Juli 2009
Tom Cruise als Graf von Stauffenberg

Die Aufregung bordete über, lange bevor auch nur ein einziges Bild des Films existierte, in einem unglaublichen Zirkus aus vehementen Protesten und salivierendem Applaus, lange bevor auch nur ein Mensch den Film überhaupt gesehen hatte: Scientology-Galleonsfigur Tom Cruise steigt von der Couch herab, um als Graf von Stauffenberg deutsche Geschichte nach Hollywood zu bringen. Geblieben ist von dem ganzen Trubel freilich gar nichts, nachdem der von Bryan Singer inszenierte Film dann endlich gezeigt wurde und wieder aus den Kinos verschwand: So also sieht das Stauffenberg-Attentat auf Hitler als Comicverfilmung aus. Gesehen und abgehakt.

Schon seit der ersten Ankündigung von VALKYRIE liefen die Kommentatoren im Netz und freilich auch im Feuilleton Amok: Darf der das überhaupt? Wieso läßt man ihn? Wieso erzählen Amerikaner eine deutsche Geschichte? Und: Wird Cruise aus Stauffenberg eine Scientology-Figur formen? Natürlich waren die meisten prinzipiell dagegen und äußerten schwerste Bedenken, obwohl Cruise ja außerhalb seiner peinlichen Privatauftritte auf den Sofas fremder Leute stets zumindest solide Arbeit abliefert und zudem noch nie "seine" Filmstoffe mit Scientology-Ideen verbrämt hat - im Gegensatz beispielsweise zu John Travolta (dem das wiederum selten vorgehalten wird). Abgesehen davon natürlich, daß Cruise machen kann, was er will, und daß niemand ein Exklusivrecht auf die deutsche Geschichte besitzt. Quasi als Gegenpol wurde Tom aber auch ein Bambi für "Courage" verliehen - eine nicht minder hirnrissige Position, einem Schauspieler für die Darstellung einer Widerstandsfigur derart auszuzeichnen, weil Mut ja auch irgendein außergewöhnliches Risiko voraussetzt. Was hätte wohl passieren können, was nicht für jeden anderen Schauspieler in jeder anderen Rolle ebenso auf dem Spiel steht (nämlich: das Scheitern)?

Stauffenberg (Tom Cruise) vs. Hitler (David Bember)
Stauffenberg (Tom Cruise, links) vs. Hitler (David Bember).

Das Resultat freilich ist die Aufregung um keinen Atemzug wert: VALKYRIE ist ein Actionabenteuer, ein spannendes Paket aus Thrills und Drama, bei dem die Frage, inwieweit die Geschehnisse historisch akkurat porträtiert werden, völlig irrelevant bleibt - jenseits der reinen Bebilderung der Geschehnisse gibt es keinerlei Position, Aussage, Erkenntnis oder auch nur Raum für Ambivalenz in diesem STIRB-LANGSAM-based-on-a-true-story-Kintopp, der mit den ikonischen Abziehbildern der Historie einen eskapistischen Comic inszeniert: Der gute Graf mit der Augenklappe gegen den bösen alten Mann mit dem Schnauzer.

Dabei ist das Buch eine durchaus nüchterne Aneinanderreihung der einzelnen Geschehnisse: die Planung des Attentats, die Suche nach Verbündeten, die Ausführung des Plans, sein Scheitern. Ohne Fragestellungen oder Hintersinn freilich, aber auch frei von effektheischerischem Ballast: Quasi die Wikipedia-Variante eines Lebenslaufs. Bryan Singers Inszenierung dagegen transformiert die Geschichte zur unkritischen Popcorn-Action: die Kamera blickt stets von unten zu Stauffenberg herauf, um keinerlei Mißverständnis über seine Rolle als Held der Geschichte aufkommen zu lassen. Über Hitlers Gesicht liegen halbe Schatten. Die Musik erklärt uns, wann etwas tragisch ist, wann heroisch gehandelt wird, oder wann es Spannung gibt. Wenn sich Stauffenberg und Hitler am Tag des Anschlags gegenüberstehen, verraten uns engste Nahaufnahmen der Gesichter der beiden Kontrahenten, daß ein Showdown eingeläutet wird: Balboa vs. Drago, Eastwood gegen Volonté, Stauffenbond gegen Adolf Stavro Blofeld.

