Juni 2009
Im neuen Zweitausendeins-Katalog sind mir zwei Merkwürdigkeiten aufgefallen.

Da wird einmal ein Fotoband von Günter Pfannmüller und Wilhelm Klein mit den folgenden Worten vorgestellt: "Unser Fotoband porträtiert Menschen aus den letzten authentischen Kulturen abseits der materialistischen Welt". Puh - wo fängt man da an? Okay: Was sind eigentlich authentische Kulturen? Beziehungsweise, viel interessanter: Was sind unauthentische Kulturen und was genau macht sie zu solchen? Darf ich das also so verstehen, daß z.B. die deutsche Kultur gar nicht echt ist? Nehmen wir mal an, daß mit der "unauthentischen Kultur" Dinge gemeint sind, die massenfabriziert werden - wo verstecken sich dann die ganzen authentischen Leute, die die Sachen kreieren, die dann danach massenfabriziert werden? Außerdem: "abseits der materialistischen Welt"? Das soll vermutlich eine politisch korrekte Umschreibung für "Dritte Welt" sein. Schon klar, die Leute dort haben keinerlei materialistische Bedürfnisse. Naja, liegt vielleicht daran, daß sie zu arm dafür sind. Vielleicht hat es etwas mit der Authentizität zu tun: Wir westlichen Mächte halten die anderen Nationen authentisch.

Eher frech wird der Roman MEIN ALTER HERR beworben, und zwar mit den Worten "Der komische Roman von 'Sex and the City'-Autorin Amy Sohn". Also, die Vorlage zu SATC stammt ja von Candace Bushnell, also schauen wir doch mal flugs nach, wieviele Drehbücher für die Fernsehserie Amy Sohn so geschrieben hat. Ach ja: gar keins. Sie hat 2004 einen Serienführer veröffentlicht. Interessant - bin ich also jetzt vielleicht auch Wim-Wenders-Autor, weil ich mal darüber geschrieben habe?

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Der Titel rührt angeblich von der Reaktion Carlo Pontis, des Produzenten, her, dem bei Sichtung des fertigen Films nur eine Frage blieb: "Was?" Angesichts der $1,2 Mio., die er in Polanskis abstrusen Sexreigen gesteckt hat, ist es natürlich vorstellbar, daß die Äußerung blumiger formuliert war. Dennoch bleibt der Titel die adäquateste Reaktion auf sämtliche Vorgänge auf der Leinwand, und alle weiterführenden Fragen leiten sich geradewegs daraus ab: Was zur Hölle hat sich Polanski dabei gedacht? Hat sich Polanski überhaupt etwas gedacht? Und wenn ja … was?

In WAS? geht es um eine junge Frau, Nancy (Sydne Rome), die per Anhalter durch Italien reist und gleich zu Beginn von drei notgeilen Burschen beinahe vergewaltigt wird. Sie flüchtet sich in ein nahegelegenes Hotel, wo sie den Rest des Films damit verbringt, die merkwürdigen Bewohner kennenzulernen und ziellos herumzuirren. Das tut sie übrigens meist in gar nicht oder nur spärlich bekleidetem Zustand, und ab einem gewissen Zeitpunkt dann auch mit blauangestrichenem Bein.

Einer der Bewohner ist Marcello Mastroianni, der einen gelangweilten Playboy gibt, der Sätze sagt wie "Es wäre schön, wenn wir uns einmal zum Tee treffen könnten, so gegen fünf" oder "Sie sind schön, ihre Titten". Der gute Herr war offenbar einmal Zuhälter und liegt zumeist regungslos auf der Veranda, wo er dann wortlos die Hand ausstreckt, um sich von Nancy eine Tasse Kaffee bringen zu lassen, und wo er regelmäßig kleine Pingpongbälle zertritt, die einer Gruppe von Herren, die ständig Tischtennis spielen, öfter mal über den Balkon fallen. Ach nein: Wirklich ständig spielen sie nicht Pingpong – einmal essen sie auch etwas, und einer von ihnen hat dauernd Sex und kündigt den unbeeindruckt durchs Zimmer laufenden Kollegen beständig neue Rekorde an. (Einer aus der Gruppe wird übrigens von Polanski selbst gespielt – aus unerfindlichen Gründen mit blauem Auge.)


Nancy trifft sich nun also mit Marcello zum Tee, aber zum Trinken kommen sie gar nicht, weil Marcello sich ein Tigerfell anzieht, am Boden herumkriecht und Nancy fordert, ihn auszupeitschen. Später wird Nancy dann einem der Pingpongherren erzählen, daß Marcello sie mißbraucht habe, und viel später trifft sie sich dann mit Marcello am Strand, wo dieser eine Kiste ausgräbt, in der sich eine Gendarmuniform befindet. Nachdem er diese Uniform angezogen hat, schlägt er Nancy mehrfach und legt ihr Handschellen an, weil sie keinen Ausweis vorzeigen kann.

Schon verwirrt? Nach über einer Stunde taucht dann auch ein alter Herr auf (Hugh Griffith, der Mann mit den dramatischen Augenbrauen!), der sich ganz am Rande des Exitus bewegt, und auf dessen Ableben offenbar die gesamte Bewohnerschaft wartet. Der alte Mann bittet Nancy dann auf sein Zimmer, wo er sich von ihr wünscht, daß sie ihm ihre Brüste zeigt, was sie dann auch tut. Dann wünscht er sich, daß sie ihm ihre Vagina zeigt, was sie ebenso tut. Dann stirbt der alte Mann glücklich.

Es laufen noch andere Gestalten durch das Hotel, zum Beispiel ein amerikanisches Ehepaar, das plötzlich in Nancys Zimmer einzieht. Nancy wacht dann mit dem Kopf des Herren zwischen ihren Beinen auf, aber nachdem sie sich ein wenig entrüstet hat, spielen sie dann zusammen Mozart auf dem Klavier. Es gibt auch einen Maler, der eine Wand gelb streicht und keinen von Nancys Sätzen versteht, sondern sich immer nur rechtfertigt, daß er ja auch hätte blau streichen können, wenn es ihm nur jemand vorher gesagt hätte. Besagter Maler ist es denn auch, der Nancys Bein blau anstreicht, aber der Grund dafür leuchtet nicht so ganz ein.


Während der ganzen Zeit, wir erwähnten es ja schon, läuft Nancy (halb-)nackt herum. Nachdem sie im Hotel angekommen ist, werden ihr ihre Klamotten gestohlen, weswegen sie also erst einmal völlig unbekleidet herumlaufen muß (was denn auch Marcello zu seiner Bemerkung hinreißen läßt, die nichts mit Tee zu tun hat). Dann bindet sie sich eine Serviette um, die sie am Frühstückstisch findet, und noch etwas später findet sie dann das Oberteil eines Pyjamas. "Es ist sehr mutig von Ihnen, daß sie meinen Pyjama anziehen", lobt sie irgendwann der alte Herr. Zum Schluß des Films flüchtet sie dann konsequenterweise auch wieder völlig nackt aus dem Hotel und springt auf einen vorbeifahrenden Lastwagen auf.

