preis hat er ja auch schon wieder gewonnen, und ich vertraue prinzipiell auch mal darauf, daß Ralf wieder sein Händchen für witzige und lebensnahe Figuren ausspielen kann. (Wie gerne wäre ich auch bei diesem Dreh dabeigewesen, wie zuvor bei SHOPPEN, aber leider fiel der Dreh exakt in den Zeitraum, wo ich DIE MUSE gedreht habe!)

Der Trailer schaut gut aus - nach einer wunderbaren Beobachtung einer Beziehung und einem schönen Mix aus Romanze, Komödie und Drama:





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Eine "Flut neuen Materials" verspricht uns der sechste Teil des standhaften SCHULMÄDCHEN-REPORTs, der nur 6 Monate nach Teil 5 die deutschen Kinos heimsuchte. Den Report zum Report übernimmt diesmal Gastautor Don Arrigone.



Persönlich finde ich ja insbesondere die heuchlerische Doppelmoral der Schulmädchen-Reporte faszinierend, auf die auch Herr Genzel schon mehrmals hingewiesen hat: Einerseits wird hier die knapp unter der Oberfläche des Alltags brodelnde Perversion junger Menschen beschworen – man denke nur daran, was sich Eltern alles nicht einmal vorstellen können, obwohl sie teilweise doch aktiv daran beteiligt sind – andererseits wird die deutlich offensichtlichere Perversion älterer Menschen durch den Dokumentationscharakter verschleiert.

William Shatner hat eine neue Serie: Eine Sitcom namens $#*! MY DAD SAYS, die jetzt im Herbst auf CBS läuft. Die Serie basiert auf einem Twitter-Feed namens "Shit My Dad Says", wo Autor Justin Halpern Sprüche seines Vaters gepostet hat - die Popularität des Feeds führte relativ schnell zu Interesse von Verlagen (wenn Halpern nur die Worte seines Vaters gepostet hat, kriegt der Vater dann auch einen Buchvertrag?). Hier ist der Trailer zur Serie:



Hmmm, hmmm. Ich liebe Shatner, ich liebe ihn wirklich, und ich halte ihn sogar für einen wesentlich besseren Schauspieler, als ihm sonst zugestanden wird (diverse BOSTON-LEGAL-Folgen untermauern das kräftig). Aber das hier sieht doch recht platt aus. Die Witze sind eher kreuzlahm, der Sohn fuchtelt übertrieben in der Gegend herum, und Shatner hat teilweise diesen Gesichtsausdruck, den er schon in der Däneken-Doku MYSTERIES OF THE GODS draufhatte: Kann ich jetzt heim?

Es gibt noch einen alternativen Trailer mit einigen anderen Schmähs im Netz, aber sagen wir mal so: Besser wird's nicht. Wenn das die Highlights sind, dürfte die Show relativ bald flatlinen.

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Und schon sind wir beim fünften Teil der Report-Reihe, die nicht einmal 7 Monate nach Teil 4 in die deutschen Kinos kam und mittlerweile selbst schon zu müde ist, um den Zusehern noch große Sensationen zu versprechen: "Schulmädchen, Schulmädchen, Schulmädchen. Wir beschäftigen uns mit ihnen", lauten die einleitenden Worte, die ein wenig so klingen, als würde selbst Drehbuchautor Günther Heller mittlerweile die Luft hörbar zwischen den Zähnen entweichen. Den bisherigen Kritikern hält man dann aber auch gleich noch das schöne Totschlagargument entgegen: "Oft angefeindet, oft verleugnet, aber von über 20 Millionen Zuschauern in Deutschland gesehen". Wer kommt schon gegen den Erfolg an? WAS ELTERN WIRKLICH WISSEN SOLLTEN lautet der Untertitel dieses fünften Parts, und wer sich als Opfer pädagogischer Fehlleistungen fühlt, kann ja mal bei seinen Erzeugern nachfragen, ob sie denn diesen Report nicht gesehen haben.


