2009
An 2009 wird man sich wohl als ein Jahr der unerwarteten Todesfälle erinnern.

Am Freitag habe ich im Netz die Nachricht gefunden, daß Dan O'Bannon Donnerstag gestorben ist. Der Name sagt vielleicht zunächst einmal nur den wirklich Filminteressierten etwas, bis man mal anfängt, seine Filmographie aufzulisten. Ich habe Dan schon allein deswegen heiß und innig geliebt, weil er zusammen mit John Carpenter (den er auf der Filmhochschule kennenlernte) für dessen Debütfilm DARK STAR verantwortlich war - als Co-Autor, Special-Effects-Mann, Cutter, Ausstatter, und nicht zuletzt auch als Darsteller von Sgt. Pinback, dem resignierten Astronauten (von dem sich herausstellt, daß er gar kein Astronaut ist und nur durch Zufall an Bord gelangte), der versucht, die Besatzung mit Spaßbrillen aufzuheitern, und in einer endlos langen, immer absurder werdenden Sequenz kläglich dabei scheitert, das Alien-Bordmaskottchen einzufangen - eine Art Strandball mit Klauen unten dran. Allein für den Gesichtsausdruck, wenn er im Boden des Bordfahrstuhls festhängt und der Computer ihm erklärt, daß jetzt zu seiner Entspannung "Der Barbier von Sevilla" gespielt wird, hat sich O'Bannon einen Platz im Heldenpantheon gesichert - aber natürlich auch für das ungemein clevere Skript, das eine Art erloschenen Hippietraum als Science-Fiction-Parodie erzählte, in dem lebens-müde Astronauten einer künstlich intelligenten Bombe Phänomenologie beibringen, damit sie nicht das Schiff sprengt.



Die witzige Jagd nach dem Alien brachte O'Bannon dann - nachdem er ein wenig bei den Computeranimationen von STAR WARS mitgebastelt hatte - auf die Idee zu seinem größten Erfolg: ALIEN, wo sich ebenfalls Mensch und Alien durch enge Raumschiffschächte jagen - nur diesmal als SciFi-Kreuzung aus Monsterfilm und Spukhausgeschichte konfiguriert. Auch nach ALIEN lieferte O'Bannon immer wieder bemerkenswerte Arbeit ab, obwohl der Erfolg des Films sicherlich sein restliches Werk überschattete: Er schrieb das Drehbuch zu John Badhams starkem Überwachungs-Technothriller BLUE THUNDER (DAS FLIEGENDE AUGE) - in dessen Making-of er erklärte, wie die ständig über seinem Apartment kreisenden Polizeihelikopter ihn auf die Idee dieser perfekten Überwachung aus der Luft brachten - und schrieb und inszenierte auch den grandios schwarzen Zombiefilm THE RETURN OF THE LIVING DEAD, der die Zeile "Send more cops" unsterblich machte und in dem jede Idee der Charaktere immer nur zu größerem Unheil führt (allein der Schlußgag - nachdem die ums Überleben kämpfenden Figuren endlich Kontakt zum Militär bekommen - ist brilliant).

Zweimal adaptierte O'Bannon Geschichten von Philip K. Dick: Er schrieb das Skript zu Paul Verhoevens TOTAL RECALL und später zu SCREAMERS. Ebenso von ihm stammt der bizarre genreübergreifende Tobe-Hooper-Film LIFEFORCE (der Motive aus ALIEN mit dem Vampirfilm und einer apokalyptischen Vision verknüpft), und auch das Skript zu Hoopers Remake von INVADERS FROM MARS (den ich nicht gesehen habe). Er schrieb auch die von Moebius gezeichnete Comic-Kurzgeschichte "The Long Tomorrow" (mir ebenfalls leider unbekannt), die als eines der Vorbilder für die BLADE-RUNNER-Ästhetik gilt.

Dan O'Bannon starb am 17. Dezember im Alter von 63 Jahren nach 30-jährigem Kampf gegen Morbus Crohn.

Eigentlich noch schockierender - weil unerwarteter (wie kann man Todesfälle miteinander vergleichen?) - ist die Nachricht, die heute durchs Netz geistert: Die Schauspielerin Brittany Murphy ist im Alter von 32 Jahren an Herzstillstand gestorben.



Erst vorgestern habe ich mir zum zweiten Mal Edward Burns' SEITENSPRÜNGE IN NEW YORK angesehen, in dem Brittany Murphy eine recht naive 19-jährige Kellnerin spielt, die ein Verhältnis mit einem 39-jährigen verheirateten Mann (Stanley Tucci) hat - und ihre Szenen (der Film ist eine Ensemblegeschichte, es gibt also auch noch andere Erzählstränge) haben mich erneut daran erinnert, wie talentiert dieses junge Mädchen doch ist. Gut aussehen tun viele Schauspielerinnen, obwohl Brittany Murphy interessant gut aussah: Die großen Augen, der zu breite Mund - eigentlich keine klassische Schönheit, aber eine Frau mit Ausstrahlung. Diese Ausstrahlung hat sie auch in vielen Filmen zeigen können: Den naiven Charme (wie in SEITENSPRÜNGE oder auch in dem grandiosen CLUELESS) konnte sie ebenso spielen wie die street-smarte Frau mit einem Funken Berechnung (8 MILE); bemerkenswert auch ihr Auftritt als verstörte Psychiatrieinsassin in DON'T SAY A WORD, wo sie mir zum ersten Mal bewußt auffiel und ich lange gebraucht habe, um überhaupt zu kapieren, daß es sich um dieselbe Schauspielerin wie aus CLUELESS handelt.

Andere Filme, die ich mit Brittany Murphy gesehen habe, waren SUMMER CATCH - dieser grundsympathische und freilich total banale Freddie-Prinze-Jr.-Baseballfilm - und SPUN, Jonas Akerlunds abgedrehter Drogentrip. In UPTOWN GIRLS, einem etwas süßlichen Film mit Dakota Fanning, war sie immens liebenswert. Nein, sie hat nicht nur gute Filme gemacht - aber ihre Präsenz war doch immer ein Lichtblick, auch in grauenhaften "Komödien" wie VOLL VERHEIRATET, den sie mit ihrem damaligen Beau Ashton Kutcher drehte. Der Vollständigkeit halber muß ich wohl noch erwähnen, daß sie auch in GIRL INTERRUPTED und in SIN CITY zu sehen war, die ich beide (noch) nicht gesehen habe.

Die Meldungen halten sich vage mit Details zu ihrem Tod. Herzstillstand, von der Mutter bewußtlos in der Dusche gefunden. Gerüchte von Drogen. Bald wird der Gerichtsmediziner seinen Bericht abliefern. Ich denke mir nur: 32, was ist das für ein Alter? Brittany Murphy war 4½ Monate älter als ich. Von ihr hätte noch so viel Gutes kommen können.

Sehr, sehr schade.

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Was macht man als nächstes, wenn man gerade einen dicken Blockbuster hingelegt hat, der nicht nur gigantisch aufwendig und sagenhaft erfolgreich war, sondern auch ästhetisch und künstlerisch gesehen ein großer Wurf war? Ich erinnere mich an die ersten Nachrichten, daß Christopher Nolan seinem DARK KNIGHT ein kleineres Sci-Fi-Projekt folgen lassen wollte - ähnlich wie er nach BATMAN BEGINS den sperrigeren (und brilliant umgesetzten) THE PRESTIGE für viel kleineres Geld drehte. Irgendwie wurde aus dem kleinen Film INCEPTION ein Spektakel mit Leo DiCaprio und $200 Mio. Budget - für das es jetzt ein Poster gibt:


Neben DiCaprio spielen Michael Caine, Cillian Murphy, Tom Berenger, Marion Cotillard (die für LA VIE EN ROSE den Oscar gewonnen hat), Ellen Page (JUNO), Lukas Haas und Joseph Gordon-Levitt (aus 500 DAYS OF SUMMER). Nolan selbst hat das Drehbuch geschrieben, sein Stammkameramann Wally Pfister ist auch wieder dabei. Über die Handlung selbst schweigen sich alle Beteiligten noch aus - aber Nolan hat ja mit bislang jedem Film gezeigt, daß man intelligente, clever konstruierte Unterhaltung mit eigenem Stil von ihm erwarten kann. Nolan selbst bezeichnete den Film nur als "contemporary sci-fi actioner set within the architecture of the mind".