Weil der Film von Roman Polanski inszeniert wurde, der ihn zusammen mit seinem Mitstreiter Gérard Brach geschrieben hat, neigt man dazu, hinter den abstrusen Geschehnissen einen Punkt, eine Aussage, eine Methode im Wahnsinn anzunehmen. Ein dermaßen talentierter und brillanter Kopf kann doch nicht einfach ein zusammenhangloses, sinn- und witzfreies Filmchen zusammenstricken, das sich in der Erzählung vielleicht noch amüsant albern anhört, in der gefilmten Version aber nurmehr eine peinliche Aneinanderreihung von zähflüssig dahinkriechenden Merkwürdigkeiten darstellt – dachte sich wohl beispielsweise auch die Filmbewertungsstelle Wiesbaden, die WAS? prompt ein "besonders wertvoll" verlieh. (Laut deren Statuten wird das Prädikat danach verliehen, wie gut ein Film das sich selbst gesteckte Ziel erreicht. Vielleicht sind die Herren der Filmbewertungsstelle von dem Ziel ausgegangen, Sinn, Verstand und dem Zuseher gleichermaßen den Mittelfinger zu zeigen – in diesem Falle wage ich allerdings zu argumentieren, daß das gesteckte Ziel entweder mit schnellerem Tempo oder mit weniger spekulativem "Kostümdesign" der Hauptdarstellerin besser hätte erreicht werden können.)

In einigen Szenen tauchen auch Momente auf, in denen man plötzlich eine Ahnung kriegt, daß Polanski etwas sagen möchte: Da schaffen ein paar Arbeiter ein riesiges Gemälde heran, das von Nancy als "schön" gelobt wird, aber das dann der Repräsentant des alten Mannes nicht kaufen will: "Herr Noblart hat sich sein Leben lang für die Kunst interessiert, jetzt interessiert ihn das richtige Leben". Geht es vielleicht um die Diskrepanz zwischen Realität und Fiktion? In einem anderen Segment passieren Ereignisse nochmal, die schon am Vortag passiert sind, und Dialogzeilen werden wieder ausgesprochen. Ob die Zeit an Bedeutungslosigkeit verloren hat, will Nancy wissen, aber der klavierspielende Mann erklärt ihr: "Man kann nie zweimal in denselben Fluß springen. Nicht nur der Fluß ist später ein anderer, man selbst ist es auch". Geht es vielleicht um Vergänglichkeit oder um Stillstand?


Gelegentlich hat man auch das Gefühl, daß WAS? eventuell die Inszenierung eines Traumas ist: Immerhin wird Nancy zu Beginn fast vergewaltigt, und da sie meist unbekleidet herumläuft, stellen die Episoden vielleicht ihre Schutzlosigkeit dar – in vielen von Polanskis Filmen wird ja das Schicksal eines Opfers gegenüber einer größeren Macht thematisiert: Eine Figur verliert sich als Opfer in der sie dominierenden Welt. In diesen Gedankengang würde eventuell auch die sadomasochistische Beziehung mit Mastroianni passen.

Leider zieht sich keiner dieser Ansätze durch den gesamten Film – Ideen werden ins Prozedere geworfen und nie wieder aufgegriffen; vermeintliche Symbolik wird auf die Leinwand geklatscht, aber heraus kommt nur prätentiöser Quark. Der Großteil des Films ist offenbar lustig gemeint, aber es ist eigentlich nicht mal lustig, sich vorzustellen, daß jemand über eine Million für einen Film zahlt und dann dieses Werk hier vorgesetzt kriegt.

Vielleicht ist WAS? auch einfach nur ein Resultat von Polanskis eigenem Trauma. Nachdem 1969 seine Frau Sharon Tate von den Manson-Jüngern grausam ermordet wurde, stürzte er sich auf eine MACBETH-Inszenierung, deren Brutalität oft als Reaktion auf die Bluttat gewertet wird. Gleich danach drehte er WAS? – vielleicht ist es also die innere Leere, die hier auf der Leinwand eine Entsprechung gefunden hat. Vielleicht wollte Polanski auch einfach nur irgendetwas machen, anstatt untätig zuhause zu sitzen. Aber, und auch das ist möglich, vielleicht kann auch ein brillanter Regisseur mal völlig fehlgeleitet ein pseudokünstlerisches Ärgernis auf Zelluloid bannen. Glücklicherweise war sein nächster Film dann CHINATOWN.





Was? (Italien/Frankreich/Deutschland 1972)
Originaltitel: Che? / Quoi? / What?
Alternativtitel: Diary of Forbidden Dreams
Regie: Roman Polanski
Drehbuch: Roman Polanski, Gérard Brach
Kamera: Marcello Gatti, Giuseppe Ruzzolini
Musik: Claudio Gizzi
Produktion: Compagnia Cinematografica Champion / Dieter Geissler Filmproduktion / Les Films Concordia
Darsteller: Sydne Rome, Marcello Mastroianni, Hugh Griffith, Roman Polanski
Länge: 114 Minuten
FSK. 16



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Auch wenn es nicht in einem Interviewsegment explizit ausgesprochen werden würde, wäre die traurige Wahrheit, die in der Dokumentation IN THE BELLY OF THE BEAST mitschwingt, klar: Der Gedanke, als unabhängiger Underground-Filmemacher Geld zu verdienen und davon leben zu können, ist abstrus. Der Film begleitet eine Reihe von Independent-Regisseuren auf dem Fantasia-Festival '97 in Montreal und gewährt einen kurzen Einblick in die Hoffnungen und die kollektive Leidenschaft der Filmschaffenden jenseits der Mainstream-Kompatibilität – aber gleichzeitig darunter auch bittere Erkenntnis, daß ihre bedingungslose Hingabe zu ihren Werken über Jahre hinweg sie nicht immer nur an den Rand des Ruins bringt. Sie alle wissen es und begegnen der Tatsache mit Galgenhumor und trotzigem Draufgängertum.

Da ist zum Beispiel Karim Hussain, einer der Organisatoren des Festivals, der hier seinen ersten eigenen Film SUBCONSCIOUS CRUELTY zeigt. Karim redet mit Begeisterung wie ein Maschinengewehr über die gesehenen Filme, über seinen eigenen Film, über das Festival, und über verschollene Werke wie SHIRLEY PIMPLE, den sein Bekannter Demetri Estdelacropolis 1981 begann und aufgrund seiner Heroinsucht nie fertigstellen konnte. Weil sein eigener Film nur im Rohschnitt vorliegt, steht Karim während der Aufführung daneben und improvisiert Geräusche, Musik und Dialoge dazu. Nach der Premiere wandert er nervös vor dem Kino auf und ab, aber keiner spricht ihn auf das bizarre Blutspektakel an. Erst später kriegen wir einen kurzen Austausch zwischen Karim und einem anderen Filmemacher mit. "Was erhoffst du dir für dich selbst nach den dreieinhalb Jahren, die du daran gearbeitet hast?", fragt der Kollege. "Ich treibe meinen inneren Dämonen aus", zuckt Karim mit den Schultern. Der Kollege nickt: "Dann ist er besser".

Ebenso zugegen ist Jim VanBebber, der 1988 mit der Produktion seines zweiten Films THE MANSON FAMILY (zuerst: CHARLIE'S FAMILY) begonn und ihn über die Jahre hinweg nur mühsam fertigstellen konnte, weil ihm stets das Geld ausging. Auf dem Festival 1997 zeigt er einen Rohschnitt seiner krassen Version der Manson-Morde, um wiederum genug Geld für eine Fertigstellung lukrieren zu können. Sein Hauptdarsteller war schon nach dem ersten Drehblock ausgestiegen, aber irgendwie hat VanBebber aus dem über Jahre hinweg gefilmten Material einen adäquat halluzinatorischen, teils sehr verstörenden Film gebastelt. Die Festivalbesucher sind begeistert – und trotzdem konnte VanBebber den Film erst 2003 fertigstellen und veröffentlichen, ganze 15 Jahre nach Beginn der Dreharbeiten.