Charaktergesicht Thomas Nash ist nicht nur seit einigen Jahren in Österreichs Independent-Filmszene als Schauspieler und Autor umtriebig - z.B. in der von ihm geschriebenen Kurzfilm-Komödie POPCORN oder in der wunderbar schräg-trashigen Bunker-Liebesgeschichte DIKTATOREN KÜSSEN BESSER - sondern produziert auch eigene Musik, vornehmlich im elektronischen Bereich. Nach einigen kleinen Releases in Eigenregie - darunter die wahnwitzige Psychedelik-Single "Mr. Moon" - hat er jetzt einen neuen Song namens "One Night Stand", den er zusammen mit Mike Rofone unter dem Projektnamen "alCREWholic" aufgenommen hat. Das Video dazu stammt von Christian Hörlesberger:




Was für eine Nummer! Ein geschmeidiger Reggae-Groove, der wohl stundenlang so weitertuckern könnte; dazu leicht abgehobener Singsang und ein hübsch sinnfreier Text, der mit seiner Mischung aus ironischem Augenzwinkern und simpler Reimerei auch aus der Neuen Deutschen Welle hätte stammen können. Zeit für ein Interview mit Nash!
Thomas, das ist ein echt souveräner Groove, den ihr da unters Volk bringt. Ist der Song bzw. die Idee dazu so partyselig entstanden, wie man meinen könnte? Wie sind Lied und das alCREWholic-Projekt zustandegekommen?

Es haben mich tatsächlich ein paar Gläser Wein zu dem Text inspiriert, zumindest zur dritten Strophe "Zwei Flaschen Wein und eine Flasche Sekt, und so weiter und so fort und alles ist perfekt!" Allerdings war ich nicht in Gesellschaft, sondern alleine in meinem Wohnzimmer. Ich habe diese Strophe dann ungefähr dreißig Mal voller Inbrunst gegen die Wand gesungen und mir ging's verdammt gut dabei. Der Text ging mir dann aber auch in den nächsten Wochen und Monaten nicht mehr aus dem Kopf, also dichtete ich weitere drei Strophen hinzu. Gleichzeitig hatte ich schon seit längerem einen Groove im Kopf, der ebenfalls nicht und nicht verschwand, also dachte ich: "Okay, der klebt an mir wie ein Gecko an der Wand, der will einfach nicht entfleuchen, also muss er gut sein." Ich habe dann diesen Text mit dem Groove verbunden und fand sofort, dass das eine sehr interessante Mischung ergab. Zu diesem Zeitpunkt, das war Sommer 2008, war aber noch nicht geplant, eine Nummer daraus zu machen, vielmehr webte ich die 4. Strophe in einen Dialog des Drehbuchs DON RUDOLFO ein, welches im Februar 2009 von bild[er]folge als Kurzfilm verfilmt wurde.

Als ich dann im Mai 2009 Mike Rofone am Set der Kurzfilmkomödie SECRET SERVICES kennenlernte und er mir von seinem Studio berichtete, fragte ich ihn, ob wir nicht gemeinsam den Abspannsong von DON RUDOLFO komponieren wollen. Er willigte ein, und schließlich entstand nicht nur ein Abspannsong, sondern eine komplette Single. Es war also kein von Anfang an geplantes Projekt. Später stieß dann noch Andreas Ladik aka Burning Vibes zu uns dazu und komponierte einen Remix, den es nun auch auf der Single-CD gibt.

Der Song klingt ganz anders als deine bisherigen musikalischen Unterfangen, wo ja sehr viel im Techno-Trance-Bereich war. Siehst du trotzdem eine Linie zu den vorigen Tracks?

Das für mich interessanteste Musikgenre ist die elektronisch-orientalische Musik, und der Kamasutramix (Track 4 auf der Single) geht auch sehr in diese Richtung. Bei "One Night Stand" war mir aber klar, daß das eine leichtfüßige Partymucke werden soll, wobei es ja in Wahrheit ein Genremix ist: Wir sind mit der Musik immer noch im elektronischen Bereich unterwegs, und auch der Text, obwohl er sich wie ein Ballermanntext anhört, ist nicht wie ein Ballermanntext gesungen, sondern eher distanzierter, sphärischer. Aber ja, der Song unterscheidet sich schon grundsätzlich von allem, was ich bisher gemacht habe, wobei das bei "Mr. Moon" auch schon so war. Ich mag es, verschiedene musikalische Stile auszuprobieren und gegebenenfalls zu mischen. So entsteht dann auch mal was Neues.

Das Interessante an dem Stück ist, daß man es als Ironie sehen kann, wenn man will - quasi als Sauflied-Persiflage. Aber man muß nicht, man kann es auch einfach als Partysong verwenden. Ist diese Ambivalenz beabsichtigt? Wie ironisch seht ihr selbst den Song?