Der erste Trailer verrät entsprechend auch rein gar nichts, macht aber mit spannenden Bildern schon neugierig (unbedingt Full-Screen schauen!):




Rerserviert mir schon mal eine Karte. Juli 2010 ist Starttermin; bei uns am 19. August 2010.

(Das Poster schwirrt überall durchs Netz - ich habe es von Ain't It Cool News.)

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Die Bogdanovich-Sammlung wächst: THEY ALL LAUGHED, seine Romantic Comedy von 1981, mit John Ritter, Audrey Hepburn und seiner damaligen Freundin Dorothy Stratten (die kurz nach den Dreharbeiten ermordet wurde), habe ich ja schon vor kurzem als US-Import bestellt - es gibt nämlich nur eine US-DVD, und obwohl der Film damals bei uns ins Kino kam, warten wir mal lieber nicht darauf, daß es eine deutsche DVD geben könnte. Dafür hat die US-DVD auch einen Audiokommentar von Bogdanovich und ein Making-Of. Heute noch zusätzlich bestellt: SAINT JACK, den er 1979 mit Ben Gazzara drehte (und der von Roger Corman produziert wurde und dennoch richtig gut sein soll!) - als Australien-Import, denn nur dort gibt es eine DVD des Films (aber dafür wiederum: mit Audiokommentar und Making-of). Und obendrein noch: HUSTLE, den Bogdanovich 2004 für das US-Fernsehen drehte - die Geschichte des Baseballspielers Pete Rose (gespielt von Tom Sizemore), der 1989 wegen illegaler Sportwetten lebenslang vom Spiel ausgeschlossen wurde und an seiner Spielsucht zugrunde ging. Der Film ist meines Wissens nie in Deutschland erschienen; somit ist die US-DVD natürlich auch eine adäquate Wahl (und wer hierauf auch einen Audiokommentar vermutet, irrt: Fehlanzeige!).

Und weil's grad so schön paßt, habe ich für Mann beißt Film einen Text zu Bogdanovichs fürchterlichstem Film geschrieben:



ALLES WEGEN MOLLY (1988) - "Auch großartige Regisseure können absolute Katastrophen fabrizieren: Man denke nur an Roman Polanskis wirren Unfug WAS?, an das haarsträubend überflüssige Remake von PSYCHO, das Gus van Sant 1998 drehte, an Francis Ford Coppolas peinlich trantütigen JACK, oder an Paul Verhoevens hemmungslos entglittenen SHOWGIRLS. Oder auch an ALLES WEGEN MOLLY, im Original ILLEGALLY YOURS, einer sagenhaft mißglückten Komödie von dem Mann, der einst für DIE LETZTE VORSTELLUNG als Wunderkind gefeiert wurde."

Nun wäre es freilich noch schön, wenn jemand - irgendjemand! - Bogdanovichs großen Flop AT LONG LAST LOVE veröffentlichen würde: Ein Musical mit Cybil Shepherd und Burt Reynolds (!), laut David Quinlan "full of people who could neither sing nor dance". Vielleicht ist der Film tatsächlich grauenvoll, aber vielleicht ist diese Mischung aus Retro-Musical der Dreißiger und Art-Deco-Design doch tatsächlich interessanter, als uns die Kritik weismachen will.

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Drei neue Texte von mir bei Mann beißt Film:



TAPEHEADS (1988) - "Diverse Rezensionen im Netz verraten mir, daß eine ganze Reihe von Leuten den Film weitaus amüsanter finden als ich. Schön für sie."




NOISES OFF (1992) - "Aber natürlich liegt doch ein reizvoller Witz in Bogdanovichs Inszenierung, der schon alleine dadurch erzeugt wird, daß da einer, der ansonsten auf weitem Raum Bilder bis zum Horizont malt, auf das Engste mit seiner Geschichte eingesperrt wird; daß einer, der so oft Großartiges aus seinen Schauspielern herausholen kann, hier mit figurgewordenen Marotten arbeitet; und zuguterletzt auch dadurch, daß einer, der gerne mit der Diskrepanz zwischen Erscheinungsbild und tatsächlicher Person arbeitet, hier den Blick hinter ein Zahnwerk an Abläufen wirft und dahinter nicht nur das Chaos findet, sondern selbiges gleichermaßen mit höchster Kontrolle freiläßt."



KIDS II - IN DEN STRASSEN BROOKLYNS (2004) - "Es steckt ein guter Film in diesem Streifen, in dem ein 41-jähriger Schauspieler einen 27-jährigen Ex-Junkie spielt und ab der zweiten Hälfte beständig dramatische Musik und nachdenkliche Songs aufgefahren werden."

Und eine Empfehlung sprechen wir auch noch aus: Kollege Schwarzybaby hat dank meiner beständigen Begeisterungskampagne in Sachen Peter Bogdanovich diesen Filmemacher jetzt auch entdeckt und einen interessanten Text zu dessen Erstling TARGETS - BEWEGTE ZIELE verfaßt. Hier lesen.

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Im Theater ist die Katastrophe immer nur einen Herzschlag weit entfernt: Eine falsche oder vergessene Zeile, eine deplazierte Requisite, ein verfrühter oder verspäteter Auftritt – und schon kann das fragile Illusionsgebilde zusammenbrechen. Das Adrenalin, das aus dem Wissen produziert wird, daß etwas schiefgehen könnte, sorgt dementsprechend für die Spannung, die jeder Live-Performance unterliegt: Schauspieler wie Publikum wissen, wie präzise die Abläufe eingehalten werden müssen, und sobald die Show läuft, kann sie nicht mehr pausiert oder korrigiert werden. Die meisten Theaterschauspieler haben daher immer ein kleines Repertoire an Möglichkeiten, etwaige Probleme und Hänger zu kaschieren – teilweise so, daß es das Publikum gar nicht mitbekommt. NOISES OFF erzählt von einer kleinen Theatergruppe und einer Produktion, bei der das Chaos die Darbietung nach und nach soweit zersetzt, daß vom Stück kaum mehr etwas übrigbleibt.

Die Geschichte war ursprünglich selbst ein Theaterstück, das Anfang der Achtziger vom britischen Bühnenautor Michael Frayn verfaßt wurde (der später als Autor des John-Cleese-Vehikels CLOCKWISE erneut ganz strenge Abläufe mit Wonne zerfallen ließ) und nach hunderten von vielgelobten Aufführungen 1984 für einen Tony Award nominiert wurde. Im Stück folgen wir einer Theatergruppe, die eine alberne Komödie namens "Nothing On" zur Aufführung bringt: Eine typische britische Farce, bei der zahlreiche Personen in einem Haus umherirren und sich bei ihren Auftritten und Abgängen in die verschiedenen Zimmer stets ganz knapp verpassen und somit lange Zeit im Glauben bleiben, daß sie alleine im Haus sind. Natürlich gibt es Mißverständnisse, Gegenstände verschwinden plötzlich und tauchen wieder auf (weil sie eine andere Figur mitgenommen oder bewegt hat, während jemand z.B. im Schlafzimmer war), und weil die wenigsten der Charaktere eigentlich im Haus sein dürften, müssen sie sich auch stets vor den anderen verstecken oder ihnen etwas vorlügen – wie beispielsweise Gary, der eine schöne Blonde auf ein Schäferstündchen ins Haus geschleppt hat und sie nun wechselweise in den Schrank, ins Badezimmer oder ins Arbeitszimmer schubsen muß, damit die Haushälterin nichts merkt. So banal die Handlung einer solchen Farce ist, so komplex sind die Abläufe: Das Timing, wer wann wo herein- oder herauskommen muß und welche Gegenstände wohin mitnimmt, ist immens ausgetüftelt und bedarf langer Proben und viel Konzentration, um zu funktionieren.


NOISES OFF wird in drei Akten erzählt: Im ersten sehen wir die Theatergruppe bei ihrer Generalprobe, völlig übermüdet, aber nur wenige Stunden vor der Premiere. Wir lernen das Stück selbst kennen, bekommen die Schwierigkeiten der Abläufe vermittelt - vor allem ein Teller mit Sardinen, der in steter Abfolge herein- und herausgetragen werden muß, stellt einen schweren Stolperstein dar - und bekommen nebenher die Eigenheiten der Figuren präsentiert, die natürlich allesamt plakative Abziehfiguren darstellen: Der unsichere Schauspieler, der selbst beim Heraustragen einer Einkaufstüte nach seiner Motivation fragt; die schlichte Blondine, die die meiste Zeit in ihrer Unterwäsche spielen muß und andauernd ihre Kontaktlinsen verliert; der schwerhörige, senile alte Schauspielveteran, der gerne zuviel über den Durst trinkt; der frustrierte Regisseur, der seine Darsteller mit beißendem Sarkasmus überschüttet. Die Zeichnung der Charaktere ist recht und billig: Die Farce begegnet der Farce.