Ein Treffen zwischen Stauffenberg und Hitler im Berghof
Stauffenberg (Tom Cruise, rechts) läßt Adolf Hitler (David Bember, 2.v.r.) im Berghof
die geänderten Pläne für die Operation Walküre unterzeichnen.

Keine Frage, daß sämtliche Leistungen im Film durch die Bank als solide gefeiert oder beschimpft werden können: Alles sitzt und ist perfekt gebügelt, auf daß man sich dem die Leinwand entlangbewegenden Antrag auf Oscarnominierungen unterordnen kann. Nur eine Frage nagt im Hinterkopf: Warum erzählen die uns die Geschichte eigentlich? Die einzige Antwort, die die Leinwand hergibt, ist: Weil es so eine spannende Story ist. Weswegen es für einen Filmabend auch egal ist, ob man sich VALKYRIE oder STAR TREK ansieht.




Operation Walküre - Das Stauffenberg Attentat (USA/Deutschland 2008)
Originaltitel: Valkyrie
Regie: Bryan Singer
Drehbuch: Christopher McQuarrie, Nathan Alexander
Kamera: Newton Thomas Sigel
Musik: John Ottman
Produktion: United Artists
Darsteller: Tom Cruise, Kenneth Branagh, Bill Nighy, Tom Wilkinson, Carice van Houten, Thomas Kretschmann, Terence Stamp, Christian Berkel
FSK: 12

Die Screenshots stammen von der DVD (C) United Artist Production Finance LLC.


Das hat man nun davon, wenn man sich bei einem Schundfilmabend das passable italienische Monster-B-Movie DAS ALIEN AUS DER TIEFE ansieht und sich dann ein wenig enttäuscht zeigt, daß der Film im Prinzip viel zu unschlecht für den Abend war: Vorsicht mit dem, was du dir wünschst, denn es könnte in Erfüllung gehen. Schon die DVD-Hülle von HEART BEAT verspricht bislang ungeahnten Filmgenuß: Da steht die Inhaltsangabe in gelben Buchstaben quer über ein Farbphoto gedruckt, als würde man ohnehin gar nicht wissen wollen, worum es in dem Quatsch genau geht. Der junge Trash-Eleve Peter L., ansonsten des Lesens durchaus mächtig, sah sich beim stammelnden Versuch, den Text zu entziffern, prompt ins frühe Grundschulalter zurückversetzt.

Noch vor dem Vorspann läuft eine unbekleidete Frau durch den Wald und wird von einem Ritter in blankpolierter Rüstung verfolgt. Weil der Ritter in Begleitung eines Pferdes ist, hat er einen Geschwindigkeitsvorteil, holt die Frau ein, und schwingt dann mit offenem Visier und weitaufgerissenen Augen seinen dreisternigen Morgenzack, mit dem er die arme Frau ein wenig lädiert. Es ist immer schön zu sehen, wenn Menschen mit Berufen, die sie psychisch sehr belasten, ihren Streß privat abbauen können.

Nach dem Vorspann fängt dann schön langsam die Handlung an. Die Schlüsselwörter des vorangegangenen Satzes sind übrigens weder "fängt an" noch "die Handlung" - betonen wir es also noch einmal: schön langsam. Also, wirklich mal ganz gemütlich. Echt jetzt keinen Streß hier. Tief durchatmen. Macht's euch bequem, Kinder. Setzt euch, nehmt euch einen Keks. Die brauchen hier ein wenig.


Paul (Paul Naschy, der unter seinem bürgerlichen Namen Jacinto Molina hier auch für Buch und Regie verantwortlich ist) bekommt also von einem Arzt erklärt, daß seine Frau Geneviève an einem Herzklappenfehler leidet und dringend Ruhe benötigt. Natürlich hätte der Arzt das auch der guten Geneviève selbst verklickern können, aber dann hätten die Herren nicht so lange über Genevièves Vermögen reden können, über Pauls Landsitz, über die Tatsache, daß Paul Geneviève also zu diesem Landsitz verfrachten möchte, weil sie ja Ruhe braucht, und daß der Arzt das für eine gute Idee hält, Geneviève zu dem Landsitz zu verfrachten, weil die ja Ruhe braucht, und daß Paul aber glaubt, Geneviève erst überreden zu müssen, zu dem Landsitz zu fahren, weil die noch nie dort war und Angst vor besagtem Landsitz hat, und daß der Arzt Paul zuredet, Geneviève zu überreden, zu dem Landsitz zu fahren, weil sie ja Ruhe braucht, und daß Paul gar nicht hinter Genevièves Geld her ist, wie alle immer sagen, sondern daß er nur will, daß es ihr gut geht, und daß er deswegen jetzt mit ihr zu diesem Landsitz … und so weiter und so fort.