Auch der britische Filmemacher Richard Stanley taucht auf und schleppt sich mit schiefem Lächeln über ein Karrieretief. Nachdem beim Dreh seines zweiten Films DUST DEVIL die Produktionsfirma pleite ging und er ihn nicht hat fertigstellen können (eine vom US-Verleih umgeschnittene, kürzere Fassung ging kritisch wie kommerziell schnell unter), ereilte ihn bei seinem dritten Film noch mehr Pech: Nach nur vier Tagen am Set von THE ISLAND OF DR. MOREAU (mit Marlon Brando und Val Kilmer) wurde er vom Studio gefeuert. Parallel steckte Stanley etliches Privatgeld in eine neuerliche Bearbeitung von DUST DEVIL, um den Film bzw. seine Vision davon zu retten. "Ich habe mein Apartment verloren, ich werde von Gläubigern verfolgt, meine Freundin hat mir mir Schluß gemacht, ich habe die letzte Zeit bei verschiedenen Leuten auf der Couch gelebt und alle hassen mich", erzählt Stanley. Auf dem Fantasia '97 zeigt er seinen Director's Cut von DUST DEVIL und erzählt von seinem Plan, eine weitere Doku zu machen – "to be a filmmaker again".

Abenteuerliches wissen auch Todd Morris und Deborah Twiss zu berichten, die ihren Erstling A GUN FOR JENNIFER vorstellen. Bei der Suche nach Geldgebern müssen sie mit einigen eher zwielichtigen Gestalten in Berührung gekommen sein und wurden dann in einem heruntergekommenen Teil der Stadt von der Polizei verhaftet – die ihnen glücklicherweise abkaufte, daß sie einfach nur verzweifelte Filmemacher sind, die nie darüber nachgedacht hatten, mit welchen Organisationen sie sich da einlassen. Der Spanier Nacho Cerdà, der seinen Kurzfilm AFTERMATH vorstellt, scheint bei der Herstellung des Films auf weniger Probleme gestoßen zu sein – aber dafür ruft die abstoßende Nekrophilie-Geschichte beim Publikum viel Unglauben hervor. "What possessed you to make a movie about THAT subject?", fragt eine Frau aus dem Publikum. "The devil", antwortet Cerdà, ohne das Gesicht zu verziehen. Eigentlich sehr passend, daß er seitdem mit Karim Hussain gemeinsam bei einigen Filmprojekte innere Dämonen ausgetrieben hat.

Natürlich ist IN THE BELLY OF THE BEAST nur dann wirklich interessant, wenn man einen Bezug zu den Filmemachern und zum Underground-Kino im Allgemeinen hat. Schon die Ausschnitte aus den präsentierten Filmen sind teils nur für Nervenstarke geeignet; die Diskussionen um die Filme halten sich in Grenzen (obwohl es amüsante Momente gibt, wie beispielsweise eine Besucherin, die gegen die gezeigten Filme wettert, obwohl sie keinen davon gesehen hat). Und doch ist es ein Einblick in eine Welt, die völlig abseits vom pseudo-adeligen Glamour der üblichen Filmwelt existiert: Diese Menschen stecken teils auf Gedeih und Verderb ihr ganzes Leben in ihre Filme. Vermutlich träumen sie davon, einmal anständig bezahlte Filmarbeit machen zu können. Aber letzten Endes motiviert sie allein die Vorstellung des Films als solcher. Auch wenn man 15 Jahre an seiner Fertigstellung arbeitet.

Der beste Moment der Doku ist ganz hinten, in einem zufälligen Interviewmoment: Der Regisseur fragt einen heruntergekommenen Besucher des Festivals, welchen Film er sich ansehen will. Der etwas entrückt wirkende Mann erklärt, daß Karim Hussain ein Fan von ihm sei. Es stellt sich heraus, daß es sich um Demetri Estdelacropolis handelt. Ob er noch an SHIRLEY PIMPLE dreht, will der Interviewer wissen. "Er ist schon fertig", erklärt Demetri, "wir fangen gerade mit dem Sound an". Dann schlurft er ins Kino: Ein einsamer Sandler mit einer Plastiktüte.



In the Belly of the Beast (Kanada 2001)
Regie: Alex Chisholm
Kamera: Benoît Boucher, Alex Chisholm, Ashley Fester, Darren Heroux
Musik: Mike Cerminara
Länge: 74 Minuten

Die Doku ist auf der Anchor-Bay-Doppel-DVD von Jim VanBebbers THE MANSON FAMILY zu finden.


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Im ersten Blog, den ich heute gelesen habe, habe ich über die Nachricht von Michael Jacksons Tod irgendwie noch drübergelesen - ich hätte mich ja schon wundern sollen, daß der da auf seinem Screenwriter-Blog ein Video von "Ben" postet, aber irgendwie nahm ich an, daß irgendwer anderes in Verbindung damit gestorben sei. Erst im Twitter-Feed von Boris Schneider hab' ich's dann geschnallt: Der König of Pop ist tot. (Daß das irgendwie für alle unglaublich ist, merkt man daran, daß die Nachricht im 140-Zeichen-Update eines Computerspieleveteranen auftaucht, der sonst "Habe mir gerade Vancouver mit Heinrich Lenhardt angesehen" schreibt.)

Was für ein trauriges Ende eines tragischen Absturzes. Ich hab' ja nicht viel Bezug zu den Jackson 5, weil ich singende Kinder und Teenager gruselig finde (und bei gewissen Größenordnungen dann auch problematisch); aber Jacksons Solowerk hat ja wohl jeden begleitet, der in den Achtzigern nicht völlig autistisch oder der Zwölftonkomposition verschrieben war. Ein Schulkamerad in der fünften Klasse, Robert Scheurer (der nun leider auch schon lange Zeit nicht mehr unter uns weilt!), hatte mir damals Mixtapes zusammengestellt, auf denen - querbeet durch den Plattenschrank seines älteren Bruders - neben der EAV, Emerson Lake & Palmer, den Ärzten, Kraftwerk, Helloween, den Cro-Mags und anderen gar nicht zusammenpassenden Acts auch immer die Hits von Michael Jackson draufwaren. Die wir natürlich auch immens gut fanden: Wen interessierte schon, daß der Bursche Pop war? Die Songs waren mitreißend, hatten einen satten Groove, schlängelten sich mit ganz cleveren und nicht immer so ganz offensichtlichen Hooks ins Ohr, waren perfekt produziert von Quincy Jones, der eine Armee der besten Studiomusiker von L.A. daran setzte, und hatten - das allerwichtigste! - einen ganz eigenen Sound, der Jackson unverwechselbar machte. Jackson schwitzte sich durch Tracks, die R&B mit Rock verknüpften, er schrie und jauchzte und sang und keuchte rhythmisch; seine Stimme hatte immer eine ziemlich aggressive Kante, die uns sagte: Das bin ich, das ist mein Terrain, und um dieses Terrain kämpfe ich mit allem, was ich habe.
Genzel-X!

Es wurde ja hier schon angekündigt: Am Dienstag spielten Static-X in München, und unser kleiner Cult of Static war dort und hat sich das Spektakel angesehen. Sir Schlaffo, der früher mal Ef hieß und aber jetzt älter geworden ist, konnte leider nicht wie geplant mit, weil er krank darniederlag und jetzt quasi sein System erstmal neu aufsetzen muß. Dafür war der junge Eleve Peter (der dringend einen Namen braucht!) dabei, der noch Static-Novize ist und jetzt in die Gruppe der Erwählten aufgenommen wurde, und Ex-SN-Kollegin Anita, die sich schon im Vorfeld rein privat viele Gedanken um die Staticsche Stehfrisur gemacht hat. Und natürlich: Mama Genzel, die den Altersdurchschnitt im Club mühelos im Alleingang um ein paar Jährchen angehoben hat.