Im zweiten Akt befinden wir uns während einer Aufführung hinter der Bühne. In die Schauspieltruppe haben sich Eifersüchteleien und Streitigkeiten geschlichen, weshalb die Darsteller beständig damit beschäftigt sind, das Chaos so weit im Zaum zu halten, daß das Stück - das aus unserer jetzigen Perspektive nur im Off zu hören ist - mit all seinen Abläufen weiterlaufen kann. Da binden sich die Schauspieler gegenseitig die Schnürsenkel zusammen, verstecken Requisiten, nutzen ihre fünf Sekunden, die sie nicht auf der Bühne stehen, um jemand anderem kurz eins auszuwischen, bevor sie wieder raus müssen. Der alte Schauspieler ist beständig hinter einer Flasche Whiskey her, den die Kollegen vor ihm verstecken müssen; diverse Blumensträuße sorgen prompt jedesmal für ein Mißverständnis und steigern wiederum die Eifersucht - die Komplexität der Albernheiten im Stück wurde schon längst von denen im Backstage-Bereich überholt. Der dritte Akt spielt dann konsequenterweise wieder vor der Bühne, bei einer Aufführung nach diversen Monaten des Streits: Das Stück zerfällt völlig in seine Bestandteile, weil die Abläufe schon völlig ruiniert wurden.


Die Energie, die NOISES OFF im Theater besitzt, kann sich natürlich nicht auf die Leinwand übertragen: Während es bei der Live-Aufführung spannend bleibt, ob die Darsteller diese immense inszenatorische Rube-Goldberg-Maschine unbeschadet überstehen, wissen wir ja beim Film, daß es einen zweiten Versuch gibt. Regisseur Bogdanovich versucht, große Teile der Szenen in langen, ungeschnittenen Einstellungen einzufangen, um zumindest das Gefühl zu erzeugen, daß man echten Abläufen beiwohnt und die Schauspieler zumindest blockweise das Stück - im wahrsten Sinne des Wortes: - beherrschen. Aber trotzdem arbeitet das Medium Film zunächst gegen den Effekt des Stückes: Bei der Filmaufführung eines Trapezakts haben wir ja ebenso viel weniger Sorge, daß dem Künstler ein Fehler unterlaufen kann.

Aber natürlich liegt doch ein reizvoller Witz in Bogdanovichs Inszenierung, der schon alleine dadurch erzeugt wird, daß da einer, der ansonsten auf weitem Raum Bilder bis zum Horizont malt, auf das Engste mit seiner Geschichte eingesperrt wird; daß einer, der so oft Großartiges aus seinen Schauspielern herausholen kann, hier mit figurgewordenen Marotten arbeitet; und zuguterletzt auch dadurch, daß einer, der gerne mit der Diskrepanz zwischen Erscheinungsbild und tatsächlicher Person arbeitet, hier den Blick hinter ein Zahnwerk an Abläufen wirft und dahinter nicht nur das Chaos findet, sondern selbiges gleichermaßen mit höchster Kontrolle freiläßt.


Stück und Inszenierung erreichen im zweiten Akt eine fast hysterische Geschwindigkeit und Intensität, und Bogdanovich ist gleichzeitig der Richtige und der Falsche für den Part: Richtig, weil er die Sequenz fast als pures Kino im Geiste alter Slapstick-Vorlagen inszeniert, immer visuell orientiert und mit ganz reduzierter Dialogebene (immerhin läuft ja gerade das Stück ab und die Darsteller dürfen hinter der Bühne nicht reden!) - und falsch, weil die Farce hier mit ihren flachen Figuren so effektiv und perfekt abläuft, daß es eine fast maschineske Kälte ausstrahlt. Es ist ein Triumph der Inszenierung über die Spontanität - aber glücklicherweise gibt der Regisseur dem Stück im dritten Akt, der diese Abläufe so rigoros untergräbt, daß die Darsteller irgendwann ihre Ratlosigkeit zum Teil des Stückes werden lassen, wieder ein menschlicheres Gesicht: Man ist unwillkürlich geneigt, an ALEXIS ZORBAS zu denken und wie Anthony Quinn darin zu fragen - "Hast du jemals etwas so bildschön zusammenkrachen sehen?" (Wie fein Bogdanovich beobachtet, zeigt sich darin, daß das Publikum selbst im dritten Akt Zuseher beinhaltet, die das Chaos für gewollte Inszenierung halten und immer noch nervöse Lacher zu hören sind - kein alberner Beifallssturm und auch keine aufgesetzte Empörung, nur der gelegentliche Lacher als Versuch, dem trostlosen Geschehen auf der Bühne gegenüber guten Willen zu zeigen.)

Und weil NOISES OFF - der Titel bezieht sich übrigens auf eine Regieanweisung für Geräusche hinter der Bühne - eigentlich so unnachgiebig von der Ästhetik des Scheiterns erzählt, ist es umso enttäuschender, daß - ganz im Gegensatz zur Bühnenversion - eine Art Happy End drangeklebt werden mußte, in dem das Stück am Broadway ankommt und der bangende Regisseur verblüfft feststellen muß, daß auf einmal alles wie am Schnürchen läuft. Es wird als Verbeugung vor dem Geist des Theaters verkauft - die Show geht weiter! - aber es untergräbt völlig den Reiz, einer völligen Destruktion zuzusehen: Als würde jemand im Actionfilm zum Schluß die ganzen zu Schrott gefahrenen Autos wieder ausbeulen und neu herrichten.





Noises Off - Der nackte Wahnsinn (USA 1992)
Originaltitel: Noises Off ...
Regie: Peter Bogdanovich
Buch: Marty Kaplan
Kamera: Tim Suhrstedt
Darsteller: Carol Burnett, Michael Caine, Denholm Elliott, Julie Hagerty, Marilu Henner, Mark Linn-Baker, Christopher Reeve, John Ritter, Nicollette Sheridan
FSK: 6

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Auch wenn es nun schon ein paar Tage her ist, soll der Abend doch noch bloggenderweise festgehalten werden: Die Rede ist von der "langen Nacht der Vampirfilme", die am 21. November in der ARGE stieg. Eröffnung: NOSFERATU, die Murnau-Version, mit Live-Begleitung eines Salzburger Kammerorchesters! Zack! Danach: Weitere 4 Vampirfilme bis in die frühen Morgenstunden! Zack!

Hauptattraktion war somit natürlich die NOSFERATU-Aufführung. Nicht nur, daß ich den Film nie gesehen hatte (gewisse Bilder und Szenen waren mir geläufig) - wann hat man denn auch schon die Gelegenheit, den Film mit Live-Musik zu erleben? Vorgestellt habe ich mir ja so ein kleines 4-Mann-Streichquartett ("Haben Sie schon einmal etwas von Beethoven gehört? Brahms? Bismarck?"), aufgetreten ist ein 13-köpfiges Orchester plus Taktstockwedler. Das gibt so einer Aufführung natürlich eine ordentliche Präsenz: Gegen den Raumklang und die Wucht, mit der besonders die dramatischen Passagen untermalt waren, stanken die nachfolgenden, von der DVD abgespielten Filme natürlich arg ab.


Auch abseits der greifbaren "Anwesenheit" des Films war es spannend, sich Murnaus Klassiker zu widmen. Natürlich ist es völlig unmöglich, den Film so zu sehen, wie er 1922 gewirkt haben muß: Damals haben sich die Leute immens gefürchtet und hatten direkt körperliche Reaktionen auf den Streifen (ähnlich wie Menschen später z.B. bei DER EXORZIST oder DER WEISSE HAI reagiert haben). Heutzutage sind wir nicht nur von der fortschreitenden Technik ganz andere Schock- und Gruseldarstellungen gewohnt, das ganze Filmerlebnis ist ja mittlerweile ein viel allumfassenderes - die Kamera ist mittlerweile so viel dichter im Geschehen, die Darstellung ist realistischer, die Synthese aus Bild, Musik, Schnitt hat einen viel stärkeren Effekt auf den Seher.