Es ist beides. Es ist definitiv Ironie dahinter, und es ist auch einfach nur ein Partysong. Unser Ziel war es, dass die Nummer Spaß macht.

Der Text ist ja sehr einfach und erinnert damit nicht nur an deinen früheren Song "Mr. Moon" mit seinem fast dadaistischen immer wiederholten Nonsenssatz, sondern auch z.B. an viele Songs der Neuen Deutschen Welle, zum Beispiel von Trio, Grauzone oder Arno Steffen. Gibt es für einen Song wie "One Night Stand" textliche Bezugspunkte? Wie wichtig sind Texte in Popsongs?

Ich bin ja eigentlich absolut kein Text-Hörer, daher gibt es da auch keine Bezugspunkte. Für mich rocken Beat und Melodie. Der Text selbst, das gesungene Wort, hat für mich wenig Gewicht. Viel ausschlaggebender ist da schon das Wie, wenn gesungen wird. Ich fühle mich ja vor allem in der elektronischen Musikszene wohl, und da werden ja üblicherweise eher wenig Worte verloren. Aber ich glaube, daß es viele Leute gibt, denen der Inhalt des Gesungenen wichtiger ist als die Komposition an sich, und die dann "One Night Stand" aus diesem Blickwinkel heraus betrachten.

Eine Reaktion, die ich auf den Song gehört habe, lautete: "Nash geht auf's Ballermann-Niveau". Was denkt ihr euch dazu?

Diese Schlussfolgerung kann ich nachvollziehen bei einem Text wie diesem, wir haben ja selbst oft gewitzelt, daß wir einen dirty, funky Housesong mit Skihüttentext kreieren, wobei wir bis zum Schluß nicht gewusst haben, wo wir "One Night Stand" eigentlich einordnen sollen. Ein Ballermannsong ist es jedenfalls nicht wirklich. Filmkomponist Gerrit Wunder etwa meinte dazu: "Dadurch, dass der Gesang mit dieser Distanziertheit und Ironie rüberkommt, entsteht ja schon wieder eine intellektuelle Qualität."

Wie entstand das Video? Wo habt ihr gedreht?
Nachdem uns klar war, dass wir "One Night Stand" als Single rausbringen werden, wollten wir auch ein Musikvideo dazu drehen. Der Entstehungsprozess war ein längerer, aber am Schluß hatten Mike und ich ein ziemlich dichtes Drehbuch, für das wir wiederum Christian Hörlesberger begeistern konnten, ein Muskvideo-affiner Regisseur. Ich habe schon 2003 bei einem seiner Musikvideodrehs mitgespielt.

Die Innenszene wurde in Wien gedreht, im Café Liberty, das uns dankenswerterweise vom Regisseur Erik Etschel zur Verfügung gestellt wurde, und die Außenszenen drehten wir in Bisamberg und Hagenbrunn, Niederösterreich.

Auch beim Video gilt wohl, daß man es ironisch sehen kann, aber nicht muß: Letzten Endes zeigen da die coolen Partyleute dem hilflosen Nerd, wie man richtig feiert und damit dann auch flachgelegt wird. Oder man sieht die augenzwinkernde Überzeichnung der leeren Dauerpartymentalität. Wie seht ihr das?

Beim Video war vor allem eines wichtig: Es muß Spaß machen, sich das anzusehen. Die freche, aber auch ironische Partygrundstimmung mußte rüberkommen, und Christian Hörlesberger hat es voll auf den Punkt gebracht. In seinem Regiekonzept an die Crew schrieb er: "One Night Stand ist eine kranke Sommerparty-Nummer, die ein ebenso verrückt-krankes Video erfordert." Wobei ich das Video ja jetzt gar nicht so krank finde, mit "krank" verbinde ich eher etwas Morbides, und das Musikvideo ist ja eigentlich ein richtiger Gute-Laune-Clip ohne irgendeine Art von düsterer Beinote. Das letzte Drittel erinnert mich auch irgendwie stark an Studentenparties um zwei Uhr nachts, die kullern dann auch schon hackedicht am Boden herum und haben immer noch eine Bierdose in der Hand. Studenten werden sich in dem Video sofort wieder erkennen, hahaha.