Der Club, in dem Wayne und seine Mannen auftraten, heißt 59:1 und befindet sich zwischen dem Stachus und dem Sendlingertor gut versteckt hinter einem Reisebüro und einem Juwelier. Wenn ich meine ganze Wohnfläche ohne Wände nutzen könnte, wäre das in etwa so groß wie dieser Club - will heißen: viel Platz ist nicht, und man steht selbst hinten noch ganz nah an der Band dran. Es gab etwas Verwirrung darüber, wann denn nun Einlaß ist - Peter schien auch irgendwo gelesen zu haben, daß um 20:30h Beginn und um 21:30h Einlaß sei, was uns vermuten ließ, daß die Vorband nun vielleicht ohne Zuseher spielen muß.

Mußten sie dann doch nicht: The Defiled, aus London, haben ein kurzes Set als Anheizer gerockt, das gar nicht übel war und mich anregt, mal nach einer CD der Jungs Ausschau zu halten. In der Zwischenansage hat der Keyboarder der Band angekündigt, daß sie Stoff brauchen, und die Zuseher dazu aufgefordert, ihnen irgendwas zu verkaufen. Wir wissen natürlich nicht, ob es dann auch jemand getan hat.

Nach kurzer Pause gab's dann lautstarken Static-Radau: Der Mix war nicht ganz optimal und verschwamm in dem kleinen Club etwas - bzw. die Gitarren wurden vom Schlagzeug ein wenig niedergedonnert. Macht nichts, die Band hat sich mit Schwung durch ihre Songs gerockt: Viel vom ersten Album, die Klassiker vom zweiten, ein paar vom dritten und vierten, und einiges natürlich von Nummer 5 und dem neuen. Waynes Frisur stand wie eine Eins - obwohl sie später dann ein wenig auseinanderging, standen die Haare weiterhin stramm nach oben. Wir wissen jetzt auch, daß Wayne einen echten Bart trägt (der ja auf Promophotos immer eher angeklebt aussieht). Zwischendurch lief hin und wieder Waynes Frau (Pornostar Tera Wray, die jetzt ganz offiziell Tera Wray Static heißt) auf die Bühne, um Schnaps auszuschenken, und Wayne hat sie angelächelt, bevor er dann wieder den Zusehern gesagt hat, let's motherfuckin' do this. Nett auch, daß sich Wayne bei seinen Fans bedankt hat dafür, daß sie "noch" da sind: immerhin feiert die Band ja dieses Jahr ihr 10-jähriges.

Hat sich also wirklich gelohnt, daß wir uns die Jungs angesehen und -gehört haben: Wer weiß, wann die mal wieder nach Europa kommen. Unser Cult war jedenfalls sehr zufrieden, Peter erwirbt demnächst seine erste eigene Static-X-CD, und Sir Schlaffo wird alsbald von dicken Kindern auf der Straße ausgelacht, weil er das verpaßt hat.

Ach ja, The Defiled haben dann wohl doch keine Drogen kaufen können - die hingen dann nämlich schwer besoffen am Merchandising-Stand herum und haben lautstark geplärrt, sie brauchen Stoff. Und: Kauft T-Shirts. Und: Who wants to see my dick? Naja, sicherlich zum ersten Mal auf Tournee, die Jungs. Mama Genzel observierte dann, daß der Sänger aussah, als würde er bei Tokyo Hotel spielen, aber aus irgendeinem Grund wollte sie ihm das dann doch nicht persönlich sagen.

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Ich habe gerade eine Nachricht erhalten, daß meine HARDWARE-Blu-Ray (deren offizielles Erscheinungsdatum auf dem 22.6. liegt, also erst in 4 Tagen) soeben verschickt wurde! Ich will, ich will, ich will! Sofort! Wie lange dauert das denn noch? Sofort in mein Büro! Wahhh! Kann ich dem Postboten entgegenlaufen?

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Da bin ich ja nun letztens über dieses schöne Video gestolpert, in dem ein Marketingspezialist auf uramerikanischste Art und Weise einen kurzen Vortrag darüber hält, warum Trent Reznor (der Kopf der Nine Inch Nails) die Zukunft der Musikindustrie ist. Natürlich ist die Grundaussage, die hier in zwei Phrasen mantraartig wiederholt wird, völlig banal: Das Geheimrezept lautet "connect with fans" und "reason to buy". Man stellt also Kontakt zu den Leuten her und gibt ihnen einen Anlaß, Geld auszugeben.

Natürlich sind Reznors Marketingideen teilweise wirklich spannend - zum Beispiel die YEAR-ZERO-Kampagne, wo er USB-Sticks mit Teaser-Infos auf den Toiletten von Konzerträumen liegengelassen hat; die Infos verwiesen auf ein Netzwerk aus "Geheimwebsites", die dann nach und nach das zugrundeliegende Paranoia-Konzept des Albums vertieften. Eine schöne Kampagne - die man natürlich nur starten kann, wenn man Trent Reznor ist und haufenweise Geld für USB-Sticks und schmissig designte Websites ausgeben kann. Der Vortragende beteuert, daß sein Konzept auf jede Größenordnung von Künstler übertragbar ist - aber eigentlich will er ja über bahnbrechende Wege reden, und nicht einfach darüber, daß man irgendwem irgendwas andrehen will.



Umso erheiternder ist es ja nun, daß Reznor unlängst angekündigt hat, daß er sich aus allen Social-Networking-Seiten zurückziehen will. Wo der obige Vortragende noch lobt, wie sehr sich Reznor mit den Fans über das Web 2.0 in Verbindung setzt, zeigt sich ja nun, daß Reznor das ganze Unterfangen eigentlich nur als Versuch gestartet hat, den er jetzt als gescheitert ansieht: "I will be tuning out of the social networking sites because at the end of the day it's now doing more harm than good in the bigger picture and the experiment seems to have yielded a result. Idiots rule". (Reznors ganzes Statement dazu: hier.) Offenbar nervt es Reznor, von manchen derangierten Fans mit hunderten von Nachrichten pro Tag zugebombt zu werden, aber noch viel mehr ärgert ihn, daß er Persönliches präsentiert und dafür von sogenannten Fans mit zigfachen niederträchtigen Haßtexten eingedeckt wird. Konsequenz also: Raus aus dem Netzwerk.

Ob Masnick, der nette Marketingspezialist, das auch in seinen Vortrag einbauen wird? Jetzt gerade hat Reznor ebenso angekündigt, daß er keine Liveshows mehr in Amerika spielen wird: "It just dawned on me that this is our last show ever in the United States. Don’t be sad. I’ll keep going. But I think I’m going to lose my … mind if I keep doing this, and I have to stop." Laune? Vielleicht. Das schöne an der Aktion ist doch eigentlich das: Trent Reznor selbst ist es total egal, ob er die "Zukunft der Musikindustrie" ist oder nicht. Er macht, was er will. Ob das klug ist oder doof, bleibt sein Bier. Künstler sind halt Künstler, und Verkäufer sind Verkäufer, und während sich diese Fähigkeiten manchmal positiv überschneiden, ist es doch beruhigend zu wissen, daß ein Künstler eben primär als Künstler funktioniert - ohne bei jedem, Entschuldigung, Furz primär über seine Vermarktbarkeit und seinen Nutzen nachzudenken.

