Mai 2009
Gestern war mal wieder Richard-Stanley-Tag angesagt. Auch wenn Stanley nur wenig Filme gemacht hat und seine Karriere sehr, sehr problematisch verlaufen ist - wenig Filmemacher begeistern mich so wie er. Stanleys Arbeiten und seine Worte regen mich selbst immer wieder an, was meine filmische Tätigkeit angeht - vielleicht hat es etwas damit zu tun, daß ich seine beiden superschwer rockenden Streifen HARDWARE und DUST DEVIL zu einer Zeit gesehen habe, in der ich "meine eigenen" Regisseure gefunden habe, und daß diese Filme meinen Wunsch, das selbst auch zu machen, perfekt ausgedrückt haben. Vielleicht liegt's aber auch daran, daß Stanley so ein Querkopf ist, ein Mensch mit ganz ungewöhnlichen Ansichten über die Welt und einem ganz faszinierenden Faible für das Ungewöhnliche.

So habe ich mir also Stanleys Erstling angesehen, RITES OF PASSAGE, aus dem Jahr 1983. Stanley war ungefähr 15, als er diesen Kurzfilm auf Super 8 gedreht hat. Man sieht, wo er viele Inspirationen geholt hat - Einstellungen erinnern an Kubricks SHINING und 2001, die Musik wurde kurzerhand aus Paul Schraders CAT PEOPLE "entlehnt" - aber verdammt will man sein, wenn nicht selbst hier schon ein extrem starkes Gespür für aufregende Bilder und ein Interesse an "großen", aber quasi auch "übernatürlichen" Themen zu sehen ist: Stanley selbst irrt als Höhlenmensch (!) durch Südafrika und reflektiert im Voice-Over über den Kreislauf von Leben und Tod. Offenbar parallel dazu sehen wir einen modernen Menschen, der vielleicht die Wiedergeburt des anderen ist, vielleicht aber auch nur wie wir alle in diesem endlosen Werden und Vergehen gefangen ist. Natürlich bordet es am Prätentiösen, wenn ein 15jähriger über Leben und Tod Filme macht: Aber ohne die Prätention, das Anmaßende, formt sich vielleicht auch kein Künstler; und auch wenn RITES OF PASSAGE noch als Gehversuch verstanden werden kann, so ist er doch ein interessanter und beeindruckender Versuch.

Auf kleinerer Skala, mit einem gewissen alptraumhaften Witz, inszenierte Stanley viele Jahre später den Kurzfilm CHILDREN OF THE KINGDOM für das 99-Euro-Projekt (im Rahmen dessen diverse europäische Filmemacher Kurzfilme mit einem maximalen Budget von 99 Euro beisteuern sollten). Stanley hetzt durch den Londoner Untergrund, erst durch Höhlen, dann durch U-Bahn-Stationen. Zu Beginn erschießt er einen Angreifer, der wie er selbst aussieht; er selbst hat gleichermaßen eine Kamera wie auch eine Pistole in der Hand, die Waffe in der Hand des anderen ist bei Betrachtung durch die Kamera auf einmal einfach nur eine Banane. Wie ein Getriebener hetzt Stanley durch die Stationen, bis er schließlich wieder in den Höhlen ankommt - und dort von sich selbst erschossen wird, in exakt der Szene, die wir schon gesehen haben. Das ist auf einigen Ebenen ein interessantes Konzept: Zum einen durchläuft die Figur einen puren Alptraum, der sich in einer endlosen Schleife wiederholt und immer in ihren eigenen Tod mündet; zum anderen wirft die Doppelbelegung Kamera/Waffe eine gewisse Frage über die Funktion des Films an sich auf - per Video können wir als Zuseher die fiktiven Figuren der Geschichten immer wieder ihr Schicksal durchleben lassen. Interessant auch, daß sich Stanley über einen Strichcode am Arm identifiziert - in einem Notizbuch finden sich neben merkwürdigen Runen, okkulten Zeichnungen, dem Londoner U-Bahn-Plan (!) auch eine Reihe von solchen Strichcodes, deren letzter den Erschossenen identifiziert. Vielleicht steht der schleifenhaft erlebte Tod für den letzten in einer Reihe von verschiedenen Ichs; vielleicht geht es aber auch um denselben Kreislauf von Leben und Tod wie schon in RITES OF PASSAGE.

