Star Trek (2009)

Uncategorized / 3. Juni 2009

Das Feuilleton feiert J.J. Abrams‘ Neubeginn der Abenteuer des Raumschiffs Enterprise, der von den jungen Jahren der alten Serienhelden Kirk, Spock und ihrer Entourage erzählt und im Zuge des Neubeginns schlicht STAR TREK heißt. Aber geht die Schreiberzunft dabei vielleicht nicht nur einer neuen Waschmittelverpackung auf den Leim, der den alten Inhalt mit frischer Optik verkauft? Oder bringt das Reboot-Verfahren doch frischen Wind in ein spektakuläres Abenteuer? Genzels emotionale, also privat-cinephile, und seine vulkanische, also kritische, Seite diskutieren direkt nach dem Kinobesuch bei einem schmackhaften Hot Brownie aus dem Nahrungsreplikator über den Film.

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Genzel (privat): Schön, daß wir’s mal wieder zusammen ins Kino geschafft haben!

Genzel (kritisch): Schön, ja. Obwohl du mich immer in Filme mitzerrst, wo wir dann hinterher streiten.

Genzel (privat): Was hat dir denn schon wieder nicht gefallen? Ich finde doch, daß J.J. Abrams STAR TREK eine wundervolle Frischzellenkur verpaßt hat. Das ist pures Kino! Völlig atemlos und aufregend, das pumpt so viel Adrenalin durch den Körper, wie es die alte Enterprise doch schon lang nicht mehr gemacht hat.

Genzel (kritisch): Das stimmt natürlich, Adrenalin gibt’s jede Menge. Aber das geht natürlich völlig auf Kosten der Figuren.

Genzel (privat): Gar nicht! Es ist doch schwer vergnüglich, sich die jungen Jahre von Kirk und Spock und der ganzen Truppe anzusehen. Wie sie sich kennengelernt haben und so.

Genzel (kritisch): Aber gerade hier wird doch so viel Potential verschenkt. Da haben wir eine Origin-Geschichte, wo wir erfahren, woher diese Figuren kommen und wie sie zu dem geworden sind, was wir kennen. Und dem Film fällt rein gar nichts ein, außer das typische Kirk-Spock-Pille-Verhalten mit jüngeren Schauspielern zu zeigen.

Genzel (privat): Darin liegt doch aber immer der Reiz solcher „Begins“-Geschichten. Es ist ein ironisches Spiel mit der Ikonographie eines bekannten Universums. Wir wissen, daß Spock irgendwann sagen wird: „Faszinierend“, und wir wissen, daß Pille sich mit Spock kabbeln wird, und die Geschichte zieht Vergnügen daraus, wie wir diese Momente sehen und erleben, und wie sie entstehen.

Genzel (kritisch): Das mag schon sein. Aber damit wird der Ikonographie dieser Figuren ja nichts hinzugefügt. Nehmen wir doch mal BATMAN BEGINS als Gegenbeispiel: Da freuen wir uns nicht nur, daß sich Bruce Wayne endlich ein Fledermauskostüm überstreift – wir erfahren auch etwas über seine Beweggründe, das wir noch nicht wußten. Wir lernen ihn völlig neu kennen. Nolan hat seiner Figur dadurch viel mehr Tiefgang gegeben, weil wir quasi hinter die Maske schauen konnten. Bei STAR TREK fehlen doch solche Einblicke völlig.

Genzel (privat): Was ist mit Spock? Den haben wir doch noch nie so emotional gesehen. Ich finde schon, daß hier mit der Figur gearbeitet wird.

Genzel (kritisch): Naja, der Konflikt zwischen Spocks menschlicher und seiner vulkanischen Seite war doch schon in der alten Serie immer ein wichtiger Bestandteil. Das ist hier nicht neu, nur lauter herausgearbeitet. Aber die anderen Figuren? Was erfahren wir über Pille, das wir noch nicht wußten? Gibt es über Kirk nichts Spannenderes zu erzählen, als daß er in seiner ersten Szene als junger Rebell ein Auto zu Schrott fährt und ein paar Szenen weiter dann als Raufbold mit großer Klappe gezeigt wird? Kirk war doch schon immer ein Draufgänger, den hat die Autorität der Sternenflotte doch auch selten gekratzt.