So kann man also nur versuchen, sich in der Zeit zurückzudenken, und den Film für seine ästhetischen und künstlerischen Aspekte schätzen: Das unsterbliche Bild des Orloc, wie er sich aus seinem Sarg erhebt; oder der Schatten, den er an die Wand wirft, als er die Stiege hinaufgeht. Murnau und sein Kameramann Fritz Arno Wagner schaffen sogar einige Stop-Motion-Effekte. Am beeindruckendsten ist aber immer noch Max Schreck: Wo andere Stummfilmdarsteller gestikulieren und grimmassieren, wie es zur damaligen Zeit üblich war - da hat der Stummfilm eben seine Wurzeln immer noch so stark im Theater und muß zusätzlich mit der Reduktion des Klangs leben - ist Schrecks Graf Orloc eine völlig überzeugende Darstellung. Sie ist - sagen wir einmal: lückenlos. Wir sehen kein Spiel. Wir sehen nur eine unheimliche Kreatur. Kein Wunder, daß Elias Merhige irgendwann die reizvolle Phantasie sponn, daß Schreck nicht etwa die Rolle besonders intensiv verkörpert, sondern tatsächlich ein Vampir sei (SHADOW OF THE VAMPIRE ist ein exzellentes Begleitstück zu diesem Film).

Und obwohl selbst die begeistertsten Cineasten bei der Aufführung immer wieder angenehm amüsiert waren über die fast prähistorischen Effekte und die Inszenierung (als würde man ein Modem mit Akustikkoppler betrachten - fasziniert und doch ein wenig belustigt, wie sehr sich doch nicht nur die Technik, sondern auch wir im Umgang damit entwickelt haben), so bleibt ein Film wie NOSFERATU doch immer auch eine lohnenswerte Erfahrung: Nicht nur, daß es ein Stück Filmgeschichte ist und daß die Kreativität Murnaus und seiner Leute immer noch reizvoll bleibt - man kann auch immer noch daraus lernen (wie aus den meisten anderen Stummfilmen), wie Geschichten über Bilder erzählt werden: Denn Bilder waren das Hauptmittel, das diesen Filmemachern zur Verfügung stand. Dialoge sollten vermieden werden - wer liest sich schon gerne einen Wolf? (In seinem Film DER LETZTE MANN verzichtete Murnau 1924 komplett auf Zwischentafeln!) - und die Schauspieler bauen mehr darauf, eine Idee zu vermitteln als eine realistische Darstellung. Was bleibt, sind die Bilder: Was wird gezeigt, wohin wird geschnitten, wie werden Ideen, Stimmungen, Konzepte über das Bild an sich verkauft. (Angeblich ist NOSFERATU einer der ersten Filme mit Parallelmontagen.)

Nach so viel Kultur und ernsthafter Filmkunst wirkt der nächste Film im Programm - per Videobeamer und DVD abgespielt - fast noch antiquierter und amüsanter: DRACULA von 1958 - der Film, der Christopher Lee auf ewige Zeiten mit dem Namen Dracula verknüpfte. Aber auch hier muß man sich wieder in die Zeit zurückbegeben, in der der Film entstanden ist: Die erste Welle der klassischen Horrorfilme lag mittlerweile über 20 Jahre zurück (Universals DRACULA mit Bela Lugosi erschien 1931) und war schon in den 40ern in die Parodie gekippt (wie es ein Genre immer macht, wenn es überstrapaziert wurde - siehe den jetzigen Release von ZOMBIELAND). Danach waren die realen Ängste der Atombombe und des Kalten Krieges angesagt: Die Horrorfilme der 50er zeigten von radioaktiver Strahlung mutierte Insekten, die die Menschheit vernichteten, und identitätsraubende Wesen, die uns unterwandern (klar: der Kommunismus). Der vom britischen Hammer-Studio produzierte DRACULA war somit also wieder eine völlige Wende - und es war das erste Mal, daß die Vampirgeschichte in kräftigen Farben erzählt wurde (man beachte nicht nur die farbenfrohe Ausstattung, sondern auch das immens rote Blut!). Zusätzlich waren die sexuellen Implikationen der Geschichte - ein Mann schleicht sich in die Schlafzimmer junger Damen hinein und bringt sie durch den Biß in den Hals in einen Hörig- und Abhängigkeitszustand - stärker als zuvor erzählt, und mit dem Abhängigkeitselement kam auch noch die Implikation von Drogeneffekten hinzu.


Und natürlich wird auch Lees Dracula heute eher mit distanziertem Auge betrachtet: Wie betont dramatisch die Musik die ganze Zeit dröhnt! Wie auffällig doch alle Locations Studiosets sind! Wie unklug sich doch die Figuren verhalten (Harker, der hier schon mit der Absicht, Dracula zu töten, zum Schloß kommt, zieht es vor, zunächst einer Vampirfrau einen Pflock durchs Herz zu rammen, und erlaubt es Dracula somit, wach zu werden), und wie sehr sie sich doch in den Rollenvorstellungen der damaligen Zeit verhalten (nüchterne Männer, die den schwachen, emotionalen Frauen die starke Schulter bieten!). Ich erinnere mich, wie mich als Kind gerade das Finale, in dem Dracula mit Sonnenstrahlen und einem mit zwei Kerzenständern geformten Kreuz vernichtet wird und langsam zu Staub zerfällt, wirklich verängstigte - heutzutage sieht man da eher, wie die Effekte gemacht wurden, und ist dank des gemächlichen Erzähltempos eh schon lange bereit, dem Blutsauger Lebewohl zu sagen.


Trotzdem möchte ich kurz auf meine Lieblingssequenz des Films hinweisen: Harker ist in Draculas Schloß, und die besagte Vampirfrau ist kurz davor, sich an Harkers Hals schaffen zu machen (er hielt sie für eine normale Frau und umarmt sie gerade tröstend). Plötzlich wird die Tür aufgerissen, und Dracula steht mit Blutspuren um den Mund im Zimmer und stürzt sich auf die Frau - derselbe Mann, den wir gerade vorher noch als gutaussehenden, zurückhaltenden Aristokraten gesehen haben. Bemerkenswert ist der Schnitt dabei: Terence Fischer, der Regisseur, schneidet sofort in eine Nahaufnahme von Lee, bevor er dann herausspringt und zeigt, was passiert. Selbst heute hat es noch eine kleine Schreckwirkung, wie schnell und unvermittelt wir so nah an dieser Fratze dran sind.

Nach den beiden Filmen verabschiedeten sich der junge Eleve Peter sowie der noch jüngere Kollege Andi B., um wie anständige Menschen rechtzeitig ins Bett zu kommen (wie bürgerlich! Pah!). Nur Hasi blieb, um auch dem dritten Film beizuwohnen: Einem mir bislang unbekannten Film namens VAMPYRES (auch als DAUGHTERS OF DRACULA erschienen) von 1974, Regie: José Ramón Larraz. Der Film ist bei uns nie erschienen und bedient ein Subgenre, das gerade in den Siebzigern sehr beliebt war: Die erotische Vampirgeschichte. Genauer gesagt: Lesbische Vampire. Da wird also nicht nur an Hälsen gesaugt.


Stars gab es in diesen Filmen natürlich nie wirklich, stattdessen spielen also zwei Mädels, die hauptsächlich wegen ihrer äußeren Qualitäten besetzt wurden (als wäre das bei anderen Filmen nicht so!): Marianne Morris und ein Model namens Anulka. Es geht also um zwei vampireske Mädels, die auf einem alten englischen Landsitz hausen und beständig Anhalter verführen, um sie dann zuhause nach dem Liebesspiel auch wortwörtlicher zu vernaschen. Und so wird flugs eine Reihe von Figuren eingeführt, die über kurz oder lang dort im Haus landen - darunter auch ein Kerl, der Marianne Morris so gut gefällt, daß sie ihn nicht beißen will, sondern lieber als Liebessklaven behält. Der arme Kerl wird natürlich nicht nur sexuell abhängig (da haben wir's wieder!), sondern auch körperlich immer kraftloser. Klingt ein wenig trashig? Ist es auch.


Freilich treibt der Film (bzw. das ganze Subgenre tat es) nur die schon in der Vorlage angelegten Elemente auf eine sehr explizite Spitze, wie sie eben in den Siebzigern mit dem Aufkommen der Pornographie, dem generell viel lockereren Umgang mit Sex, und dem durch die Gegenkultur erkämpften Gefühl, frei heraus alles sagen und zeigen zu können - falsch: zu müssen! - eine ganz logische Konsequenz war. Somit ist VAMPYRES auch wieder sehr interessant: Nicht nur, daß die erotischen Implikationen der Geschichte hier viel stärker wiegen als irgendein Plot - es wird damit die Verbindung von Sexualität und Tod viel deutlicher gezeichnet (immerhin war diese Verbindung zur viktorianischen Zeit, als Bram Stokers Buch erschien, auch als Warnung oder als Zuspitzung des Zeitgeistes zu lesen: Die Verführung bringt einen ins Verderben). Darüber hinaus ist die Rollenumkehrung spannend: Hier gibt es keine starken Männer und hilflose Frauen wie noch 1958 - hier müssen die triebgesteuerten Männer vor den Frauen Angst haben, die ihre Sexualität als Waffe einsetzen (mehr zu diesem Thema in diversen Filmen von Paul Verhoeven).