Nach den beiden Kurzfilmen habe ich mir dann THE WHITE DARKNESS angesehen, Stanleys Doku über Haiti und Voodoo-Rituale, und dazu dann noch ein Interview mit ihm und seinen Audiokommentar zum Film. Gedanken und Reaktionen zu diesem Film sind hier niedergeschrieben.

Wenn es doch nur mal klappen würde, daß Richard Stanley genug Geld zusammenbekommt, um endlich einen neuen Spielfilm machen zu können!

Wenigstens kann ich mich derweil auf die Neuveröffentlichung von HARDWARE freuen, der Mitte Juni in einer Collector's Edition auf DVD und Blu-Ray erscheint. Da ist unter anderem sein Kurzfilm INCIDENTS IN AN EXPANDING UNIVERSE dabei, auf den ich sehr neugierig bin. Und wenn der Transfer gut ist, dann erstrahlt einer meiner absoluten Lieblingsfilme endlich in HD-Glanz!

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Samstag ist mir nun endlich der tiefere Sinn von Body Count aufgegangen: Wenn man zusammen mit einem alten Schulfreund einen anderen alten Schulfreund besuchen fährt, der unlängst geheiratet hat, jetzt Nachwuchs erwartet und zur Feier ein großes Grillfest veranstaltet, und man dann auf der Fahrt Body Count auf ohrenbetäubender Laufstärke hört (19, ich höre sonst 14, was die meisten schon zu laut finden), während man durchs bayrische Hinterland irrt, dann macht die Musik auf einmal Sinn. (Eventuell sind alle Komponenten bis auf die Lautstärke für die Erfahrung auch verzichtbar.)

War aber sehr nett, den guten Sir Nose im Kreise seiner neuen Familie zu sehen. Auch wenn ich etwas enttäuscht war, daß er nicht höchstselbst am Grill stand, sondern diese wichtigste aller Aufgaben an einen Freund delegiert hat. Liegt vielleicht daran, daß er sich in die Rolle des Familienvaters erst noch hineintasten muß - schon bald schwingt er sicherlich selber die Grillzange, kontrolliert das Feuer und verteilt stolz das saftige Fleisch an alle hungrigen Gäste.

Apropos Nachwuchs: Ich bin ja nun offenbar in einem Alter, in dem viele Firmen glauben, sie müßten mir familienbezogene Werbung schicken. Die Sparkasse schreibt mir da doch zum Beispiel, daß ich von Väterchen Staat satte 11.000 Euro kriegen könnte, wenn ich eine Familie mit zwei Kindern hätte (von denen eins 2008 oder später geboren ist). Also, ich würde natürlich nicht 11.000 auf die Kralle kriegen, sondern siebenhundertnochwas Euro jedes Jahr über einen Zeitraum von 15 Jahren hinweg. Das heißt natürlich, daß man sich nicht einfach mal Kinder ausleihen kann, um die Prämie zu kassieren. Viel schöner noch die Werbebeilage bei den Static-X-Karten, die Dienstag per Post kamen (am 23.6. sieht sich unser Cult of Static nämlich Stehfrisur Wayne und seine Mannen in München an!): Ein Gutschein über 10 Euro für einen Internetshop für Kinderspielzeug. Die denken sicher, ich hab' den Abend freigekriegt und muß zur Wiedergutmachung dann aber für Kind und Kegel irgendwas Nettes kaufen - einen Kinderschlagbohrer oder ein extralautes Kinderschlagzeug oder so. Bitte, bitte, laßt mich doch in Ruhe mit den Bälgern und schickt mir einfach wieder irgendwelchen Porno-Spam.

Genzels jr. und sr. haben sich Sonntag übrigens ins Kino aufgeschwungen, um ILLUMINATI zu sehen, und zwar im Wasserburger Utopia. Wir waren auch beide gebührlich beeindruckt. Spannender Plot, stetes Adrenalin dank ständigem Kampf gegen die Zeit, opulente Optik mit vielen imposanten (und nachgebauten) Plätzen und Bauwerken in Rom und im Vatikan, donnernder Zimmer-Score (Montag auf CD erworben!), und fein besetzt mit Hanks, Ewan McGregor, Stellan Skarsgard und Armin Mueller-Stahl. Daß der Plot nicht so ganz wasserdicht ist, merkt man erst hinterher (und somit ist's egal); daß Arne Elsholtz, der Synchronsprecher von Tom Hanks, aus irgendwelchen Gründen nuschelt, als hätte er einen leichten Schlaganfall gehabt (im Netz wundern sich viele über die veränderte Stimme, aber die Gründe bleiben unbekannt), irritiert eigentlich auch nur die ersten 5 Minuten. Ich finde es recht beeindruckend, wie Regisseur Ron Howard auf so vielen unterschiedlichen Größenordnungen Geschichten erzählen kann - vom Zwei-Mann-Wortduell in FROST/NIXON über die historische Nachstellung der APOLLO 13 über das hektische Ensembledrama SCHLAGZEILEN hin zum adrenalinpumpenden Spektakel in ILLUMINATI. Ebenso schön, daß der Film ganz anders inszeniert ist als der DA VINCI CODE und somit kein reiner Nachklapp ist, sondern als eigenes Werk funktioniert.