Genzel (privat): Zugegeben, mit den „Randfiguren“ der Enterprise wird wenig gemacht. Uhura ist ja aber auch viel stärker präsent als in der Originalserie.

Genzel (kritisch): Wohl wahr. Wobei sie sicherlich mehr zu tun gehabt hätte in der Serie, wenn es nicht damals völlig undenkbar gewesen wäre, daß es eine wichtige Figur in einer TV-Handlung gibt, die schwarz ist. Roddenberry hätte ihr sicherlich gerne mehr Funktion gegeben, als immer nur mal mit Hand am Ohr „Frequenz offen, Captain“ zu sagen.

Genzel (privat): Auf jeden Fall kann man aber sagen, daß die jungen Schauspieler für die Rollen hervorragend gecastet sind. Das ist gar nicht so leicht, weil wir die Figuren doch von jungen Jahren bis ins hohe Alter immer nur von den Originalschauspielern interpretiert gesehen haben. Wer hätte gedacht, daß wir jemand anderen als Spock akzeptieren würden?

Genzel (kritisch): Da stimme ich dir zu. Obwohl ich Chris Pine unsympathisch finde, aber das tut ja hier nichts zur Sache. Ausreichend hitzblütig ist er. Und Zachary Quinto sieht sogar richtig nach Spock aus. Sehr gutes Casting, definitiv.

Genzel (privat): Was auch schön ist, daß sich die Geschichte in das Trek-Universum einbindet, zum Beispiel dadurch, daß Captain Pike aus dem ursprünglichen Pilotfilm eingebaut wird, den sie ja einfach hätten ignorieren können – und trotzdem werden die Diskrepanzen zwischen der jetzigen Enterprise und der Originalserie sehr schön, und vor allem konsequent!, erklärt.

Genzel (kritisch): Ja, das stimmt. Auch wenn die ganze Zeitreise-Geschichte und das schwarze Loch und so weiter keinen wirklichen Sinn machen.

Genzel (privat): Ja, meine Güte, es funktioniert halt im Film. Das reicht doch.

Genzel (kritisch): Das Romulanerschiff sieht ja auch nicht sehr praktikabel aus. Das wurde wohl weniger als funktionierendes Raumschiff designt, als eher als ein beeindruckendes Filmset. Aber okay, da kann man drüber hinwegsehen.

Genzel (privat): Also hat dich jetzt nur gestört, daß die Figuren nicht komplett neu interpretiert werden?

Genzel (kritisch): Naja, das andere Probleme geht damit Hand in Hand. Natürlich ist der Film aufregend, ich habe mich ja auch keine Sekunde gelangweilt. Dauernd passiert etwas. Er macht Spaß. Er ist spannend. Aber du mußt zugeben, daß es für die Böser-Außerirdischer-schießt-alles-kaputt-Handlung nicht unbedingt Preise hageln wird.

Genzel (privat): Naja.

Genzel (kritisch): Mal ehrlich, für das ganze Geballer brauchen wir doch die Enterprise-Crew überhaupt nicht! Den ganzen Kampf, all diesen sound and fury hätten wir auch mit völlig anderen Charakteren haben können. Luke Skywalker gegen den Romulaner Nero! Was hätte sich geändert?

Genzel (privat): Das Verwandschaftsverhältnis vielleicht?

Genzel (kritisch): Oder halt ganz unbekannte Figuren. Karl Musmesser und Anja Mützenhuber kommandieren ein Raumschiff im Kampf gegen den Außerirdischen Herbert, der alles in schwarzen Löchern versenken will.

Genzel (privat): Das Argument kannst du ja aber dann gegen fast jeden Film vorbringen. Wenn es diese Charaktere nicht wären, dann wären es halt andere.

Genzel (kritisch): Erstens nicht, wenn wir uns in einer Geschichte bewegen, in der es um uns bekannte Figuren gehen soll – da würde ich es schon gerne sehen, wenn die Handlung auch etwas mit ihnen zu tun hat. Und zweitens hätte die Geschichte prinzipiell mehr Tiefgang, wenn die Bedrohung auch die Eigenheiten der Figuren irgendwie ausloten und auf die Probe stellen würde.

Genzel (privat): Das ist ja aber eigentlich doch ganz schön durch den alten Spock und das Konzept der Zeitreise eingebunden.