In diesem schönen Tempo und mit redundanter Wortgewalt plappern sich die Darsteller also nun durch den Film. Meistens stehen oder sitzen sie dabei irgendwo im Raum, die Kamera ist davor auf ein Stativ geschraubt, und dann werden sie ausgiebig dabei gefilmt, wie sie sich alles dreimal erklären. Wie hieß es früher so schön, wenn Videoclips anmoderiert wurden? In voller Länge ausgespielt! Überraschenderweise sitzen Paul und Geneviève dann auch irgendwann in einem Auto (die lang angekündigte Überredung besteht daraus, daß er vorschlägt: "Laß uns zu dem Landsitz fahren", woraufhin sie ihn umarmt: "Gut, machen wir"), aber damit durch die Bewegung ja nicht zuviel Adrenalin entsteht, reden sie ganz langsam blümeranten Quark. Paul kündigt mehrfach an, daß er mit Geneviève spazieren gehen will - aber würde es überhaupt zur Dynamik des Films passen, daß die Figuren sich beim Reden auch plötzlich bewegen? Der erste ungeduldige Blick auf die Uhr erfolgte übrigens nach 18 Minuten.

Auf dem Landsitz befindet sich auch Mabile, die alte Haushälterin, und deren junge Adoptivnichte (oder so ähnlich) Julie. Und was machen die beiden? Genau, sie reden, und das, schahaha, in voller Länge ausgespielt: Über den grausamen Vorfahren von Paul, den bösen Ritter Alaric, der damals seine untreue Frau tötete. Ist es womöglich so, daß der vor dem Vorspann gezeigte Ritter exakt dieser sinistre Geselle ist? Puh, wer hätte es kommen sehen.


Es geschehen dann merkwürdige Dinge, und Geneviève regt sich pausenlos auf. Da steht zum Beispiel plötzlich eine Ritterrüstung in ihrem Schrank. Leider ist sie zu sehr damit beschäftigt, sich unter heftigstem Gefuchtel ans Herz zu fassen und schmerzhafte Grimassen zu ziehen, als daß sie überlegen könnte, ob nicht vielleicht einfach eine der anderen Personen im Haus die Ritterrüstung aus dem Wohnzimmer hoch in den Schrank getragen hat. So rudert die arme Frau also wild mit den Armen und läuft im durchschnittlichen Gesprächstempo des Films durch das gesamte Haus, aber obwohl sie den Landsitz keinesfalls nervenschonend findet, kommt sie auch nicht auf die Idee, wieder zurück nach Hause zu fahren. Irgendwann stehen blutbesudelte Gestalten in ihrem Bad, und sie schiebt sich minutenlang durch die Tür, über den Flur, die Treppe herab, durch den Gang, ins Wohnzimmer hinein, immer mit der einen Hand am Herz und mit viel Gekeuche und Gewimmere. Man versucht verzweifelt, sich dabei einen Regisseur hinter dem Monitor vorzustellen, der dann begeistert aufspringt und sagt: "Das war super! Den Take nehmen wir!". Wahrscheinlicher ist es wohl, daß er einfach darauf gewartet hat, daß Geneviève fertig stirbt, während Geneviève darauf gewartet hat, daß der Regisseur halt endlich mal "Schnitt" ruft.

Nachdem Geneviève nun also g-a-a-a-n-z l-a-a-a-n-g-s-a-m das Zeitliche gesegnet hat, stellt sich heraus, daß Paul ein Verhältnis mit der 18jährigen Julie hat und die ganzen Schreckmomente eingefädelt hat, um an Genevièves Geld zu kommen. Es hätte eine Überraschung sein können, wenn freilich nicht vorher irgendwann Paul in die Stadt gefahren wäre, um dort eine Geliebte zu besuchen. Und wenn es nicht gelb auf bunt auf der DVD-Hülle gestanden hätte.