Montag war übrigens Shoppen in München angesagt. Da habe ich mich mit neuem (altem) Kulturgut eingedeckt - IS' WAS, DOC? von Peter Bogdanovich, TANZ DER VAMPIRE von Polanski, MENSCHEN IM HOTEL mit Greta Garbo, MR. DEEDS GEHT IN DIE STADT von Frank Capra, und ART SCHOOL CONFIDENTIAL von Terry Zwigoff (den ich allein deswegen sehen will, weil Zwigoffs GHOST WORLD so fantastisch ist). Dazu noch den ILLUMINATI-Soundtrack und die neue Sophia-CD, die übrigens sehr sehr gut ist. In dazugehörigen Artikeln steht, das Album sei das düsterste Sophia-Album, was natürlich quatsch ist, aber vielleicht ist es das traurigste. Die Musik ist gleichförmiger als zuvor, und irgendwo textet Robin: "Why waste a perfect evening when we can just cut to the fight?", und das erinnert mich ja durchaus an jemanden. Schönes Artwork auch: Photos von einer leeren, alten Wohnung. Ah, und ein Buch hab' ich mir auch noch zugelegt: THE FILM CLUB, über eine Vater-Sohn-Beziehung, die rein über das Filmeschauen funktioniert. Hat mir vorher nichts gesagt, sah aber vielversprechend aus.

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Quincy Jones in einem Interview mit NME.COM (aus dem Jahr 2007) darüber, ob er wieder mit Michael Jackson zusammenarbeiten würde:

"Man please, I've got enough to do. We already did that. I have talked to him about working with him again but I've got too much to do. I've got 900 projects, I'm 74 years old. Give me a break."

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Hier auch mal wieder eine sehr schöne Anzeige, die im Kleinanzeigenteil des letzten Stadtblatts zu finden war:

Sbger Manager, 0815 sportl., geplfl., fresh, 34/174, diskret, BI, sucht BI-jungen sportl.schl. Ihn, langhaarig, ab 20, als Fitnesstr., Freizeitp., Freund, Vertrauten, Haushaltshilfe, F=Antw.gar. Taschengeld nach VB! Chiffre --------

Okay, kommentieren wir das oder lassen wir das so stehen? Daß sich der gute Mann einen weitaus jüngeren Partner wünscht, ist ja kein Problem - ich hab' da ja auch schon mal zweistelligen Altersunterschied hingekriegt - und daß der Toyboy gewissen optischen Vorstellungen entsprechen soll, können wir ja auch noch verstehen: schlank, sportlich, langhaarig, so einer zum Herzeigen und Sich-Jungfühlen eben. Daß der nette Manager sich selbst als "fresh" bezeichnet, mag irgendein versteckter Hinweis sein, oder vielleicht auch nur der Hinweis darauf, daß er noch nicht modert. Und ist er jetzt ein 08/15-Mensch, oder nur durchschnittlich sportlich? Naja, übersportlich kann er ja nicht sein, denn der Bewerber soll ja unter anderem als Fitneßtrainer fungieren. Ach ja, und abends das Geschirr abwaschen und tagsüber staubsaugen. Nacktputzen womöglich. Und, jaja, ein Taschengeld gibt es auch! Quasi ein "Bitte senden Sie uns Ihre Gehaltsvorstellungen". Wieviele Midnight Cowboys und mittellose Studenten sich da wohl gemeldet haben?

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Jetzt ist es passiert! Nachdem ich mich ausreichend lange bei Amazon nach allen möglichen unsinnigen Büchern zu den Themen Welteis, Flugscheiben, Hanebu-Antrieb, Vril, Bermuda-Dreieck, Gralssuche, und anderen schwer wissenschaftlichen Interessensgebieten umgesehen habe, flattert mir heute die erste Empfehlungsmail von Amazon ins Haus: Esoterische Bücher portofrei für Sie, Herr Mag.!