Genzel (kritisch): Ach, papperlalapp. Wenn Spock zurückgereist wäre und es wären Zylonen mitgereist, die dann alles kaputtschießen, wäre die Story nicht viel anders verlaufen.

Genzel (privat): Mann, du kannst halt auch einfach nicht in so einem Film sitzen und dauernd den Tiefgang von Weltliteratur erwarten. STAR TREK ist pures Popcornkino und will das auch sein. Perfekt inszenierte Zerstreuung.

Genzel (kritisch): Also, nicht nur Nolan hat uns ja durchaus gezeigt, daß man Popcornkino und phantastische Geschichten mit Tiefgang verknüpfen kann. Und – natürlich ist die Inszenierung beeindruckend, aber sie nervt eben auch gewaltig.

Genzel (privat): Warum? Weil es aufregender ist, steife Figuren bei statischer Kamera wie in einem Debattierclub herumstehen zu lassen, wie es die früheren Enterprise-Geschichten gerne mal gemacht haben?

Genzel (kritisch): Weil J.J. Abrams das Ding so inszeniert, als wäre es 24. Dauernd wackelt die Handkamera, ständig wird weggeschnitten, bevor wir überhaupt sehen, was es zu sehen gibt. Ständig blitzen diese Lichtreflexe auf. Da ist nicht eine Sekunde zum Durchatmen.

Genzel (privat): Das ist doch Sinn der Sache! Es ist ein Weltraum-Abenteuer, verdammt noch mal!

Genzel (kritisch): Aber selbst in einem Abenteuer darf es doch mal erlaubt sein, durchzuschnaufen. Oder einfach mal etwas als Zuseher ansehen und bestaunen zu dürfen. Hier bleibt dafür keine Zeit. Es bleibt keine Zeit für Figuren und keine für das Staunen, obwohl es bei Star Trek doch immer um die Wunder ging, die das unendliche Weltall für uns Menschen zu bieten hat. Stattdessen wird alles beiseite geschoben, damit es krachen kann und das Ding stylisch ausschaut.

Genzel (privat): Na, wenigstens gibst du zu, daß es stylisch aussieht.

Genzel (kritisch): Der Preis dafür ist mir zu hoch.

Genzel (privat): Also hat dir der Film eigentlich gar nicht gefallen?

Genzel (kritisch): Naja, unterhaltsam ist er ja schon. Wie gesagt, gelangweilt habe ich mich nicht. Er macht 2 Stunden Spaß, aber es ist halt reiner Oberflächenspaß. Da hakt sich nichts fest.

Genzel (privat): Du hast halt auch an allem etwas herumzunörgeln.

Genzel (kritisch): Und du findest auch immer alles gut.

Genzel (privat): Du hast doofe Ohren.

Star Trek (USA 2009)
Regie: J.J. Abrams
Drehbuch: Roberto Orci, Alex Kurtzman
Kamera: Dan Mindel
Musik: Michael Giacchino
Produktion: Bad Robot
Darsteller: Chris Pine, Zachary Quinto, Leonard Nimoy, Eric Bana, Bruce Greenwood, Karl Urban, Zoe Saldana, Simon Pegg, John Cho, Anton Yelchin, Winona Ryder, Rachel Nichols
Länge: 127 Minuten
FSK: 12

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Christian Genzel
Christian Genzel arbeitet als freier Autor und Filmschaffender. Sein erster Spielfilm DIE MUSE, ein Psychothriller mit Thomas Limpinsel und Henriette Müller, handelte von einem Schriftsteller, der eine junge Frau entführt, weil er sie als Inspiration für sein Buch braucht. Außerdem drehte Genzel mehrere Kurzfilme, darunter SCHLAFLOS, eine 40-minütige Liebeserklärung an die Musik mit Maximilian Simonischek und Stefan Murr, und den 2017 für den Shocking Short Award nominierten CINEMA DELL' OSCURITÀ. Derzeit arbeitet er an einer Dokumentation über den Filmemacher Howard Ziehm. Christian Genzel schreibt außerdem in den Bereichen Film, TV und Musik, unter anderem für Film & TV Kamera, Celluloid, GMX, den All-Music Guide, 35 Millimeter, Neon Zombie und Salzburger Nachrichten. Er hält Vorträge zu Filmthemen und kuratierte 2014 an der Universität Salzburg eine Filmreihe zum Thema "Erster Weltkrieg".





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