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Unlängst hat ja die Firma 3D Realms die Tore geschlossen. Wie sagte ein vereidigter alter Hase der Spieleszene doch so schön: Man hat dort festgestellt, daß es kein gutes Geschäftsmodell ist, 12 Jahre lang an einem Spiel zu arbeiten. Seit den Neunzigern arbeitete man dort nämlich an DUKE NUKEM FOREVER, quasi dem CHINESE DEMOCRACY der Spieleszene, und obwohl man sich nebenher an Shootern wie PREY betätigte, wurden die Ressourcen wohl hauptsächlich in den Duke gesteckt - der nun natürlich den Weg alles Virtuellen gehen wird.

Schade ist das insofern, als daß 3D Realms ja früher einmal Apogee waren (3D Realms wurde zunächst als Ableger für 3D-Shooter ins Leben gerufen, bis sich die Firma dann komplett den neuen Namen aneignete) - die Firma, die in den frühen Neunzigern nicht nur eine Reihe von wirklich fantastischen Jump'n'run-Spielen für den PC veröffentlichte - darunter der beliebte COMMANDER KEEN - sondern die auch mit ihrem Shareware-Modell die Szene veränderte: Ein Spiel war in drei "Episoden" unterteilt, die erste gab es gratis zu kopieren, die anderen konnte man sich dann nachkaufen. Damals waren Demoversionen eher Ausnahmen - heute gibt es spielbare Demos zuhauf, und viele Firmen setzen auf den Effekt, daß man, wenn man mal dransitzt, auch gerne Geld für den Rest ausgeben wird. Apogee haben sich natürlich am Shareware-Prinzip orientiert, aber sie haben das System halt auch mit professionellen Spielen verknüpft, für die die Leute wirklich gerne gutes Geld ausgeben wollten. WOLFENSTEIN 3D erschien über Apogee, bevor sich deren Entwickler id selbständig machten.

So habe ich also zuletzt wieder eins der schönsten Apogee-Plattform-Games herausgekramt und durchgespielt: COSMO'S COSMIC ADVENTURE. Man steuert das kleine Alien Cosmo, dessen Eltern auf einem fremden Planeten verloren gehen, und der sich aufmacht, sie zu suchen. Dabei stolpert er durch finstere Gruselwälder, futuristische Bauten, Eishöhlen, gigantische Pilzbestände, und anderes Gelände.



Schmäh der recht straighten Jump'n'Run-Kiste - man irrt durch labyrintische Levels, sammelt Bonusgegenstände ein, weicht Monstern aus und verteidigt sich mit einem kleinen Kontingent an Bomben - war, daß Cosmo keine Hände hat, sondern Saugnäpfe: Er kann sich also an Wänden festhalten. Viele der Wege beinhalteten also, daß man sich irgendwo die Wand hocharbeiten muß, oder man kann erhöhte Plattformen nur erreichen, indem man an ihre Seite springt und sich dort festsaugt.



Das ist alles gar nicht so leicht, und es gibt durchaus Levels, in denen man beständig das Zeitliche segnet - aber andererseits bleibt das Spiel immer fair und weckt stets die Lust, weitere Gebiete zu erforschen, oder doch noch zu probieren, alle Bonusgegenstände zu finden und einzusammeln. Alles ist schön abwechslungsreich designt, ständig passiert etwas, und hier und dort gibt es kleine versteckte Gags: Beispielsweise kann man in einem Level den eingefrorenen Duke Nukum retten, indem man ihn aus dem Eisblock heraussprengt. DUKE NUKUM, das Jump'n'Run-Spiel, stammte vom gleichen Designer, Todd Replogle.



Das Design des Spiels ist niedlich - Cosmo sieht unglaublich knuffig aus und hält sich bei größeren Stürzen auch gerne mal die Saugnäpfe vor die Augen, bevor er dann comichaft den Kopf klarschüttelt. Die Monster sehen wir aus einer Kinder-Zeichentrickserie aus. Das Setting ist sehr süß, die Musik größtenteils recht bunt und fröhlich gehalten - obwohl Robert Prince auch hier wieder einige sehr coole Tracks untergebracht hat.

Reinnhören:




Tja, und nun habe ich also zum zweiten Mal Cosmos Eltern gerettet (das erste Mal war natürlich ca. 1992, als ich das Spiel gekauft habe). Und es hat wieder Spaß gemacht. Aber wer dankt es mir? Wer gibt einen aus?

Wer mal spielen will: Die erste Episode gibt es hier herunterzuladen. Die komplette Musik stammt von dieser Seite, die Bilder von dieser schönen Fanseite - auf der es übrigens auch ein fanerstelltes Levelset für das Spiel gibt!

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Hermann Willié (Götz George) präsentiert die Hitler-Tagebücher

1983 tönte die Chefredaktion des Stern großspurig: "Die Geschichte des Dritten Reiches muß teilweise umgeschrieben werden". Das Magazin hatte für die stolze Summe von 9,3 Millionen Mark die Tagebücher von Adolf Hitler – immerhin 62 Bände! – erworben und am 28. April des Jahres begonnen, sie abzudrucken. Nur eine Woche später stellte sich heraus, daß die Tagebücher Fälschungen waren: Der Stern und seine Mitarbeiter waren dem Kunstfälscher Konrad Kujau auf den Leim gegangen, der die Tagebücher selbst verfaßt und dem Reporter Gerd Heidemann angedreht hatte. Kujau und Heidemann wurden wegen Betrugs zu mehrjähriger Haft verurteilt, und die Geschichte stand als eine der größten Blamagen der Journalismusgeschichte da.

Helmut Dietl, der zuvor mit den bissigen Fernsehserien KIR ROYAL und MONACO FRANZE aufgefallen war, griff den Stoff Anfang der Neunziger für sein Kinodebüt auf (fast parallel wurde in England die Geschichte in einer TV-Miniserie mit Jonathan Pryce namens SELLING HITLER erzählt). Sein SCHTONK! ist eine grelle Satire, die mit überzeichneten Figuren und süffisantem Witz die absurde Farce um die Tagebücher als eine Geschichte des Opportunismus, der unkritischen Hörigkeit und der fast bedingungslosen Faszination rund um eines der dunkelsten Kapitel der menschlichen Geschichte erzählt. Mit anderen Worten: Die Welle der Unterwürfigkeit, die die Figuren hier in der Begegnung mit dem verstorbenen Führer erfaßt, kann durchaus auch als Parallele zu jenem Mitläufertum verstanden werden, das um sich griff, als er noch lebte.

Uwe Ochsenknecht als Fritz Knobel
Kunstfälscher Knobel (Uwe Ochsenknecht) steigert sich in die Rolle des Autors hinein.

Götz George spielt den Journalisten, der auf die Spur der Tagebücher kommt, und es mag eine seiner besten Rollen sein: Sein Hermann Willié (also das Pendent zu Heidemann) ist ein schmieriges, rückgratloses Wiesel, das opportunistisch buckelt, später dem Größenwahn anheimfällt, und ständig salivierend von einem "Knüller" redet; George spielt ihn mit einer fast grenzenlos aufrichtigen Unaufrichtigkeit, mit fiebrigem Blick und unbeholfener Körpersprache im Umgang mit der vermeintlichen Hinterlassenschaft des Führers, und er ist allein deshalb schon abstoßend, weil er beständig geräuschvoll seine Nebenhöhlen freimacht. Zu Beginn kauft Willié die heruntergekommene Jacht des ehemaligen Reichsmarschalls und versucht dann, sie dessen Nichte (Christiane Hörbiger!) mit Lobgesängen auf ihren Onkel anzudrehen – wobei er gleichsam auch bereit ist, mit der weitaus älteren Frau eine Liaison einzugehen, sie aber gleichzeitig am Frühstückstisch wegen ihrer bitteren Orangenmarmelade verlassen will und sie zurechtweist: "Ich kann mit keiner Frau zusammen sein, die mir nicht gehorcht".