Und ja, der Softcore-Grusel-Mix ist durchaus gelungen. Kamera und Ausstattung sind ansprechend und stimmungsvoll, der Film hat eine Sogwirkung, und der Verzicht auf einen straffen Plot verstärkt die etwas unwirkliche Atmosphäre, in der man nicht genau weiß, was jetzt kommen mag. Alleine die Bilder - Schatten, düster ausgeleuchtete verwinkelte Gänge, ständig hat man das Gefühl, nicht genug vom Raum zu sehen - geben VAMPYRES einen eigenen Charakter.

Mittlerweile war's also halb zwei in der Nacht, und die Müdigkeit hatte schon bei VAMPYRES eingesetzt. Hasi verabschiedet sich und hat hoffentlich auf dem Nachhauseweg keine Frauenhälse angeknabbert, ich selbst bin in Entscheidungsnot - bleibe ich, um mir George Romeros MARTIN anzusehen, der mich wirklich interessiert? Oder gebe ich dem ständigen Gähnen nach und gehe heim, wie es jeder vernünftige Mensch tun würde?

Ratet mal.

Mit beständig aufgerissenem Hals und dem Versuch, mich durch dauerndes Umsetzen munter zu halten, habe ich mich also durch den Romero-Film gequält. Wobei man von Quälen ja hier gar nicht reden darf: Der Film ist exzellentes Underground-Kino, eine wirklich interessante moderne Verwebung von Vampir-Motiven, religiösem Eifer und einem tragischen Psychogramm. Was vermutlich auch erklärt, warum ich wach geblieben bin.


Im Film lernen wir Martin kennen, einen jungen Mann, der schon gleich zu Beginn einer jungen Frau in einem Zug nachstellt. Er bricht in ihr Abteil ein, betäubt sie, schläft dann mit ihr und schneidet ihr die Pulsadern auf, um ihr Blut zu trinken. Dann verschwindet er wieder. Wenig später kehrt Martin zu seiner Wohnmöglichkeit zurück: Er lebt bei einem Onkel, der im religiösen Eifer ihn immer wieder anklagt, Nosferatu zu sein, und der beständig probiert, Martin auf den rechten Weg zu führen und seinen Dämon auszutreiben.

Von Martins nächtlichen Aktivitäten weiß der Onkel aber gar nichts, und es stellt sich die Frage, ob der Onkel vielleicht Recht hat und Martin tatsächlich mit einem Fluch beladen ist - oder ob Martin aufgrund des religiösen Wahns des Onkels vielleicht selbst irgendwann diese Verhaltensmuster entwickelt hat. Die Frage wird nie beantwortet, und man kann sich selbst zusammenreimen, ob der Junge vielleicht einfach nur das tragische Opfer eines Sektenspinners ist, der irgendwann sogar mithilfe eines Exorzisten probiert, ihm den "Nosferatu" auszutreiben.


MARTIN ist eine absolute Low-Budget-Produktion, aber die grobkörnigen, dreckigen Bilder arbeiten für den Film. Romero spielt mit den althergebrachten Vampir-Bildern: So läuft Martin einmal mit falschen Zähnen und Umhang herum, um sich über seinen Onkel lustig zu machen. Gleichsam aber werden Martins Taten nie effektheischend inszeniert, sondern fast nüchtern, und weil sich der Junge ständig bemüht, seinem Trieb nicht mehr nachgehen zu müssen und eine normale Beziehung zu beginnen, ist er als wirklich spannende tragische Figur gezeichnet.

3.15h nachts ist es am Schluß von MARTIN, und es sitzen nur noch ein paar vereinzelte Filmfreaks im Saal. Der nächste und letzte Film wäre NEAR DARK von Kathryn Bigelow, und ich bin kurz am Überlegen, ob ich mir das auch noch antun soll. Aber dann siegt die Vernunft: Ich kenne den Film, habe ihn auf DVD, und brauche dringend Schlaf.

Am nächsten Tag hab' ich dann übrigens den oben erwähnten SHADOW OF THE VAMPIRE gesehen und auch einen Text dazu begonnen - mal sehen, ob der in absehbarer Zeit mal fertig wird ...

P.S. Ja, ich habe gemerkt, daß ich mitten im Text die Erzählzeit gewechselt habe.

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Ich darf kurz auf einen Text meines Kollegen Gordon Gernand hinweisen: Eine Rezension zu Peter Weirs CLUB DER TOTEN DICHTER. Gordon ist einer der interessantesten Schreiber im Netz, und seine Verbeugung vor diesem wunderbaren Film werde ich alsbald ausdrucken und der DVD-Hülle beilegen. Hier lesen.

Und noch ein Nachtrag zu 2012: Harry Knowles von Ain't It Cool News hat eine sehr interessante Theorie, warum der Streifen einen so vollständig kalt läßt. Hier nachzulesen.

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Es scheint fast Teil der Inszenierung zu sein, daß vor dem Filmstart die Vorhänge noch ein Stückchen weiter aufgemacht werden: Der Weltuntergang braucht halt etwas mehr Platz auf der Leinwand als die Trailer zu Benicios Wolfsmensch und dem Neumond 90210.

Roland Emmerich hatte ja schon immer eine diebische Freude an der Zerstörung. Das weiße Haus, Wolkenkratzer, ganze Städte, die nördliche Hemisphäre: Der Spaß am Demolieren mit auf 11 eingestelltem Verstärker blieb bei ihm stets mehr im Kopf haften als die reduzierten Plotfäden, an denen die Destruktion aufgehangen war. Und obwohl die meisten seiner Filme eigentlich in ihrer diametral angelegten Kluft zwischen Inhalt und Feuerwerk endlos frustrierten, konnte man sich bei der Ankündigung seiner jüngsten Effekt-Onanie doch ein kindisches Grinsen nicht verkneifen: Warum nicht einfach mal die ganze Welt untergehen lassen?


Wie passend, daß da gleich ums Eck eine neuerliche Apokalypse auf uns wartet, die ja wohl zur Millenniumswende faul auf dem Sofa hocken blieb und uns nicht beehrte: Weil der Maya-Kalender am 21.12.2012 endet und an diesem Tag offenbar eine besondere Planetenkonstellation zu bewundern ist, dichten seit geraumer Zeit Weltuntergangsfans eine Theorie zusammen, nach der an diesem Tag – sozusagen pünktlich! – Schicht im Schacht ist. Viel mehr braucht Emmerich gar nicht, um aus dem Szenario einen narrativen Film zu machen: Nur noch den erfolglosen Schriftsteller Jackson Curtis (John Cusack), der seine Patchwork-Familie quer durch die Katastrophe beschützen will, sowie die Tatsache, daß die Regierungen der Welt schon seit einiger Zeit Bescheid wissen und im Himalaya gigantische Archen bauen, wo ein Teil der Menschheit gerettet werden kann.

Um es kurz zu machen: Die erste Hälfte des Films ist der unglaublichste Schwachsinn, den man je gesehen hat – und natürlich absolut brillant. Etwa eine halbe Stunde lang – wir haben Zeit, der Film dauert über zweieinhalb Stunden! – werden die Figuren in kurzen, ominösen Sequenzen eingeführt: Der Schriftsteller und seine Kinder, allesamt so demonstrativ durchschnittlich; einige Wissenschaftler, die uns erläutern, daß "mutierte Neutrinos" wie Mikrowellenstrahlen funktionieren und den Erdkern zum Schmelzen bringen, und die dann zur Veranschaulichung einen großen Schacht öffnen, in dem Wasser blubbert; ein bizarrer Freund der Apokalypse, der in einem Campingmobil im Yellowstone-Nationalpark haust und von dort aus Aufklärung per Radio und niedlichen Flash-Animationen betreibt; der Präsident der Vereinigten Staaten, der immens müde wirkt und doch, Obama im Blut, immer ganz das Richtige tun will – gespielt von Danny Glover, der natürlich nie zu alt für den, Verzeihung, Scheiß ist.