Wie sind die bisherigen Reaktionen auf den Track?

Ziemlich zufriedenstellend. Uns war natürlich von vornherein bewußt, daß es Leute geben wird, die den Track für fragwürdig halten, und das muß auch so sein und ist gut so. Es ist ja auch eine Ode an den Alkohol und das soll ruhig kontrovers diskutiert werden. Insgesamt haben wir aber viel positives Feedback erhalten, von "erfrischend neu" über "absolut partytauglich" bis zu "mit guter Promotion könnte es der Track echt zu was bringen". Interessant auch, das die Nummer sowohl bei Kindern und Jugendlichen wie auch bei der Generation von 50+ gut anzukommen scheint. Gerade die 50+-ler haben mich aber überrascht, das war jetzt nicht gerade das angepeilte Klientel.

Wird es mehr Songs von alCREWholic geben? In welche Richtung würde das gehen?

Wenn es ein Nachfolgeprojekt geben wird, dann wahrscheinlich wieder etwas aus der Dance/Trance/Electronic-Richtung. Im Moment ist es aber erst mal wesentlich, "One Night Stand" auf den Markt zu bringen.
Besten Dank an Thomas für das Gespräch! Die Single kann auf verschiedenen Portalen heruntergeladen werden - iTunes, Amazon (Link siehe unten) - oder als tatsächliche CD über die Bandwebsite bestellt werden. Thomas Nash selbst ist auf http://www.thomasnash.at/ zu Hause.




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Man kann wirklich nicht behaupten, daß der Film C.H.U.D. aus dem Jahre 1984 eine bekannte Produktion sei oder sich als Videothekenklassiker entpuppt hat - aber wen kratzt das schon, schließlich verdient auch obskurer Horror noch obskurere Fortsetzungen. Ich kenne C.H.U.D. II - BUD THE CHUD natürlich, weil ich in meinen formativen Jahren pflichtbewußt nicht nur jeden "Tip des Tages" der TV Spielfilm aufgezeichnet und angesehen habe, sondern auch jeden "Flop des Tages" - der Balance halber und weil sich im obskuren Ramsch ja doch immer wieder Faszinierendes verborgen hat. Nun sticht der im Mai '95 im Nachtprogramm von RTL2 ausgestrahlte C.H.U.D. II auch wirklich nur aufgrund meiner anekdotischen Erinnerung aus den Low-Budget-Untiefen der Achtziger hervor, und die Tatsache, daß ich den Film gesehen und ihn mir gemerkt habe, sagt definitiv mehr über mich als über den Film aus.

Eigentlich ist C.H.U.D. II auch keine wirkliche Fortsetzung von C.H.U.D., in dem menschenfleischhungrige Humanoiden aus der Kanalisation über harmlose Stadtbewohner herfielen (das Akronym steht, und das habe ich mir freilich aus einschlägiger Fachliteratur über all die Jahre gemerkt, für "Cannibalistic Humanoid Unterground Dwellers"). Vielmehr ist das Horrorkomödchen als Anhängsel an RETURN OF THE LIVING DEAD zu sehen, und Internetgerüchten zufolge (wir glauben alles, was geschrieben steht!) war der Film auch eigentlich als Fortsetzung zu letzterem Streifen gedacht, bevor er zu einem C.H.U.D.-Sequel umgemodelt wurde. (Autor Ed Naha bestreitet das zwar offenbar, aber der hat sich für den Film eh ein schmissiges Pseudonym zugelegt - "M. Kane Jeeves" - und möchte vielleicht so oder so nicht auf dieses Skript angesprochen werden. Und wo wir gerade so privatbiographistisch erzählen: Ed Naha ist mir natürlich durch seine Buchfassungen zu ROBOCOP und ROBOCOP 2 ein Begriff, die ich mit 12 sehr gerne gelesen habe. Jetzt mal lieber nicht nachrechnen.)