Willié stolpert über den Kunstfälscher Fritz Knobel (Uwe Ochsenknecht), der sich als Kunstprofessor ausgibt und gerade ein Nacktgemälde von Eva Braun ("ein allerechtester Hitler") an einen Altnazi verkauft hat. Knobel dreht Willié ein vermeintliches Tagebuch von Hitler an, und der rennt zur Verlagsleitung eines großen deutschen Magazins, die für immer mehr Geld immer mehr Bände dieses "sensationellen Fundes" erwirbt, das angeblich bei Kriegsende per Flugzeug ins Ausland geschafft werden sollte, aber nach dem Absturz der Maschine in der späteren DDR in irgendwelchen ominösen Kisten im Ostblock verborgen sei. Knobel macht sich also an die Arbeit, weitere Bände der geheimen Gedanken des Führers zu verfassen und dann mit ein paar geschickten Handgriffen auf alt zu trimmen – wobei seine Ausführungen an plumper Banalität nicht zu übertreffen sind. "Die übermenschlichen Anstrengungen der letzten Tage verursachen mir Blähungen im Darmbereich, und Eva sagt, ich habe Mundgeruch", soll Adolf da also verfaßt haben, und die gesammelte Chefetage des Magazins wird gleichsam ohnmächtig und feucht, weil sich Hitler so sehr von seiner menschlichen Seite zeigt. "Ein einfacher Mensch wie du und ich", nicken die Journalisten begeistert.

Götz George als Hermann Willié
Hermann Willié (Götz George) im Führer-Fieber

Viele Details der wahren Geschichte werden in SCHTONK! eingeflochten – so zum Beispiel die Tatsache, daß Schriftstücke, mit denen ein Schriftvergleich zur Feststellung der Authentizität der Tagebücher durchgeführt wurde, teilweise ebenfalls von Knobel bzw. Kujau stammten. Oder die Kuriosität, daß die Initialen auf den Tagebüchern "F.H." lauteten, was freilich ganz klar für "Führer Hitler" oder für "Führer-Hauptquartier" stehen mußte. Dietls Witz ist dabei selten subtil: Wenn Uwe Ochsenknecht sich beim Schreiben der Tagebücher versehentlich Tinte in Form des Hitlerbartes ins Gesicht schmiert, ist das natürlich kein hintergründiger Humor – aber der Tonfall paßt zur hirnrissigen Absurdität der ganzen Geschichte, die hier genauso albern zum Besten gegeben wird, wie sie es nachträglich auch ist. "Habe gerade die Olympischen Spiele eröffnet. Die Veranstaltung ist ausverkauft. Hoffentlich kriege ich für Eva noch eine Karte", schreibt Knobel auf, und natürlich liegt der Witz nicht nur in der Diskrepanz zwischen der plumpen Alltäglichkeit und dem Gewicht der tatsächlichen Geschichte des Dritten Reiches, sondern auch darin, daß derartige Banalitäten 1983 für eine weltbewegende Sensation gehalten wurden.

Entsprechend zeichnet Dietl auch die ganze Riege der Figuren: nicht ein einziger, vernünftiger Mensch weit und breit. Die Chefredaktion, die noch zu Beginn vehement äußert, daß sie "niemals Hakenkreuze aufs Titelbild" nehmen wird, hechelt nach den Tagebüchern und verkündet das einleitende Zitat. Der Inhaber des Magazins, der noch anfangs angeekelt von "braunem Mief" redet, redet plötzlich davon, wie ihn "der eisige Hauch der Geschichte anweht", und öffnet mit zittriger Hand ein versiegeltes Tagebuch, nachdem ihm Willié mit weitaufgerissenen Augen erklärt hat: "Ich habe nicht gewagt, das Siegel zu brechen, mein Führer – äh, Herr Doktor". Knobel schreibt sich bis in den Fieberwahn, bis er erklärt, daß er "die Handschrift des Führers besser beherrscht als seine eigene". Bei einem Treffen von Altnazis (anläßlich des Führergeburtstags!) wagt es der Gastgeber kaum, das Tagebuch zu öffnen, bis ihm ein ehemaliger SS-Offizier versichert: "Öffnen Sie es, Kamerad, ich übernehme die volle Verantwortung".

Martha (Veronica Ferres) als Nacktmodell für ein angebliches Hitler-Gemälde
Martha (Veronica Ferres) steht Modell für einen "allerechtesten Hitler": ein Porträt von Eva Braun!

Zum Schluß fliegt die ganze Geschichte natürlich – wie im wahren Leben – auf, und alle Beteiligten stehen – dito – als Vollidioten da. Die Geschichte wie auch der Film führen uns vor, wie sehr wir immer noch in Ehrfurcht erstarren, wenn es um den Führer und sein zwölfjähriges Reich geht. Wie groß unsere Faszination für dieses Kapitel immer noch ist, und das nicht immer aus historisch motivierten Gründen. Und, ganz ehrlich: Die Rechtsparteien gewinnen an Popularität, im Fernsehen werden zigfach Jubiläen aus Kriegstagen mit der dazugehörigen Bilderflut abgespult, im Kino untermauert Tom Cruise die Ikonographie der Geschichte als Actionspektakel, beim Elektromarkt um die Ecke liegen Stapel von Billig-DVDs über "Hitlers Weg zur Macht" herum, und im Buchhandel können wir uns eingehend mit Hitlers Frauen, Autos, Hunden und Schulkameraden beschäftigen – so schnell werden wir die alten Irren nicht los.


Um SCHTONK geht es auch in unserem elften Lichtspielplatz-Podcast, in dem wir über drei Journalismusskandale sprechen.




Schtonk! (Deutschland 1992)
Regie: Helmut Dietl
Drehbuch: Helmut Dietl, Ulrich Limmer
Kamera: Xaver Schwarzenberger
Musik: Konstantin Wecker
Produktion: Bavaria Film / WDR
Darsteller: Götz George, Uwe Ochsenknecht, Veronica Ferres, Christiane Hörbiger, Harald Juhnke, Martin Benrath, Dagmar Manzel, Hermann Lause, Karl Schönböck, Ulrich Mühe, Armin Rohde
FSK 6

Die Screenshots stammen von der DVD (C) EuroVideo.
Schöne Fundstücke bei YouTube: Neue Trailer zu bekannten Filmen.

Sehr empfehlenswert zum Beispiel: SCHLAFLOS IN SEATTLE, der Trailer für die Männer.



Auch schön: Wenn einem nie jemand glaubt, daß THE SHINING ein Gute-Laune-Film ist.



Und ebenso nett: Bislang unentdeckter Subtext in der BACK TO THE FUTURE-Reihe.



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So, nun haben wir sie also gesehen, die Zukunft. Und sie wird vor allem eins: laut. Irgendwie kommt es einem ja immer wie eine Ewigkeit vor, wenn man beständig Nachrichten von einer geplanten Fortsetzung liest, und die Entstehung dann sporadisch über verschiedene News-Seiten mitverfolgt. Aber irgendwann ist das Ding dann halt da und in 2 Stunden gegessen - und manchmal ist es damit auch schon wieder abgehakt, eingetütet, und kann somit dann auch wieder vergessen werden. Wie in diesem Fall: Bei TERMINATOR SALVATION.