Natürlich ist beim Empfohlenen rein gar nichts zu den obigen Themen dabei, sondern nur Bücher zu Engeln, Leben nach dem Tod, spirituelle Energie, der übliche Schmonses halt. Werke zu Geistererscheinungen hätte ich mir ja noch gefallen lassen. Oder geheime Voodoo-Rituale: Wie kann ich mit einfachen Haushaltsgeräten fiese Exfreundinnen piesacken? Wie überrede ich meinen Chef zu drastischen Gehaltserhöhungen? Wie rege ich den Geldfluß von Filmförderungseinrichtungen in Richtung meines Kontos an? Statt dessen nur diese gänzlich unspannenden So-können-Sie-sich-ihr-Leben-schönreden-Reihen.

Naja, hätte ja schlimmer kommen können. Amazon glaubt nun halt, ich sei in meiner Beschäftigung mit superschrägen angeblichen Phänomenen und unglaublichem "Geheimwissen" zum Esoteriker mutiert. Immer noch besser, als wenn man sich Bücher zu den Drittes-Reich-Flugscheiben ansieht und dann plötzlich Post von freundlich gesonnenen Neo-Thule-Gesellschaften kriegt. Da gibt's ja auf eBay sehr, ähem, interessante Verkäufer, wo man davon ausgehen könnte, daß man nach dem Kauf auch kontinuierlich mit, räusper, Infomaterial versorgt wird. Aber hey, die Beschäftigung mit Geheimwissen kann ja auch nicht ganz ungefährlich sein!

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Hin und wieder bilde ich mir ja ein, Body Count hören zu müssen (damit geht ebenso einher, daß ich mir einbilde, mehr Body Count haben zu müssen). Und obwohl ich ja weder das erste noch das letzte Album der Dicke-Hose-Rüpel um Ice-T wirklich höre, habe ich mir nun auch Album Nummero Zwei auf eBay ersteigert, das da BORN DEAD heißt und 1994 erschien.


Und weil die Jungs hier gerade so finster und evil die Gangstas raushängen lassen, darf ich kurz den Text des ersten Tracks in voller Länge aus dem Booklet zitieren:

Bodycount!
Body muthafuckin' count!
(repeat)


Der Song heißt übrigens "Body M/F Count", was ja irgendwie einleuchtet. Weiter hinten gibt's einen schönen Song namens "Drive By", dessen Text (ohne repeats) wie folgt geht:

You killed my fuckin' brotha!
Payback muthafucka
1-8-7 nigga
Watch me pull this fuckin' trigga
Revenge!
Drive-By!


In den Thank-You-Credits dankt Gitarrist Ernie C. übrigens seinen "main niggas", nämlich Duff & Linda McKagan, während Bassist Mooseman nach einer Latte von Namen noch einen besonders netten Dank ausspricht: Er dankt "my niggas from Alpha Beta, All blonde bitches that gave me drama, All punk ass niggas that didn't recognize, all my niggas that got smoked (R.I.P.), LL Lowrider Shop, and all the cops that tried to catch me. Everybody else can suck my dick while I hit the three wheel motion on you!"

Jetzt wißt ihr auch, warum Betty's Apartment und mein nigga Schwarz so erfolglos sind.

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Wir lernen aus Wikipedia: Die Pflaume gehört zu der Familie der Rosengewächse und ist ein Oberbegriff für den Formenkreis der Art Prunus domestica. Es gibt weltweit circa 2000 verschiedene Sorten, die teils rund, teils oval geformt sind. Die Pflaume vereint den doppelten Gensatz aus Schlehdorn und Kirschpflaume, letztere regional auch unter dem Namen "Türkenkirsche" bekannt, weil sie im Balkan beheimatet ist. Zentrum des Pflaumenhandels war Damaskus, Hauptstadt von Syrien, und es soll ein Verdienst Karl des Großen gewesen sein, daß Pflaumen in Mitteleuropa angebaut wurden. Aber schon der Römer Martial schrieb: "Nimm Pflaumen für des Alters morsche Last, denn sie pflegen zu lösen den hartgespannten Bauch." Mit solcherart überblicksartig zusammengelesenem Wissen können wir uns also gezielt dem heutigen Film widmen, der den Titel OTTO, DER PFLAUMENPFLÜCKER trägt.