Dann fängt es an zu krachen, und das Geschehen poltert in uferloser Absurdität über die Leinwand: Jackson und seine Familie rauschen wider jeglicher Plausibilität durch die Katastrophen, die derart gigantomanisch konstruiert sind, daß dabei jegliches Gespür für ihre Auswirkungen verloren geht. Diverse Wolkenkratzer splittern auseinander, Schnitt, Jackson braust mit dem Auto unten hindurch, Schnitt, ein ganzer Stadtteil von Los Angeles versinkt im Meer, Schnitt. Später dürfen Cusack und seine Leute dem Unglück auch per Flugzeug (Sportflieger und Verkehrsmaschine) und Wohnmobil davonjagen, und ein kurzes Stück sogar per pedes. Haarscharf unter dem ganzen Freeway hindurch, der gerade zusammenbricht, ganz eng zwischen den einstürzenden Gebäuden hindurch, extrem knapp der wegbrechenden Landebahn entronnen, und dann noch mit ein wenig Glück zwar mit dem Bus in die Erdbebenspalte gerutscht, aber doch noch mit einer Hand oben festgehalten und hochgezogen.

Das ist freilich alles so haarsträubender Unfug, daß es für jeden absurden Einfall spontanes Beifallklatschen verdient. Wie schon bei THE DAY AFTER TOMORROW dienen die vor der Katastrophe weglaufenden Figuren quasi als Tourguides quer durch die Attraktion, weil ganz ohne menschliche Gesichter der Untergang gar so wenig Thrill bietet. Die Effekte sind größer und noch größer, zehntausend Menschenopfer bleiben stets nur einen Mausklick entfernt, und freilich sieht alles vor allem deswegen so sehr nach Computer und Computerspiel aus, weil uns kein Mensch vernünftig erklären könnte, wie es denn bitteschön realistischer aussehen sollte, wenn der Himalaya überschwemmt wird und das Wrack der Air Force One gegen das Sichtfenster einer gigantischen 100,000-Mann-Arche knallt. Level Drei: Weichen Sie den herabfallenden Lavabrocken im Nationalpark aus und vergessen Sie nebenher nicht, Ihr weinendes Töchterlein zu beruhigen.


Irgendwann kommt dann der Punkt, wo wir des Weltuntergangs müde werden. Es kommt noch eine Welle, dann noch eine, der Flugzeugträger John F. Kennedy knallt fast beiläufig auf das Weiße Haus, nachdem sich der Präsident schwer gefaßt am Telefon von seiner aufgebrachten Tochter verabschiedet hat. Überhaupt sind beständig Figuren damit beschäftigt, sich fernmündlich letzte Worte zu übermitteln, bevor sie sich dem Greenscreen stellen müssen, und dann dürfen zu schön geblasener Musik noch eindringliche Worte über unsere Menschlichkeit verloren werden, bevor der Film dann glaubt, daß wir dem dicken russischen Zyniker mit der katastrophalen Synchro bei seinem Sturz in den Gletscher wirklich hinterherweinen werden.

Nachdem die gesamte Erde von Tsunamis überflutet wurde, erfahren wir noch, daß Afrika verschont wurde: Dryland ist kein Mythos, Mariner, und es liegt da, wo mal die Dritte Welt zu finden war. Den Humanismus hatte Emmerich beim DAY AFTER TOMORROW dann doch überzeugender und organischer eingeflochten. Und letzten Endes zerstört er dann in den letzten dreißig Minuten Laufzeit hauptsächlich seinen eigenen Film. Kaputtmachen kann er eben wie kein Zweiter.





2012 (USA 2009)
Regie: Roland Emmerich
Darsteller: John Cusack, Woody Harrelson, Danny Glover



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Was für ein wunderbarer, wunderbarer Film das doch ist: (500) DAYS OF SUMMER. So wie ein Song, der einem für einen kurzen Moment das Gefühl gibt, nur für einen selbst geschrieben worden zu sein, funktioniert auch dieser Film: Als würde er mich kennen und genau das erzählen, was ich fühle und erlebt habe.

Natürlich werden sich in dieser Geschichte einer gescheiterten Beziehung sehr viele Leute wiederfinden können. Aber die interessieren mich nicht: Der Film wirkt so persönlich und spinnt eine so feine Magie, daß man sich direkt angesprochen fühlt. Ich war mit Zooey Deschanel zusammen, ich habe sie wieder verloren.


Der Film trifft in jedem Moment den richtigen Tonfall, vieles ist witzig und wehmütig zugleich. In den meisten Liebesgeschichten Hollywoods endet der Film ja genau da, wo die Beziehung überhaupt anfängt: Die Liebenden sind endlich zusammen. Als würde der Glücksmoment durch den schwarzen Bildschirm und den Abspann in die Unendlichkeit verlängert werden. (500) DAYS OF SUMMER erzählt von einer Beziehung, die irgendwann wieder endet - und schafft es dabei, kein Downer-Drama zu sein und kein verbittertes Frustventil, sondern eine echte Erinnerung an eine schöne Zeit und an all den Schmerz, der danach kam, und doch fühlt man sich hinterher gut.

Die Beziehung im Film scheitert, weil Summer, das Mädchen, irgendwann nicht mehr will. Ganz genaue Gründe hat sie nicht. Vielleicht fühlt sie sich eingeengt vom Beziehungsdasein - immerhin besteht sie drauf, daß sie keinen "Freund" habe, nur jemanden, den sie gerne mag. Vielleicht weiß sie nicht, was sie will. Vielleicht ist sie auch einfach nur entfremdet oder hat sich in etwas gestürzt, das sie nach einer Zeit nicht mehr wollte. Wer weiß es schon so genau. Das Aufregende an der Frau ist doch eigentlich, wie unberechenbar sie ist - daß sie immer etwas Ungewöhnliches denkt oder sagt, und daß sie in ihrem Verhalten eben auch rätselhaft ist. Das, was man an jemandem faszinierend findet, kann eben auch manchmal das sein, was einen zum Wahnsinn treibt.


"Have you known someone like that?" fragt Roger Ebert in seinem fein beobachteten Review. Oh ja, sogar mehrmals. Vielleicht fühlt sich der Film deswegen so echt an, bzw. vermutlich kann ich mich deshalb so gut darin wiederfinden. Über die eine habe ich selbst ein Drehbuch geschrieben. Die andere Geschichte ist innerlich noch nicht ganz abgeschlossen, und ich glaube, dieser Film wäre eine Story, die ich gerne darüber geschrieben hätte.

Definitiv eines meiner persönlichen Highlights dieses Jahres. Im Jänner erscheint in England die DVD - hoffentlich bei uns dann ebenso bald.

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Es ist ja so: Wenn man sich nur kurz umdreht, liegt schon plötzlich Staub auf den Dingen. Wie zum Beispiel auf diesem Blog: Mensch, wie lange ist hier nichts geschehen!

Natürlich habe ich eine gute Ausrede: Ich habe viel Zeit damit verbracht, meinen ersten Spielfilm zu inszenieren - DIE MUSE, eine Mischung aus Kammerspiel und Thriller, den die guten Jungs von High5Films aus Berlin produziert haben. Mehr Infos folgen natürlich, sobald es Neuigkeiten zu hören und Bildmaterial zu bestaunen gibt.

Auch wenn der Blog derweil ein wenig brachlag, habe ich seitdem wieder neue Texte geschmiedet, und zwar einige Filmkritiken für Mann beißt Film:


KAP DER ANGST (1991) - "Was Martin Scorsese mit KAP DER ANGST zeigt, ist, daß er wie jeder halbwegs kompetente Hollywood-Techniker einen harten, oberflächlichen Thriller hinbekommt, der den Tod mehr zelebriert als seine Figuren. Gratulation."


LOST IN LA MANCHA (2002) - "Es ist eine traurige Ironie, daß Gilliam ausgerechnet an der Geschichte von Don Quixote scheitert. Die Geschichte des alten Mannes, der die Phantasiewelt der Abenteuerromane in seine Wirklichkeit bringen möchte und sich daher zum tragischen Ritter wandelt, der im Kampf gegen die Windmühlen (die er für bedrohliche Riesen hält) schließlich an der Realität scheitert, scheint letzten Endes Gilliams eigene Geschichte zu werden."


POSEIDON (2006) - "Im Abspann werden mehr Stuntleute als Schauspieler gelistet, und die Liste der Effektmenschen ist schier endlos. Willkommen in Hollywood, und daß mir hier mal keiner so tut, als hätte ihn das alles überrascht."