Wir müssen ja nicht extra erwähnen, wie grandios der Erstling ist. Wir tun's trotzdem: Es gibt wenig SF-Actionfilme, die düsterer und nihilistischer und mitreißender sind als THE TERMINATOR. Der Film ist der pure, atemberaubende Terror: Eine unaufhaltsame Killermaschine stapft durch unsere Zeit und kann von nichts und niemandem aufgehalten werden; die Frau, die er jagt, wird überall für verrückt gehalten, während sich die Maschine durch Leichenberge pflügt; der Typ, der sie beschützen soll, ist auch nur ein Mensch, der der Maschine wenig entgegenzubringen hat und ganz obendrein offenbar völlig irre ist. Und das alles in einer Geschichte über das Ende der Menschheit durch das, was wir selbst geschaffen haben. Der Film war so fies, daß es uns nicht gewundert hätte, wenn er damit geendet hätte, daß Sarah Connor stirbt und die Maschinen gewinnen.

Ich habe auch T2 geliebt und vielfach geschaut, und ich bin ja in einer absoluten Minderheit von Leuten, die T3 lieben und die Fortführung der Geschichte verdammt interessant und konsequent finden. Klar ist die Terminatrix viel niedlicher als der bösartige T-1000 - aber immerhin war ja bei T2 schon Arnie als Beschützer dabei, der mit High-Five-Zeichen signalisierte, daß alles gut wird. Wenigstens war er in T3 dann ein absolutes Auslaufmodell, und John Connor war eine absolut gebrochene Figur, die alles verloren hatte, was ihr wichtig war. Am Schluß kam die finstere Erkenntnis, daß wir nichts tun können, um unser Schicksal zu ändern.


In T4 sehen wir nun also die Zukunft, den Kampf der Menschen gegen die Maschinen. Kurze Eindrücke davon haben wir schon in den ersten beiden Filmen gesehen: Eine harte, apokalyptische Zukunft, in der die Menschen hoffnungslos in kleinen Bunkern kauern und sich hinter einem menschlichen Gesicht eine Tötungsmaschine verbergen kann. Wie sieht die Zukunft in T4 aus? Na, wie in BLACK HAWK DOWN: Harte militärische Typen brüllen Kommandos und ballern aus allen Rohren auf diverses Blech. Alle paar Minuten fliegt etwas in die Luft, knallen Kugeln durch die Gegend, stürzen Helikopter ab und was weiß ich, aber die Figuren laufen da durch wie eine Marine-Spezialeinheit. Angst hat da keiner, und die Hoffnungslosigkeit wurde durch soldatische Zackigkeit ersetzt.

Was wäre interessant an dieser Zukunftsgeschichte, mal abseits von dem Spektakel? Zum Beispiel: Wie wird ein einfacher Mann zum Held und dann zum Anführer des Widerstands? In T4 ist John Connor schon ein Held, der mit brütendem Gesicht Dutzende von Terminatoren erledigt und den nicht mal ein Helikoptercrash arg aus der Ruhe bringt. Anführer ist er noch nicht, aber eigentlich hört schon jeder auf ihn; er hält schon schwungvolle Reden und befindet sich bereits in exakt der Rolle, die ihm zugesprochen wurde. Völlig uninteressant.

Auch interessant wäre: Wie haben sich die Menschen nach dem durch SkyNet verursachten Atomschlag überhaupt wieder zusammengerottet? Wie ist der Widerstand entstanden? Wie überleben die Menschen überhaupt in dieser postapokalyptischen Welt? Wovon leben sie? Was gibt ihnen Hoffnung und Überlebenswillen? McG, der T4 als reines Dezibelspektakel sieht, hat für all solche Sachen keine Zeit: Wir befinden uns halt schon im Krieg, verdammt noch mal, und das bedeutet, wir können viel kaputt machen und dann noch mehr kaputt machen.

Eigentlich ist T4 ja auch gar nicht die Geschichte von John Connor. Es ist die Geschichte von Marcus, der zum Cyborg umgewandelt wird, was er selbst gar nicht mitkriegt. Marcus wird von SkyNet dazu verwendet, den Widerstand zu infiltrieren, und entweder hat SkyNet einfach einen so genialen Plan, der in so vielen hundert Punkten zusammenkommt, oder es gab halt einfach keinen Plan. SkyNet weiß aus irgendeinem Grund auch, daß Kyle Reese der Vater von John Connor ist, aber die Maschinen schnappen sich Reese lebendig, um ihn als Köder einzusetzen - obwohl sie ihn stattdessen ja einfach nur wegputzen müßten, um den Krieg zu gewinnen. Eigentlich weiß SkyNet ja auch nur, daß John Connor sterben muß, weil er der Anführer des Widerstands ist (das wissen wir ja aus Teil 1); da John Connor hier *nicht* der Anführer des Widerstands ist, sieht es wohl eher so aus, als hätte SkyNet die Infos aus dem Drehbuch und nicht etwa aus einer logischen Deduktion. Zu diesem Zeitpunkt John Connor umzubringen macht für SkyNet doch genauso viel Sinn, wie Hans Mützenhuber umzunieten.

Aber vielleicht liegt es auch daran, daß SkyNet sich hier so dämlich anstellt. Daß es Reese am Leben läßt. Daß es John Connor ins Innere der Kommandozentrale kommen läßt, anstatt ihn einfach gleich am Eingang mit einer Dutzendschaft Terminatoren zu empfangen. Daß es einen Cyborg verwendet, um den Widerstand zu infiltrieren, obwohl der Cyborg das selbst gar nicht weiß; und daß es selbigem Cyborg dann in langer Monologsequenz den Plan hinterher überhaupt noch erklärt. Das ist keine künstliche Intelligenz, das ist eine dumme Basic-Routine.


Es ist ziemlich viel schwachsinnig an T4, aber wir müssen ja hier nicht alles auflisten. Es wäre auch viel weniger tragisch, wenn das Drehbuch uns irgendwie fesseln würde; wenn uns die Figuren in irgendeiner Weise interessieren würden. So bleibt halt nur Action über, und die ist freilich größtenteils toll gemacht, aber wie's halt so ist mit dem reinen Spektakel: Wenn man nicht drin ist, dann guckt man nur zu und langweilt sich halt irgendwann brutal. Oder macht sich lustig über das Geschehen: Guck mal, da hat sich ein Düsenjäger hinter einem Brückenpfeiler versteckt! Guck mal, der nette Harvester, der mit Jurassic-Park-Gestampfe und lautem Dröhnen bewegt, hat sich wohl an die Rebellenbaracke angeschlichen, bevor er in den "Laut"-Modus umgeschaltet hat!

Die fünf Minuten Dialog im Film sind allerdings dann auch wieder so erbärmlich, daß man die stupide Action doch wieder bevorzugt. "Ich habe schon lange keine netten Jungs mehr kennengelernt", säuselt Moon Bloodgood in einer völlig aufgesetzten Szene, aber bevor die dann noch mehr Quark reden, fliegt zum Glück eh schon wieder was in die Luft. Statt einer Handlung gibt's Beschäftigungstherapie, wenn man sich mal ansieht, was sich zwischen dem Anfang des Films und dem Ende getan hat: Richtig, es geht um gar nichts. Für einen kurzen Moment freut man sich, wenn der T-800 mit dem aufgeklebten Arniekopf auftaucht, aber das hält auch nicht lange an, weil die Terminatoren in diesem Film die Leute immer nur doof durch die Luft werfen, anstatt ihnen einfach die Metallhand an die Gurgel zu setzen und zuzudrücken.

Das war nun also der neue TERMINATOR, und eigentlich hab' ich mir die ganze Zeit nur eins gedacht: Ich will den ersten mal wieder sehen. Bei den Besucherzahlen steht uns ja sicherlich bald T5 ins Haus, aber ganz ehrlich: Das kann doch nur EPISODE II zu diesem EPISODE I werden.