Allein die Abwesenheit von Pflaumen jeglicher Art in besagtem Film läßt mich stutzen. Otto, der titelgebende Protagonist, wird nämlich nicht nur nie gezeigt, wie er Pflaumen pflückt, er konsumiert auch zu keinem (gezeigten) Zeitpunkt welche, und er wird schon zu Beginn als schlitzohriger Gebrauchtwagenverkäufer eingeführt, der einen unbedarften Kunden flugs mal davon überzeugt, daß der Lack eines angepriesenen Modelles von Picasso aufgemalt wurde. Möglicherweise soll es darum gehen, daß Otto gar keine Zeit hat, um sich mit Pflaumen zu befassen, weil er mit gleich vier Frauen beschäftigt ist, die alle seiner eingehenden Aufmerksamkeit bedürfen: Schon zu Beginn klingelt es an seiner Tür, und eine brünette Frau namens Juliette erklärt ihm, daß er sie als ersten Preis in einem Preisausschreiben gewonnen hat. Während sie sich schon auszieht, fragt er noch, was denn die anderen Preise gewesen wären, aber die Aussicht auf einen lebendigen General, mit dem er Waterloo hätte nachspielen können, überzeugt ihn dann doch von den positiven Aspekten seines Gewinnes, und er wälzt sich zu säuselnden Klängen noch während des Vorspannes mit Juliette durch die Laken.

Frau Nummero zwei wird beim Fortgehen aufgerissen. Die heißt Monique und unterscheidet sich von Juliette hauptsächlich dadurch, daß sie schwarzhaarig ist. Während sich Monique und Otto dann nicht nur die Hände schütteln, liegt Juliette daneben und schläft, aber am nächsten Morgen wachen sie alle drei gleichzeitig auf und stellen fest, daß nicht nur viele Brettspiele mit mehr als zwei Mitspielern lustiger werden. Otto muß dann leider zur Arbeit, aber die beiden Mädels knuddeln einfach weiter, und das machen sie quasi den ganzen Film lang, wenn sie nicht gerade überlegen, wie sie Otto davon überzeugen können, sie nicht aus der Wohnung zu werfen, weil der nämlich jetzt die Rückkehr seiner verreisten Verlobten erwartet und zudem mit seinen Eltern Probleme kriegt, weil sich da nackte Frauen durch die vom Vater bezahlte Wohnung räkeln. Auch jetzt sind weit und breit keine Pflaumen in Sicht.

Mit der Verlobten, also Frau III, die sich Francoise nennt und zwar ebenfalls schwarzhaarig ist, aber dankenswerterweise eine andere Frisur trägt als Monique, zieht er dann entweder in ein Hotel oder zu ihr in die Wohnung (diese wichtige Handlungsinformation habe ich schändlicherweise verpennt), weil in der eigenen Bude ja noch die beiden anderen hocken und sich gerade gegenseitig einseifen oder sonst irgendetwas tun, was überhaupt nichts mit dem Pflücken von Pflaumen zu tun hat. Aber ach! Otto ist ja noch viel beschäftigter: Seine neue Sekretärin Cristal, die im Gegensatz zu den anderen drei Mädels von der Italienerin Malisa Longo gespielt wird, hat sich nach nur 24 Stunden Arbeitszeit schwer in ihren Chef verliebt und bezieht schon bald mit Otto eine neue Wohnung, wo sie dann im Zuge ihrer Arbeit nicht nur die Briefmarken leckt.

Otto kommt nun also ein wenig ins Schleudern, weil er die Terminpläne seiner vier Liebschaften jonglieren muß, aber auch, weil jede von den Damen einen ehemaligen Liebhaber in seinem Bekanntenkreis hat, die allesamt finden, daß Otto endlich die Finger von den Damen lassen sollte. Vielleicht, um sich endlich dem Pflaumenpflücken widmen zu können. Obwohl jeder der drei anderen Herren auch noch anderweitige Frauenbekanntschaften hat (einer zum Beispiel mit einer esoterisch angehauchten Frau, die Sätze wie "Komm und sei mein Vulkan" von sich gibt - die würde ich ja auch umtauschen wollen), tun sie sich also zusammen, um ihre Mädels zurückzuerobern beziehungsweise Ottos Vielweiberei auffliegen zu lassen. Wobei ja, wenn ich mich recht entsinne, zum Beispiel dieser Mechaniker Max mit Juliette nur mal am Rande zusammengekommen ist, weil die ihren Freund eifersüchtig machen wollte, der sich nur mit seinem Motorrad beschäftigt. Das war entweder bevor oder nachdem sie bei Otto als Hauptgewinn in die Wohnung eingezogen ist, und ... ähm ... also, der Motorradfahrer verschwindet dann sowieso mit irgendwelchen Firmengeldern und ... also ... ach, lassen wir das.