Paul hat nun also Streß (nunja, er hat sehr langsamen Streß) mit der Geliebten aus der Stadt, die er loswerden will, damit er mit Julie zusammensein kann. Da sitzt er also vor der guten Frau, die nackt im Bett schläft, und plötzlich (naja, langsam plötzlich) tönt ein innerer Monolog: "Du Hure! Du hast weder Stil noch Klasse!" Er plant also, das arme Mädchen zu ermorden, aber weil er dafür zu langsam ist, wacht sie vorher auf und er schläft halt stattdessen nochmal mit ihr.

Flott wird jetzt auch noch die Haushälterin erledigt: Der alte Trick mit der gespannten Schnur vor der Treppe. Dann kommt Pauls Geliebte zu Besuch, und Julie hackt ihr eine Axt in den Bauch und dann in den Schädel: Wenn das mal keine Gründlichkeit ist. Die gesammelten Ereignisse lesen sich derweil nun vielleicht so, als würde ständig etwas Aufregendes passieren, aber dem (wohin auch immer) geneigten Leser sei versichert, daß sich die späteren Sequenzen in Sachen Tempo und Adrenalin sehr streng an den Anfangsszenen orientieren.


Julie bringt nun auch noch Paul um, weil sie das Geld für sich haben will und außerdem mit einem Burschen namens Marcel durchbrennen will. Sie wirft Paul also einen Heizstrahler in die Badewanne, es macht ganz langsam zzzzzzisch, und dann sehen wir, wie Pauls Sarg in die Erde herabgesenkt wird, während Julie dazu ein trauriges Gesicht macht. Ende des Films, willkommen zurück im Menü. Puh, wir haben's überstanden.

Moment mal, Ende des Films? Hatte da nicht die unleserliche Inhaltsangabe noch eine Rache der Untoten versprochen? Schauen wir doch mal nach. In mühevoller Arbeit entziffern wir also die letzten Sätze der Synopsis und stellen fest: Tatsächlich, nachdem Julie Paul ermordet hat, will sie das Haus verlassen, aber eine finstere Macht hält sie zurück - und dann rächen sich die Geister der Verstorbenen. Wie jetzt, echt? Wo war das denn? Nochmal den Film gestartet und nach hinten gesprungen - und wahrhaftig: Während der Beerdigungsszene läßt ein Bug die DVD zurück ins Menü springen, aber wenn man manuell nach vorne springt, dann kann man sich die letzten zehn Minuten noch ansehen. Wir wissen nicht, was heiterer ist: Die Tatsache, daß wir gar nicht böse waren, daß der Film aus ist, und daß wir auch überhaupt keine abschließenden Szenen vermißt haben - oder die Tatsache, daß die Handlung tatsächlich in voller Länge auf der DVD-Box steht? Aber nun, es paßt zum Film: In voller Länge ausgespielt.

Julie packt nun also ihre Koffer und wird aber plötzlich von den Geistern der Verstorbenen durch das Haus verfolgt. Ist vielleicht doch an der Sage etwas dran, daß der Ritter Alanic alle hundert Jahre zurückkehrt, um der Hausherrin den Geraus zu machen? Oh, really? Welch unvorhergesehener Twist! Nachdem wir den Ritter zu Beginn gesehen haben und die Geschichte des Ritters auch eigentlich nur maximal zwei Dutzend Mal erläutert wurde, reagiert man doch mild überrascht, wenn der miesepetrige Ritter plötzlich auftaucht und Julie mit seinem Morgenzack den hübschen Schädel verbeult. Ein Abspann läuft, und mit ihm wächst die Gewißheit, nun tatsächlich den vollständigen Film gesehen zu haben. Welch Gewinn.