Weil also zwei Highschool-Schülern eine in einer Besenkammer der Schule aufbewahrte Leiche (die im Biologieunterricht verwendet werden soll!) beim Herumblödeln abhanden kommt (welch selige Erinnerungen werden da an die eigene Schulzeit wach), klauen die beiden sicherheitshalber einen neuen Körper aus dem nahegelegenen Krankenhaus. Bei dieser Leiche handelt es sich allerdings um einen C.H.U.D., der vom Militär zur Schaffung des perfekten Soldaten herangezüchtet wird. Zuhause fällt den Jungs die Leiche in die Badewanne, der Fön gleich hinterher, und prompt steht der untote Geselle wieder auf und knabbert sich durch die Kleinstadt, wobei in alter Zombietradition jeder Gebissene selber zum C.H.U.D. mutiert. Also alles schlüssigst erzählt, obwohl die C.H.U.D.s ständig nach "Fleisch" schreien, aber in jeden Körper nur einmal schnell reinbeißen und dann weiterwanken.



Der Film ist durchgängig in Low-Budget-Ästhetik getaucht: Das "Militär" besteht aus Robert Vaughn, dem B-Promi zur Aufwertung der Cast, sowie einem bebrillten Untergebenen, und sie verbringen zunächst mal viel Zeit damit, in einem grauen Raum herumzustehen und sich expositorisch zu unterhalten. Auch der C.H.U.D. wird im Krankenhaus in einem grauen Raum aufbewahrt, und natürlich fragt man sich gar nicht mehr, warum das geheime Militärprojekt so karg ausgestattet und gar nicht bewacht ist, wenn sich die Jungs ja offenkundig nicht mal selber schöne Büroräume leisten können. Im Haus des einen Schülers, wo der C.H.U.D. wiederbelebt wird, gibt es haufenweise Szenen, die in exakt gleicher Kameraeinstellung in einem leeren Korridor spielen: Links geht's in Bad, rechts geht's ins Zimmer der kleinen Schwester, was braucht man mehr an Information.

Im Gegensatz zum ernst aufgezogenen ersten Teil ist C.H.U.D. II allerdings primär als Komödie intendiert. Das fängt schon beim ersten Untoten an, "Bud the Chud", der über das plötzliche Geschrei der furchtsamen Schüler selber erschrickt und plärrt und anschließend wie mit Gummigliedmaßen aus der Badewanne klettert und verzweifelt versucht, seinen Körper irgendwie zu beherrschen. (Gerrit Graham, der Bud spielt, ist ein durchaus begabter Komiker und tauchte anschließend als Gangster in POLICE ACADEMY 6 und als finsterer Dr. Pankow in PARKER LEWIS auf.) Die Zombiebedrohung ist auch eher albern gehalten - da machen sich die Untoten über einen Burgerschuppen her und "bestellen" den Kerl hinterm Tresen - und fällt auch entsprechend zahm aus, nicht zuletzt, weil das gesamte Prozedere fast völlig blutleer gezeigt wird. Und dann wird noch gewitzelt, bis der Zombiearzt kommt: Da überlegt einer der Schüler, ob die Untoten vielleicht zu einem Grateful-Dead-Konzert gehen (Tusch!), da versucht einer der C.H.U.D.s, seinen abgetrennten Kopf wieder aufzuheben, tritt aber jedesmal vor dem Bücken versehentlich dagegen und muß seinem rollenden Nüschel weiter hinterherlaufen (Tusch!), und dauernd werden Kalauer der allereinfachsten Art gerissen. Im Zweifelsfall hampelt der C.H.U.D. einfach mal bei dem Aerobicprogramm mit, das er im Fernsehen sieht.

Aber gut, ein schlichtes Gemüt wie meins läßt sich davon ja glatt mal 84 Minuten lang einnebeln und stört sich auch rein gar nicht daran, daß die Fortsetzung mit Teil 1 wirklich so wenig zu tun hat, daß hier nicht mal die Monster dieselben sind wie im Erstling. Das Witzigste an C.H.U.D. II ist aber freilich die Tatsache, daß Regisseur David Irving später das Filmdepartment der NYU geleitet hat. Man stelle sich das vor: Das ganze Wissen, das in die Erstellung dieses Films geflossen ist, steht abrufbereit zur Verfügung!





C.H.U.D. II: Bud the Chud (USA 1989)
Alternativtitel: C.H.U.D. - Das Monster lebt
Regie: David Irving
Drehbuch: "M. Kane Jeeves" (= Ed Naha)
Musik: Nicholas Pike
Kamera: Arnie Sirlin
Darsteller: Brian Robbins, Bill Calvert, Tricia Leigh Fisher, Gerrit Graham, Robert Vaughn, Robert Englund
Länge: 84 Minuten
FSK: 16


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