ER STEHT EINFACH NICHT AUF DICH (2009) - "Auch ich war schon einmal schwerst entflammt für eine Frau, die gar nichts von mir wissen wollte. Aber kurze Zeit später war die Schulzeit aus."


PRIVATE SCHOOL - DIE SUPERANMACHER (1983) - "Sagen wir es so: Der Film erreicht die gesteckten Ziele ganz und gar."


OXFORD BLUES (1984) - "Wie selig uns der junge Rob Lowe da vom Cover anlächelt: Als wär's ein Bravo-Starschnitt."

Und bald gibt's mehr!

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Bringen wir die Sache gleich auf den Punkt: An diesem Film ist einfach alles falsch. Dabei war sicherlich jeder Beteiligte völlig davon überzeugt, einen großen Wurf am Start zu haben: Nicht nur, daß die Geschichte ganz großes High-Concept-Drama ist – ein Kind altert aufgrund eines genetischen Defekts viermal so schnell wie normale Menschen; mit 10 sieht das Kind also aus wie 40 und soll aber nun nach jahrelanger Behütung und Betreuung durch einen Privatlehrer in eine normale Schulklasse geschickt werden – und nicht nur, daß mit Francis Ford Coppola ein Regisseur den Stoff betreut, der legendäres New-Hollywood-Kino schuf und mit seinem Drama PEGGY SUE HAT GEHEIRATET ja auch schon eine fein beobachtete Betrachtung von Jugend und Erwachsenenalter erzählte: Nein, der zehnjährige Jack mit seinem vierzigjährigen Aussehen wird von Robin Williams gespielt! Man spürt förmlich die Sicherheit, in der sich das komplette Team wog: Was kann da schon schiefgehen? Nun ja: Alles.

"Das Schlimmste an diesem unmenschlichen Fernsehen ist nicht, daß alles zerstückelt und mit Werbung zersetzt wird – obwohl das schlimm genug ist. Das Schlimmste ist, daß die Bilder irgendwann alle selbst zur Reklame werden. Eine Werbung für die bestehenden Zustände. Keines der Bilder läßt einen in Ruhe."

Der Journalist Phillip Winter reist durch die Staaten und soll einen Artikel über die amerikanische Landschaft schreiben, aber er scheitert daran. Schon seit Wochen fährt er durch das Land, aber er kann kein einziges Wort schreiben: Überall sieht alles gleich aus, jedes Motel ist identisch zu dem vorigen, überall ist das Fernsehen gleich, eine Verbindung zu den Leuten stellt er nicht her. Er macht Polaroid-Bilder von all seinen Stationen, aber die Bilder bleiben leer. "Es ist doch nie das drauf, was man gesehen hat", sagt er. Er selbst ist nie Teil dessen, was er besucht.


Weil ihm das Geld ausgeht und seine Agentur sich weigert, ihm einen Vorschuß zu zahlen, bucht er in New York den nächstbesten Flug zurück nach Europa. Dabei lernt er eine junge Frau, Lisa, und ihre neunjährige Tochter Alice kennen, denen er hilft, Tickets für denselben Flug zu bekommen. Er verbringt den restlichen Tag in den Staaten zusammen mit den beiden, besucht mit Alice das Empire State Building. Zwischen ihm und der jungen Mutter entsteht eine intuitive Verbindung, aber es entwickelt sich nichts zwischen den beiden.

Am nächsten Morgen findet Winter eine Nachricht: Er soll mit Alice den Flieger nach Amsterdam nehmen, Lisa selbst muß noch etwas in New York regeln und wird in zwei Tagen nachkommen. (Daß eine Mutter einem fast fremden Mann ihre Tochter anvertraut, mag unrealistisch erscheinen, aber es fällt hier nicht ins Gewicht: In der Filmwirklichkeit ist es uns ja mitunter erlaubt, schnell in das Herz eines Menschen zu blicken.) In Amsterdam aber taucht Lisa dann nicht auf, keine der Nachforschungen ergeben einen Hinweis. Alice erinnert sich an ihre Großmutter, die in Deutschland lebt, und Winter beschließt, sie mit Alice zusammen zu suchen – auch wenn das Kind sich nicht an den Namen der Großmutter erinnert und nur zu wissen glaubt, daß sie in Wuppertal wohnt.


Die meiste Zeit über ist Winter widerwillig und will das Kind möglichst loswerden, um sich wieder seinen eigenen Problemen zu widmen. Aber natürlich wächst ihm Alice mit der Zeit ans Herz. Die Beziehung zwischen den beiden ist dabei nur oberflächlich ein Vater-Tochter-Verhältnis: Eigentlich ist Winter mit seinen 31 Jahren selber noch ein Kind (man beachte Winters kindliche Körperhaltung in der Badewanne, oder seine trotzigen Beleidigungen: "Milchgesicht!"), das durch Alice wieder das Sehen erlernt. Das geschieht nicht etwa, weil Alice ihm die Welt zeigt und erklärt – es geschieht, indem seine Reise durch Europa im Gegensatz zu der durch die Staaten mit Bedeutung erfüllt ist.

Die Großmutter wohnt nicht in Wuppertal, wie sich herausstellt, sondern im Ruhrgebiet ("Ist das groß?", will Alice wissen, und Winter verneint: "Nicht sonderlich"). Der einzige Anhaltspunkt, den die beiden auf der Suche haben, ist ein Photo des Hauses, in dem die Oma wohnt – ein Bild, das mehr aussagt als all die Schnappschüsse, die Winter in Amerika gemacht hat. Nachdem Alice ein Polaroidbild von Winter gemacht hat, hört der auf, selber ständig seinen Stillstand photographisch zu dokumentieren – und er merkt es nicht einmal.


Es findet kein großes Drama statt in Wenders' ALICE IN DEN STÄDTEN, und die Geschichte läuft auf ein optimistisches und doch recht offenes Ende hinaus. Der Film, Wenders' vierter, wäre fast nicht entstanden, weil der Regisseur während des Schreibens Peter Bogdanovichs PAPER MOON sah und zweifelte, ob sein herumreisendes Paar nicht zu starke Ähnlichkeiten zu dem Vater-Tochter-Gespann Ryan und Tatum O'Neal habe. Unter der Oberfläche liegt aber noch eine weitere Gemeinsamkeit zwischen beiden Filmen: Weil Wenders' Geschichte ein Film über das Sehen ist, ist er freilich ebenso ein Film über das Kino an sich – wie ja auch Bogdanovichs Story das Kino längst vergangener Tage wiederauferstehen läßt. Und doch sind beide Filme ganz unverkennbar mit der individuellen Sichtweise ihrer jeweiligen Macher gezeichnet.

Zum Schluß liest Winter in einer Tageszeitung eine Nachricht über den Tod von John Ford. Die genaue Bedeutung der Szene bleibt offen. Möglicherweise ist es nur Wenders' Tribut an einen großen amerikanischen Regisseur. Vielleicht aber ist es auch eine späte Erkenntnis für den Journalisten Winter: Die amerikanische Kultur hat doch etwas zu bieten, die Bilder dort sehen nicht alle gleich aus. Nur manchmal merken wir das erst, wenn wir schon längst woanders sind. Die Bilder haben nie alleine Bedeutung, sondern nur durch uns, durch unsere eigene Betrachtung, durch den Kontext, in dem wir sie sehen. Und das wiederum erschließt sich vielleicht dann am besten, wenn uns die Bilder erst einmal einfach in Ruhe lassen.





Alice in den Städten (Deutschland 1974)
Regie: Wim Wenders
Drehbuch: Wim Wenders, Veith von Fürstenberg
Kamera: Robby Müller
Musik: CAN
Produktion: Filmverlag der Autoren / WDR
Darsteller: Rüdiger Vogler, Yella Rottländer, Lisa Kreuzer
Länge: 107
FSK 12


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Oh Stolz, oh Freude: Gerade halte ich das fertige Exemplar meines John-Carpenter-Buches in den Händen, das diesen Monat beim VDM-Verlag erschienen ist. Schönes Gefühl!

Bevor jemand fragt: Nein, ich habe nichts mit der Preisgestaltung zu tun - das bestimmt der Verlag, und weil das einer für wissenschaftliche Schriften ist, sind alle seine Bücher so teuer. Tut leid!