"Ich danke dir für den wunderbaren Film", spricht Peter und hat dabei einen Gesichtsausdruck, als hätte er gerade anderthalb Stunden lang zwei Zementsäcke angestarrt, ob die sich irgendwann doch noch bewegen. Aber nun, was kann man sagen - wir wollten es ja so. Wünsche gehen manchmal in Erfüllung. Und wenn wir schon sonst keine Erkenntnis gewonnen haben, so wissen wir jetzt doch, welch unvorstellbarer Schrecken in Wahrheit hinter den berühmten Worten des wahnsinnigen Kurtz steckt. The horror, the horror. Manchmal ist der Blick ins Herz der Finsternis eben nur eine Laser-Paradise-Veröffentlichung weit entfernt.





Heart Beat (Spanien 1983)
Originaltitel: Latidos de pánico / Cries of Terror / Panic Beats / Frantic Heartbeat
Regie: Jacinto Molina (= Paul Naschy)
Drehbuch: Jacinto Molina (= Paul Naschy)
Kamera: Julio Burgos
Musik: Moncho Alpuente, Servando Carballar
Darsteller: Paul Naschy, Julia Saly, Lola Gaos, Silvia Miró, Paquita Ondiviela
Länge: 88 Minuten
FSK: 18

Dieser Text erschien zuerst bei http://www.mannbeisstfilm.de/kritik/Jacinto-Molina--Paul-Naschy/Heart-Beat/1579.html.


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Nachdem ich schon letzte Woche jeden Tag mit langem Gesicht in meinen Briefkasten geschaut habe und dort kontinuierlich keine HARDWARE-BluRay fand, ist das gute Stück heute nun endlich eingetroffen. Fürwahr, der Sieg des Guten ist nicht aufzuhalten!

Der Film ist natürlich genauso insanely great wie die fünfhundertsiebenundsechzig Mal, die ich ihn schon davor gesehen habe, und kickt immer noch gewaltig (und ich entdecke immer wieder nette kleine Feinheiten). Der BluRay-Transfer ist vielleicht keiner, mit dem man ein Gerät verkaufen könnte - dazu ist der Film schon zu alt und wurde damals vermutlich auch nicht allersorgfältigst behandelt (und ja schon von vornherein nicht teuer produziert) - aber schön sieht das Bild allemal aus, alles klar und scharf.

Enthalten ist außerdem ein Audiokommentar mit Richard Stanley und Produzent Paul Trijbits, der recht spannend ist - Trijbits erzählt in der ersten Hälfte ziemlich viel über die Entstehung des Films und die Schwierigkeiten des Low-Budget-Shoots; Stanley redet in der zweiten Hälfte mehr und erzählt von seinen Inspirationen und plaudert auch ein wenig aus dem Nähkästchen, wie gewisse Bilder letztendlich teurer aussahen, als sie es waren. Interessant sind die einzelnen Hinweise auf die ursprüngliche Fassung der Geschichte (die Stanley schon in Interviews teils zum Besten gegeben hat) - kaum zu glauben, daß die Story ursprünglich noch viel zynischer und härter war. Er erzählt auch, wie es zwei Crews gab - eine Tagescrew und eine Nachtcrew - und wie er dann teilweise mehrere Tage am Stück gedreht hat, um möglichst viel aus der kurzen Zeit und dem begrenzten Budget herauszuholen. "Every time you go to sleep, you lose another angle", erklärt er, und fügt dann hinzu: "By the third week, everyone on the film went a little mad". Man sieht's.

Es sind ein paar Bonusszenen auf der BluRay - die meisten davon längere Fassungen von Szenen, die im Film sind. Das längere Gespräch zwischen Jill und Mo ist interessant, und es ist auch schön, daß man irgendwo im Archiv (dafür aber in richtig schmumpfiger Qualität) die Originalfassung der Sexszene gefunden hat, wo sich Jill nebenher im Fernsehen Bilder einer Holocaust-Doku ansieht (aus völlig unerfindlichen Gründen ist das nicht in der Endfassung gelandet). Außerdem enthalten: Eine vierminütige Promo von damals, wo Dylan McDermott "it's exciting" sagen darf, Stacey Travis noch ganz jung und unverbraucht aussieht, und Stanley mit Hut und schwarzem Mantel erklärt, daß er sich einfach ausgemalt hat, wohin die schlechten Entwicklungen unserer Gesellschaft führen.