Daß die Sexfarce nach nur 67 Minuten schn aus ist, liegt weniger an der Zurückhaltung der Filmemacher, als an der Tatsache, daß der Film von ursprünglich circa 89 Minuten (Lauflänge der französischen DVD) holprig zusammengeschnitten wurde. Ob das Gerangel in der Originalfassung expliziter war, kann nicht mit Sicherheit gesagt werden - vermutlich war es immer noch Softsex, aber dafür viel längerer Softsex. Auch auf 67 Minuten bleiben aber noch genug blanke Brüste und Hintern im Bild, aber obwohl das simulierte Begegnungskomödchen ziemlich harmlos bleibt, schaffte es der Film trotzdem, keinerlei Jugendfreigabe zu erhalten. Eventuell sollte verhindert werden, daß Eltern ihren Kindern den Film geben, um sie zum Obstessen anzuregen.

Die französisch-italienische Coproduktion ist zwar komplett banal und bescheuert, aber immerhin kurzweilig und flott genug, um die Zeit schnell vergehen zu lassen - wer sich mal durch ebenso knapp 70 Minuten faden Softsexgerangels durchgequält hat, ist ja schon dankbar, wenn man bei diesem Film nicht dauernd auf die Uhr schaut, nur um festzustellen, daß man erst bei Minute 13 ist. Und auch wenn nur Malisa Longo so richtig sexy ist, muß ebenso lobend erwähnt werden, daß beim Anblick von Brüsten niemals Geräusche ertönen, wie es in deutschen Lederhosenfilmen stets und beharrlich geschieht: Da wird nicht gehupt, gemuht, gebimmelt, geboingt oder auf die Pauke gehauen (die besten französischen und italienischen Filmemacher hatten ja schon immer ein Gespür für Realismus).

Die meisten Punkte bekommt der Film allerdings für die Synchro: Da wird mal wieder flapsig gewitzelt, daß es schon gar nicht mehr weh tut. "Der Wagen ist Ihnen wie auf den Bauch geschneidert", preist Otto da einem Kunden einen Gebrauchtwagen an und erklärt dann seiner Verlobten: "Ich muß weg, meinen Hamster vom Zahnarzt abholen". Wenn dem deutschen Dialogregisseur noch ein Witz eingefallen wäre, in dem eine Pflaume vorgekommen wäre, hätte ich mich glatt noch zu einem Sternchen hinreißen lassen können.





Otto, der Pflaumenpflücker (Frankreich/Italien 1973)
Originaltitel: Prenez la queue comme tout le monde
Regie: Jean-Francois Davy
Drehbuch: Jean-Francois Davy, Daniel Geldreich
Kamera: Roger Fellous, Georges Strouvé
Musik: Raymond Ruer
Produktion: Bayern Film
Darsteller: Philippe Gaste, Anne Libert, Malisa Longo, Monique Vita, Karine Jeantet
Länge: 67 Minuten
FSK: Keine Jugendfreigabe

Dieser Text erschien zuerst bei mannbeisstfilm.de.


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Nur wenn er Menschen zum Lachen bringen kann, fühlt sich Steven Gold (Tom Hanks) akzeptiert. Abend um Abend steht er auf der Bühne eines kleinen Clubs, wo sich Amateurkomiker vor Publikum ausprobieren können. Sein Medizinstudium hat er vermasselt - nicht nur, weil er keine Zeit zum Lernen hatte und durch die Abschlußprüfung gefallen ist, sondern auch, weil er das Studium ohnehin nur gemacht hat, weil seine Familie das so wollte. Stevens Vater glaubt immer noch, daß er in einem Studentenwohnheim haust, weil Steven dort von einem Bekannten "gedeckt" wird, und er weiß auch generell nichts von der eigentlichen Leidenschaft seines Sohnes, der mit Geldnöten kämpft und darauf hofft, endlich entdeckt zu werden.