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Nicht jeder ist von J.J. Abrams' Neudesign von STAR TREK so restlos begeistert wie die (teils dafür bezahlte) Journallie, die glaubt, daß bei einer neuen Verpackung das darin enthaltene Waschmittel auch gleich viel weißer wäscht. Obi-Wahn hat einige Ausführungen dazu in seinem Blog, ich habe meinen Zwiespalt zwischen passivem Filmgenuß und kritischer Auseinandersetzung (sprich: mit eingeschaltetem Gehirn) hier niedergeschrieben.

Man kann seine Meinung dazu aber auch per Videobastelei kundtun, so wie der Mensch, der dieses schöne Video auf YouTube unter dem Titel "I made old Star trek look like new Star Trek" gepostet hat:



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Die Vorzeichen stehen nicht besonders gut: PINK LEMONADE ist ein amerikanischer Amateurfilm, den zwei Enthusiasten zusammen mit einer Truppe von motivierten und völlig unbekannten Schauspielern gedreht haben, von denen viele bislang nie vor der Kamera standen. Der Film fühlt sich stark von CLERKS und WAITING (zu deutsch ABSERVIERT) beeinflußt, wobei ja letzterer gleichsam ausgiebigst ersterem Vorbild huldigte - wo in CLERKS der Arbeitsalltag in einem kleinen Supermarkt und in einem Videoladen den Figuren fast handlungsfrei Raum für ausführliche Diskussionen, grobe Scherzchen und angesammelte Frustrationen gab, zeichnete WAITING ein ganz ähnliches Szenario in einem Restaurant. Auch PINK LEMONADE spielt in einem Restaurant, einem Fast-Food-Lokal namens Burger Shack, und der Film ist größtenteils eine Reihe von wenig ernsten Vignetten, die sich um Mitarbeiter und Gäste des Ladens drehen.

Klingt also wenig originell und ist es auch in Wahrheit nicht. Aber vergessen wir mal nicht, daß auch CLERKS prinzipiell ein Amateurfilm war, und daß es auch dort nicht die Handlung war, die uns am Ball gehalten hat: Es war der bissige Witz, den die Antihelden in ausufernden und nimmermüden Wortlawinen zur Schau stellten, und die Kühnheit eines Filmemachers, der auf alle Regeln pfeift und gleichsam völlig banalen Alltag und ironisch zugespitztes Verlierertum zelebrierte.


Ganz so gewitzt sind die beiden Macher von PINK LEMONADE natürlich nicht - schon allein deswegen, weil sie einer Blaupause folgen. Um die fehlende strukturelle Kante auszugleichen, wird stattdessen der Witz teils in die grenzwertigsten und, wie man so schön sagt, politisch inkorrektesten Gebiete getrieben: Die Dialoge und der Humor sind über weite Strecken derb, obszön, sexistisch, frauenfeindlich, homophob - you name it, they got it. Ob man den Film also witzig findet, hängt zum weiten Teil von der eigenen Toleranz gegenüber geschmacklosen Scherzen ab. Dialogbeispiel gefällig?

Chaz: I hate Ben Affleck.

Lewis: He is very popular.

Chaz: Yeah, well, so was Hitler, but you don't find a lot of people defending him when push comes to shove.

Lewis: Hitler killed six million people.

Chaz: Ben Affleck isn't finished yet!

Und nein, das ist nicht einer der derberen Scherze. Aber sagen wir es mal umgekehrt: Wer die Stand-up-Comedy von Lisa Lampanelli, Artie Lange oder Andrew "Dice" Clay verachtenswert tief und gar nicht lustig findet, wird auch hier nicht glücklich werden. Wobei, von individuellen Sensibilitäten einmal abgesehen, auch nicht jeder Witz von gleicher Qualität ist: Das obige Beispiel ist in seinem absurden Vergleich und der daran geknüpften, unbestechlichen Logik ein geschliffener Moment, ebenso wie die eine oder andere quer gedachte Retorte ("Have you ever heard of sexual harassment?" - "No, I don't listen to hip-hop"); andere Segmente, wie beispielsweise die Diskussion um Täterspuren bei Vergewaltigungen, verlassen sich zu sehr auf ihren reinen Schockwert und finden keinen richtigen Anhaltspunkt für ihren Humor (und spätestens seit Mel Brooks wissen wir, daß eigentlich alles komisch sein kann, egal wie geschmacklos - was nicht heißt, daß der Witz in der Geschmacklosigkeit selbst liegt, und somit auch nicht, daß der Witz nicht "erarbeitet" werden muß).


Immerhin haben die beiden Regisseure und ihre Darsteller ein gutes Gespür für Timing, wodurch viele Pointen sitzen und fließen und der Film nie tot am Boden liegen bleibt. Freilich wird keiner der Darsteller nach dem Film mit Preisen überhäuft werden, und wie in den meisten Laientruppen gibt es bessere und schlechtere Mitstreiter. Ganz aus dem Rahmen fällt aber keiner, und beispielsweise Kurt Finney, der den Burger-Shack-Manager spielt, wüßte mit seinem perfektem Timing und kontrolliertem Spiel auch in einer professionelleren Produktion voll und ganz zu überzeugen. Was den Enthusiasmus dann wiederum bremst, ist die Tatsache, daß der Film sich dann manchmal doch in den Fäkalhumor stürzt, und wenn einer der Mitarbeiter in einer ausgedehnten Ekelsequenz die Toilette des Restaurants reinigt, merkt man schnell, daß zwischen einer erzählten Geschmacklosigkeit und einer gezeigten Derbheit doch noch Welten liegen - vor allem, wenn in der Derbheit gar kein Witz gefunden wird.

Sei's drum: Die Verbalgefechte überwiegen, und sind, wenn man derben Humor mag, durchaus unterhaltsam. Auch CLERKS und WAITING waren ja in ihrem Witz keine Disney-Filme. Wenn die Jungs beim nächsten Film noch ein wenig an der Technik feilen und den Humor schleifen, dann freuen wir uns auf ihren nächsten Streifen.
 




Pink Lemonade (USA 2006)
Originaltitel: Any Night But Tonight
Regie: David Edmundson, Randy Van Dyke
Drehbuch: David Edmundson, Randy Van Dyke
Kamera: Christopher Wedding
Musik: Richard Andonian
Produktion: Produktion Random Reel Entertainment
Darsteller: Kurt Finney, Angela Trimbur, Brett Lawrence, Chris Teregis, Adam Young
Länge: 97 Minuten
FSK 16


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Das Feuilleton feiert J.J. Abrams' Neubeginn der Abenteuer des Raumschiffs Enterprise, der von den jungen Jahren der alten Serienhelden Kirk, Spock und ihrer Entourage erzählt und im Zuge des Neubeginns schlicht STAR TREK heißt. Aber geht die Schreiberzunft dabei vielleicht nicht nur einer neuen Waschmittelverpackung auf den Leim, der den alten Inhalt mit frischer Optik verkauft? Oder bringt das Reboot-Verfahren doch frischen Wind in ein spektakuläres Abenteuer? Genzels emotionale, also privat-cinephile, und seine vulkanische, also kritische, Seite diskutieren direkt nach dem Kinobesuch bei einem schmackhaften Hot Brownie aus dem Nahrungsreplikator über den Film.

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Genzel (privat): Schön, daß wir's mal wieder zusammen ins Kino geschafft haben!

Genzel (kritisch): Schön, ja. Obwohl du mich immer in Filme mitzerrst, wo wir dann hinterher streiten.