Die Disc beinhaltet außerdem vier weitere Stanley-Filme: Einmal RITES OF PASSAGE, über den ich ja unlängst schon gebloggt habe (und der auch als Bonus auf der DVD von €99 FILMS 2 enthalten ist). Dann seine Afghanistan-Doku VOICES OF THE MOON, die auch im DUST-DEVIL-Boxset zu finden ist. Dann noch einen neuen Kurzfilm von ihm: THE SEA OF PERDITION von 2006, in dem eine Astronautin auf dem Mars strandet und dort in einer geheimnisvollen Höhle ihr Schicksal findet. Und zu guter Letzt INCIDENTS IN AN EXPANDING UNIVERSE, Stanleys 40-Minuten-Film von 1987, der einen Vorläufer zu HARDWARE vorstellt: "Es ist dieselbe Story, nur ohne den Roboter", erklärt Stanley. "Die beiden treffen sich, er leidet an Krebs, die Welt geht zugrunde, und kein Roboter kommt, um die beiden umzubringen, was auf gewisse Art und weise noch deprimierender ist." Ich habe mir INCIDENTS heute noch nicht angesehen, werde das aber alsbald nachholen.

Ach ja, und weil das noch nicht reicht: Ein Booklet mit Liner Notes ist enthalten, der originale SHOK-Comic, der eine ähnliche Geschichte erzählt (Stanley sagt, HARDWARE sei unabhängig davon entstanden, aber die Produktionsfirma hat einen Deal mit den Autoren des Comics abgeschlossen, um einen Rechtsstreit zu vermeiden), und dann noch eine Reihe von Comiczeichnungen nach Motiven aus dem Film.

Man könnte sagen, daß es die ultimative HARDWARE-Edition ist. Wenn da nicht im September noch ein US-Release kommen würde, für den offenbar weiteres, neues Bonusmaterial produziert wird, unter anderem Interviews (oder ein Audiokommentar?) mit Kameramann Steven Chivers und Stacey Travis ... aber naja, ich hab' mir den Film bislang ja auch erst dreimal gekauft.

Einstweilen noch hier in Interview mit Stanley, wo er über den Film und die neue DVD/BluRay-Edition redet und den Streifen fröhlich mit den Worten "it's a Christmas movie" vorstellt.

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Also, in Amerikaland erscheint diese Woche die erste Staffel einer der unglaublichsten Fernsehserien ever auf DVD: PARKER LEWIS. Zu dem abgefahrenen Witz, den teils surrealen Jokes und Bildern, dem schrillen Look und den herrlich albernen Running Gags dieser Serie rund um die Santo Domingo High School brauche ich ja wohl nichts mehr zu sagen - und wie lange haben wir schon auf eine DVD gewartet! (Als ich 2002 in Minnesota weilte, habe ich mich dort schon lange mit einem Typen darüber unterhalten, warum es die Serie nicht auf DVD gibt.)

Im Set der ersten Staffel ist nicht nur eine 30-Minuten-Retrospektive enthalten ("The History of Coolness"), sondern es wurden propere sieben Audiokommentare dazugepackt - alle mit den Machern der Serie, plus jeweils einer von den wichtigsten Leuten dazu; darunter Corin Nemec, Troy Slaten (Jerry Steiner), Billy Jayne (Mikey), und Taj Johnson (Frank Lemmer). Wie lässig!



Nur bei uns ist derweil noch Fehlanzeige. Da kann man nur warten und hoffen ... und dann gleich nochmal hoffen, daß das Bonusmaterial auch bei uns mit dabei wäre.

Immerhin soll angeblich die erste Staffel von ALF im Herbst endlich bei uns auf DVD erscheinen ...!

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Auf dem Cover der DVD wird die Klappe weit aufgerissen: "Es ist kein Remake. Es ist keine Fortsetzung. Und es ist nicht nach einer japanischen Vorlage". Den letzten Satz haben sie dann wahrscheinlich unterschlagen: "Stattdessen ist es noch ein Slasher mit einer Gruppe Leute in der Wildnis, die von einem deformierten Monster umgebracht werden". Beim Vorspann, wo wir Bilder des Mardi Gras in Louisiana und diverse kommerzielle Brüste sehen, tönt lautstark "This Is The New Shit" von Marilyn Manson aus dem Lautsprecher. Es ist reines Wunschdenken.