Das Buch basiert natürlich auf meiner Diplomarbeit, "The Films of John Carpenter". Die Arbeit wurde für das Buch etwas überarbeitet und aktualisiert. Es behandelt der Reihe nach alle Filme von Carpenter, darunter auch einige der eher "ungeliebten", bespricht sie hinsichtlich ihrer narrativen, stilistischen, thematischen, und filmischen Eigenheiten, und arbeitet den roten Faden heraus, der alle Filme verbindet - ob es nun inszenatorische Eigenheiten sind, wiederkehrende Leitmotive wie Isolation oder Authoritätsmißtrauen, oder popkulturelle Referenzen.

Wer das Buch gerne kaufen möchte, kann es direkt bei Amazon bestellen - und zwar idealerweise über den Link von dieser Seite, weil ich dann Werbekostenerstattung von Amazon bekomme (bevor jemand den großen Reibach wittert: Tantiemen werden erst ausbezahlt, wenn das Buch bestimmte Verkaufszahlen erreicht - die eher nicht zu erwarten sind).



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Für eine kurze Zeitlang in der zweiten Hälfte der Neunziger war der Mann ein Wunderautor: Kevin Williamson erschien plötzlich mit dem ironisch-cleveren Script zu Wes Cravens SCREAM, landete einen weiteren Kassenschlager mit seinem Drehbuch ICH WEISS, WAS DU LETZTEN SOMMER GETAN HAST, und konzipierte die immens erfolgreiche Teenager-Serie DAWSON'S CREEK. Was der Junge anfaßte, wurde zu Geld.

Bei all dem Jubel um das neue Schreibtalent wurde freilich komplett übersehen, daß der Mann seinen kreativen Höhepunkt mit SCREAM schon erreicht und danach kaum mehr etwas zu bieten hatte: Die sagenhaft dämliche Ansammlung von Horrorfilmklischees in ICH WEISS konnte doch unmöglich aus der Feder desselben Mannes stammen, der kurz zuvor diese Genrekonventionen noch so scharf beobachtet aufs Korn genommen und dennoch zu einem gelungenen Slasherfilm rekonstruiert hatte! Aber wo SCREAM sowohl als Horrorfilm wie auch als Film über den Horrorfilm funktionierte, folgte ICH WEISS sklavisch allen Blaupausen, die schon in den Achtzigern eingemottet wurden. Daß Williamsons Figuren Filmtitel erwähnen, wurde als Ironie mißverstanden, obwohl jenseits von SCREAM die bloße Erwähnung von Namen mit keinerlei inhaltlicher Auseinandersetzung einherging. DAWSON'S CREEK strengte sich zumindest an, seine pubertierenden Figuren ernstzunehmen, überlud sie aber mit seifenopernhafter Melodramatik und ließ sie Texte sprechen, die Teenager nur in den Phantasien von viel älteren Autoren äußern.

"Katie, dein Drehbuch scheint mir etwas gar dünn zu sein ..."

Kurz darauf der banale B-Horror THE FACULTY, wo sich wieder zeigte, daß Williamson gar nicht verstand, was sein SCREAM-Skript auszeichnete: Wieder rannten Teenager durch eine wiedergekäute Handlung, und wieder steuerte das Buch nichts hinzu, was die Klischees brechen könnte. Aber vielleicht war ja gar nicht Williamson die treibende Kraft hinter der genialen Genre-Sezierung SCREAM - immerhin hatte dessen Regisseur Wes Craven nur kurz davor seinen NEW NIGHTMARE inszeniert, in dem sich die filmische Realitätsebene der Freddy-Kruger-Reihe mit der Wirklichkeit der Schauspieler und Macher vermischte; auch hier fand ein Genrefilm statt, der auch gleichzeitig das Genre originell durchleuchtete. Vielleicht war Williamsons Skript einfach nur ein witziger Slasher, bevor Craven dazukam.

Natürlich störte die Banalität von Williamsons Werken niemanden so wirklich, weil der große Reibach weiterging: Mit dem Namen konnte man viel verkaufen. Und so dauerte es auch nicht lang, bis der Autor ein eigenes Skript selbst als Regisseur verwirklichen durfte: Eine Abrechnung mit einer gehaßten Lehrerin seiner Schulzeit, die ursprünglich KILLING MRS. TINGLE hieß und dann im Zuge der Columbine-Tragödie zum etwas harmloseren TEACHING MRS. TINGLE mutierte. Die namensgebende Lehrerin Mrs. Tingle traktiert hier als Mannfrau sämtliche Schüler und Kollegen ihrer Schule - bis bei einer Musterschülerin eine schlechte Note die Bewerbung auf dem College gefährdet und diese zusammen mit zwei Freunden Mrs. Tingle in deren eigenen Haus gefangennimmt, um ihr eine Lektion zu erteilen (auch wenn die Geiselsituation eher durch eine Verkettung von unglücklichen Unfällen als durch Plan entsteht).

"Sie haben sie gefunden, junger Mann! Ich hatte die Armbrust schon den ganzen Tag über gesucht!"

In ausgearbeiteter Form ist MRS. TINGLE nur eine Ansammlung von verpaßte Gelegenheiten und schlechten Entscheidungen. Die drei Teenager sind allesamt Abziehfiguren aus einem Fotoroman - die graue Maus mit den guten Noten und den geheimen Wünschen nach einem Freund; die freche Freundin, die immer tut, was ihr gerade in den Sinn kommt; und der Troublemaker, der wenig Zukunftsaussichten hat und sich gerade deswegen natürlich zur Sauberfrau hingezogen fühlt (die genauen Gründe lernt man entweder beim Psychologiestudium oder beim BREAKFAST CLUB). Keiner der drei ist eine wirkliche Figur - sie dienen nur dazu, als Konstellation die Handlung voranzutreiben. Im Gegenzug wäre Mrs. Tingle theoretisch viel interessanter - aber das Skript erlaubt es ihr nicht, menschlich zu sein, sondern besteht darauf, daß die Frau bis zum Schluß ein haßerfülltes, giftspritzendes Ungeheuer bleibt, ohne daß wir tiefere Erkenntnisse darüber gewinnen könnten.

Es bleibt offen, was der Film eigentlich will. Wenn er eine schwarzhumorige Farce sein möchte, warum spielt dann Katie Holmes mit all ihren Joey-Potter-Niedlichkeitsmanierismen die Hauptrolle? Warum ist der Soundtrack dann mit Dawson's-Creek-Feel-Good-Popsongs zugekleistert? Und warum verpufft die ganze Geschichte zum Schluß in einem völlig konstruierten Happy End? Wenn der Film einfach nur eine geradlinige Komödie sein möchte, warum spielt Helen Mirren dann mit biblischem Ernst, als würde sie eine Shakespearesche Tragödie darbieten - ohne uns irgendeine Art von Freude an ihrer Boshaftigkeit zu erlauben? Warum lotet das Skript dann kaum die Absurdität der Prämisse aus? Und warum ist dann einfach so wenig komisch? Und umgekehrt: Wenn der Film ein Drama sein möchte, warum wird dann jegliche Möglichkeit auf tieferschürfende Erkenntnis mit einem Plot auf Autopilot verbaut? Warum wird dann nie versucht, die Figuren ernsthaft kennenzulernen?

"Schatz, wenn du fertig bist, kannst du dann meine Hausaufgaben auch noch machen?"

Viel mehr bleibt zu diesem merkwürdig unaufregenden Filmchen nicht zu sagen. Der Streifen fiel an der Kinokasse durch, ebenso wie Williamsons zweite Fernsehserie WASTELAND nie über die erste Staffel hinauskam. Ein paar Jahre später schrieb er ein Finale für seine Serie DAWSON'S CREEK, mit der er eigentlich schon lange abgeschlossen hatte, und das Skript war ein Schlag ins Gesicht der Zuseher - es wirkte wie seine Rache an den Produzenten, die seine Figuren ohne sein Wohlwollen ab der dritten Staffel weiterbetreut hatten. Eine neuerliche Zusammenarbeit mit Wes Craven, CURSED, war ein müdes und völlig überflüssiges Werwolfgeschichtchen. Derzeit schreib Williamson SCREAM 4. Schön bald wird seine eigene Geschichte interessanter als seine Skripts.





Tötet Mrs. Tingle (USA 1999)
Originaltitel: Teaching Mrs. Tingle
Regie: Kevin Williamson
Drehbuch: Kevin Williamson
Kamera: Jerzy Zielinski
Musik: John Frizzell
Darsteller: Katie Holmes, Helen Mirren, Jeffrey Tambor, Barry Watson, Marisa Coughlan, Michael McKean, Molly RingwaldFSK: 12

Die Screenshots wurden der DVD (C) 2004 Kinowelt Home Entertainment GmbH entnommen.