In dem Comedyclub ist der egozentrische Steven der Star: Keiner der anderen Komiker kann die Leute so mühelos zum Lachen bringen. Die meisten der dort auftretenden Entertainer werden immer Amateure bleiben: So zum Beispiel der Geschichtslehrer Mr. Ball, der bei seiner Schulklasse mit seinen Witzen gut ankommt und es nicht versteht, warum er auf der Comedybühne jedes Mal gnadenlos absäuft. Manche aber haben Potential, mit dem sie arbeiten können. Eine von diesen Kandidatinnen ist Lilah (Sally Field), eine biedere Hausfrau, die schon als Kind stets Menschen zum Lachen bringen konnte und diese Seite ihrer Persönlichkeit zuhause nicht ausleben kann. Lilahs Programm ist nicht sehr witzig, aber Steven lobt ihr Naturtalent und bietet an, ihr zu helfen - zunächst aus rein finanziellen Gründen, aber dann auch, weil er die Frau, die glatte zehn Jahre älter ist als er, attraktiv findet. Warum, das wissen weder er noch sie so genau.

Lilah (Sally Field) will von Steven (Tom Hanks) lernen.

Das Skript für PUNCHLINE schrieb David Seltzer schon 1979, aber es verschwand jahrelang in einer Schublade, bis er es dann als Nachfolger seines klugen, fein beobachteten Teenagerdramas LUCAS fast zehn Jahre später selber verfilmen konnte. Sein Blick auf die Menschen, die sich verzweifelt als Stand-Up-Komiker abplagen, ist nicht komisch und soll es auch gar nicht sein: Diese Menschen machen Witze, weil ihnen zum Heulen zumute ist. Stevens Leben ist ein völliges Chaos, und der einzige Weg, den er kennt, um Menschen auf seine Seite zu bringen, ist der des Witzelns. Nachdem er bei seinem Medizinexamen heillos untergegangen ist, wird er von seinem Prüfer gefragt: "Können Sie mir sagen, welchen Sinn es macht, Menschen ohne jegliches Talent für die Medizin an Leuten mit todbringenden Krankheiten herumdoktorn zu lassen?" "Es würde die Zahl der Leute mit todbringenden Krankheiten drastisch reduzieren", platzt Steven heraus und lacht seinen Professor hilflos an. "Funny Steve is going under", erklärt Steve später einem Talentscout, dem er klarmachen will, daß er mit seinem restlichen Leben völlig überfordert ist.

Lilah hat ihre eigenen Probleme: Ihr Ehemann (John Goodman) ist gar nicht mit ihrer Doppelrolle als Ehefrau und Komikerin einverstanden, weil er sich ausgeschlossen fühlt und glaubt, daß es Lilah von Heim und Familie wegzieht. Ihr Balanceakt, in dem sie sich gleichzeitig um ihre Töchter und das Haus kümmert und ihrer Comedyleidenschaft nachgeht, funktioniert auch nur begrenzt, weil immer eine von beiden Seiten zu kurz zu kommen droht. "Die Menschen in diesem Haus lieben dich, egal ob du komisch bist oder nicht", erklärt ihr Ehemann frustriert. Und trotzdem zieht es sie immer wieder auf die Bühnen, wo sie jedes Mal um die Anerkennung der Leute kämpfen muß. Als Steven sich Hals über Kopf in sie verliebt, bedrängt der sie, ihren Ehemann zu verlassen, aber er wirkt in seinen Versuchen, sie mit Witzen und manischem Tanzen im Regen dazu zu bringen, ihn auch zu lieben, eigentlich nur bemitleidenswert.

Steven (Tom Hanks) will Lilah mit einer großen Show becircen.

Daß sich hinter vielen Komikern tragische Geschichten und verzweifelte Menschen verbergen, ist keine allzu neue Erkenntnis, aber dennoch eine, der selten Filme gewidmet werden (Scorseses THE KING OF COMEDY ist ein solcher, ebenso wie Formans MAN ON THE MOON). Spürbar ist diese Zerrissenheit bei vielen Komikern: Hinter dem Witz, dem Lachen, dem manischen Bedürfnis, Leute zu unterhalten, ist oft eine Menge Wut, Schmerz und Unsicherheit spürbar. Der Stand-Up-Komiker Rodney Dangerfield hat eine ganze Karriere aus dem Gefühl geschafft, zurückgewiesen zu werden: "My mother never breast-fed me. She told me she only liked me as a friend", war einer seiner Witze. Dangerfield schlug sich viele Jahre lang vergeblich als Komiker durch und warf mehrfach das Handtuch. "At the time I quit, I was the only one who knew I quit", sagte er später.