Da gerät nun also eine kleine Gruppe Menschen in die Sümpfe von Louisiana, ihr Tourboot versinkt, und während sie so durchs Gelände stolpern, werden sie nach und nach von einem irren Degenerierten namens Victor Crowley zerhackstückt – zumeist mit dem Instrument, nach dem dann auch der Film benannt wurde. Crowley ist nämlich entstellt zur Welt gekommen, wurde dann von den Sumpf-Nachbarskindern immer gehänselt, und als die ihm dann die Hütte abfackeln wollten, bekam Victor versehentlich eine Axt in den Schädel gehämmert (Papa Crowley wollte nämlich die Tür zur Hütte aufbrechen, aber Victor hatte leider seinen Kopf dagegengelehnt). Crowley ist also nun verständlicherweise eher ungehalten und bringt also seit Jahren schon alles um, was nicht bis drei auf dem Baum ist – und wir fragen uns derweil, warum eigentlich immer die Behinderten als degenerierte Mordlüsterne herhalten müssen. Der gute alte Jason hatte ja wenigstens noch einen Grund, sich an irgendwem zu rächen.

Apropos Jason: Der stakste 1982 erstmalig durch die Wälder, und traurigerweise hat sich seitdem rein gar nichts getan. Abermillionen von Filmfiguren in ebensovielen Slasher-Derivaten mußten das Zeitliche segnen, und jetzt, 25 Jahre später, gibt es tatsächlich noch Menschen, die glauben, es müßte mehr solche Filme geben. Wobei einige Namen aus dem Vorspann ja auch einen anderen Gedanken anregen: Es gibt Gastauftritte für Tony Todd und Robert Englund, Jason-Darsteller Kane Hodder spielt das Monster, und John Carl Buechler, Regisseur von FREITAG DER 13. TEIL VII, ist für die blutigen Effekte zuständig. Eventuell ist HATCHET also auch nur eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für die alten Gruselgestalten.


Wenn der Film denn nun wenigstens unterhaltsam oder gar spannend wäre! Aber HATCHET staubt nicht nur jedes olle Klischee aus der Mottenkiste ab – die gruselig mit Leichenteilen dekorierte Hütte des Monsters; ein stets nach dem vermeintlichen Todesstoß wieder quicklebendiger Gegner; ein durch ein harmloses Tier hervorgerufener falscher Schreck; ein Monster, das immer schneller ist und auch immer genau dort schon wartet, wo die anderen hinlaufen; usw. – sondern inszeniert den Quark dann auch noch völlig hysterisch, mit stressgefiedeltem Dodelhorrorsoundtrack, Dauergekreische und lachhaft blutigen Mordsequenzen, die bei einem dosenbierseligen Videoabend bestimmt Applaus ernten.

Viel schlimmer noch, daß die Figuren alle so sagenhaft dämlich und uninteressant sind, vom Drehbuch übergrell gezeichnet – ein alberner, überforderter Tourguide; eine Blondine, die links und rechts nicht auseinanderhalten kann; ein dicker Sexfilmproduzent; ein flippiger Schwarzer, der dauernd Brüste sehen will – und dann ebenso überdreht gespielt, als würde Kasperl gleich vom Krokodil gefressen werden. Autor und Regisseur Adam Green glaubt freilich, daß es sich um Humor bzw. um ironische oder parodistische Elemente handelt – aber Humor könnte es der Definition nach ja nur sein, wenn es komisch wäre, und sich mit Flachwitzen über ein Genre lustig zu machen, daß sich schon in den Achtzigern in die Selbstironie geflüchtet hat, zeugt natürlich ebensowenig von Geist und Esprit.

Aber was weiß ich denn schon? HATCHET 2 ist schon angekündigt.





Hatchet (USA 2007)
Regie: Adam Green
Drehbuch: Adam Green
Kamera: Will Barratt
Musik: Andy Garfield
Produktion: Echo Bridge Entertainment
Darsteller: Joel David Moore, Tamara Feldman, Deon Richmond, Mercedes McNab, Parry Shen, Joleigh Fioreavanti, Joel Murray, Richard Riehle, Tony Todd, Robert Englund, Kane Hodder
Länge: 81 Minuten
FSK: keine Jugendfreigabe


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