Freilich kann PUNCHLINE nur einen kleinen Einblick in diese Selbstverachtung geben und die Besessenheit, mit der die traurigen Figuren versuchen, witzig zu sein, nur andeuten. Über weite Strecken aber ist Steven Gold ein faszinierender Zeitgenosse: Egoistisch, unsicher, laut, zynisch, und mit der Fähigkeit ausgestattet, beinahe alles komisch zu betrachten. "We're God's animated cartoons", erklärt er Lilah.

Leider nicht lustig: Sally Field.

Zwei große Probleme plagen den Film und verhindern, dass er sein Ziel wirklich erreicht. Das größere davon: Sally Field hat keinerlei komisches Talent. Sie mag als biedere Hausfrau überzeugen, und ebenso als Mensch, der sich bemüht, das Richtige zu tun, der aber gleichzeitig mit Vehemenz für etwas kämpft, das ihm wichtig ist - aber als Komikerin auf der Bühne erntet sie wirklich nur in der Realität dieses Films Lacher. Sie hat keinerlei Timing für ihre bemühten Witzchen, ihr Material ist müde und - noch schlimmer - zwischen den schlechten Auftritten zu Beginn des Films und den angeblich besseren am Schluß besteht kein fühlbarer Unterschied. Field hat keinerlei Präsenz auf der Stand-Up-Bühne, und somit kann auch keinerlei Beteuerung innerhalb des Films, wie viel Potential sie doch hätte, sonderlich ernst genommen werden.

Das zweite Problem ist quasi eine Weiterführung des ersten: Auch die anderen Stand-Up-Programme sind nur sehr begrenzt komisch. Tom Hanks hat durchaus alles, was ein Stand-Up-Komiker braucht - den Biß, das Timing, die unterschwellige Agression, die Improvisationsgabe. Im Stich gelassen wird er nur vom Drehbuch: Nur wenige seiner Witze sind tatsächlich witzig, nur wenige seiner Auftritte sind tatsächlich so zündend, wie es der Film gerne hätte. Von den anderen Komikern sieht man nur gelegentlich Teile ihres Programms, und auch hier ist der Unterschied zwischen gutem Komiker und schlechtem Komiker hauptsächlich nur deshalb spürbar, weil der Film uns das mit Publikumsreaktionen mitteilt. Natürlich ist der Film als Drama intendiert, aber die Comedyelemente sollten schon glaubwürdig sein.

Sally Field und Tom Hanks im Humorblues.

So funktioniert der Film leider nur über Hanks. Das aufgesetzte Finale, in dem ein Talentwettbewerb im Comedyclub abgehalten wird, dessen Sieger in die Johnny-Carson-Show eingeladen wird, ist verzeihlich; die plötzliche Wandlung von Lilahs Ehemann, dessen vehemente Ablehnung zum Schluß verpufft und der zum applaudierenden Fan wird, fühlt sich ebenso notdürftig gelöst an, aber auch das wäre kein Beinbruch, weil es ja darum gehen soll, daß sie so oder so von ihrer Familie akzeptiert wird. Mit den obengenannten Barrieren zündet die Geschichte allerdings nie so, wie sie es könnte, und zum Schluß fragt man sich, ob es nicht vielleicht sogar klüger gewesen wäre, Fields Comedy-Untalent als Punkt in die Handlung zu setzen. Die optimistische Auflösung der einzelnen Plotfäden paßt letztlich nicht zu den tragischen Figuren, die sie bevölkern.

Sei's drum: PUNCHLINE ist bei weitem keine derartige Katastrophe, wie einen die Resonanz mancherorts vermuten läßt. Hanks kann viel von seinem dramatischen Talent einbringen, von dem wir später noch so viel mehr sehen sollten, und Seltzer kann sich tröstend sagen lassen, daß auch Scorsese und Forman mit ihren (zugegebenermaßen insgesamt stimmigeren) Komik-Sezierungen wenig Freunde gefunden haben. Wir hören eben doch lieber einen Witz über das Scheitern, als einfach nur dabei zuzusehen.


Mehr Tom Hanks auf Wilsons Dachboden:
LARRY CROWNE: Inspiration als Behauptung (2011)




Punchline - Der Knalleffekt (USA 1988)
Originaltitel: Punchline
Regie: David Seltzer
Drehbuch: David Seltzer
Kamera: Reynaldo Villalobos
Musik: Charles Gross
Produktion: Columbia / Fogwood / IndieProd
Darsteller: Tom Hanks, Sally Field, John Goodman, Mark Rydell, Kim Greist
Länge: 117 Minuten
FSK 12

Die Screenshots wurden von der englischen DVD (C) 2004 Columbia TriStar Home Entertainment genommen.